ihk_magazin_logo_2
Profitieren vom Innovationsnetzwerk – Michael Hohenegger (h. l.), Manuel Kuder (vorne), Lukas Obkircher (hinten) und Niclas Lehnert (v.r.) vom Münchner Start-up BAVERTIS mit einem Test-Buggy für ihre optimierten E-Mobilitäts-Batterien.

Profitieren vom Innovationsnetzwerk – Michael Hohenegger (h. l.), Manuel Kuder (vorne), Lukas Obkircher (hinten) und Niclas Lehnert (v.r.) vom Münchner Start-up BAVERTIS mit einem Test-Buggy für ihre optimierten E-Mobilitäts-Batterien.

© Universität der Bundeswehr München/Christian Siebolt

Munich Innovation Ecosystem

Neue Start-up Initiative - Kraft der Ideen

Mehr Zusammenarbeit, bessere Rahmenbedingungen – wie das MUNICH INNOVATION ECOSYSTEM Jungunternehmen und Mittelstand verbindet und den Standort sichert.

Von Eva Schröder, IHK-Magazin 09/2024

Lust, zu gestalten und ihre Technik aus der Forschung in Serie zu bringen, die hatten sie beim Münchner Start-up BAVERTIS von Anfang an. Doch das allein reicht nicht, hat Geschäftsführer Niclas Lehnert längst erkannt: „Komplementäre Partner zu finden, die nicht fürchten, dass du ihren internen Abteilungen Konkurrenz machst– das ist das Wichtigste“, sagt der 34-Jährige. Er lehnt sich vor und berichtet im Coworking Space „Munich Urban Colab“, wie er und sein Schulfreund Manuel Kuder 2019 die Idee zur Gründung der BAVERTIS GmbH bei einem Bier hatten.

Seit März 2022 arbeiten die beiden mit Michael Hohenegger, Lukas Obkircher und 15 Mitarbeitern daran, mit einem neuartigen Batteriemanagementsystem besonders langlebige und leistungsfähige Akkus für E-Mobile zu entwickeln (siehe Artikel BAVERTIS GmbH: "Batterieleben optimieren" ).

Je mehr Lehnert vom Gründeralltag erzählt, desto greifbarer die Herausforderungen. „Du kannst ein noch so guter Verkäufer sein – als Start-up reicht das nicht. Du brauchst einen Fürsprecher, der im Unternehmen für dich als neuen potenziellen Partner wirbt“, ist er überzeugt.

Neue Initiative für Start-ups und Mittelstand

Damit umreißt der Betriebswirt nicht nur eine typische Hürde des Geschäftsstarts, sondern skizziert zugleich den Auftrag des MUNICH INNOVATION ECOSYSTEMS. In Fortführung des 2015 gegründeten Netzwerks (siehe Kasten unten) will die Ecosystem-Initiative Start-ups und mittelständische Unternehmen rasch und effizient zusammenbringen, um laut Vertrag der Partner „eine der lebenswertesten Städte weltweit und ihre Umgebung weiterhin durch Innovation und technologische Spitzenleistungen an der Spitze zu halten“. Auch die IHK für München und Oberbayern ist unter den Partnern.

„Es gibt hier viele leistungsfähige Netzwerke. Die Ecosystem-Initiative kann als eine Art gemeinsames Dach bewirken, dass die verschiedenen Akteure schneller voneinander erfahren, ihre Ziele abgleichen und im besten Fall passgenauer zusammen starten können. Weil sie gleich Zugang zu sämtlichen Unterstützern erhalten”, erklärt Christoph Angerbauer, IHK-Bereichsleiter für Innovation und Internationales, die Vorteile.

Dabei kann das Ökosystem auch an der Verbesserung der Rahmenbedingungen mitwirken. Ein wichtiger Punkt ist hier die Kapitalbeschaffung. Für die ersten Finanzierungsphasen ist Deutschland gut aufgestellt. „Doch es wird schwierig, wenn ein Start-up zum Scale-up wird, wächst und international expandiert“, sagt Bernhard Eichiner, IHK-Referatsleiter für Industrie, Innovation und Beratung.

IHK-Forderungen für bessere Scale-up-Chancen

Als Scale-ups gelten besonders wachstumsstarke Start-ups, die mit einem erprobten Geschäftsmodell in internationale Märkte expandieren und ihr Wachstum über Series-B-Runden finanzieren. In dieser Stufe fallen Deutschland und auch Bayern im Vergleich mit anderen internationalen Innovationsstandorten zurück. Deshalb fordert die IHK in einem neuen Positionspapier unter anderem einen Venture Capital Dachfonds unter Beteiligung institutioneller Investoren sowie steuerliche Verbesserungen für Risikokapital, zusätzlich zum 2021 aufgelegten „Zukunftsfonds Deutschland“.

Hendrik Brandis, Co-Gründer und Partner der Münchner Earlybird VC Management GmbH & Co. KG, plädiert für eine staatliche Ausfallbürgschaft: „Der Staat nutzt seine Kreditwürdigkeit für zusätzliche Einnahmen, ohne eigene Gelder aufzubringen.“ Das würde den Investoren eine attraktive Anlageklasse ohne Eigenkapitalunterlegung ermöglichen und der Wirtschaft „notwendige Investitionen in Wachstumsunternehmen“.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) kündigte im Juni neue Programme der Landesförderbank LfA sowohl für den Mittelstand als auch für Neugründungen an. Ein „Super-Risikokapitalfonds“ für Start-ups in der Wachstumsphase „als Signal, dass sie nicht auf internationale Geldgeber angewiesen sind, sondern hierbleiben und sich weiterentwickeln können". Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (FW) rechnet für sie mit Investitionen von sieben Milliarden Euro, die sich zusammen mit privaten Kapitalgebern so mobilisieren ließen.

„Genau das kann als Turbo wirken bei der Wachstumsfinanzierung“, sagt Helmut Schönenberger, Gründer und Geschäftsführer der UnternehmerTUM (UTUM) GmbH. Er brachte zu Beginn der 2000er-Jahre aus dem Silicon Valley die Idee mit, Forschungsergebnisse der Technischen Universität München konsequenter und rascher in Geschäftsideen und marktfähige Anwendungen „zu übersetzen“.

schoenenberger_utum

© U-TUM

Forschungsergebnisse der Technischen Universität München "konsequenter und rascher in Geschäftsideen und marktfähige Anwendungen übersetzen".

Helmut Schönenberger, Vordenker der U-TUM

"Das bayerische MIT"

Manche nennen die Technische Universität München (TUM) gar das „bayerische MIT“, was als Referenz auf das weltbekannte, hochinnovative Massachusetts Institute of Technology gemünzt ist. Den Austausch zwischen Wissenschaft und Wirtschaft sowie Transfer in Geschäftsideen unter UTUM-Ägide unterstützt seit Jahrzehnten finanziell stark BMW-Großaktionärin Susanne Klatten.Doch Vordenker Schönenberger betont: „Wir als UTUM haben auf die Idee kein Patent, sondern wünschen uns viele Geschwister.“

So arbeiten für „die technologische Souveränität Europas“ seit Mai 2023 außerdem in der Initiative „Rise Europe“ auch Start-up-Hubs aus 13 europäischen Ländern zusammen. Wichtig sei, Vertrauen untereinander aufzubauen, „damit sich Geschäftsmodelle entwickeln, die Wohlstand und Standort sichern“.

Ausgezeichnet als „Europe's Leading Start-Up Hub"

Das funktioniert in und um München schon ausnehmend gut. Man liefert sich mit Berlin ein stetiges Rennen um den Titel der deutschen Start-up-Hauptstadt. Die „Financial Times“ wählte im Frühjahr 2024 unter 125 europäischen Inkubatoren die UnternehmerTUM an die Spitze als „Europe's Leading Start-Up Hub.“

Die jungen Unternehmen gedeihen in München unter anderem deshalb so gut, weil hier renommierte Forschungseinrichtungen sitzen, mit denen nach Schätzung rund 20 Prozent der Start-ups kooperieren und daher up-to-date sind. Hinzu kommt die starke Basis etablierter Unternehmen. Sechs der 40 DAX-Unternehmen haben ihren Hauptsitz hier, einige US-Konzerne ihre Europa-Zentralen – oft für Start-ups frühe Auftraggeber.

Alle Netzwerke zu nutzen und zu bespielen, bekannt zu werden, Mitarbeitende und Investierende zu finden – bei all dem hilft das MIE. Jakob Biesterfeldt, Vertriebsexperte der navel robotics GmbH, findet zum Beispiel die kostenfreie rechtliche Starthilfe besonders wertvoll. Das Münchner Start-up, gegründet 2017, verbindet in seinem sozial agierenden Roboter mehrere Themenfelder mit KI (siehe Artikel "Roboter Navel: KI-gestützter Gefährte" ). „Dass wir Leute treffen können, die mitreden und damit abschätzen können, wo die Regulatorik wohl hingehen wird, etwa beim europäischen AI Act, ist sehr wichtig für unsere nächsten Schritte in der Produktentwicklung”, betont Biesterfeldt.

Die Ziele der Initiative sind ambitioniert. „Wir als MUNICH INNOVATION ECOSYSTEM fördern mit den Start-ups von heute den künftigen Mittelstand und sichern damit nachhaltig den Wohlstand“, sagt Frizzi Engler-Hamm, Geschäftsführerin. „Wir vernetzen Start-ups, Hochschulen, die Wirtschaft, die öffentliche Hand, und viele weitere Akteure, getreu unseres Mottos ‚connecting the dots‘. Neugründungen sind essenziell für eine erfolgreiche und zukunftsfähige deutsche Wirtschaft.“ Rund 1.500 Teilnehmende waren 2023 auf Events von Engler-Hamm und Team.

engler_hamm_mie_k

© Munich Innovation Ecosystem

„Wir fördern mit den heutigen Start-ups den künftigen Mittelstand, was Wohlstand sichert.“

Frizzi Engler Hamm. CEO Munich Innovation Ecosystem

Im Club der "Einhörner"

Wie fähig die Münchner Szene zu Scale-ups ist, zeigen die zahlreichen Einhörner, also Unternehmen mit einer Bewertung von mehr als einer Milliarde Euro. Dazu zählen zum Beispiel das auf Process Mining spezialisierte Softwareunternehmen Celonis SE, die Konux GmbH, die KI-Lösungen für den Schienenverkehr bietet, oder der Lufttaxi-Hersteller Lillium GmbH. Diese erwachsen gewordenen Start-ups sind eine weitere Stärke des Standorts. Sie unterstützen jüngere Unternehmer dabei, neue Ideen umzusetzen und Firmen aufzubauen.

So wie die Gründer der Flix SE, die 2012 gestartet, mit heute rund 5.500 Mitarbeitenden und zwei Milliarden Euro Umsatz 2023 ebenfalls zum Club der Einhörner gehört. Als globales Travel-Tech-Unternehmen haben André Schwämmlein, Jochen Engert und Daniel Krauss den Markt für Bus- und inzwischen auch Bahnreisen aufgerollt. Im Juli verkauften sie 35 Prozent der Firmenanteile an zwei Großinvestoren für kolportierte 900 Millionen Euro.

„Weil wir in München groß geworden sind, fühlen wir uns als Teil dieses Ökosystems sehr wohl“, bekennt Daniel Krauss (40). „Wir möchten auch etwas zurückgeben, denn ich glaube stark an die Tragfähigkeit und Wirksamkeit solcher Netzwerke.“ Daher haben die Flix-Gründer laut eigenen Angaben in mehrere junge Unternehmen investiert, darunter die Proxima Fusion GmbH. Sie will bis 2031 ein erstes Demonstrationskraftwerk in Deutschland bauen, um mittels Kernfusion klimafreundlich Energie zu gewinnen.

Gründer dort gleich "richtig verbinden"

Krauss hebt die Vermittlerrolle der Ecosystem-Initiative in der Start-up-Szene hervor: „Auch wenn wir gern im persönlichen Austausch weitergeben, was bei uns suboptimal gelaufen ist, damit andere sich hoffentlich eine Failure-Runde sparen“, sagt der Franke lachend, „kann eine solche Institution eine Art Coaching geben. Wenn Gründer dort gleich ‚richtig verbunden‘ werden, ist das perfekt.“

krauss_flixse

© Flix SE

"Wir wollen ans Ökosystem etwas zurückgeben, denn ich glaube stark an die Tragfähigkeit und Wirksamkeit solcher Netzwerke.“

Daniel Krauss, Mitgründer der Flix SE

Die Verbindung zum Standort sei stark, betont auch Hanno Renner, Gründer und Chef der Personio SE: „Ist doch klar, dass wir als Teil der wachsenden Start-up-Szene hier unsere erwirtschafteten Erfolge, sprich Gewinne, auch in Europa wirken lassen wollen – und nicht nur wie aktuell US-amerikanische und kanadische Investoren beziehungsweise Pensionskassen im Hintergrund profitieren lassen wollen.“ Nach eigenen Angaben hat Renner in rund 50 Start-ups investiert.

Etwa 12.000, meist mittelständische HR-Teams nutzen die Personalsoftware des 2015 gegründeten Unternehmens. Mit über 1.800 Mitarbeitenden an acht Standorten strebt Renner mittelfristig den Börsengang an. Dabei wünscht er sich, dass der Austausch zunimmt – mit anderen Start-ups, aber auch mit etablierten Unternehmen, so wie im Silicon Valley. „Damit sich das Rad weiterdreht, eine Art sich selbst verstärkende Wirkung im Ökosystem.“

Erste Anzeichen, dass dies gelingen könnte, sind erkennbar. „Es gibt einige Leute, die von Großkonzernen zu uns und anderen aufstrebenden Firmen wechseln“, sagt Renner. Im November 2022 war das beispielsweise Maria Angelidou-Smith, die vom Facebook-Mutterkonzern Meta zu Personio kam als Chief Product & Technology Officer – ein Coup.

"Kräfte bündeln für international ernstzunehmenden KI-Hub"

In den letzten zwei Jahren hat die Ecosystem-Initiative bereits 82 KI-Start-ups jeweils bis zu 25.000 Euro gefördert – unter der Marke „AI+MUNICH“. Dieser Anschub hilft. „90 Prozent der Firmen aus Robotics und KI-Software sind aktiv, haben 300 Arbeitsplätze geschaffen und insgesamt 36 Millionen Euro an Investments eingesammelt“, so Engler-Hamm. „Mit 40 KI-ExpertInnen im Netzwerk und über 5.000 Community-Mitgliedern innerhalb des Ecosystems können wir, wenn wir die Kräfte bündeln, zu einem international ernstzunehmenden KI-Hub werden.“ Dafür sei ab 2025 ein deutschlandweites Angebot geplant für die Unterstützung von KI-Start-ups gemeinsam mit dem Partner K.I.E.Z. aus Berlin.

Mittelstands meets Start-up-Denke

„Mit der Verbindung von Technologie und KI kann der Mittelstand zu neuer Stärke finden“, sagt Christian Mohr. „Hier können wir international Anwendungschampions werden!“ Er ist nicht nur Geschäftsführer der UTUM GmbH, sondern brachte auch die Initiative FamilienUnternehmerTUM auf den Weg. In dieser Position treibt er seit drei Jahren den Austausch zwischen Gründern und Mittelständlern, insbesondere Familienunternehmen, voran. „Wir wollen eine Brücke ins bunte Ökosystem sein, das ich hier sehr offen und mit viel Willen zur Co-Creation erlebe“, so Mohr. „Wir bei UTUM matchen nicht nur, sondern klären zuvor, welchen Reifegrad an Produkt oder Dienstleistung ein etabliertes Unternehmen von einer Kooperation mit einem Start-up erwarten darf.“

Riesiges Potenzial zur Zusammenarbeit

Lukrativ sei das für beide Seiten. 650 Familienunternehmen im deutschsprachigen Raum zähle das FamilienUnternehmerTUM-Netzwerk, 75 Prozent davon seien aktiv, 150 in langfristigeren Projekten, etwa 300 „Clubmitglieder“ als Mentoren und Coaches. „Für solche kuratierten Zugänge zu Ideen zahlen größere Firmen Beiträge an UTUM, jährlich etwa fünf Millionen Euro. Weil sie den Mehrwert sehen.“ Etwa dieselbe Summe komme an staatlicher Förderung hinzu. Reifen die Ideen, stehe für verschiedene Finanzierungsrunden etwa der UTUM-nahe Risikokapitalfonds UVC Partners mit fast 300 Millionen US-Dollar Investitionsvolumen bereit.

Hört man sich im Ökosystem um, ist der Tenor: Das Interesse am Austausch sei entscheidend für den Einstieg. Zur Startenergie müsse dann Geduld hinzukommen, insbesondere für Abstimmungs- und Entscheidungsprozesse in den etablierten Unternehmen. Seien spannende Ansatzpunkte mit jungen Start-ups gefunden, müsste jemand aus der Firmenspitze voll hinter solchen Projekten stehen, sagt Experte Mohr. Das MIE kann hier Mut machen, Kooperationschancen ausloten und Bestpractices vorstellen.

„Ausprobieren, vielleicht hinfallen, aber jedes Mal wieder aufstehen“, sagt Christian Mohr zum Abschied, das zeichne Gründer aus. Eigentlich alle Unternehmer.

IHK-Stichwort: Initiative Munich Innovation Ecosystem

2015 traten die drei Gründerzentren UnternehmerTUM GmbH (UTUM), Strascheg Center for Entrepreneurship GmbH (SCE) der Hochschule München und die German Entrepreneurship GmbH (GE GmbH, inzwischen Start 2 Group in einer Initiative an, München als Wirtschafts-, Wissenschafts- und Technologiestandort international zu positionieren.

Heute sind unter dem Dach des MUNICH INNOVATION ECOSYSTEMS rund 40 Partner vernetzt – Start-ups, Unternehmen verschiedener Größe und Ausrichtung mit Wissenschaft, Hochschulen sowie dem öffentlichen Sektor in und um München zugunsten Innovationen, für eine nachhaltige, belastbare und gerechtere Zukunft. Die Munich Innovation Ecosystem GmbH ist teils privat, teils öffentlich finanziert.

Neben Mitteln und Leistungen der Partner, darunter die IHK, bietet das MUNICH INNOVATION ECOSYSTEM unter anderem Mitwirkungsmöglichkeiten bei der Innovationsagenda 2030 für München, Talentgewinnung für Unternehmen, Vernetzungsangebote und Workshops sowie eine digitale Plattform zum Wissensaustausch an.

www.munich-ecosystem.de

Verwandte Themen