Nachbericht: International Tech Talks – Advancing Europe's innovation am 26.03.2026

Es gibt nur ein Ziel: die Weltspitze

2. Ausgabe der International Tech Talks der IHK mit Schwerpunkt digitale Innovation: 200 Teilnehmer, Referenten werben für das Teamwork von München und Paris

Von Martin Armbruster

Im Fokus: Europas Rolle im globalen Tech-Race

Unscharfe Aufnahme eines runden Stehtisches mit einem großformatigen Motiv eines nachdenklich wirkenden Roboters; futuristische Beleuchtung in Blau‑ und Lilatönen im Hintergrund

Das Format hat einen hohen Anspruch und auch in der zweiten Ausgabe hat es den beeindruckend gut erfüllt: Mit ihren International Tech Talks will die IHK die Menschen zusammenbringen, die an Europas Zukunft arbeiten – Vertreter von Start-ups, Scale-ups, Konzernen, Wissenschaft und Politik. Die jüngsten Tech Talks am 26. März in der IHK München standen unter dem Slogan "Wie Bayern und Frankreich Europas Innovation voranbringen". Kooperationspartner waren die Deutsch-Französische Industrie- und Handelskammer (AHK Frankreich), die französischen Außenhandelsräte in Bayern (CCEs) das Netzwerk La French Tech Munich und das Enterprise European Network.

Nun ist Innovation ein weites Feld. Im Fokus der Veranstaltung sollte daher die digitale Souveränität Europas stehen. Wie brisant das Thema ist, zeigte schon die Besucherresonanz. Mit über 200 Teilnehmern war das Event faktisch ausgebucht. Im Atrium reichten die Sitzplätze nicht aus. Selbst das "Handelsblatt" hatte einen einen Redakteur zu den "Tech Talks" geschickt.

Für dieses Interesse hatte neben der Referentenliste ein Mann auf der anderen Seite des Atlantiks gesorgt. Es ist gut denkbar, dass Europa dem US-Präsidenten Donald Trump irgendwann dankbar sein muss. Trump und seine milliardenschweren "Tech-Bros" haben besser als alle politischen Appelle klargemacht, weshalb Europa künftig bei Schlüsseltechnologien auf eigenen Beinen stehen muss.

Wie schwierig dieser Kraftakt wird, daran ließen die Referenten und die Diskussion der Tech Talks keine Zweifel. Die Lage ist derzeit noch ziemlich düster. USA und China drohen im Technologie-Wettlauf zu enteilen, Europa mangelt es an Risiko-Bereitschaft und Kapital, der EU-Binnenmarkt ist noch immer zersplittert, Europas Wirtschaft ist im globalen Vergleich überreguliert, politisch sind die nationalen und populistischen Kräfte auf dem Vormarsch.

Digitalminister Dr. Mehring: "Wir müssen uns selbst ans Steuer setzen"

Der bayerische Digitalminister Dr. Fabian Mehring spricht gestikulierend am Rednerpult vor einer violett beleuchteten IHK‑Hinterwand.

Bayerischer Digitalminister, Dr. Fabian Mehring

Was die "Tech Talks" aber wirklich spannend machte, waren die Dinge, die Europa hoffen lassen. Bayerns Digitalminister Fabian Mehring (Freie Wähler) lobte nicht nur das Engagement der IHK ("Wir sind hier in der Herzkammer der Wirtschaft"), er plädierte mit Leidenschaft dafür, die positiven Trends zu verstärken, die es im vermeintlich abgehängten Europa gibt.

"Make Europa great again" war so etwas wie der Leitspruch des Events. Mehring verwies auf das, was sich in Paris und München tut. Die "Financial Times" hält das Gründer-Ökosystem rund um die TUM München für das beste der Welt. Die "Station F" gilt derzeit als der größte Start-up-Hub der Welt. Rund 8.000 Start-ups sind dort am Werk. Mehr als 500 arbeiten in Paris auf einem Geschäftsfeld, das Trump in den USA gerade zertört: Klimaschutz-Technik.

Für Staatsminister Mehring liegt auf der Hand, was zu tun ist: Die beiden Start-up-Kraftzentren Paris und München miteinander verschmelzen; das nationale Kleinklein beenden, die Marktmacht des EU-Binnenmarkts mit 450 Millionen Menschen nutzen, Investoren und Talente für das europäische Projekt gewinnen. Ebenso wie die KI-Unternehmerin und IHK-Vizepräsidentin Dagmar Schuller forderte Mehring, man müsse raus aus Rolle des Anwenders für Hightech und Software aus China und den USA. "Wir müssen uns selbst ans Steuer setzen", sagte der Minister.

Französisch-deutsche Schlüsselrolle

Jérôme Brouillet, Gesandter für Wirtschaftsangelegenheiten der Französischen Botschaft, spricht lächelnd am Rednerpult vor einer violett beleuchteten IHK‑Hinterwand.

Jérôme Brouillet, Gesandter für Wirtschaftsangelegenheiten, Französische Botschaft

Jérôme Brouille, Gesandter für Wirtschaftsangelegenheiten der französischen Botschaft in Berlin, griff die Vorlage Mehrings gerne auf. Brouille versicherte, auch in Paris sehe man die Gefahr, von China und den USA überrollt zu werden. Nach Lage der Dinge werde die französisch-deutsche Partnerschaft eine Schlüsselrolle spielen für das, was nötig sei: die digitale Souveränität Europas.

Was seinen Worten zufolge Hoffnung macht, ist das Bemühen von Bundeskanzler Friedrich Merz und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Jérôme Brouille sagte mit indirektem Hinweis auf die erratische Politik Trumps, die Unternehmen in beiden Ländern begriffen derzeit, warum Europa das brauche: Datenschutz und eine eigene Cloud-Lösung.

Disrupt or be disrupted

André Loesekrug-Pietri spricht auf einer Bühne und gestikuliert vor einer großen Präsentationsfolie mit historischen Innovationsmeilensteinen wie World Wide Web, Dampfmaschine und elektrischer Maschine.

André Loesekrug-Pietri

Dies leitete über zur Kernfrage der Tech Talks: "Kann Europa die Zukunft noch erfinden?" Damit beschäftigte sich in seinem Vortrag André Loesekrug-Pietri, ein Mann, der es wissen muss. Loesekrug-Pietri ist Vorsitzender und wissenschaftlicher Direktor der Joint European Disruptive Initiative, einer Agentur für Sprunginnovationen mit dem schönen Kürzel (JEDI).

"Kann Europa die Zukunft noch erfinden?" Die Antwort des JEDI-Chefs erinnerte an die alten Witze über Radio Eriwan: Im Prinzip ja, aber dafür muss eine Menge passieren. Loesekrug-Pietri erklärte, die heutige Lage Europas sei vergleichbar mit dem Wettlauf ins All, den die USA in den 50er und 60er Jahren führte.

Der sowjetische Kosmonaut Juri Gagarin umkreiste als erster Mensch im All im Raumschiff die Erde. In Washington empfand man das als Schmach. US-Präsident John F. Kennedy reagierte darauf 1962 mit seiner berühmten Rede "We choose to go to the Moon". Was Loesekrug-Pietri im IHK-Atrium als Knackpunkt beschrieb: Kennedy begnügte sich nicht damit, den technologischen Rückstand nur aufzuholen. Er definierte als Ziel, das technologisch Schwierigste, was damals vorstellbar war.

Loesekrug-Pietri betonte, Europa brauche heute eine ganze Reihe von Moonshot-Programmen – etwa für KI, Batterie-Technik, Energiewende, Rüstungsindustrie und Satelliten-Technologie. Ähnlich wie seine Vorredner, bescheinigte Loesekrug-Pietri der EU gute Ansätze. Für echte Durchbrüche müsse man aber Initiativen und Kräfte bündeln. Loesekrug-Pietri plädierte für die Schaffung eines European Technology Centers. Loesekrug-Pietri sprach dabei eine Warnung aus: Europa sei faktisch zur Innovation verdammt. Wenn das scheitere, werde die Demokratie schweren Schaden nehmen.

Das Beispiel Celonis zeigt: "Es geht"

Thomas Zeller (rechts) und Prof. Dagmar Schuller (links) im Gespräch auf einer Bühne; Thomas Zeller spricht ins Mikrofon, während Prof. Schuller aufmerksam zuhört

Thomas Zeller (r.) und Prof. Dagmar Schuller (l.)

Das stärkste Plädoyer für Europa hielt an diesem Nachmittag Oliver Zeller, Innovationschef der Münchner Wunderfirma Celonis. Das einstige Start-up Celonis ist heute an der Börse mit rund 13 Milliarden Euro etwa doppelt so viel Wert wie die gesamten Reste der deutschen Stahlindustrie. Zeller ist offensichtlich ein Mann, der es wissen muss. Auch er sprach Europas Schwächen an: zu viel Bürokratie, die Versuche europäischer Regierungen, selbst Software zu entwickeln. Aber das Beispiel Celonis zeige: "Es geht."

Zeller versprühte Zuversicht. Europa stehe für Werte, Moral und Demokratie. Es sei ein Vorbild für die übrige Welt. Vertrauen sei die Basis für die weitere Entwicklung der Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz. Zeller gab sich davon überzeugt: Für Unternehmen, Investoren und Talente sei Europa derzeit "the place to be".

Eine KfW-Umfrage vom März dieses Jahres bestätigt das. Demnach ziehen sich deutsche Mittelständler zunehmend aus ihrem US-Geschäft zurück. Das "Handelsblatt" meldet, US-Investoren würden verstärkt Kapital von den USA nach Europa umschichten, angetrieben durch Sorgen über die US-Wirtschaftspolitik, hohe Bewertungen bei Tech-Aktien und geopolitische Risiken.

Trumps Superkräfte, sie schwinden offenbar rapide. Auch das öffnet Europa ein Fenster der Gelenheiten. Nur ist dafür die Zeit – das machten die Tech Talks deutlich – ein entscheidender Faktor. Dagmar Schuller bemühte dafür einen Vergleich aus dem Fußball. Harry Kane, sagte sie, hätten nicht 10.000 Spiel-Analysen zum Weltklasse-Stürmer gemacht. Talent entwickle sich erst im Training und Spiel auf dem Platz. Das Potenzial zur Weltklasse habe Europa auch. Jetzt müsse die Umsetzung kommen.

Panels im Überblick

Shaping Europe’s Competitive Digital Future: Frameworks, Innovation, and Industrial Scale

Fünf Panelteilnehmer sitzen auf einer Bühne und diskutieren; in der Mitte des Bildes eine große Leinwand mit Namen und Fotos der Beteiligten sowie dem IHK‑Branding. Die Gruppe wirkt lebhaft und engagiert im Gespräch.

Im Hauptpanel wurde diskutiert, wie Europa seine digitale Wettbewerbsfähigkeit verbessern kann, indem institutionelle Rahmenbedingungen, technologische Innovation und industrielle Bedürfnisse stärker aufeinander abgestimmt werden. Anhand einer europäischen Cloud‑Initiative wurde aufgezeigt, wo entlang der digitalen und industriellen Wertschöpfungskette derzeit Verwundbarkeiten bestehen – von fehlender Infrastruktur über fragmentierte Märkte bis hin zu Skalierungshemmnissen für innovative Unternehmen.

Die Panelistinnen und Panelisten beschrieben die Herausforderungen, mit denen europäische Technologieakteure konfrontiert sind, wenn sie im europäischen Markt bleiben und von hier aus wachsen wollen. Eine wichtige Rolle spielte dabei die Frage nach einer möglichen "European Preference", also dem gezielten Einsatz europäischer Lösungen in strategischen Bereichen.

Deutlich wurde: Um im globalen Wettbewerb bestehen zu können, braucht Europa schnellere Entscheidungsprozesse, verlässliche Rahmenbedingungen und einen stärkeren Schulterschluss zwischen Politik, Industrie und Technologieentwicklern.

Fazit: Europas digitale Souveränität hängt entscheidend davon ab, wie gut es gelingt, Innovation, Marktstrukturen und politische Weichenstellungen europaweit zu koordinieren und gemeinsam zu skalieren.

Es diskutierten:

  • Olivier de la Boulaye, Group Sales Director Healthcare, OVH Cloud
  • Vincent Rijnbeek, RVP Sales, Dataiku
  • Prof. Dagmar Schuller, Vice President, Chamber of Commerce and Industry for Munich and Upper Bavaria (IHK)
  • Oliver Zeller, Director of Innovation, Celonis

Moderation: Patrick Brandmaier, CEO, Franco-German Chamber of Industry and Commerce

Sechs Personen stehen lächelnd nebeneinander auf einer Bühne vor einer Präsentationsfolie mit Veranstaltungsinformationen; die Gruppe wirkt entspannt und professionell.

In der AI‑Session wurde deutlich, dass Europa über starke KI‑Start-ups, hochwertige industrielle Daten und wachsendes technologisches Know-how verfügt – diese Potenziale jedoch besser vernetzt und gebündelt werden müssen.

Zentral war der Ruf nach einer gemeinsamen europäischen Vision für KI, die nationale Einzelinitiativen überwindet und europäische Stärken strategisch zusammenführt.

Als mögliches Alleinstellungsmerkmal Europas wurde Trustworthy AI hervorgehoben: Europa kann sich mit verantwortungsvoller und verlässlicher KI als Wettbewerbsvorteil positionieren. Allerdings müssen dafür die Regelwerke konsequent praxisfreundlicher und innovationsorientierter ausgestaltet werden.

Fazit: Europa hat die Voraussetzungen, im globalen KI‑Wettbewerb eine führende Rolle einzunehmen – wenn Zusammenarbeit, klare Zielbilder und ein europäischer Ansatz konsequent gestärkt werden.

Es diskutierten:

  • Laurence Fornari, Head of Sales, Digigram Group
  • Luca Franke, GTM DACH, Mistral AI
  • Andreas Preißer, Head of Business Relations, Baiosphere - the Bavarian AI Network
  • Lucas Spreiter, Founder of Venta AI & Regional Manager Bavaria of KI Bundesverband (German AI Association)
  • Nadine Stockinger, AI Governance Manager | Vehicle Development Process, BMW Group

Moderation: Franziska Neuberger, IHK für München und Oberbayern

Publikum sitzt in einem Veranstaltungsraum und hört einer Paneldiskussion auf der Bühne zu; auf der Leinwand sind Präsentationsfolien mit dem Thema ‘Defence Tech’ und einem Robotermotiv zu sehen.

In der Session „How do industrial leaders and start-ups strengthen Europe’s technological sovereignty in space and defense?“ standen aktuelle Entwicklungen in der Verteidigungs- und Raumfahrttechnologie sowie ihre Bedeutung für Europas Sicherheit im Mittelpunkt.

Ein zentraler Schwerpunkt lag auf der wachsenden Rolle von Drohnen, sowohl im Bereich Aufklärung als auch im Combat‑Einsatz. Die Diskussion machte deutlich, dass Europa hier strategisch nachziehen muss, um technologische Abhängigkeiten zu reduzieren und eigene Fähigkeiten auszubauen.

Große Aufmerksamkeit erhielt zudem das europäische Vergabewesen. Die Frage, ob die bestehenden Beschaffungsprozesse angesichts rasanter technologischer Sprünge und Just‑in‑Time‑Produktion noch zeitgemäß sind, wurde intensiv diskutiert. Mehrere Stimmen betonten, dass Europa insgesamt zu langsam ist – auch, weil die Strukturen oft komplex und langwierig sind.

Im Vergleich wurde hervorgehoben, dass Frankreich über deutlich effizientere Entscheidungs- und Beschaffungswege verfügt, da das Land seit Jahren stärker in Defense‑Technologien investiert und eine kontinuierliche Industrieentwicklung aufweist. Deutschland hingegen holt erst seit Kurzem auf, nachdem der Sektor lange im Schatten stand.

Darüber hinaus wurde die Bedeutung des Weltraums (Space) für Sicherheit und Resilienz Europas hervorgehoben – von Satellitenkommunikation über Erdbeobachtung bis hin zu neuen kommerziellen und strategischen Anwendungen.

Fazit: Um Europas technologische Souveränität in Verteidigung und Raumfahrt zu stärken, braucht es schnellere Entscheidungsprozesse, modernisierte Vergabestrukturen sowie eine engere Zusammenarbeit zwischen etablierten Unternehmen und Start-ups.

Auf dem Panel diskutierten:

  • Eric Even, Head of Space Digital | SVP, Airbus Defence and Space
  • Stephanie Lingemann, Senior Director Air Domain, Helsing
  • Bastien Mancini, CEO, Delair

Moderation: Yves-Antoine Brun, Les Conseillers du Commerce Extérieur de la France (CCE)

Mehrere Personen sitzen in einem kleinen Panelkreis vor einem Publikum; über ihnen zeigt eine Leinwand die Vortragstitel und Referent:innenfotos zum Thema ‘Financing Innovation’. Die Runde diskutiert lebhaft, während das Publikum aufmerksam zuhört.

In der Session „Financing Europe’s Deep Tech Future“ wurde deutlich, dass erfolgreiche Innovationsfinanzierung weit über die Bereitstellung von Kapital hinausgeht. Die Panelistinnen und Panelisten diskutierten, welche Rahmenbedingungen europäische Technologieunternehmen benötigen, um von der frühen Entwicklung in den globalen Maßstab zu gelangen – insbesondere in Bereichen wie Deep Tech, Fusionsenergie, Cybersecurity und skalierende Softwareunternehmen.

Klar wurde: Entscheidend sind Strukturen und Bedingungen, die Wachstum ermöglichen. Dazu zählen vor allem der Zugang zu großen, risikobereiten Kundinnen und Kunden, schnellere Entscheidungsprozesse, ein verlässlicher und innovationsfreundlicher regulatorischer Rahmen sowie ein gestärktes Vertrauen in europäische Technologieanbieter. Als weiteres Schlüsselelement wurde die Bedeutung enger Public-Private Partnerships hervorgehoben, um langfristige technologische Vorhaben zu ermöglichen und internationale Wettbewerbsfähigkeit zu sichern.

Fazit: Europa braucht nicht nur mehr Kapital, sondern vor allem ein Ökosystem, das Skalierung erlaubt – mit klaren Regeln, mutigen Kunden und einer gemeinsamen Ambition, technologische Spitzenleistungen in Europa zu halten und global erfolgreich zu machen.

  • Jérémie Falzone, Partner, Revaia
  • Dr. Saskia Horsch, Director Corporate Affairs, Marvel Fusion
  • Itziar Estevez Latasa, General Partner, IRIS Capital
  • Dr. Nils Schwerdfeger, COO, Myra Security

Moderation: Sabine Flechet, Board Member, La French Tech Munich