Von Stefan Bottler, IHK-Magazin 3/2026
An Kuhmilch scheiden sich die Geister. Wer diesen Klassiker regelmäßig trinkt, nimmt zahlreiche Nährstoffe zu sich. Allerdings vertragen viele Verbraucher das kalorien- und laktosehaltige Getränk nicht gut. Es gibt zwar vegane Ersatzgetränke, doch deren Geschmack ist nicht jedermanns Sache.
Die Precision Labs GmbH hat diese Marktlücke jetzt geschlossen. Das Münchner Start-up entwickelt aus pflanzlichen Stoffen mehrere Milchprodukte, die völlig laktosefrei sind, mit wenig Zucker auskommen und überdurchschnittlich viel Calcium und Vitamin D enthalten. „Unsere Alternativen bewahren den geliebten Milchgeschmack und fördern einen gesunden und nachhaltigen Lebensstil“, verspricht Malte Zeeck (49), Mitgründer von Precision Labs.
Über 4 Jahre bis zur Zulassung
Das vorerst jüngste Produkt des Unternehmens kommt sogar völlig ohne Kuhmilchkomponenten aus. Denn das bislang verwendete Milchprotein wird durch ein präzisionsfermentiertes Molkenprotein ersetzt, das ebenfalls aus pflanzlichen Mikroorganismen hergestellt wird. Weil aber für dieses fermentierte Protein immer noch keine Zulassung der EU vorliegt, kann Precision Labs mit dieser Innovation vorerst nicht auf den Markt gehen.
Seit 4 Jahren muss das Foodtech-Unternehmen auf das Okay der European Food Safety Authority (EFSA) – der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit –warten, das Voraussetzung für eine Zulassung ist. „Der Antrag für dieses neuartige Protein ist bereits 2022 eingereicht worden“, sagt Zeeck. „In den USA, Israel, Singapur und anderen innovationsstarken Märkten sind vergleichbare Milchprodukte längst zugelassen. Wir in Europa hängen hingegen in regulatorischen Warteschleifen.“
Schnell im Labor, langsam in den Markt
Zeeck spricht einen wunden Punkt in der europäischen Lebensmittelpolitik an. Die Branche ist innovativ und rege – und sieht sich durch lange Genehmigungsverfahren von der EU ausgebremst. „Vor allem für Start-ups ist das zunehmend ein existenzielles Thema“, sagt Friedhelm Forge, Referent für Produktsicherheit bei der IHK für München und Oberbayern. „Sie sind erst im Labor sehr erfolgreich und kommen dann im Markt nicht weiter, weil sie auf die Zulassung jahrelang warten müssen.
Wer in der EU neue Produkte („Novel Food“) auf den Markt bringen will, kommt an der EFSA nicht vorbei. Die Behörde im italienischen Parma, die 2002 als Reaktion auf Lebensmittelskandale der 1990er-Jahre wie die BSE-Krise gegründet wurde, stellt mit wissenschaftlicher Expertise die Weichen für die Zulassung von Novel Food. Mit diesem Begriff werden Lebensmittel charakterisiert, die vor dem Stichtag 15. Mai 1997 in den EU-Ländern nicht oder nur in kleinen Mengen verzehrt worden sind.
Von unbekannten Pilzen bis zu neuen Proteinen
Auf Basis der Novel-Food-Verordnung 2015/2283 bewertet die EFSA gesundheitliche Risiken solcher Produkte beziehungsweise ihrer Inhaltsstoffe. Das Spektrum reicht von bislang in der EU unbekannten Chiasamen, Pilzen, Algen und anderen Organismen bis hin zu Lebensmitteln, die mit neuen Herstellungsverfahren oder veränderten Molekülstrukturen hergestellt werden. Auch neue Vitamine, Proteine und Mineralstoffe fallen unter die Verordnung – also auch die kuhfreie Milch von Precision Labs mit ihrem fermentierten Molkenprotein.
Bis 2027 will das Start-up mit seiner Innovation auf den Markt gehen, das Unternehmen hätte dann fast 5 Jahre auf den Produktstart gewartet. „Die späte Zulassung bremst unser Geschäft massiv aus“, ärgert sich Zeeck. „Für uns ist das neue Molkenprotein der zentrale Baustein für 100-prozentig tierfreie Milchprodukte.“