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Ehemaliges Heizwerk – mittlerweile zum Kultur-Hotspot umgebaut

Ehemaliges Heizwerk – mittlerweile zum Kultur-Hotspot umgebaut

© Bergson/Simon Haseneder

Volle Kraft für Kunst und Kultur

Das Bergson Kunstkraftwerk hat sich als kulturelles Zentrum im Münchner Westen etabliert. Mit seinem ungewöhnlichen Gesamtkonzept war es von Anfang an erfolgreich.

Von Eva Elisabeth Ernst, IHK-Magazin 1-2/2026

Mehr als 300.000 Menschen sind im ersten Jahr ins Bergson Kunstkraftwerk gekommen. Sie besuchten Konzerte, Partys und Unternehmensevents. Sie informierten sich bei Führungen und Akademieabenden, betrachteten Bilder und Skulpturen und ließen sich im Restaurant, in der Bar, der Tagesbar oder im Biergarten bewirten.

Roman Sladek (36), künstlerischer Leiter und einer der 3 Geschäftsführer der Bergson GmbH, möchte die Erfahrungen der turbulenten Startphase nicht missen – sie aber auch nicht unbedingt wiederholen. „Ich empfinde tiefe Dankbarkeit, dass es uns gelungen ist, in extrem kurzer Zeit extrem viele Angebote für Privatpersonen und Unternehmen zu entwickeln, die auch sehr gut angenommen wurden“, sagt er. „Die Zeit war sehr lehrreich, die Entwicklungsgeschwindigkeit hoch.“

Industrieruine mit 25 Metern Raumhöhe

Im April 2024 wurde das Hauptgebäude des Bergson Kunstkraftwerks eröffnet: ein imposanter Industriebau mit einer Raumhöhe von nahezu 25 Metern, der in den 1920er-Jahren geplant und 20 Jahre später realisiert wurde. Bis zur Stilllegung in den 1980er-Jahren diente es als Heizwerk der Deutschen Bahn. Danach rottete es als Industrieruine vor sich hin.

2005 kaufte das Familienunternehmen Allguth GmbH, das in und um München ein Netz von 30 Tankstellen betreibt, das 20.000 Quadratmeter große Areal mit dem Gebäude. 2019 begannen die Umbauarbeiten, 3 Jahre später gründeten die beiden geschäftsführenden Gesellschafter von Allguth, Christian und Michael Amberger, die Bergson GmbH und entwickelten gemeinsam mit Sladek das Grundkonzept.

Ein Jahr zur Selbstfindung

„Im Grunde sind wir ein turbomäßiges Start-up“, sagt Sladek. „Wir mussten erst lernen, welche Produkte wie funktionieren, wer unser Publikum ist und wie wir es am besten erreichen. Gleichzeitig ging es im ersten Jahr auch darum, organisatorische und prozessuale Qualität zu entwickeln sowie unser Team zusammenzustellen.“

Das alles gelang während des Soft Openings, also eines eher sanften Einstiegs in den Normalbetrieb, bei dem das Bergson-Team auch die Resonanz auf einzelne Programmbausteine testen konnte. Eine weitere Herausforderung dieser Phase bildeten die anhaltenden Bauarbeiten: Denn das Nebengebäude mit Konzertsaal und Galerieräumen wurde erst im Oktober 2024 fertig, der Biergarten auf dem Gelände nahm im vergangenen Frühjahr den Betrieb auf.

Jazzrausch Bigband mit mehreren Musikerinnen und Musikern auf einer Bühne bei einem Konzert

Hausband – die Bigband Jazzrausch hat der Posaunist und jetzige Bergson-Geschäftsführer Roman Sladek noch zu Studienzeiten ins Leben gerufen

Gewagte Kombi: Jazz, Techno und Klassik

Roman Sladek ist jedoch nicht nur Geschäftsführer und künstlerischer Leiter des Bergson. Der studierte Posaunist tritt auch selbst mit seiner von ihm noch zu Studienzeiten gegründeten Jazzrausch Bigband auf, die Elemente aus Jazz, Techno und Klassik kombiniert. Die Jazzrausch Bigband bezeichnet sich als „Hausband“ des Bergson.

Dazu wurden noch die Bergson Phil’, ein Kammerorchester für akustische sinfonische Musik, gegründet. Und schließlich gibt es noch die Bergson Voices, einen Chor aus Profis und „ambitionierten Laiensängern“, so Sladek. Insgesamt erhält ein Kreis von rund 250 selbstständigen Musikern regelmäßig von der Bergson GmbH Aufträge, um im Kunstkraftwerk in verschiedenen Ensembles oder solo aufzutreten.

„Wir setzen ganz bewusst auf viele Eigenkreationen. Wir wollen keine Vermietbude für Kultur sein, sondern die Kreativwirtschaft in München beleben und Musikern, Dramaturgen, Tänzern, Komponisten und anderen Kreativen Arbeit geben“, sagt Sladek.

Programm passend zur Location

Er findet es spannender, sich Produktionen auszudenken, die auf die Gegebenheiten vor Ort abgestimmt sind, als Künstler zu buchen, die ihr gewohntes Programm präsentieren. Dabei ist ihm wichtig, möglichst viele Zielgruppen ins Bergson zu holen: Daher gibt es dort nicht nur Konzerte von Klassik über Jazz bis Techno, sondern etwa auch Comedy, Podiumsdiskussionen, Yoga-Sessions und Kunstausstellungen.

Der Geschäftsführer sieht das Bergson als „zusammenhängendes Ökosystem“, dessen Mischung aus Veranstaltungen, Galerie und Gastronomie für Attraktivität sorgt und Werte schafft, die monetarisiert werden können. „Wir veranstalten Kultur, bieten Erlebnisse und geben damit dem Unternehmen Sinn“, sagt Sladek.

Arbeitsabläufe als Herausforderung

Und weil Menschen gern sinnvoll und sinnstiftend arbeiten, war und sei es auch kein Problem, Mitarbeitende zu finden. „Allerdings ist es durchaus komplex, die richtige Personalarchitektur zu schaffen“, so der Geschäftsführer. „Es ist leichter, einen Konzertsaal zu bauen als bei der Vielzahl der Gewerke und externen Schnittstellen die internen Arbeitsabläufe zu orchestrieren.“

Bei aller Liebe zur Kunst – das Bergson legt Wert auf die Profitabilität des Kulturbetriebs. Sladek spricht hier von „Umwegrentabilität“: Spektakuläre Veranstaltungen erhöhen die Sichtbarkeit und den Bekanntheitsgrad, was wiederum neues Publikum anzieht und zugleich dem Eventgeschäft zugutekommt.

Auch geschlossene Events

Denn Firmenveranstaltungen sind ein durchaus relevantes wirtschaftliches Standbein der Bergson GmbH, das von Anfang an sehr gut lief: Im ersten Jahr fanden mehr als 100 geschlossene Veranstaltungen statt. Auch in diesem Geschäftsfeld ist das Gesamtpaket aus eigener Gastronomie, kulturellen Angeboten und modernster eigener Veranstaltungstechnik offenbar ein Erfolgsfaktor.

Kunstgalerie mit Skulpturen und Gemälden des Künstlers Arne Quinze im Bergson Kunstkraftwerk

Ausstellung mit Werken des Künstlers Arne Quinze – das Bergson will mit einem Mix aus Angeboten möglichst viele Zielgruppen ansprechen

Eine Besonderheit des Bergson ist das Preismodell für öffentliche kulturelle Veranstaltungen: Es gibt einerseits Social-Price-Tickets zu einem reduzierten Preis – ohne Nachweis der Bedürftigkeit. Andererseits können Tickets zum Supporter-Preis gebucht werden, die wiederum etwas teurer sind als die Fair-Price-Tickets. „Dieses Angebot wird nicht missbraucht“, betont Sladek. Von den über 100.000 bislang verkauften Eintrittskarten waren rund 70 Prozent faire Tickets zum Normalpreis, 20 Prozent Social-Tickets und 10 Prozent Support-Tickets.

Logistik künftig noch wichtiger

Eine weitere Erkenntnis des ersten Jahres: Die immense Bandbreite des Programms bedingt es, dass der Auf- und Abbau jeder einzelnen Veranstaltung schnell und reibungslos geregelt werden muss, ohne die Aufenthaltsqualität für das Publikums zu beeinträchtigen. Diese logistischen Aspekte werden künftig noch wichtiger werden: Nach dem Soft Opening plant Sladek ab Oktober eine starke Verdichtung des Programms. „Dann testen wir, was das Haus aushält.“