Von Manfred Gößl, IHK-Magazin 3/2026
Alles im Leben hat zwei Seiten. Selbst wenn’s um Geld geht. Bargeld, Karte, sogar Bankkonto – hat alles zwei Seiten! Mehr Lohn und mehr Gehalt? Eine feine Sache, das wünscht sich doch jeder, oder? Tatsächlich gibt es auch hier eine zweite Seite. Lohn und Gehalt sind eben nicht nur Einkommen für den Arbeitnehmer, sondern auch Kostenfaktor für den Arbeitgeber. Und genau dieser Kostenfaktor ist in der bayerischen Wirtschaft jetzt mit dem Warnzeichen „Alarmstufe Rot“ versehen.
Das zeigt schonungslos die aktuelle Umfrage der bayerischen IHKs zum Jahresanfang 2026. 3.500 Unternehmen haben Klartext geredet: 58 Prozent davon sehen in den gestiegenen Arbeitskosten ein erhebliches Geschäftsrisiko. So viele wie noch nie! Im Ranking der wichtigsten wirtschaftspolitischen Handlungsfelder sind die Arbeitskosten von null auf Platz zwei nach oben geschossen. Gleich hinter das Top-Thema „Bürokratie“ und noch vor „Energiekosten“.
Was ist passiert?
Es geht weniger um die Tarifentlohnung der begehrten Fachkräfte. Sondern um den rasanten Anstieg des Mindestlohns und die durch die Decke gehenden Lohnnebenkosten. Die Fakten: Seit Beginn der politischen Einmischung in die Mindestlohnkommission 2022 galoppiert der Mindestlohn. Zwischen 2022 und 2027 wird er um rund 50 Prozent auf dann 14,60 Euro pro Stunde steigen – doppelt so schnell wie die Tariflöhne. Das verschiebt das Lohngefüge, denn auch die angrenzenden Lohngruppen müssen faktisch angehoben werden.
Ebenso haben die Lohnnebenkosten längst die vereinbarte Obergrenze von 40 Prozent des Bruttolohns gerissen. Aktuell liegen sie bei 43 Prozent. 2030 erreichen sie 45 Prozent. Bis 2035 schießen sie auf rund 50 Prozent. Ergebnis: Die Arbeitskosten wachsen sehr viel schneller als die zuletzt sogar nur stagnierende Wertschöpfung je Arbeitsstunde. Das treibt die Lohnstückkosten und senkt die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft.
Arbeit muss sich lohnen – keine Frage.
Aber die unaufhörlich steigenden Lohnnebenkosten fressen das Brutto-Gehaltsplus bei vielen Beschäftigten wieder auf. Und sie verteuern den Faktor Arbeit – für kleine und große Firmen. Die Gründe für die ungebremsten Lohnnebenkosten sind bekannt: Milliardenlöcher bei den Krankenkassen, steigende Pflegekosten und bald auch wieder steigende Beiträge für die Rentenversicherung. Doch dieser Negativtrend ließe sich korrigieren. Durch eine grundlegende Reform der Sozialsysteme. So wie zuletzt 2003 unter Kanzler Gerhard Schröder.
Soziale Sicherheit und ökonomische Stärke sind keine Gegensätze, haben aber eine Reihenfolge: Wirtschaftliche Stärke ermöglicht soziale Absicherung, nicht umgekehrt. Wettbewerbsfähige Arbeitskosten ermöglichen sichere Arbeitsplätze, nicht umgekehrt. Wer Ursache und Wirkung verwechselt, riskiert nicht nur weiter steigende Sozialbeiträge, sondern auch weniger Wirtschaftskraft und Wohlstand. Es ist Reformzeit!