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Geflüchtete – lernen erst die Sprache und gründen dann bisweilen auch Unternehmen

Geflüchtete – lernen erst die Sprache und gründen dann bisweilen auch Unternehmen

© pressmaster/Adobe Stock

Einiges geschafft

Zahlreiche Menschen mit Fluchthintergrund gründen Unternehmen. Unter Bedingungen, die ungleich herausfordernder sind.

Von Gabriele Lüke, 1/2026

Ein Mensch erlebt in seinem Heimatland Verfolgung, Gewalt oder Krieg, entscheidet sich für eine Flucht mit all ihren Strapazen, kommt in einer neuen Gesellschaft an – und gründet ein Unternehmen. „Dass Geflüchtete in die Selbstständigkeit gehen, gehört 10 Jahre nach Angela Merkels legendärem Satz ‚Wir schaffen das‘ ebenfalls zur Gesamtbilanz“, betont IHK-Gründungsberaterin Cornelia von Kapff. „Wie alle Gründer sorgen sie für Dynamik, Innovationen, Arbeitsplätze, leisten so einen nicht zu unterschätzenden Beitrag für unsere Wirtschaft und Gesellschaft. Manche Branchen würden sich ohne sie inzwischen schwertun.“

Stellvertretend für viele andere Gründer mit Fluchthintergrund stehen Yuliia Usikova aus der Ukraine, Jan Mohammad Ahmadi aus Afghanistan und Mohammed Hariri aus Syrien . Sie zeigen, wie sie ihren Weg gefunden haben und warum sie leidenschaftlich gern selbstständig sind.

Laut einer Studie, die die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) und die Universität Mannheim 2021 veröffentlichten, waren bezogen auf 2019 unter allen erwerbstätigen Zugewanderten 700.000 oder rund 9 Prozent selbstständig. Von diesen wiederum hatten rund 10 Prozent einen Flucht-, Verfolgungs- oder Asylhintergrund. Das waren zum Zeitpunkt der Erhebung rund 68.000 Menschen. Bei den Herkunftsdeutschen arbeiteten zirka 10 Prozent selbstständig.

Schubladendenken hinterfragen

„Gerade auch hier in München, wo jeder 2. Einwohner einen Migrationshintergrund hat, gibt es eine sehr dynamische migrantische Gründerszene; darunter sind selbstverständlich zahlreiche Menschen, die durch Flucht nach Bayern gekommen sind“, beobachtet Kameran Shwani vom Referat für Arbeit und Wirtschaft. „Sie bringen sich ein und uns voran, sind sehr wichtig für unsere Stadtgesellschaft und Wirtschaft.“ Shwani hat deshalb vor 15 Jahren unter anderem den Phönix-Preis für migrantische Unternehmer ins Leben gerufen.

„Der Preis soll sie sichtbar machen und ihnen Wertschätzung zollen“, betont er. „Zugleich lehrt der Preis uns, unser Schubladendenken zu hinterfragen. Bürger mit Migrations- und Fluchthintergrund gründen längst nicht nur, wie wir oft glauben, in Handel oder Gastronomie, sondern zunehmend auch in wissensintensiven oder künstlerischen Disziplinen: als Ingenieure, Schneider und Fotografen, in der Unternehmensberatung, IT- oder KI-Dienstleistung, im HR-Management und vielem mehr.“

Vorprägung und Unternehmergeist

Dass die Ambition, ein Unternehmen zu gründen, bei Geflüchteten gar nicht selten ist, hat auch die FES-Studie ergeben. „Unterm Strich gründen Menschen mit direkter Migrations- und Fluchterfahrung sogar häufiger als Herkunftsdeutsche und gleichen damit den Rückgang der Gründungen durch Deutsche in den letzten 15 bis 20 Jahren wieder aus“, erläutert Christoph Sajons, Leiter des Forschungsbereichs „Arbeitsmarkt & Selbstständigkeit“ am Institut für Mittelstandsforschung der Universität Mannheim.

In vielen Herkunftsländern gebe es keine großen Industriebetriebe, für die man arbeiten könne. Selbstständigkeit sei oft ein gängiges Lebensmodell. „Lust am Unternehmertum und/oder die kulturelle Vorprägung führen dann dazu, dass Geflüchtete auch hier gründen. Andere waren vielleicht in ihrer alten Heimat schon selbstständig, und möchten das auch hier wieder sein.“ Sajons ergänzt: „Ein anderer wichtiger Grund für die Selbstständigkeit ist aber auch, dass sie oft keine Alternativen haben, keine Anstellung in Unternehmen finden. Das wird in der Diskussion häufig übersehen.“

Deutlich größere Herausforderungen

Ambition und Erfahrung sind zwar gute Voraussetzungen für eine Gründung. Aber es gibt stets auch eine Menge Herausforderungen – für Geflüchtete besonders. Nicht allein, dass sie eine Flucht verarbeiten, ein Asylverfahren durchlaufen und eine neue Sprache lernen müssen. Sie müssen darüber hinaus in der Regel internationalen oder nationalen Schutz genießen oder als asylberechtigt anerkannt sein – in die Aufenthaltserlaubnis wird der Vermerk „Erwerbstätigkeit gestattet“ aufgenommen. Für geflüchtete Ukrainer gelten hier andere Bestimmungen.

„Zudem fordert Deutschland sie mit Abschluss- und Qualifikationsanforderungen oder bürokratischen Regelungen heraus, die es in den Heimatländern oft gar nicht so gibt, die hier aber Voraussetzung sind“, sagt von Kapff. „Und sie müssen natürlich lernen, wie der deutsche Markt funktioniert und die deutschen Kunden ticken. Dabei müssen sie sich auch immer wieder gegen Vorurteile durchsetzen.“

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Geflüchtete greifen auch auf Hilfe aus der Community zu, sagt Evelyn Sarpong-Schulz

Unterstützung ausbauen

Eine der größten Herausforderungen ist schließlich die Beschaffung von Gründungskapital. „Geflüchtete haben es hier deutlich schwerer als andere Gründer. Kapital- und Fördermittelgeber verlangen Sicherheiten oder eine Schufa-Auskunft, die den Geflüchteten partiell noch fehlen“, erklärt Evelyn Sarpong-Schulz. „Zugleich müssen die Geflüchteten das Finanzsystem im Aufnahmeland erst verstehen, finden zu wenig interkulturell angepasste Informationen, greifen eher auf Hilfe aus ihrer Community zurück.“ Sarpong-Schulz ist CEO von House of Oyoko in Inning am Ammersee. Sie ist auf Diversity Marketing und Consulting spezialisiert und macht zum Thema Finanzierung von migrantischen Gründungen gerade eine Umfrage (siehe Kasten ganz unten).

Die zusätzlichen Hürden, die zu nehmen sind, und das persönliche Risiko, dass Geflüchtete mit einer Gründung eingehen, seien nicht zu unterschätzen, sagt auch Sajons. Unterm Strich bricht deutschlandweit die Mehrheit der Geflüchteten ihre Gründungen derzeit ab: Schon nach drei Jahren liegt die Abbruchquote bei deutlich über 50 Prozent und damit auch höher als bei den Deutschen, beobachtet der Wissenschaftler. „Gründungen bringen volkswirtschaftlichen Nutzen. Um das Potenzial dafür bei den Geflüchteten zu heben, braucht es den Ausbau von speziellen Beratungen, eine vereinfachte Anerkennung von Qualifikationen und verbesserten Zugang zu Finanzierungen.“

Beratung und Netzwerken

Ein paar Beispiele dafür, was es an Unterstützung gibt: „Wir als IHK bieten zum Beispiel eine umfassende Erstberatung, führen diese auch auf Englisch durch, können unser großes internes, fachübergreifendes Netzwerk einbringen und erreichen so auch Gründer mit Fluchthintergrund“, erläutert von Kapff. „Außerdem geben wir in Webinaren und auf unserer Website Gründungsinfos.“

Auch das Münchner Wirtschaftsreferat bietet Unternehmern und Gründungswilligen mit Migrations- und Fluchthintergrund regelmäßig praxisorientierte Informations- und Netzwerkveranstaltungen zum Gründungsprozess in Deutschland. „Wie mit dem Phönix-Preis wollen wir auch damit Wege ebnen“, betont Shwani.

Begleitung nach der Gründung

Oder die 2018 von Generali Deutschland ins Leben gerufene Initiative RESTART for Newcomers, ein Projekt der gemeinnützigen Organisation Social Impact: „Wir setzen etwa da an, wo die meisten Angebote zu Ende sind, und unterstützen die Gründer und Gründerinnen in der unmittelbaren Implementierungsphase und im ersten Jahr nach der Gründung“, sagt Programmleiterin Kristina Assenova. „Denn viele Herausforderungen entstehen erst im Nachhinein, wenn erste Kunden akquiriert, die Website oder Verträge erstellt oder unterschrieben werden müssen.“

Zudem veranstaltet RESTART regelmäßige Events, auf denen sich die Gründer treffen, austauschen, professionelles Netzwerken lernen und üben können. Bislang unterstützte RESTART bundesweit rund 1.000 Menschen mit Flucht- und Migrationserfahrung kostenlos bei der Umsetzung ihrer Geschäftsidee. 300 davon haben erfolgreich gegründet.

IHK-Info: Gründung

Gründungsinfos und -beratung gibt es unter anderem hier:

Hilfe durch Mikrokredite

Auch im Bereich der Finanzierung gibt es Ansätze: RESTART unterstützt hier beim Bewerbungsprozess für Mikrokredite und darf zudem als anerkannte fachkundige Stelle Tragfähigkeitsbescheinigungen ausstellen, die Gründer insbesondere für Fördermittel wie den Gründungszuschuss ebenfalls benötigen. Auch die IHK ist eine anerkannte fachkundige Stelle. „Basis für die Bescheinigung ist hier ein in der Unternehmerwerkstatt Deutschland (UWD) erstellter Business Plan“, erläutert IHK-Expertin von Kapff.

One-Stop-Shop für Finanzinfos

Sarpong-Schulz entwickelt auf Basis ihrer Umfrage und gefördert von der EU und der Landeshauptstadt nun einen digitalen One-Stop-Shop für München, in dem Geflüchtete und migrantische Unternehmer auf einen Blick alle wichtigen Informationen zu Investoren, Krediten oder Förderungen finden. „Der One-Stop-Shop soll die Informationslücke schließen und so die Handlungsfähigkeit stärken“, sagt sie. Zugleich wünscht sie sich, dass die Geldgeber Gründer mit Migrations- und Fluchthintergrund mehr als bisher als eigene Zielgruppe entdecken und sie direkt ansprechen.

„Mit einer Gründung nehmen die Geflüchteten ihr Schicksal in die Hand, stärken ihre Integration, schaffen einen sozialen Aufstieg; oft stellen sie wieder Geflüchtete ein“, fasst Cornelia von Kapff zusammen. „Von diesem Unternehmergeist profitieren sie selbst, aber natürlich auch wir, unsere Wirtschaft. Damit haben sie ganz persönlich und auch wir als Gesellschaft unterm Strich einiges geschafft.“

Umfrage: Finanzierungserfahrungen von Gründern mit Migrationshintergrund und zur Gründung

Welche Erfahrungen machen migrantische Unternehmer bei der Finanzierung ihrer Unternehmen? Evelyn Sarpong-Schulz, CEO von House of Oyoko, hat dazu eine Umfrage konzipiert. Die Ergebnisse fließen in eine digitale One-Stop-Shop-Lösung zur Gründungsfinanzierung ein. Das Projekt wird gefördert von der Europäischen Union und dem Münchner Referat für Arbeit und Wirtschaft.