Tourismus

Reisewege zur Wirtschaft

Unternehmen, die ihre Fertigung und ihre Produkte zum touristischen Ziel machen, tragen nicht nur zur Attraktivität Oberbayerns bei. Auch ihr Image profitiert vom Erlebnis ihrer Gäste. ULRICH PFAFFENBERGER

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© yorck dertinger Family-Day am Flughafen München

Vor einer halben Stunde noch hatte die Gesellschaft über Arbeitgebermarken und Recruitingstrategien diskutiert. Jetzt stehen die Human-Resources-Experten aufmerksam um ein Modell 501 herum, das in den 1960er-Jahren als flottes Polizeiauto in der Fernsehserie „Funkstreife Isar 12“ eine Hauptrolle spielte. Aber noch spannender finden die Zuhörer die Geschichte, die der Museumsführer erzählt aus der Zeit, als die Bayerischen Motoren Werke unbedingt die Farben des Freistaats im Logo haben wollten. Weiß-Blau war tabu – das Markenschutzgesetz untersagte, „Staatswappen oder sonstige staatliche Hoheitszeichen“ in ein Warenzeichen zu integrieren. Deshalb spiegelten die Verantwortlichen die Farben im Logo: Blau-Mitte-Weiß, wie BMW. Jetzt nehmen die Tagungsteilnehmer noch etwas mit, was sie an BMW erinnert und was sie zu Hause sogar weitererzählen können.

Der Betrieb als Attraktion

Die Zahl der Unternehmen wächst, die ihre Geschichte auf solche oder ähnliche Weise in die Öffentlichkeit tragen und damit ihrer eigenen Marke einen besonderen Glanz verleihen wollen. Gläserne Werkstätten, historische Exponate wie in den BMW-Classic-Gebäuden, ein Blick hinter die Kulissen – die Vielfalt der Reisewege zur Wirtschaft in München und Oberbayern ist so groß und bunt wie die Unternehmerlandschaft in der Region.

Die Top-Attraktionen kennt jeder: die Bavaria-Filmstadt als Mischung zwischen Drehort und Vergnügungspark, das Walchenseekraftwerk mit seiner spektakulären Ingenieursarchitektur oder die Alte Saline in Reichenhall. Diese Destinationen locken nicht nur Touristen an. Auch das sogenannte M.I.C.E.-Geschäft – Meeting, Incentive, Conference, Event – nutzt die Signalwirkung solcher Ziele, um sein Publikum zu beeindrucken und Veranstaltungen mit einem zusätzlichen Erlebnis aufzuwerten. „Indem Veranstalter ihre Tagung mit einem außergewöhnlichen Ort verbinden, verankern sie die jeweiligen Botschaften viel nachhaltiger in den Köpfen der Teilnehmer“, weiß Oswald Pehel (48), Geschäftsführer von Tourismus Oberbayern München (TOM e.V.). Für ihn gehören gerade die großen Namen „zum Markenkern von Oberbayern“, der auf alle anderen touristischen Anbieter in der Region ausstrahlt.

Jede Attraktion, die für Reisende zum Pflichtprogramm gehört wie etwa die Allianz-Arena, verlängere die Aufenthaltsdauer am Zielort – und erhöhe damit die Chance für andere Unternehmer wie Hoteliers, Gastronomen und Einzelhändler, ebenfalls Geschäft zu machen. Gleichzeitig gewinnen Firmen, die einen Teil ihrer Anlagen Besuchern zugänglich machen, ein zusätzliches Instrument für die Öffentlichkeitsarbeit. Schließlich ist es längst üblich, Urlaubseindrücke und Erlebnisse auf Social Media zu teilen. So war der Besucherhügel am Münchner Flughafen einst nur eine originelle Zweitverwertung des Erdaushubs für die Gebäude.

Inzwischen kommen jedes Jahr rund 150000 Menschen dorthin und schicken ihr Selfie mit Jumbo in alle Welt. Weitere 85000 Flughafenbesucher nehmen jährlich an einer der Rundfahrten teil, die es in den unterschiedlichsten Varianten gibt. Allein die Lichterfahrten, die den Flughafen in winterlicher Abendstimmung präsentieren, ziehen etwa 10000 Gäste pro Jahr an. Flughafensprecher Ingo Anspach hat weniger die damit erzielten Einnahmen im Blick, er schaut auf den Imagefaktor: „Indem wir vom Besucherhügel aus Einblick in die Abläufe geben und Technik sichtbar machen, vergrößern wir gleichzeitig das Verständnis für den Flughafen als leistungsfähigen und nützlichen Wirtschaftsbetrieb“, stellt er fest. Je genauer man die touristische Landkarte Oberbayerns betrachtet, desto deutlicher werden die Wirtschaftsbetriebe sichtbar, die außerhalb der typischen Tourismusbranchen zum Urlaubs- oder Tagungserlebnis beitragen.

Dazu zählen die zahlreichen Fabrikverkäufe, die das markenbewusste Publikum auf dem Radar hat – von Gabor bis Bogner, von Hallhuber bis Alpenhain, von Meindl bis Käfer. Wer sich morgens auf dem Parkplatz des Outlet-Centers bei Ingolstadt umsieht, kann neben Urlaubern noch eine weitere typische Einkaufsspezies ausmachen: Geschäftsleute auf der Heimreise, die schnell noch ein schönes Mitbringsel erwerben. Einparken, einkaufen, ausparken – „in 20 Minuten sind die wieder vom Hof“, erzählen die Verkäuferinnen in den Läden.

Ein Braukurs bindet Kunden

Eine andere Form von Wirtschaftstourismus findet dort statt, wo mit dem Werksbesuch gleich eine Produktverkostung verbunden ist. Brauereien sind da sehr beliebt. Beim Baderbräu in Schnaitsee etwa sind sogar Brauseminare zu buchen: Während der ganztägigen Veranstaltungen werden fünf Hektoliter Weißbier gebraut – die Teilnehmer begleiten alle Stadien der Verarbeitung von Hopfen und Malz zum bayerischen Nationalgetränk. Mit auf den Heimweg gibt es nicht nur Anleitungen zum häuslichen Eigenbrauen, sondern auch das Versprechen: „Wie es unter Brauern gelebte Tradition ist, stehen wir Ihnen dann auch gerne bei später auftretenden Fragen zur Seite.“

Dass Langfristigkeit und Nachhaltigkeit solcher Angebote Konjunktur haben, zeigt sich an immer mehr Orten. In Prien am Chiemsee haben die Touristiker Hofläden mit einer Rad- und Wanderroute verbunden. Damit werden Gäste an das örtliche Angebot herangeführt – und die Anbieter auf der Route profitieren voneinander.

Garmisch-Partenkirchen entwickelte, initiiert vom örtlichen Tourismusverband, die Lokalmarke „Inser Hoamat“. Darunter werden Produkte vermarktet von „Herstellern, die hier verwurzelt sind und mit echtem Handwerk unsere Heimat prägen“. Keramik und Schmuck gehören dazu, Haferlschuhe, Seifen, Schokolade. So erzeugt die lokale Wirtschaft unverwechselbare Produkte für einkaufsfreudige Gäste.

Der Luftkurort nutzt auch an anderer Stelle eine Innovation aus der Wirtschaft, um seine touristische Qualität zu steigern. 2017 startete das Projekt Wander-e-Auto im Landkreis Garmisch-Partenkirchen. Gemeinden können für sechs Wochen ein Elektroauto leihen und ihren Bürgern und Gästen kostenlos zur Verfügung stellen. Gesponsert wird das Fahrzeug von der Ammer-Loisach Energie. Die Nachfrage ist so groß, dass nun ein zweites Auto angeschafft wurde. So entsteht nicht nur ein zugkräftiges touristisches Angebot. Die Hersteller gewinnen auch neue Interessenten, die ihre Modelle kennenlernen. Damit erzeugen Urlaubsorte und Hersteller genau jenen Effekt, der sich nach Erfahrung von Jens Huwald (45), Chef der Agentur Wilde & Partner Public Relations GmbH und früher Geschäftsführer der Bayern Tourismus Marketing GmbH, sowohl touristisch als auch unternehmerisch bezahlt macht: „Es geht schlicht darum, eine Marke oder ein Produkt mit positiven emotionalen Erlebnissen aufzuladen“.