Unternehmen können sich vor allem im eigenen Betriebsalltag praktisch für die Demokratie einsetzen. Es gilt zunächst, sich zu sensibilisieren, zuzuhören, die Stimmung und Debattenlage in der Firma zu analysieren: Besteht ein freundliches, respektvolles Miteinander? Oder nimmt die Fragmentierung zu? Hat sich der Ton geändert? Trauen sich einzelne Mitarbeitende zum Beispiel, unverhohlener Vorurteile oder Respektlosigkeiten auszusprechen? Werden einzelne oder Gruppen ausgegrenzt? „Dass die gesellschaftlichen Debatten auch im Unternehmen geführt werden, ist normal – ein Unternehmen ist immer ein Spiegel der Gesellschaft“, sagt Taubenböck. „Es gilt aber, Verhärtungen und Kipppunkte zu erkennen.“
„Lernen, respektvoll zu streiten“
Erprobte Präventions- und Gegenmaßnahmen sind Vorträge, Diskussionsrunden oder Planspiele zur Demokratie, das gemeinsame Erarbeiten von Unternehmenswerten, Leitlinien zu Toleranz und Respekt, Trainings zu Zivilcourage und Antirassismus oder eine Personalpolitik, die Vielfalt stärkt. Das Wertebündnis unterstützt mit Demokratiekursen für Azubis oder dem neuen Format „Streitförderer“. Taubenböck: „Sich respektvoll zu streiten und einzumischen, lässt sich lernen.“
John Juhasz, geschäftsführender Gesellschafter bei der Organisationsberatung The Facilitation Partners GmbH in München, macht zudem gute Erfahrungen mit der individuellen Ansprache von Mitarbeitenden: „Wenn Unternehmen anstelle der jährlichen Beurteilungsgespräche Orientierungsdialoge führen, die neben den Leistungen auch die Stimmung und Werte im Unternehmen thematisieren, ergibt sich ein erheblicher Achtsamkeits- und Respekthebel“, sagt er. „All solche Maßnahmen fördern einen echten Diskurs. Das heißt, wir reden nicht übereinander, sondern miteinander. Es geht nicht ums Behaupten und Rechthaben, sondern ums Verstehen und Streben nach gemeinsamen Werten.“
Haltung macht attraktiv
Dass im Sinne einer liberalen Demokratie kritikwürdige Meinung auch einfach stehenbleiben muss, gehöre allerdings ebenfalls zu Demokratie und Pluralismus, sagt Juhasz. „Zugleich können und müssen Unternehmen festlegen, wann und wie sie Grenzen setzen, wenn die Lage trotz aller Maßnahmen zu kippen droht. Sie müssen Werkzeuge entwickeln und handlungsfähig sein.“
Und was tun, wenn äußerer Druck entsteht – weil etwa die US-Regierung Diversitätsprogramme nicht mehr goutiert und man den Markt nicht gefährden will? „Austesten, Programme umbenennen – unterm Strich Haltung zeigen“, sagt Taubenböck. Denn Unternehmen würden von ihrem demokratischen Commitment mehr profitieren als verlieren, ist sie sicher. Haltung spreche sich herum, mache Unternehmen attraktiv. „Viele ausländische Fachkräfte und Geschäftspartner legen Wert darauf. Mitarbeitende, die sich gehört, wertgeschätzt und respektiert fühlen, identifizieren sich besser mit ihrem Betrieb, sind stolz dazuzugehören. Das stärkt auch die wirtschaftliche Performance“, betont Juhasz.
Mitarbeiter beteiligen
Der Zeppelin Konzern mit Zentrale in Garching bei München bestätigt das. „Unsere Haltung hilft uns dabei, Fachkräfte von uns zu überzeugen und die Motivation zu steigern. Vielfalt wird im Zeppelin Konzern als Chance und Wettbewerbsvorteil verstanden“, sagt Wang-Rührnößl. Wichtig ist ihr neben einem respektvollen Umgang auch die Beteiligung. „Wir stoßen viele Ideen von oben an, oft ist es aber auch umgekehrt.“
So regten zum Beispiel die Diversity-Botschafter einen Workshop zu Perspektivwechsel und Abbau von Vorurteilen an. „Der kam so gut an, dass wir ihn für den gesamten Konzern ausrollen werden.“ Auch die internen Netzwerke wurden von Mitarbeitenden initiiert und aufgebaut. „Das zeigt: Engagement wirkt und Partizipation lohnt sich“, sagt die Teamleiterin. „Im Unternehmen ebenso wie in der Gesellschaft.“
Sich auch extern engagieren
Auch über das Unternehmen hinaus engagiert sich Zeppelin. Die Geschäftsführung hat die „Charta der Vielfalt“ unterzeichnet und ein Statement zu Diversität, Gleichheit und Inklusion (DEI, Diversity, Equity, Inclusion) veröffentlicht. Zudem ist Zeppelin Gründungsmitglied der Initiative „Employers for Equality“, die sich für Gendergerechtigkeit einsetzt, und ist aktiv im internationalen Nachhaltigkeitsbündnis UN Global Compact.
„Dieses Engagement liegt in unseren Unternehmensgenen: Die Wurzeln unseres Unternehmens reichen zurück zu Ferdinand Graf von Zeppelin, dessen Werte Fairness, Wertschätzung und Nachhaltigkeit bis heute in unserem Handeln weiterleben“, so Wang-Rührnößl.
Erinnerung an 3 mutige Männer
Auch bei der Wacker Chemie AG prägt die historische Erfahrung die demokratische Haltung des Unternehmens mit: Zum Ende des 2. Weltkriegs bewahrten 3 mutige Mitarbeiter das Werk in Burghausen vor der Zerstörung durch die Nationalsozialisten. Sie bezahlten dafür mit ihrem Leben. Seitdem fühlt sich das Unternehmen in besonderer Weise zu Demokratie, Respekt, Toleranz und Wertschätzung verpflichtet.
„Einmal im Jahr, am 28. April, gedenken wir der 3 Mitarbeiter Jakob Scheipel, Ludwig Schön und Josef Stegmair“, erläutert Richard Stubenvoll, Leiter der Berufsausbildung bei Wacker. 2025, anlässlich des 80. Jahrestags des Endes des 2. Weltkriegs, unterschrieb Wacker zudem mit 48 weiteren deutschen Unternehmen eine Erklärung, die sich für die Grundwerte der Demokratie und eine verantwortungsvolle Erinnerungskultur einsetzt.
Demokratie-Workshops für alle Azubis
Werte wie Demokratie, Respekt und Wertschätzung werden aber auch im Betriebsalltag großgeschrieben. „Sie sind in unserem Leitbild verankert, wir leben sie und vertiefen sie in der Praxis durch viele Formate und gegenseitigen Austausch“, sagt Stubenvoll.