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Mit seiner Diversitätspolitik sendet der Zeppelin Konzern auch ein Zeichen in die Gesellschaft – hier ein Workshop mit Elisa Wang-Rührnößl, Teamleiterin Diversity

Mit seiner Diversitätspolitik sendet der Zeppelin Konzern auch ein Zeichen in die Gesellschaft – hier ein Workshop mit Elisa Wang-Rührnößl, Teamleiterin Diversity

© birdyfoto/IHK

Haltung zeigen – Demokratie fördern

Wenn die Demokratie unter Druck gerät, schadet das auch der Wirtschaft. Mit Corporate Political Responsibility haben Unternehmen ein Instrument, um Position zu beziehen.

Von Gabriele Lüke, IHK-Magazin 1-2/2026

Beim Zeppelin Konzern wird Vielfalt großgeschrieben. Die Initiative „Z COLOURFUL“ bietet Programme, die alle Mitarbeitenden unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Alter, Religion, sexueller Orientierung oder gesundheitlichem Status fördern. Frauen, queere Beschäftigte und Väter haben eigene Netzwerke. Diversity-Botschafter setzen sich als Vorbilder und Multiplikatoren für Toleranz, Fairness und Respekt im Unternehmen ein.

„Diversität ist uns sehr wichtig. Sie zu stärken, gegenseitige Wertschätzung zu pflegen, aufeinander zu achten, verstehen wir auch als Ausdruck unserer Verantwortung als Stiftungsunternehmen“, sagt Elisa Wang-Rührnößl, Teamleiterin im Bereich Diversity, Equity and Inclusion (DEI). „Damit senden wir auch ein Signal in die Gesellschaft.“

Demokratie als Standortfaktor

Maßnahmen wie bei Zeppelin zeigen, wie sich der Aspekt der politischen Verantwortung von Unternehmen im Betriebsalltag verankern lässt. Sie erweitern den Ansatz der Corporate Social Responsibility (CSR) und setzen die Idee der Corporate Political Responsibility (CPR) um. Ein Konzept, das zunehmend an Bedeutung gewinnt.

„Denn die Demokratie, wie wir sie kennen, ist unter Druck geraten: Liberalität, Rechtsstaat, Offenheit, Vielfalt sind als Werte nicht mehr unumstritten“, sagt Gerti Oswald, Abteilungsleiterin bei der IHK für München und Oberbayern. „Ein erfolgreiches Wirtschaften ist aber nur in einer stabilen liberalen Demokratie, einer offenen, vielfältigen Gesellschaft, einem verlässlichen Rechtsstaat möglich“, betont sie. „Demokratie ist ein Standortfaktor. Haltung zu zeigen, sich zur freiheitlichen Demokratie zu bekennen, sie zu schützen und zu stärken, ist daher auch eine Aufgabe der Unternehmen. CPR ist das Mittel der Wahl.“

Wirtschaft in der Verantwortung

Ob und wie politisch die Wirtschaft sein soll, das diskutieren aktuell immer mehr Unternehmen. Die Mitglieder des IHK-Ausschusses Unternehmensverantwortung haben sich bereits entschieden: Sie gaben der IHK im Sommer 2025 den expliziten Auftrag, sich für CPR einzusetzen, zu sensibilisieren, Plattformen zum Austausch zur Verfügung zu stellen und bewährte Praxismethoden zu kommunizieren.

Die Strategien zur Umsetzung sind dabei unterschiedlich. Die IHK-Organisation drückte mit ihrer Kampagne „27% – KeineWirtschaftOhneWir“ ihre Wertschätzung für ausländische Mitarbeitende und Unternehmer aus. Mit um 27 Prozent gekürzten Logos zeigten die IHK und ihre Mitgliedsunternehmen, dass ohne die 27 Prozent Erwerbstätigen mit Migrationshintergrund in Deutschland ganz schön was fehlen würde.

Stimmung im Betrieb beobachten

Das ist nur ein Beispiel von vielen möglichen CPR-Maßnahmen: Unternehmen können ein wirkungsvoller Multiplikator einer demokratischen Haltung sein, ist Andrea Taubenböck, geschäftsführende Vorständin der Stiftung Wertebündnis Bayern, überzeugt. „Unternehmen sind stets Werte-Vorbilder“, so die Ministerialrätin. „Beschäftigte, Stakeholder und Partner orientieren sich an ihnen.“ In Deutschland genießen Unternehmen aktuell sogar mehr Vertrauen als Medien, die Regierung oder Nichtregierungsorganisationen, ermittelte das Kommunikationsunternehmen Edelman in seinem Trust Barometer 2025.

Porträt von Andrea Taubenböck, geschäftsführende Vorständin Stiftung Wertebündnis Bayern

© Giulia Iannicelli

Unternehmen sind stets Werte-Vorbilder.

Andrea Taubenböck, geschäftsführende Vorständin Stiftung Wertebündnis Bayern

Unternehmen können sich vor allem im eigenen Betriebsalltag praktisch für die Demokratie einsetzen. Es gilt zunächst, sich zu sensibilisieren, zuzuhören, die Stimmung und Debattenlage in der Firma zu analysieren: Besteht ein freundliches, respektvolles Miteinander? Oder nimmt die Fragmentierung zu? Hat sich der Ton geändert? Trauen sich einzelne Mitarbeitende zum Beispiel, unverhohlener Vorurteile oder Respektlosigkeiten auszusprechen? Werden einzelne oder Gruppen ausgegrenzt? „Dass die gesellschaftlichen Debatten auch im Unternehmen geführt werden, ist normal – ein Unternehmen ist immer ein Spiegel der Gesellschaft“, sagt Taubenböck. „Es gilt aber, Verhärtungen und Kipppunkte zu erkennen.“

„Lernen, respektvoll zu streiten“

Erprobte Präventions- und Gegenmaßnahmen sind Vorträge, Diskussionsrunden oder Planspiele zur Demokratie, das gemeinsame Erarbeiten von Unternehmenswerten, Leitlinien zu Toleranz und Respekt, Trainings zu Zivilcourage und Antirassismus oder eine Personalpolitik, die Vielfalt stärkt. Das Wertebündnis unterstützt mit Demokratiekursen für Azubis oder dem neuen Format „Streitförderer“. Taubenböck: „Sich respektvoll zu streiten und einzumischen, lässt sich lernen.“

John Juhasz, geschäftsführender Gesellschafter bei der Organisationsberatung The Facilitation Partners GmbH in München, macht zudem gute Erfahrungen mit der individuellen Ansprache von Mitarbeitenden: „Wenn Unternehmen anstelle der jährlichen Beurteilungsgespräche Orientierungsdialoge führen, die neben den Leistungen auch die Stimmung und Werte im Unternehmen thematisieren, ergibt sich ein erheblicher Achtsamkeits- und Respekthebel“, sagt er. „All solche Maßnahmen fördern einen echten Diskurs. Das heißt, wir reden nicht übereinander, sondern miteinander. Es geht nicht ums Behaupten und Rechthaben, sondern ums Verstehen und Streben nach gemeinsamen Werten.“

Haltung macht attraktiv

Dass im Sinne einer liberalen Demokratie kritikwürdige Meinung auch einfach stehenbleiben muss, gehöre allerdings ebenfalls zu Demokratie und Pluralismus, sagt Juhasz. „Zugleich können und müssen Unternehmen festlegen, wann und wie sie Grenzen setzen, wenn die Lage trotz aller Maßnahmen zu kippen droht. Sie müssen Werkzeuge entwickeln und handlungsfähig sein.“

Und was tun, wenn äußerer Druck entsteht – weil etwa die US-Regierung Diversitätsprogramme nicht mehr goutiert und man den Markt nicht gefährden will? „Austesten, Programme umbenennen – unterm Strich Haltung zeigen“, sagt Taubenböck. Denn Unternehmen würden von ihrem demokratischen Commitment mehr profitieren als verlieren, ist sie sicher. Haltung spreche sich herum, mache Unternehmen attraktiv. „Viele ausländische Fachkräfte und Geschäftspartner legen Wert darauf. Mitarbeitende, die sich gehört, wertgeschätzt und respektiert fühlen, identifizieren sich besser mit ihrem Betrieb, sind stolz dazuzugehören. Das stärkt auch die wirtschaftliche Performance“, betont Juhasz.

Mitarbeiter beteiligen

Der Zeppelin Konzern mit Zentrale in Garching bei München bestätigt das. „Unsere Haltung hilft uns dabei, Fachkräfte von uns zu überzeugen und die Motivation zu steigern. Vielfalt wird im Zeppelin Konzern als Chance und Wettbewerbsvorteil verstanden“, sagt Wang-Rührnößl. Wichtig ist ihr neben einem respektvollen Umgang auch die Beteiligung. „Wir stoßen viele Ideen von oben an, oft ist es aber auch umgekehrt.“

So regten zum Beispiel die Diversity-Botschafter einen Workshop zu Perspektivwechsel und Abbau von Vorurteilen an. „Der kam so gut an, dass wir ihn für den gesamten Konzern ausrollen werden.“ Auch die internen Netzwerke wurden von Mitarbeitenden initiiert und aufgebaut. „Das zeigt: Engagement wirkt und Partizipation lohnt sich“, sagt die Teamleiterin. „Im Unternehmen ebenso wie in der Gesellschaft.“

Sich auch extern engagieren

Auch über das Unternehmen hinaus engagiert sich Zeppelin. Die Geschäftsführung hat die „Charta der Vielfalt“ unterzeichnet und ein Statement zu Diversität, Gleichheit und Inklusion (DEI, Diversity, Equity, Inclusion) veröffentlicht. Zudem ist Zeppelin Gründungsmitglied der Initiative „Employers for Equality“, die sich für Gendergerechtigkeit einsetzt, und ist aktiv im internationalen Nachhaltigkeitsbündnis UN Global Compact.

„Dieses Engagement liegt in unseren Unternehmensgenen: Die Wurzeln unseres Unternehmens reichen zurück zu Ferdinand Graf von Zeppelin, dessen Werte Fairness, Wertschätzung und Nachhaltigkeit bis heute in unserem Handeln weiterleben“, so Wang-Rührnößl.

Erinnerung an 3 mutige Männer

Auch bei der Wacker Chemie AG prägt die historische Erfahrung die demokratische Haltung des Unternehmens mit: Zum Ende des 2. Weltkriegs bewahrten 3 mutige Mitarbeiter das Werk in Burghausen vor der Zerstörung durch die Nationalsozialisten. Sie bezahlten dafür mit ihrem Leben. Seitdem fühlt sich das Unternehmen in besonderer Weise zu Demokratie, Respekt, Toleranz und Wertschätzung verpflichtet.

„Einmal im Jahr, am 28. April, gedenken wir der 3 Mitarbeiter Jakob Scheipel, Ludwig Schön und Josef Stegmair“, erläutert Richard Stubenvoll, Leiter der Berufsausbildung bei Wacker. 2025, anlässlich des 80. Jahrestags des Endes des 2. Weltkriegs, unterschrieb Wacker zudem mit 48 weiteren deutschen Unternehmen eine Erklärung, die sich für die Grundwerte der Demokratie und eine verantwortungsvolle Erinnerungskultur einsetzt.

Demokratie-Workshops für alle Azubis

Werte wie Demokratie, Respekt und Wertschätzung werden aber auch im Betriebsalltag großgeschrieben. „Sie sind in unserem Leitbild verankert, wir leben sie und vertiefen sie in der Praxis durch viele Formate und gegenseitigen Austausch“, sagt Stubenvoll.

Porträt von Richard Stubenvoll, Leiter Berufsausbildung bei Wacker Chemie

© Achim Zeller

Unsere Werte bringen uns einen guten Ruf als Arbeitgeber, Ausbilder, Partner.

Richard Stubenvoll, Leiter Berufsausbildung Wacker Chemie

Das beginnt bei den Azubis. Schon im 1-wöchigen Einführungsworkshop zum Ausbildungsstart sprechen sie über Toleranz, Respekt und Wertschätzung. Im 2. Lehrjahr absolvieren alle den Demokratieworkshop des Wertebündnisses Bayern. „300 junge Menschen haben diesen 1-tägigen Kurs schon besucht. Sie diskutieren über Demokratie, Migration, Klimaschutz, äußern frei ihre Meinung, suchen die Auseinandersetzung und zugleich Kompromisse“, so Stubenvoll.

„Gelebte Wertekultur trägt Früchte“

„Aus den Trainings, an denen wir als Führungskräfte und Ausbilder bewusst nicht teilnehmen, bekommen wir die Rückmeldung, dass ihre Gesprächskultur wertschätzend und respektvoll ist.“ Das freue ihn sehr, denn es zeige, dass der Einführungsworkshop und die gelebte Wertekultur Früchte tragen.

Jeder kann einen Beitrag leisten

„An den Workshops nimmt auch der Betriebsrat für eine Stunde teil. Das ist uns besonders wichtig“, ergänzt der Ausbildungsleiter. „Betriebsrat und Jugendlichen-Vertretung sind gewählte, demokratische Gremien. Sie können den Jugendlichen zeigen, dass Partizipation sinnvoll ist, Mitwirkung etwas verändert und sich lohnt. Und dass jeder etwas zum Erhalt der Demokratie beitragen kann.“ Zugleich sieht er den Nutzen für Wacker: „Unsere Werte bringen uns einen guten Ruf als Arbeitgeber, Ausbilder, Partner, wir werden besser, innovativer.“

Stichwort: Stiftung Wertebündnis Bayern

Im Wertebündnis Bayern sind Organisationen, Vereine, Verbände und Stiftungen aus allen Bereichen der Gesellschaft partnerschaftlich verbunden auf der Basis des Grundgesetzes und der Bayerischen Verfassung. Seit der Gründung 2010 ist das Netzwerk auf über 200 Partner angewachsen. Um das Wertebündnis zukunftsfest zu machen, wurde 2015 durch den Freistaat Bayern die Stiftung Wertebündnis Bayern errichtet.