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Daten sichten – nachhaltiger und wirtschaftlicher werden

Daten sichten – nachhaltiger und wirtschaftlicher werden

© InfiniteFlow/Adobe Stock

Nachhaltig handeln, leichter berichten

Mit einem Omnibus-Verfahren hat die EU die Nachhaltigkeitsberichterstattung vereinfacht. Der freiwillige Standard VSME wird dadurch bedeutsamer.

Von Gabriele Lüke, IHK-Magazin 3/2026

Markus Pöhl atmet auf. „Wir wären eigentlich verpflichtet gewesen, 2026 einen Nachhaltigkeitsbericht nach der Corporate Sustainability Reporting Directive CSRD abzugeben“, erklärt der Head of Carbon Capturing & Bio-Energy der Münchner aconnic AG. Das Unternehmen mit rund 250 Beschäftigten rüstet Kommunikationsnetzwerke aus. Durch das EU-Omnibus-Verfahren zur Entbürokratisierung der Nachhaltigkeitsregeln entfällt für aconnic jetzt die Berichtspflicht.

„Letztlich hat die Komplexität der Berichtsstandards uns als mittelständisches Unternehmen ziemlich gefordert“, sagt Pöhl. „Um die CSRD zu stemmen, haben wir ein internes Team aufgebaut, in neue Software und zusätzliche externe Berater investiert. Es hat uns viel Zeit und Geld gekostet.“

Freiwillig weitermachen und profitieren

Dennoch wird aconnic die Nachhaltigkeitsberichterstattung auf keinen Fall aufgeben – im Gegenteil: Nachhaltigkeit sei dem Unternehmen von Anfang an wichtig gewesen, Kunden forderten sie weiterhin ein. Zudem habe man nicht zuletzt durch die CSRD-Vorbereitungen viele Nachhaltigkeitsfelder vorangebracht und profitiere davon.

„Wir nutzen nun aber den freiwilligen Berichtsstandard VSME“, sagt Pöhl. „Er ist für Unternehmen unserer Größe ein attraktives, weil praktikableres Instrument. Über ihn können wir unsere Nachhaltigkeitsmaßnahmen strukturiert abbilden, kommunizieren und weiter ausbauen.“

EU regelt CSRD neu

Nach Abschluss des Omnibus-Verfahrens im Dezember 2025 gelten für die EU-Nachhaltigkeitsberichterstattung neue Regeln: Berichten müssen nur noch größere Unternehmen mit mehr als 1.000 Beschäftigten und über 450 Millionen Euro Jahresumsatz. Für die bereits nach der Vorgängerregelung CSR-RUG berichtspflichtigen Unternehmen gelten Erleichterungen für den Übergang. Neu CSRD-pflichtige Unternehmen müssen 2028 erstmals berichten, dann über das Geschäftsjahr 2027. Die bislang rund 1.200 Berichtspunkte der European Sustainability Reporting Standards (ESRS) wurden um rund 60 Prozent reduziert.

„Für die Wirtschaft ist diese Kurskorrektur eine gute Nachricht“, sagt IHK-Expertin Henrike Purtik. „Insbesondere für mittelständische Betriebe waren die CSRD-Anforderungen unverhältnismäßig.“

KMU müssen weiter Daten zuliefern

In der Praxis werden viele Unternehmen, die nun nicht mehr CSRD-pflichtig sind, dennoch weiterhin Nachhaltigkeitsdaten erheben und liefern müssen. Berichtspflichtige Partner in der Lieferkette fordern diese für die eigenen Berichte. Banken und Investoren verlangen sie durch die Sustainable-Finance-Regeln bei der Kreditvergabe. Auch Anspruchsgruppen wie Kunden und Fachkräfte legen Wert darauf.

„Damit gewinnt der Voluntary SME-Standard, kurz VSME, den die EU-Kommission nicht berichtspflichtigen Unternehmen empfiehlt, an Bedeutung“, sagt Purtik. Grundsätzlich ist der VSME ein freiwilliger Standard. Er besteht aus zwei Modulen, dem Basismodul und dem Zusatzmodul, die jeweils Berichtspunkte in den Bereichen Umwelt, Soziales und Governance abbilden. Über das „Falls-zutreffend-Prinzip“ muss das Unternehmen nur zu relevanten Sachverhalten berichten. Eine umfangreiche Wesentlichkeitsanalyse wie in der CSRD ist nicht vorgesehen.

VSME: Inspiration statt Trickle-Down-Effekt

„Die Idee des VSME ist, auch kleinere, nicht berichtspflichtige Unternehmen zu einem nachhaltigen Geschäftsmodell zu inspirieren“, erläutert Tamara Moll, Projektmanagerin im Team des Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK) im Sustainability Campus. Zugleich soll der Berichtsstandard die Anforderungen von Banken und Auftraggebern an KMU vereinheitlichen und weitestgehend deckeln.

Tamara Moll, Projektmanagerin beim Deutschen Nachhaltigkeitskodex, mit Brille und rosa Blazer in einem hellen Büroraum.

© DNK/Alexander Klebe

Die nachhaltige Transformation eines Unternehmens ist auch ein praktischer und strategischer Vorteil.

Tamara Moll, Projektmanagerin DNK Sustainability Campus

Aktuell habe fast jede Bank, jeder Auftraggeber einen eigenen Fragebogen, mit dem Nachhaltigkeitsdaten individuell abgefragt werden, so Moll. „Die Fragebögen gehen unterschiedlich tief und geben zum Teil Anforderungen, wie sie in den ESRS festgelegt sind, an kleinere und mittlere Unternehmen weiter. Das ist der sogenannte Trickle-down-Effekt.“

Einer für Alle

In Zukunft sollen die Angaben des VSME genügen. „Es gibt mit dem VSME einen Bericht für alle nach vereinheitlichten und überschaubaren Standards, der sich insbesondere für den Einstieg in die Nachhaltigkeitsberichterstattung eignet“, sagt die DNK-Expertin.

Bei der Umsetzung des VSME helfen Unterstützungsangebote: Die IHK für München und Oberbayern hat zusammen mit dem Infozentrum UmweltWirtschaft am Bayerischen Landesamt für Umwelt den Leitfaden „In 5 Schritten zum VSME“ erarbeitet. Der DNK stellt mit der kostenfreien, von der Bundesregierung geförderten DNK-Plattform auch ein Modul zur Berichterstattung nach dem VSME zur Verfügung. (Siehe Kasten unten.)

Unterstützung von IHK und DNK

„Dabei übersetzt unsere Plattform die Anforderungen des VSME in eine gut nachvollziehbare Sprache und Struktur“, so DNK-Expertin Moll. „Sie unterstützt bei der Umsetzung der Berichtsanforderungen durch passende Beispiele auch aus den Branchen oder durch die Möglichkeit, dass Teammitglieder gemeinsam am Bericht arbeiten können.“

Am Ende kann der VSME-Bericht den DNK-Plausibilitätscheck durchlaufen und EU-kompatibel finalisiert und freiwillig auf der Plattform veröffentlicht werden. Zudem stellt der DNK Sustainability Campus weitere Hilfsmittel wie eine kostenfreie Erstberatung über den DNK-Helpdesk sowie Leitfäden und Webinare bereit.

VSME: Wie gehen Firmen am besten vor?

1. Vor dem eigentlichen Start klären, wer am Prozess beteiligt ist, dann Rollen, Zuständigkeiten und interne Strukturen definieren.
2. Mithilfe der DNK-Plattform oder anderer Unterstützungsangebote sich einen Überblick über die Anforderungen des VSME verschaffen.
3. Prüfen, welche Datenpunkte aus unternehmensstrategischer Sicht relevant sind, welche Informationen in welcher Form bereits vorliegen und wo noch Lücken bestehen.
4. Unter Einbindung der Verantwortlichen alle nötigen Daten sammeln und in das DNK-Tool oder andere Angebote einpflegen.
5. Den VSME-Bericht finalisieren und intern abstimmen; mit dem fertigen Bericht im VSME-Modul den DNK-Plausibilitätscheck durchlaufen.

Praktischer Mehrwert

„Viele Unternehmen, die nun aus der CSRD fallen, wollen mit dem VSME weitermachen“, beobachtet Moll. „Das ist nicht nur sinnvoll, weil ihre Anspruchsgruppen weiterhin Daten fordern werden. Die nachhaltige Transformation eines Unternehmens ist auch ein praktischer und strategischer Vorteil: Sie macht attraktiver und effizienter, spart Material, Strom und Kosten, optimiert das Geschäftsmodell und steigert so die Zukunftssicherheit.“

Das sieht aconnic-Manager Pöhl ähnlich und stellt klar: „Wir wollen bis 2030 klimaneutral sein.“ Das Unternehmen möchte die Vorgaben der Berichtspflicht wie ein Managementtool für mehr Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit einsetzen. „Das war auch schon bei der Vorbereitung auf die CSRD der Mehrwert, das gilt ebenso für den VSME.“

Markus Pöhl, Head of Carbon Capturing & Bio-Energy der aconnic AG, im Porträt mit Anzug und Krawatte vor neutralem Hintergrund.

© aconnic

Für uns passt das jetzt gut – der VSME spornt uns an und lohnt sich.

Markus Pöhl, Head of Carbon Capturing & Bio-Energy aconnic

Von Stromsparen bis Produktdesign

Durch die Beschäftigung mit CSRD und VSME hat aconnic schon einiges erreicht: Die Notwendigkeit, mehr Daten als bisher zu erfassen, beschleunigte die weitere Digitalisierung des Unternehmens. „Das macht unsere Prozesse per se effizienter“, sagt Pöhl.

Durch die genauere Erhebung des Stromverbrauchs wurden weitere Stromfresser erkannt und Energie- und Kosteneinsparungen angestoßen. Die detaillierte Bestandsaufnahme des Materialverbrauchs brachte mehr ressourcenschonende Produkt- und Verpackungsdesigns auf den Weg. Im Sinne einer Kreislaufwirtschaft achtet das Unternehmen zudem verstärkt auf eine längere Nutzungsdauer, Reparier- und Recyclingfähigkeit. Der Fuhrpark enthält nun mehr E-Fahrzeuge, die Wegeplanung wurde optimiert.

IHK-Info: Omnibus-Verfahren – was sich bei CS3D ändert

Der Nachhaltigkeits-Omnibus hat nicht nur die Regelungen für die Nachhaltigkeitsberichterstattung verändert, sondern auch die für die EU-Lieferkettenrichtlinie. Nach der EU-Richtlinie zu Sorgfaltspflichten in der Lieferkette (Corporate Sustainability Due Diligence Directive, CS3D) sind zukünftig nur noch sehr große Unternehmen mit mehr als 5.000 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von über 1,5 Milliarden Euro in der Pflicht. Die Erstellung von Klimatransitionsplänen und eine EU-weite Haftungsregelung entfallen. Statt eines detaillierten Lieferkettenmappings dürfen die Unternehmen nun ein allgemeines Scoping auf Basis von „vernünftigerweise verfügbaren Informationen“ vornehmen.

Umsetzung bis 2028

Der Fokus richtet sich verstärkt auf die Teile der Wertschöpfungskette, bei denen negative Auswirkungen auf Umwelt oder Menschen am wahrscheinlichsten sind. Für Unternehmen in Oberbayern ändert sich erst mal nichts, denn in Deutschland gilt weiterhin das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz. Die Frist für die Umsetzung der CS3D durch die EU-Mitgliedsstaaten endet erst Mitte 2028.

Neuer Geschäftszweig entstanden

Zudem erweiterte aconnic sein Geschäftsmodell um den Bereich CO2-Speicherung und Bioenergie. In Ghana hat sich die Firma mehrheitlich an einem Unternehmen beteiligt, um gemeinsam mit lokalen Mitarbeitenden Nutzwälder anzupflanzen. Kunden, die CO2-Emissionen reduzieren müssen, können CO2-Zertifikate erwerben. In den nächsten Jahren ist außerdem geplant, in Ghana Biomethanol zu produzieren.

Mit Bordmitteln finanzierbar

All diese Fortschritte sind inzwischen auch in einem VSME-Bericht gesammelt und aufbereitet. „Wir konnten ihn allein mit Bordmitteln und zu überschaubaren Kosten stemmen“, sagt Pöhl. Das Unternehmen wird sein Nachhaltigkeitsmanagement weiterhin nach VSME optimieren und berichten.

„VSME spornt uns an“

„Die angeschobenen Maßnahmen werden sich langfristig auch wirtschaftlich deutlich auszahlen“, ist der Manager überzeugt. „Nachhaltigkeit macht uns zukunftssicher. Die EU hätte aber von Anfang an auf einfachere, leichter umsetzbare Regeln setzen sollen, um auch mittelständische Unternehmen besser mitzunehmen. Für uns passt das jetzt gut – der VSME spornt uns an und lohnt sich.“

IHK-Info: Hilfreiche IHK-Links zur Nachhaltigkeitsberichterstattung für KMU