25.07.2017 - Dachau - Ebersberg - Erding-Freising - Fürstenfeldbruck - Landkreis München - Landsberg - Starnberg

Auftakt fürs IHK-Forum Region München: Wirtschaft fordert mehr Wohnbau

podiumsdiskussion
© IHK

Fehlende Fachkräfte und fehlender Wohnraum sind laut der aktuellen IHK-Standortumfrage die zwei größten Hemmschuhe für die wirtschaftliche Weiterentwicklung im Großraum München. „Gerade unsere Boomregion mit ihrer hohen Attraktivität für die Wirtschaft sieht sich seit Jahren mit steigenden Miet- und Kaufpreisen konfrontiert, die für viele Fachkräfte nicht mehr bezahlbar sind“, betonte Peter Kammerer, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK für München und Oberbayern, bei der Eröffnung des ersten IHK-Forums für die Region München.

Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik diskutieren Lösungsansätze ‎

Otto Heinz, Moosburger Unternehmer und zu Beginn der Sitzung neu gewählter Sprecher des IHK-Forums, bestätigte: „Der Mangel an bezahlbarem Wohnraum lässt uns Unternehmern die Fachkräfte ausgehen und betrifft längst alle Landkreise rund um München und darüber hinaus. Deshalb müssen wir uns zur Lösung dieses Problems enger vernetzen, sowohl untereinander als auch mit der Stadt München, den Landkreisen, den Kommunen und der Politik.“ Heinz, auch Vorsitzender des IHK-Regionalausschusses Erding-Freising, begrüßte es daher, dass die sieben im IHK-Forum für die Region München vertretenen Regional­ausschüsse Dachau, Ebersberg, Erding-Freising, Fürstenfeldbruck, Landsberg am Lech, München Landkreis und Starnberg, den Mangel an bezahlbarem Wohnraum zum Hauptthema ihrer ersten gemeinsamen Sitzung gewählt hatten.

Gleich im ersten Vortrag, in dem Robert Kaltenbrunner vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung, Thesen zum Wohnbauverhalten in der Stadt vorstellte, fiel das Stichwort Nachverdichtung, das auch im weiteren Verlauf der Veranstaltung für rege Diskussionen sorgte. Doch zunächst gab Wilhelm Natrup, Kantonsplaner und Amtschef der Baudirektion Zürich, interessante Einblicke in die Raumentwicklung und den Wohnungsmarkt des ebenfalls von Wachstum und Zuzug gekennzeichneten Kantons Zürich. Er schilderte, mit welchen Maßnahm­en der Kanton etwa 80 Prozent des bis 2040 prognostizierten Bevölkerungs­wachstums um 360.000 neue Einwohner über die Nachverdichtung im bestehenden Siedlungsraum abfangen will.

Wie Partnerschaften auf kommunaler Ebene die Lage auf dem Wohnungsmarkt ein wenig entspannen können, erläuterte Peter Karmann, Geschäfts­leiter der Gemeinnützigen Wohnungsbau­gesellschaft Ingolstadt GmbH. Er stellte das Greenhouse vor, ein Ingolstädter Pilotprojekt, das speziell Auszubildenden und Praktikanten Wohnraum zur Verfügung stellt. Dieses wurde in Kooperation mit der Gesellschafterin Audi und weiteren Großunternehmen realisiert. 39 Appart­ments stehen seit Sommer 2015 im Greenhouse zur Verfügung. Weitere Bauabschnitte mit etwa 300 Wohnungen für Azubis, Berufsanfänger und minderjährige Auszubildende mit Betreuern sind in Planung. Partnerschaften mit Unternehmen sind ausdrücklich erwünscht.

Auch der Landkreis Ebersberg unternahm mit der Gründung der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft WBE, im Dezember 2016 einen innovativen Schritt, um der Wohnungsnot bei Geringverdienern und Beziehern mittlerer Einkommen beizukommen. „Wir denken hier vor allem an Fachkräfte aus der Pflege oder dem Erziehungswesen, die ihr Zuhause im Landkreis behalten sollen“, so Brigitte Keller vom Landratsamt, die das gemeinsame Kommunalunternehmen vorstellte. Dieses übernimmt für Kommunen, die ein Grundstück in das Unternehmen einbringen, die Bauplanung und kümmert sich um die Förderung des Wohnbau­projekts gemäß dem Kommunalen Wohnraumförderungsprogramm. Das gelungene Beispiel für eine interkommunale Zusammenarbeit fand unter den Zuhörern viel Beifall.

Lösungsansätze für mehr bezahlbaren Wohnraum

Mit den Empfehlungen der oberbayerischen Immobilienwirtschaft zur Schaffung von bezahlbarem Wohnraum spannte Andreas Eisele, Vorsitzender des IHK-Ausschusses Immobilienwirtschaft, den Bogen zur nachfolgenden Podiums­diskussion. „Dreh- und Angelpunkt ist die Mobilisierung von Grundstücken und das Schaffen von Baurecht“, so Eisele. Sein besonderer Appell an die Vertreter von Politik und Verwaltung lautete, alle Einkommensgruppen im Blick zu behalten, und sich in ihren Initiativen nicht ausschließlich auf den sozialen Wohnungsbau zu fokussieren. In der Diskussionsrunde mit Karl Roth, Starnberger Landrat (CSU) und Vorsitzender des Regionalen Planungsverbands München , Ingrid Simet, Abteilungsleiterin für Wohnungswesen und Städtebauförderung in der Obersten Baubehörde im Bayerischen Staats­ministerium des Innern, für Bau und Verkehr und Robert Kaltenbrunner offenbarte sich schnell die Komplexität des Problems. Simet brachte es auf den Punkt: „Geld zum Bauen ist vorhanden, das Bauland bleib das große Problem.“ Sie sprach sich vor allem dafür aus, dass sich die Länder wieder verstärkt auf ihre eigenen Instrumente zur Baulandmobilisierung besinnen. Zwangsmaß­nahmen schloss Simet kategorisch aus. Um beispielsweise Landwirte zu ermutigen, Grund fürs Bauen zur Verfügung zu stellen, müssten Reinvestitionen in den Wohnungsbau zu Steuererleichterungen führen, so Simet. Bezüglich der dringend erforderlichen Nachverdichtung plädierte sie dafür, sowohl bei Grundstückseigentümern als auch Mietern dringend für mehr Akzeptanz zu werben: „Wir müssen die Nachbarschaft mitnehmen und die Bürger einbezie­hen.“ Breiten Raum nahm ebenfalls die Debatte darüber ein, welche politischen Rahmenbedingungen erforderlich seien, damit in Zukunft wieder günstiger gebaut werden kann. Hier kamen vor allem die vielen Bauvorschriften und Regularien zur Sprache, die das Bauen immer teurer machten oder verzögerten.

In einem Punkt waren sich die Teilnehmer schlussendlich einig: Das Thema werde den Großraum München auf Jahre begleiten. „Letztendlich gibt es keine flächendeckende Lösung, geschweige denn ein Patentrezept mit schnellen Ergebnissen, sondern wir müssen an vielfältigen Lösungen arbeiten“, so Kammerer von der IHK. Für die Wirtschaft bedeutet das, dass sie auch weiterhin das Thema im Blick behalten, lösungsorientiert handeln und gemeinsam mit Politik und Verwaltung unermüdlich an Lösungen zur Entschärfung des Wohnraumproblems arbeiten wird.