Von Josef Stelzer, IHK-Magazin 3/2026
Bei der Energiewende geht es um den grundsätzlichen Umbau der Energieversorgung – weg von fossilen Brennstoffen wie Kohle, Öl und Gas hin zu erneuerbaren Energien etwa aus Wind- und Solarenergie oder Wasserkraft. Ein Kernelement ist die Klimaneutralität bis 2045, zu der sich Deutschland verpflichtet hat. Demnach müssen sämtliche Treibhausgasemissionen, die etwa durch Industrie, Energieerzeugung, Verkehr und Privathaushalte entstehen, durch klima-freundliche Technologien vermieden oder durch Aufforstung sowie CO2-Zertifikate ausgeglichen werden.
Der Haken dabei: Die Kosten der Energiewende bringen für Unternehmen und Haushalte massive Belastungen mit sich, was die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland schwächt. Dies geht aus der Studie „Neue Wege für die Energiewende (›Plan B‹)“ hervor, die das Beratungsunternehmen Frontier Economics Ltd. im Auftrag der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) erstellt hat.
Bis zu 1 Billion Euro billiger
Ein zentrales Ergebnis dabei ist: Ein Kurswechsel in der Energiepolitik könnte die Aufwendungen für die Energiewende in Deutschland im besten Fall um mehr als eine Billion Euro verringern. Die Experten von Frontier Economics warnen vor den enormen Kosten der Energiewende in ihrer jetzigen Form.
Der Aufwand entsteht vor allem durch
- den hohen Investitionsbedarf über alle Sektoren hinweg,
- steigende Energiesystemkosten,
- zusätzliche Bürokratielasten,
- erhebliche Umsetzungsrisiken, zum Beispiel infolge langer Planungs- und Genehmigungsverfahren,
- den Fachkräftemangel sowie
- die eingeschränkte Verfügbarkeit von Material und Flächen.
Zudem steht in den Verbrauchssektoren Gebäude- und Prozesswärme sowie Verkehr ein Großteil der notwendigen Investitionen in klimafreundliche Lösungen samt Energieerzeugung und Infrastrukturen erst noch bevor. In diesen Sektoren dominieren immer noch die fossilen Energieträger.
Bayerns Wirtschaft beklagt Wettbewerbsnachteil
Die Ergebnisse des aktuellen Energiewende-Barometers 2025 der IHK-Organisation zeigen die Perspektive der Wirtschaft. Demnach wirkt sich die Energiewende für 32 Prozent der Unternehmen in Bayern negativ in Hinblick auf ihre Wettbewerbsfähigkeit aus. Rund 40 Prozent sehen diese durch die hohen Energiepreise als gefährdet an, etwa ebenso viele mussten 2025 im Vergleich zum Vorjahr höhere Strompreise zahlen.
Für zahlreiche Unternehmen ergibt sich durch die insgesamt hohen Energiepreise im internationalen Vergleich ein klarer Wettbewerbsnachteil. Aufgrund der ungünstigen Rahmenbedingungen plant fast jeder 5. Betrieb in Bayern, die Produktion einzuschränken, erwägt Verlagerungen in Länder mit niedrigeren Energiepreisen oder führt solche Maßnahmen bereits durch.
Cap-and-Trade-System als Rahmen
Ulrike Beland, DIHK-Referatsleiterin ökonomische Fragen der Energie- und Klimapolitik, hat die Erstellung der „Plan B“-Studie koordiniert. Sie betont: „Die Energiewende steckt fest. Der ›Plan B‹ zeigt auf, wie sich die Energiewende neu ausrichten lässt.“ Ein sogenanntes Cap-and-Trade-System, das alle Treibhausgasemissionen sektorübergreifend abdeckt, fungiert im „Plan-B“-Konzept als eine Art „atmender Rahmen“ mit einem festgelegten Zertifikatsbudget für alle emittierten Treibhausgase.
„Die Klimaziele stellen wir in der Studie nicht infrage, sondern passen die wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen an, unter denen die Ziele erreicht werden“, unterstreicht Frontier-Economics-Beraterin Johanna Reichenbach (45), die an der Studie mitgewirkt hat. „Wir setzen unter anderem auf mehr Technologieoffenheit, beispielsweise bei der Verwendung von blauem Wasserstoff oder im Rahmen der CO2-Speicherung.“ Blauer Wasserstoff wird zwar aus fossilem Erdgas hergestellt. Doch das dabei freigesetzte Kohlendioxid lässt sich mittels spezieller technischer Lösungen zunächst abspalten und dann dauerhaft speichern.
Mehr global verzahnen, ohne starre Zwischenziele
Eine stärkere globale Verzahnung von Klimaschutzbemühungen verspricht weitere Einsparpotenziale. So können zum Beispiel bei gleichbleibenden Klimazielen kostengünstigere Maßnahmen im Ausland angerechnet werden und das Transformationstempo an die Entwicklung internationaler Vergleichsgruppen wie beispielsweise der G20-Mitglieder flexibel angepasst werden.
Zudem erlaubt die Abkehr von starr terminierten Zwischenzielen, dass die für die Energiewende erforderlichen Investitionen zeitlich besser abgestimmt werden. „Die Weichen müssen jetzt neu gestellt werden“, sagt Reichenbach. Allerdings sind hierzu auch Gesetzesänderungen nötig, auf nationaler wie auf europäischer Ebene.
Entlastung energieintensiver Betriebe
Der Aufwand würde so deutlich sinken: Rund 900 Milliarden Euro lassen sich der Studie zufolge bis 2045 einsparen. Bei einer Verlängerung der Frist bis zur Klimaneutralität um 2 Jahre dürften sich die Kostensenkungen auf insgesamt 1,12 Billionen Euro summieren, bei 6 Jahren sogar auf 1,21 Billionen. Auch der Wirtschaft käme dies zugute. DIHK-Expertin Beland ist überzeugt: „Insbesondere die energieintensiven Unternehmen könnten von der ›Plan-B‹-Umsetzung mit den dadurch sinkenden Energiekosten erheblich profitieren.“