Von Harriet Austen, IHK-Magazin 1-2/2026
Ein ungewöhnlicher Anblick: Auf dem türkisblauen Wasser eines Baggersees in Gilching schwimmen 2.600 senkrecht stehende und mit Seilen verbundene Solarmodule. Sie versorgen mit derzeit 1,8 Megawatt das Kieswerk Jais mit Strom. „Eine Weltpremiere in Bayern“ nennt Philipp Sinn die Einweihung im August 2025, zu der auch Ministerpräsident Markus Söder (CSU) anreiste.
Das schwimmende Kraftwerk stammt von der SINN Power GmbH, die sich rühmt, „weltweit neue Maßstäbe in der Energiebranche zu setzen“. Tatsächlich hält das Gautinger Unternehmen von Philipp Sinn zahlreiche Patente auf neue Technologien wie die Gewinnung von Strom aus Meereswellen, Floating-Photovoltaikanlagen und vertikal ausgerichtete, sturmresistente Solarmodule. „Die Zukunft der Energieversorgung ist dezentral, unabhängig und global“, lautet die Vision des 47-Jährigen. Seine Firma gründete er 2014, auf dem Markt ist er mit seinen Entwicklungen seit 2023.
Meereswellen als Stromerzeuger
Angefangen hat alles mit Sinns Beobachtung der Meereswellen. Der begeisterte Schwimmer, Segler und Surfer staunte über die Kraft, mit der sich die Wellen am Strand brechen. In seiner Dissertation, die er neben seinem Job bei einem Beratungsunternehmen verfasste, wies er nach, dass sich tatsächlich Strom aus Meereswellen erzeugen lässt.
Lothar Stein, Initiator des Münchener Businessplan Wettbewerbs, kam auf Sinn zu und regte an, eine Firma für die Umsetzung der Idee zu gründen. Sinn war sofort dabei. „Ich habe immer davon geträumt, Unternehmer zu werden.“ Von seinem Vater, dem prominenten Wirtschaftswissenschaftler Hans-Werner Sinn, habe er „ein vollständiges Ökonomiestudium erhalten, bevor ich an die Uni ging“, sagt der Sohn lachend.
Erste Test-Plattform in Heraklion
Sinn, der sich als leidenschaftlichen Ingenieur bezeichnet und schon als Jugendlicher viel herumtüftelte, war nun in seinem Element. Ausgestattet mit einem EXIST-Gründerstipendium und dem Geld von Investoren, startete er mit einer Plattform in Heraklion auf Kreta, um die Wellenkraftenergie zu testen. SINN Power ist damit technologisch sehr weit. „Doch das Projekt ist viel zu aufwendig und teuer, um es kommerziell zu nutzen“, räumt Sinn ein. Er betreibt es nur noch zu Forschungszwecken.
Das Know-how aus dem maritimen Projekt hat er aber längst auf andere Einsatzbereiche übertragen: innovative erneuerbare Energiesysteme, die überall genutzt werden können – unabhängig von geografischen, wirtschaftlichen oder politischen Hürden, wie Sinn sagt. In erster Linie sind damit Floating-Photovoltaikanlagen (PV) als kostengünstige, einfache Lösung gemeint. „Ein großer Wachstumsmarkt“, so Sinn.
Vertikales „Stehaufmännchen“
Er meldete Patente für vertikale Solarpaneele an, die im Vergleich zu horizontalen Anlagen eine Reihe von Vorteilen aufweisen: Sie benötigen weniger Fläche, erzeugen bis zu 20 Prozent mehr Strom als herkömmliche Anlagen und können bei Sturm umkippen und sich dann wieder aufrichten. Die robusten, modularen PV-Konstruktionen sind auf künstlichen Binnengewässern ebenso einsetzbar wie an Land und auf Dächern.
Weitere Sonderbaulösungen aus dem Unternehmen sind überdachte Photovoltaik-Förderbänder sowie senkrechte Solarpaneele, unter denen weiter Landwirtschaft betrieben werden kann. Beispiele für die dezentralen Systeme, die den Auftraggebern eine effiziente, sichere und wirtschaftliche Selbstversorgung mit Energie ermöglichen, sind bereits überall in der Region zu sehen. Hauptkunden sind vor allem Mittelständler.
Sonderbaulösungen weltweit gefragt
Der Schwerpunkt liegt derzeit auf Kies-, Bergbau- sowie Maschinenbaufirmen und auf produzierenden Gewerbebetrieben mit großem Stromverbrauch. Für diese Unternehmen könne SINN Power die Energiekosten – unter Berücksichtigung der Investitionskosten – langfristig halbieren oder gar dritteln.
Anfragen kommen aus der ganzen Welt. Doch viel wirft der Geschäftsbereich noch nicht ab, „wir sind ja ganz neu am Markt“, sagt Sinn. Für die nötigen Umsätze sorge das „Brot- und Buttergeschäft“, sprich: die etablierte Eigenerzeugung von Strom mit Dach-PV und Speicher.
Bekanntheitsgrad steigern, Nische sichern
Sinn und sein 40-köpfiges Team stehen jetzt vor der großen Herausforderung, die neuen „revolutionären“ Lösungen zu vermarkten. „Wir haben ein sehr breites Spektrum, sind aber noch zu unbekannt“, sagt Sinn und nennt die nächsten Schritte: „Den Bekanntheitsgrad erhöhen und uns mit unserer einmaligen Technologie und unserem speziellen Know-how im industriellen Energieverbrauch eine Nische schaffen.“ Die Attraktion am Jais-Kiessee trägt auf jeden Fall dazu bei, schwimmende Kraftwerke in den Fokus zu rücken – seit sie installiert sind, seien schon 5 neue Aufträge gekommen, freut sich der Firmenchef.