Von Stefan Bottler, 5/2026
Mit dem Wasser in München können Unternehmen hochzufrieden sein. Es ist von überdurchschnittlicher Qualität, reichlich vorhanden und ohne weitere Aufbereitung nutzbar. Dabei ist Wasser viel mehr als nur Wasser, es ist Kapital – „Naturkapital“. Dieser Begriff umfasst alle Ressourcen, die die Natur der Wirtschaft zur Verfügung stellt: Boden, Pflanzen, Wälder, Tiere – die gesamte Biodiversität –, Luft, Wasser, Sonne, Wind und noch vieles mehr. Unternehmen nutzen diese Ressourcen ganz selbstverständlich und vielfach kostenlos.
„Der Begriff Naturkapital wurde etabliert, um den ökonomischen Wert der Natur sichtbar zu machen“, definiert Andri König, Referent für Nachhaltigkeit der IHK für München und Oberbayern. „Ein bewusster Blick darauf, welches Naturkapital ein Unternehmen nutzt, welchen Beitrag es zur Wertschöpfung leistet und welche Risiken mit seiner Gefährdung verbunden sind, wird zunehmend zu einem relevanten Faktor unternehmerischer Entscheidungen.“
Vielfältige Leistungen der Natur
Der spezifische Nutzen, den Naturkapital für Menschen und Wirtschaft erbringt, wird dabei unter dem Begriff der Ökosystemleistungen zusammengefasst. Die Europäische Umweltagentur unterscheidet mehrere Kategorien: Versorgungsleistungen sind Güter, die von Ökosystemen direkt zur Nutzung bereitgestellt werden wie beispielsweise Wasser, Nahrungsmittel, Holz oder auch genetische Ressourcen. Von Regulierungsleistungen spricht man, wenn Wälder jährlich Milliarden Tonnen CO2 binden, Bienen Blüten bestäuben oder Auen oder Mangrovenwälder vor Hochwasser schützen. Unter die kulturellen Leistungen fallen Erholung oder Naturerleben. „Die kulturellen Ökosystemleistungen tragen außerdem zur Attraktivität von Unternehmensstandorten bei“, erläutert König.
Von Ökosystemleistungen profitieren dabei nicht nur große Unternehmen, wenn sie etwa Flusswasser zur Kühlung ihrer Prozesse nutzen oder Holz, um Möbel daraus zu bauen. Auch kleinere Unternehmen sind Nutznießer. Der Tourismussektor, kleine Hotels oder Pensionen, Reiseanbieter oder naturnahe Freizeitanbieter fänden ohne intakte Natur kaum Gäste. Obst- und Blumenhändler oder Imkereien brauchen den Fleiß der Bienen. Hersteller von Naturkosmetik, kleine Kaffeeröstereien oder Instrumentenbauer benötigen ebenfalls Rohstoffe aus der Natur.
170 bis 190 Billionen US-Dollar Gegenwert
Längst wurden die Leistungen der Natur in harte Währung umgerechnet: Laut einer Erhebung des Naturschutzbund Deutschland (NABU) und der Boston Consulting Group aus dem Jahr 2020 belaufen sich die weltweiten Ökosystemleistungen einer intakten Biodiversität auf 170 bis 190 Billionen US-Dollar. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PWC meldete 2023, dass mehr als 50 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts mäßig bis stark von der Natur abhängig sind. Als wegweisend für Methoden und Ansätze zur Berechnung der Naturkapitals gilt die von Deutschland ins Leben gerufene weltweite Initiative „The Economics of Ecosystems and Biodiversity“ (TEEB).
Naturverlust als „systemisches Risiko“
Mehr denn je wird derzeit auch diskutiert, was umgekehrt die Zerstörung von Natur und Biodiversität für die Wirtschaft bedeutet. Der Weltbiodiversitätsrat (IPBES) warnt aktuell sogar, dass sich der fortschreitende Verlust der Biodiversität zu einem systemischen Risiko für Volkswirtschaften, Lieferketten und die Stabilität der Finanzmärkte entwickeln kann.
Naturerhalt belohnen
Ökonomische Anreize für den Naturerhalt schaffen Zahlungen für Ökosystemdienstleistungen (Payments for Ecosystem Services, PES) – sie werden etwa in der Wald- oder Landwirtschaft genutzt –, aber auch Nutzungsgebühren wie der Wassercent für wasserintensive Betriebe oder die vorgeschriebene Prüfung von Nachhaltigkeitskriterien (ESG) bei der Kreditvergabe.
Immer mehr Marktteilnehmer haben die Botschaft verstanden. König: „Naturkapital und Ökosystemleistungen in Planung und Strategien zu berücksichtigen, Naturschutz und Biodiversitätsmanagement zu betreiben, ist immer auch Risikovorsorge und sichert so langfristig den wirtschaftlichen Erfolg.“