Von Daniel Boss, IHK-Magazin 3/2026
Sportler kennen das Problem: Der Start ist sehr vielversprechend, doch irgendwann geht einem die Puste aus. Genau das lässt sich auch auf wirtschaftlicher Ebene beobachten, wenn es um junge, innovationsstarke Unternehmen geht.
„In Europa insgesamt – und in Deutschland wie in Frankreich im Besonderen – tut sich eine strukturelle Finanzierungslücke in den frühen bis mittleren Wachstumsphasen auf. Während die europäische Forschungslandschaft stark ist und es viele frühphasige Förderprogramme gibt, mangelt es oft an skalierbarem privatem Kapital, das Start-ups schnell und mutig in die internationale Expansion begleitet“, so beschreibt es Sabine Flechet.
„Innovationen auf die Straße bringen“
Flechet ist Vertreterin des Netzwerks La French Tech Munich, eingerichtet und gefördert vom westlichen Nachbarland. Sie sieht es als ihre Mission, das französisch-bayerische Start-up-Ökosystem zu stärken. Dabei geht es ihr explizit darum, „das Niveau amerikanischer und asiatischer Marktführer zu erreichen“. Denn noch zu selten gelinge es, die Ideen und Konzepte aus den europäischen Laboren, Hochschulen sowie Forschungs- und Entwicklungsabteilungen kommerziell erfolgreich „auf die Straße zu bringen“, vor allem verglichen mit China und den USA.
Woran das liegt? Flechet nennt gleich mehrere Faktoren, angefangen bei der unterschiedlichen Risikokultur: „Europäische Investoren agieren im Durchschnitt risikoaverser als ihre US-Kollegen.“ Große „Tickets“, also besonders hohe Investitionen, und schnelle Entscheidungen seien in Europa die Ausnahme. Eine weitere Hürde sind die trotz EU fragmentierten Märkte: „Unterschiedliche regulatorische Rahmenbedingungen erschweren das schnelle Skalieren und damit auch die Attraktivität für Investoren“, so Flechet.
Herausforderung: Finanzierung
Zudem sieht die Expertin bei der institutionellen Beteiligung diesseits des Atlantiks noch reichlich Luft nach oben: „Pensionsfonds, Versicherer, Treuhandfonds und Stiftungen, die in den USA wesentliche Treiber des Venture-Capital-Markts sind, engagieren sich in Europa zurückhaltender.“
Zwar habe Frankreich in den vergangenen Jahren diesbezüglich große Fortschritte gemacht. So hat Paris gezielt Venture-Capital-Fonds (VC-Fonds) gestärkt und durch Initiativen wie La French Tech ein Ökosystem mit mehr Dynamik etabliert. „Dennoch steht Frankreich – ähnlich wie Deutschland – weiter vor Herausforderungen bei Later-Stage- und Wachstumskapital“, beobachtet Flechet.
Deutsch-französische Unterschiede
Was auffällt: Die beiden Nachbarländer, politisch und wirtschaftlich eng miteinander verbunden, weisen große Unterschiede bei den innovativen Finanzierungsmodellen auf. Für Frankreich nennt die Expertin neben der starken staatlichen Unterstützung des VC-Sektors (vor allem durch die Investitionsbank Bpifrance) auch Fonds-zu-Fonds-Programme, „die das Volumen privater Fonds signifikant erhöhen“, sowie spezielle Instrumente für bahnbrechende Entwicklungen, „die hohe technische Risiken zumindest abfedern“.
Deutschland dagegen setze mehr auf Corporate Venture Capital, so Flechet, „vor allem aus Industrie und Mittelstand“, Förderbanken wie KfW oder LfA – kurz: auf eine „langfristige, stabile Finanzierung statt auf hyperdynamisches Wachstum“.
„Harmonisierung, Kapitalpools, Vernetzung“
Für bessere Finanzierungen auf europäischer Ebene braucht es ihr zufolge größere, europäisch ausgerichtete Kapitalpools, harmonisierte regulatorische Rahmenbedingungen und eine stärkere Vernetzung der Ökosysteme. Initiativen wie die EU Inc. (zur Vereinheitlichung gesellschaftsrechtlicher Strukturen für Start-ups), ScaleUp Europe (zur Mobilisierung von Wachstumskapital) oder zu RISE Europe (zur Vernetzung nationaler Innovationsökosysteme) seien wichtige Schritte in diese Richtung.
„Gerade die Kombination aus französischer Start-up-Dynamik und bayerisch-deutscher Industrie- und Technologiekompetenz bietet großes Potenzial“, ist Flechet überzeugt. Gemeinsame Fonds, Programme und Plattformen könnten entscheidend dazu beitragen, europäische Technologieführer hervorzubringen.
Von industrieller Kooperation …
Wie kann es Europa langfristig gelingen, große technologische Innovationen zu schaffen und die Unternehmen dahinter in Europa zu halten? Bei dieser Frage spielen Frankreich und Bayern tatsächlich eine entscheidende Rolle.
Die Regionen Bayern und Île-de-France pflegen schon seit mehreren Jahren eine institutionalisierte Kooperation, um dadurch die wissenschaftlichen und industriellen Partnerschaften zu vertiefen. Darüber hinaus steht Bayern mit weiteren französischen Hightech-Zentren wie Toulouse, Bordeaux, Paris-Saclay, Lyon und Grenoble im Austausch. „Besonders dynamisch entwickeln sich die Beziehungen bei Luft- und Raumfahrt sowie Verteidigung“, erklärt Patrick Brandmaier, Hauptgeschäftsführer der Deutsch-Französischen Industrie- und Handelskammer (AHK Frankreich).
… bis zur gemeinsamen Forschung
Er nennt als Beispiel das binational aufgestellte Raumfahrt-Start-up The Exploration Company The Exploration Company mit Standorten in München und Bordeaux -
siehe Unternehmensportrait aus dem IHK-Magazin.
Oder die Kooperationen zwischen dem Münchner Sicherheits- und KI-Unternehmen
Helsing
(siehe auch Artikel im IHK-Magazin 05-06/2025 und den französischen Firmen Mistral AI und einer Tochtergesellschaft des deutsch-französischen Rüstungskonzerns KNDS. Eine zentrale Rolle spielt Brandmaier zufolge zudem die Initiative BayFrance, das Bayerisch-Französische Hochschulzentrum, das gemeinsame Forschungsprojekte fördert.
Zentral – Luft- und Raumfahrt
Der AHK-Hauptgeschäftsführer sieht 2 große Potenziale: die Verstärkung grenzüberschreitender Forschung und Entwicklung sowie die Förderung und Kooperation von Start-ups. „Zusammenarbeit in Forschung und Entwicklung bietet sich insbesondere in Themenfeldern wie Digitalisierung, Luft- und Raumfahrt oder Kernfusion an.“
Seit 2025: Bayerisch-Französischer Accelerator
Es bestehen bereits erste Kooperationen zwischen Bayern und Bpifrance, etwa im Rahmen des Bayerisch-Französischen Accelerator. Zudem existiert seit vielen Jahren eine Deutsch-Französische Akademie für die Industrie der Zukunft, eine Partnerschaft zwischen der TU München und dem Institut Mines-Télécom.
Task Force für mehr Wachstum
Wie so oft fehlt es jedoch an einer ausreichenden finanziellen Rückendeckung für Scale-ups. Das sind junge Unternehmen mit dem Potenzial, die Großunternehmen von morgen zu werden. „An diesem Thema arbeiten Frankreich und Deutschland derzeit gemeinsam“, sagt Brandmaier. Um auf europäischer Ebene die Finanzierung zu sichern, haben Deutschland und Frankreich im vergangenen Sommer eine gemeinsame Task Force gegründet. Diese soll nun zeitnah Vorschläge erarbeiten, wie die Finanzierung europäischer Wachstumsunternehmen gestärkt werden kann – und dabei zeigen, wie die deutsch-französische Kooperation Europa entscheidend voranbringen kann.