Türkei nach dem Referendum: "Die Chance ist da"

Felix Kleinert, Netzsch Pumpen & Systeme GmbH in Waldkraiburg
© IHK

Der Außenhandel zwischen Bayern und der Türkei ist in den letzten Jahren mit wenigen Ausnahmen gewachsen. Die Unternehmen mit Geschäftsbeziehungen oder Investitionen in der Türkei setzen nach dem Referendum auf eine baldige Normalisierung der Beziehungen zu Deutschland. Im Interview: Felix Kleinert ist Geschäftsführer der Netzsch Pumpen & Systeme GmbH in Waldkraiburg.

Netzsch-Pumpen: Standort Türkei wird nicht aufgegeben

Das Unternehmen in Waldkraiburg ist Teil der Netzsch-Gruppe, einem weltweit tätigen Familienunternehmen mit 500 Mio. Euro Umsatz und 3.600 Mitarbeitern weltweit, das auch in der in der Türkei eine Tochtergesellschaft unterhält. Kleinert engagiert sich zudem im IHK-Regionalausschusses Altötting-Mühldorf.

Herr Kleinert, macht Ihnen das Türkei-Geschäft in diesen Tagen noch Freude?
Es ist schwierig, keine Frage. Wir unterhalten als Netzsch-Gruppe eine eigene Tochtergesellschaft in Izmir. Wir haben in der Türkei mehrere Distributoren im Einsatz. Seit zwei, drei Jahren stagniert das Geschäft, wir haben in Teilbereichen auch leichte Einbußen.

Woran liegt das?
In der Türkei gibt es momentan nur geringe Investitionsbereitschaft. Erschwerend kommt hinzu, dass der Kurs der der türkischen Lira verfällt, was deutsche Produkte für türkische Kunden teurer macht.

Wie sieht denn Ihre Krisenstrategie aus?
Wir haben darauf reagiert, in dem wir einen Teil der Belieferung mit dem Import von Pumpen aus Indien gedeckt haben. Wir haben in Indien ein eigenes Werk, in dem wir relativ einfache Pumpen herstellen. Auf Dauer ist das keine Lösung. Unsere türkischen Kunden wollen natürlich unsere hochwertigen Produkte aus Deutschland haben.

Denken Sie darüber nach, den Standort Türkei aufzugeben?
Nein, überhaupt nicht. Wissen Sie: Unser Familienunternehmen ist jetzt fast 150 Jahre alt. Unsere Firmengeschichte hat gelehrt: Es lohnt sich, mit einer gewissen Konstanz an die Dinge heranzugehen. Ein Beispiel: Wir haben eine Tochtergesellschaft in Argentinien. Dort sind unsere Wettbewerber vor Jahren aus dem Land rausgegangen, weil es devisenbewirtschaftet und das Geschäftemachen sehr schwierig war. Wir sind mit unseren25 Leuten geblieben, haben niemanden entlassen. Heute sind wir in Argentinien der einzige Qualitätsanbieter im Land. Heute machen wir dort Ergebnisse, von denen man nur träumen kann.

In Argentinien ging es aber nur um Handelshürden, in der Türkei werden Menschen politisch verfolgt. Von der Säuberungswelle waren neben Verlagen auch einige Unternehmen betroffen. Wurden Sie oder ihre Geschäftspartner in der Türkei Opfer staatlicher Repressionen?
Nein, wir haben keine Repressalien gespürt. Wir führen allerdings mit unseren Geschäftspartnern auch keine tiefgehenden politischen Gespräche. Sicher haben wir gehört, dass der eine oder andere mit Erdogan nicht glücklich war. Einer wollte das Land verlassen, hat es aber dann doch nicht getan.

Viele fürchten, Präsident Erdogan habe nun freie Hand für den Umbau seines Landes in einen autoritären Staat. Werden darunter nicht auch Ihre Geschäfts- und Handelsbeziehungen leiden?
Fest steht: Wir haben ein Ergebnis, wir haben einen Gewinner, auch wenn uns das alles aus deutscher Perspektive nicht unbedingt gefällt. Ich gehe davon aus, dass das Referendum die Lage im Land stabilisieren wird. Es ist nun klar, wie es politisch weiter geht. Das haben selbst Erdogan-Kritiker begrüßt.

Jahr2009
2010201120122013201420152016
Importe Bayerns aus der TürkeiMio €1.389,221.647,342.124,992.430,252.511,352.562,832.592,94
2.656,40
 Wachstum 19%29%14%3%2%1%2%
Exporte Bayerns in die TürkeiMio €1.518,262.179,892.852,012.786,392.906,112.820,323.098,703.293,63
 Wachstum 44%31%-2%4%-3%10%7%
Handelsvolumen Bayern - TürkeiMio €2.907,483.827,234.977,005.216,645.417,465.383,155.691,645.950,03
 Wachstum 32%30%5%5%-1%6%5%

Referendum in der Türkei

Ist es nicht so, dass das Referendum die Spaltung des Landes noch vergrößert hat? Die Leitartikler warnen vor noch härteren Auseinandersetzungen in der Türkei …
Natürlich könnte es auch mehr Terror im Land geben, der Konflikt mit den Kurden könnte sich verschärfen. All das würde der Wirtschaft und den Handelbeziehungen schaden. Aber hierzu müssen Sie politische Kommentatoren fragen. Als Unternehmer sehe ich die Dinge so: Erdogan ist jemand, der um die Bedeutung der Wirtschaft weiß. Unter seiner Regierung ist es mit der türkischen Wirtschaft gewaltig aufwärtsgegangen. Das ist einer der Gründe, warum er von seinen Bürgern gewählt wurde Das sollte man auch nicht vergessen.

Zumindest ist doch sicher: Nach dem Referendum ist der EU-Zug für die Türkei endgültig abgefahren …
Das mag sein. Aber Erdogan weiß auch, dass er dringend wirtschaftliche Erfolge für die Entwicklung seines Landes braucht. Die Risiken sehe ich auch. Hybris und Narzissmus trüben oft den Blick für das, was wirtschaftlich sinnvoll ist. Dafür haben wir momentan genügend Beispiele weltweit.

Befürworter des Protektionismus und Nationalismus beherrschen momentan die Debatten. Lässt Sie das als Unternehmer kalt – oder macht Ihnen das Sorgen?
Das lässt mich überhaupt nicht kalt – weder als Unternehmer noch als Privatmann. Ich bin ein Anhänger der Demokratie und empfinde das, was wir derzeit auf der Welt und auch in Deutschland erleben, als beunruhigend. Die Menschen gehen mit der Demokratie um, als hätten wir noch ein paar Ersatzdemokratien im Ärmel. Das gilt übrigens auch für die Presse.

Das gilt auch für Marktwirtschaft und freien Handel – das alles wird infrage gestellt …
Ja, das stimmt. Es tut unserer Demokratie nicht gut, dass unsere traditionellen Parteien stark an Bindungskraft verloren haben. Man muss kein Freund der SPD sein, um zu bedauern, dass die Sozialdemokratie in Europa fast zur Bedeutungslosigkeit verkommen ist. Das Vakuum füllen jetzt andere – die AfD, die Le Pens, die Geert Wilders. In Italien verspricht Beppo Grillo das Ende von EU und Euro. Es ist unfassbar, was sich da politisch abspielt. Und die politische Entwicklung in den USA zeigt, wie wichtig breite und möglichst auch tiefe Bildung für die Gesellschaft ist.

Fühlen Sie sich als engagierter Unternehmer nun in der Pflicht, mehr für die Bildung zu tun?
Ich halte das für einen wertvollen Hinweis, den Sie uns da geben. Darüber sollten wir Unternehmer tatsächlich mehr nachdenken. Wir, Netzsch, sind ein großer Ausbildungsbetrieb. Damit setzen wir bereits an einer wichtigen Stelle an. Wir bieten unseren Azubis sogar zusätzliche Qualifizierungsmaßnahmen: Wir haben eine Lehrerin engagiert, die unseren kaufmännischen und gewerblichen Azubis breit angelegten Extra-Unterricht gibt.

Hätten sich nicht mehr Vertreter in der Wirtschaft für Demokratie, Marktwirtschaft und EU-Binnenmarkt einsetzen müssen?
Die Nationalisten arbeiten nur mit Emotion. Dagegen haben wir uns – auch als IHK – immer schwer getan. Ich befasse mich schon einige Zeit damit, wie man mit der politischen Meinung und insbesondere der emotional überfrachteten Argumentationsweise der extremen Rechten und Linken umgeht. Ich habe noch keine Antwort darauf, habe hierzu auch noch keine schlüssige wissenschaftliche Abhandlung gefunden.

Könnten Gespräche helfen?
Diskussionen zu führen mit Leuten, die nicht zuhören oder keine Sachargumente akzeptieren, sind sehr schwierig. Wir sind eine sehr glückliche Generation. Wir kennen nur Frieden. Das ist so ziemlich das Wertvollste, was man erleben kann. Gleichwohl wird das kaum geschätzt, obwohl es die größte Errungenschaft des geeinten Europas ist. Es ist mir völlig rätselhaft, wie man als Deutscher dazu kommt, zu behaupten, uns ginge es ohne den Binnenmarkt besser. Dafür braucht es viel für Gottvertrauen. (lacht)

Müsste man den Bürgern wirtschaftliche Zusammenhänge nicht besser erklären?
Ja, mit dem Thema beschäftigen wir uns schon seit einiger Zeit auch mit unseren Führungskräften. Wir müssen deutlich machen, welche Funktion ein Unternehmen in einer Gesellschaft hat. Wir überlassen das Feld zu stark den Gewerkschaften. Die machen das gut, argumentieren sehr emotional. Da geht es immer um den ausgebeuteten Arbeitnehmer, den man schützen muss. Übersehen wird, dass wir das Geld, von dem die Arbeitnehmer und ihre Familien leben, zuvor verdienen müssen – mit guter Leistung im harten globalen Wettbewerb, die vom Kunden honoriert wird. Diesen Leistungsgedanken müssen wir mehr betonen.

Mehr Engagement für Europa notwendig

Hätte sich nicht auch die Politik stärker für Wirtschaft, Euro und Binnenmarkt engagieren müssen?
Ganz eindeutig. Ich habe einige Jahre in Großbritannien gelebt. Dort hat das Thema Wirtschaft in der Politik einen ganz anderen Stellenwert.

Trotzdem haben wir jetzt den Brexit …
Das ist ja der Aberwitz. Und es ist offensichtlich, dass sich die großen Brexit-Befürworter jetzt vor der Verantwortung drücken. Das ist ein Erfolg der Populisten zu Lasten der Bürger. Ich halte das für irre. Ich habe aber die Briten in Zeiten ohne Populismus anders erlebt, als sehr wirtschaftsorientiert und wirtschaftsfreundlich. Das gibt es so in Deutschland nicht. Wirtschaft findet bei uns einfach nicht ausreichend statt. In der Schule nicht, auch in der politischen Debatte nicht.

Eine Ursache für die EU-Misere ist der Dauerstreit über die Flüchtlinge. Engagieren Sie sich für die Integration?
Ja, aber das ist eine schwierige Aufgabe. Wir haben momentan zwei Flüchtlinge hier. Wir arbeiten dafür mit dem Berufsbildungswerk Don Bosco in Aschau zusammen. Das vermittelt uns unbegleitete Minderjährige. Wir bekommen Jugendliche, die am besten geeignet sind – aber selbst da ist es sehr schwer, sie zur Ausbildungsreife zu führen. Aber wir geben nicht auf, da es wichtig ist, den jungen Flüchtlingen, die nun mal bei uns sind, auch eine Perspektive zu geben. Wichtig für die Flüchtlinge, aber auch wichtig für unsere Gesellschaft.

Fühlen Sie sich von der Politik im Stich gelassen?
Wir hatten uns für zwei Afghanen entschieden, auch weil wir von amtlich bestätigten guten Bleibeperspektiven ausgegangen waren. Jetzt sollen Afghanen abgeschoben werden – solche Unsicherheiten machen uns die Integration nicht leichter. Wir kommen aber unserer Verantwortung nach und machen weiter. Rückschläge gehören dazu und daraus müssen wir lernen. Wir müssen uns auf die konzentrieren, die wirklich geflüchtet sind. Wer das Asylrecht missbraucht, muss zügig abgeschoben werden. In diesem Punkt versagt der Staat.

Halten Sie es für möglich, dass auch Europa aus seiner Krise lernt?
Die Chance ist da. Zum Glück scheint sich der Trend jetzt zu wandeln. Es gibt erstmals Proteste für Europa. Das macht Mut. Ich hoffe, dass das Beispiel Holland Schule macht. Dort hatten wir eine konstruktive Wahlentscheidung. Für die nationalistische Kraft unter Führung von Geert Wilders hat es nicht zur Machtübernahme gereicht. Ich hoffe in Frankreich auf eine ähnliche Entwicklung. Der entscheidende Einsicht ist doch: Eine Vereinzelung der Staaten nützt in der EU niemandem, sie dient nur den nachvollziehbaren Interessen von Trump und Putin.