Von Sabine Hölper, IHK-Magazin 3/2026
Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) drückt aufs Tempo. Schon seit Herbst 2021 prüft die EZB die Einführung des digitalen Euro, im Sommer 2023 veröffentlichte die Europäische Kommission einen entsprechenden Gesetzesvorschlag. Im nächsten Jahr sollen erste Testtransaktionen stattfinden und spätestens 2029 der digitale Euro eingeführt werden. Ein straffer Zeitplan. Ob er tatsächlich Realität wird, ist längst nicht ausgemacht. Denn neben Befürwortern wie dem Handel gibt es zahlreiche Kritiker der aktuellen Pläne.
Die Ausgangslage
Die Nutzung von Bargeld ist rückläufig, digitale Zahlungsmöglichkeiten gewinnen immer mehr an Bedeutung. Insbesondere bei grenzüberschreitenden Zahlungen sind die EU-Bürger derzeit auf außereuropäische Marktteilnehmer angewiesen, zum Beispiel auf US-Konzerne wie PayPal oder Mastercard.
Ziel: Außereuropäische Marktmacht eindämmen
Daraus ergibt sich eine zunehmende Abhängigkeit von wenigen nicht europäischen Zahlungsdienstleistern. Dies ist nicht nur aus geopolitischen Erwägungen nachteilig. Die Marktmacht könnte auch zu nahezu unkontrollierbaren Gebührensteigerungen für die Wirtschaft und die Verbraucher führen. Die Einführung eines leistungsfähigen europäischen Zahlungsverkehrssystems soll diese Situation entschärfen.
Das Vorhaben
Der digitale Euro soll das Bargeld (und andere Bezahlarten) nicht ersetzen, sondern ergänzen. Verbraucher könnten ihn beim Einkauf an der Ladenkasse oder im E-Commerce einsetzen, ebenso für Zahlungen zwischen Privatpersonen. Außerdem ist eine Offlinevariante vorgesehen, die Zahlungen auch ohne Internetzugang ermöglicht.
Die Argumente der Befürworter
Der Handel, einer der wichtigsten betroffenen Akteure in der Wirtschaft, begrüßt die Einführung des digitalen Euro. „Wir stehen der Einführung positiv gegenüber“, sagt Bernd Ohlmann (65), Pressesprecher des Handelsverbands Bayern HBE.
Mehr Kosteneffizienz
„Zum einen bringt uns der digitale Euro eine strategische Autonomie gegenüber amerikanischen Zahlungsanbietern. Zum anderen bekommen wir mehr Kosteneffizienz, da der digitale Euro deutlich günstiger sein soll als die Bezahlung mit Kreditkarte oder Bargeld.“ Wichtig sei dabei, dass der digitale Euro gesetzliches Zahlungsmittel in der gesamten EU ist.
Die Einwände
Zu den aktuellen Plänen der Europäischen Zentralbank gibt es einige Bedenken. „Für die Wirtschaft bietet ein digitaler Euro in der von der EZB vorgeschlagenen Ausgestaltung kaum zusätzlichen Mehrwert gegenüber bereits etablierten Zahlungsmitteln“, so Roland Unterweger, Referent für Kredit- und Finanzwirtschaft bei der IHK für München und Oberbayern.
Einige Kritiker bemängeln zudem, dass der digitale Euro die Abhängigkeit von US-Plattformen nicht eindämmt, sondern im Gegenteil sogar verschärft. Die technische Infrastruktur und entscheidende Komponenten wie etwa die Wallet-Anbieter würden von US-Unternehmen dominiert. Die Technik hinter dem digitalen Euro könnte so neue Formen der Abhängigkeit schaffen, statt sie zu verringern.
Kritik: Händler abhängig von BigTechs
„Der digitale Euro würde das Ziel europäischer Souveränität ins Gegenteil verkehren, er würde die Flügeltüren weit öffnen“, warnt Matthias Dießl (50), Präsident des Sparkassenverbands Bayern. Die Kundendaten blieben nach wie vor verwertbar, Händler weiterhin abhängig von internationalen BigTechs.
Die Kritik richtet sich auch deshalb gegen die Pläne der EZB, weil diese nicht nur ein neues Zahlungsmittel einführen, sondern zudem eine eigene staatliche Zahlungsinfrastruktur aufbauen will. „Damit würde sie direkt mit bestehenden europäischen Lösungen konkurrieren“, sagt Stefan Müller (50), Präsident und Vorstandsvorsitzender des Genossenschaftsverbands Bayern (GVB).
Schwächung Europas
Mit diesem milliardenschweren Projekt der EZB würden über Jahre hinweg sämtliche Entwicklungskapazitäten europäischer Payment-Anbieter belegt, warnt Sparkassenverbandspräsident Dießl. Das blockiere Kapazitäten für echte Marktlösungen und schwäche Europa im harten Wettbewerb. Er spielt damit vor allem auf den Aufbau des neuen Systems Wero der European Payments Initiative (EPI) an
siehe auch Artikel im IHK-Magazin 01-02/2026.
Dießl bezeichnet den digitalen Euro als „nicht effizient“. Er vergleicht die europäischen Zahlungsinfrastrukturen mit Autobahnen, über die unser Geld transportiert wird. Dießl: „Die EZB will nicht nur eine neue Autobahn schaffen, sondern auch noch ein neues Auto, nämlich Guthaben in digitalem Euro.“ Er befürchtet, dass der digitale Euro dem Geldkreislauf Bankeinlagen entzieht. „Somit würden Kreditvergaben geschwächt und das Finanzsystem destabilisiert.“
„Großprojekt ohne Mehrwert“
Dabei wendet sich der Präsident des Sparkassenverbands nicht grundsätzlich gegen den digitalen Euro. Er kritisiert nur die aktuell angedachte Ausgestaltung, die in dieser Form „keine Lücke schließt“, sondern ein „politisch aufgeladenes Großprojekt ohne plausiblen Mehrwert“ ist.
Wie geht es weiter?
Der EU-Abgeordnete und Berichterstatter im EU-Parlament Fernando Navarrete schlägt einen stufenweisen Ansatz vor. Er plädiert dafür, nur die Offlinevariante des digitalen Euro einzuführen. Erst in einem 2. Schritt könnte die Onlineversion des digitalen Euro als Zahlverfahren folgen – allerdings nur, wenn es keine europäischen privatwirtschaftlichen Lösungen gibt.
Diesem Vorschlag können Marktakteure wie GVB-Chef Müller einiges abgewinnen. „Die alltäglichen Bezahlvorgänge sind auch mit anderen, privatwirtschaftlichen Lösungen möglich“, betont er. „Die Offlinevariante, die Zahlungen ohne Internetzugang schnell und unkompliziert ermöglicht und zudem ein hohes Maß an Privatsphäre wahrt, wäre neu.“ Für größere Summen oder komplexe Abläufe bliebe das Bankkonto weiterhin elementar.
Nicht zuletzt wegen Navarretes Einlassungen wird es weitere Debatten im EU-Parlament geben. Schließlich müssen sich die Kommission, das Parlament und der Rat der EU im sogenannten Trilog auf einen Gesetzestext einigen.
Verbraucher müssen mitziehen
Was genau in den nächsten Monaten passieren wird, ist noch nicht abzusehen. „Entscheidend ist letztendlich, ein unabhängiges europäisches Zahlungssystem zu schaffen, das im Vergleich zu nicht europäischen Zahlungsdienstleistern kostengünstig ist und eine hohe Marktakzeptanz erfährt“, sagt IHK-Experte Unterweger. Auch der Handelsverband HBE unterstreicht, dass das Vorhaben mit der Akzeptanz der Verbraucher steht und fällt. HBE-Sprecher Ohlmann: „Wenn die Verbraucher nicht mitziehen, wird der digitale Euro eine Fehlgeburt.“