Reichhart Logistik

Logistik nach Maß

Ausgefeilte Logistikkonzepte bringen beträchtliches Sparpotenzial – das Gilchinger Unternehmen Reichhart will sie auch für Mittelständler mehr und mehr nutzbar machen. LORENZ GOSLICH

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© dbp Virtuelle Unterstützung - Staplerfahrer sieht man in den Werken nach wie vor, die Informationsströme dahinter bleiben unsichtbar

Ein Maschinenbauer fertigt Maschinen. Transporte gehören eigentlich nicht zu seiner Kernkompetenz. Dennoch machen logistische Aufgaben bei Maschinenbauern und vielen anderen Unternehmen 30 bis 40 Prozent der Gesamtarbeit aus, schätzt Michael Jackl, Geschäftsführer der Reichhart Logistik GmbH in Gilching. Er sieht hier eine große Herausforderung gerade für stark wachsende Unternehmen: „Plötzlich kommen sie in logistische Bedrängnis.“ Bei immer größerer Variantenvielfalt der Produkte, kleinen Lägern und unzureichender Materialplanung sei es oft schwer, den Überblick zu behalten.

Großunternehmen sind beim Thema Logistik nach Jackls Beobachtung meist schon weiter. Mit etlichen von ihnen arbeiten die Gilchinger Spezialisten zusammen. In gewisser Weise ist Reichhart sogar selbst zum Hersteller geworden – eine in der Logistik nicht ganz unübliche Entwicklung. In Frankreich beispielsweise produziert das oberbayerische Unternehmen Abgasanlagen, in Pliening im Kreis Ebersberg montiert Reichhart Sitzbezüge und -mechanik für die Automobilindustrie. So haben die Gilchinger einen Erfahrungsschatz aufgebaut, den sie nun mehr und mehr nutzen wollen, um transparente Logistikmodelle auch für den Mittelstand zu entwickeln, gerade im Großraum München und Oberbayern. „Ich sehe Bedarf für viele regional orientierte Unternehmen, die relativ stark wachsen, aber logistische Defizite haben“, sagt Jackl.

Mit ausgefeilter logistischer Planung kann nach Jackls Erfahrung die Produktivität um bis zu 20 Prozent gesteigert werden. Ein Unternehmenskunde habe durch die Neuorganisation des Werksverkehrs gleich im ersten Jahr mehr als 16 Prozent eingespart – eine Kostenreduzierung um 660 000 Euro bei rund vier Millionen Euro Frachtumsatz.

Als Spezialist für die Lieferkette ist Reichhart in der Lage, seine Auftraggeber entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu begleiten. Allerdings stoßen die Gilchinger in solchen Fällen auch auf Vorbehalte – aus Furcht vor zu großer Abhängigkeit. Diese Bedenken will Jackl beseitigen und setzt auf Vertrauen: „Das positive Wort für gegenseitige Abhängigkeit ist Partnerschaft.“ Um komplexe Logistiklösungen zu etablieren, wird die Digitalisierung immer wichtiger. „Nur ein von einem Informationsstrom begleiteter Warenstrom ist ein guter Warenstrom“, sagt Geschäftsführer Jackl. Mit der selbst entwickelten Logistiksoftware Motus kann Reichhart die Abläufe in einem Werk virtuell steuern und Störungen, etwa durch das Anfahren eines falschen Regals, von vornherein weitgehend ausschließen.

Der Logistikspezialist entwickelt außerdem eine eigene Marke für seine Angebote als sogenannter Fourth Party Logistics Provider (4PL): In dieser Rolle übernimmt Reichhart die Gesamtkoordination logistischer Abläufe von Unternehmen und der Lieferantenkette, ohne dafür eigene Fahrzeuge oder andere Betriebsmittel einzusetzen. Zudem gilt im Unternehmen dem
autonomen Fahren viel Aufmerksamkeit. Jackl kann selbstständig manövrierende Lkws kaum noch erwarten: „Mit ihnen kann man ungemein viel Verkehrsfläche gewinnen.“

So entwickelt sich das Unternehmen, das 1967 als 1-Mann-Betrieb mit einem einzigen Lkw startete, zum integrierten Logistikdienstleister weiter. Alexander Reichhart, Jahrgang 1972, Sohn des Gründers Horst Reichhart, hält dies für den einzig richtigen Weg. Die Transportlogistik ist mit rund 50 Prozent Umsatzanteil ein wichtiger Zweig.

Doch gerade der Kontraktlogistik, die vom Erlös her etwa genauso groß ist, widmet das Unternehmen seit jeher besonders viel Aufmerksamkeit. Schon lange befasst sich Reichhart zum Beispiel mit der sogenannten Sequenzierung, die alle benötigten Teile synchron zur Fertigung bereitstellt. Mehr als 900 Mitarbeiter beschäftigt die Firma mittlerweile, die Hälfte von ihnen auf den Werksgeländen von Kunden. Auch etliche Subunternehmer arbeiten für Reichhart. Die Gilchinger wachsen im Branchenvergleich mit 14 Prozent überdurchschnittlich stark. Der Umsatz erreichte zuletzt rund 80 Millionen Euro. Jackl peilt in den nächsten drei Jahren die Marke von 100 Millionen Euro an.

Der Diplom-Kaufmann, Jahrgang 1960, der 1988 als junger Hochschulabsolvent in der Reichhart-Geschäftsleitung Assistent wurde, trat bereits 1991 in die Geschäftsführung ein und ist heute neben Alexander Reichhart Gesellschafter. Das Unternehmen betreibt etwa 100 eigene Lkws. Auch drei Lang-Lkws sind im Einsatz. Mit solchen Langfahrzeugen bringt Reichhart für den Luftfahrtzulieferer Ruag Aerostructures regelmäßig voluminöse Flugzeugteile von Oberpfaffenhofen ins Hamburger Airbus-Werk. Der Logistiker unterhält 21 Standorte, darunter drei im Ausland – in Tschechien, Frankreich und Österreich. „Wir gehen dorthin, wo der Kunde uns braucht“, sagt Jackl.