IHK Magazin

Kleinunternehmen: Kleine ganz groß

Die Mehrheit der IHK-Mitgliedsbetriebe sind Selbstständige und Kleinunternehmen. Damit ihnen mehr Zeit für ihr Kerngeschäft bleibt, unterstützt die IHK sie nun noch stärker bei zahlreichen Themen wie Finanzierung oder Recht und Steuern. EVA MÜLLER-TAUBER

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© Andreas Jacob www.andreas-jacob.com Tobias und Andrea Arlt, Geschäftsführer der Puszta Peppers GmbH

Sein Hobby zum Beruf zu machen klingt erst einmal sehr romantisch. Tatsächlich müssen viel Leidenschaft und Idealismus dahinterstecken, wenn sich ein Versicherungsvermittler und eine Polizistin dazu entschließen, ein Unternehmen zu gründen, um selbst angebaute scharfe Gewürze – Chilis und Paprika – zu verkaufen. Engagement und eine gute Idee allein reichen allerdings nicht aus, um als Unternehmer zu bestehen, selbst wenn man sich ausgiebig vorbereitet, gut organisiert und sogar Kenntnisse in Finanzen und Versicherungen besitzt. »Wenn wir gewusst hätten, worauf wir uns einlassen, hätten wir vielleicht noch ein zweites Mal überlegt, ob wir diesen Schritt wagen sollen«, schmunzelt Tobias Arlt.

Der 42-Jährige führt die Puszta Peppers GmbH in Prutting/Landkreis Rosenheim seit April 2016, seine Frau Andrea (32) unterstützt ihn dabei. Was Kleinunternehmen bei ihrer Gründung sowie in Wachstumsphasen bewerkstelligen müssen, ist sehr anspruchsvoll, »vor allem in der Lebensmittelbranche, weil es hier über die normalen Hürden hinaus rechtlich, etwa haftungstechnisch wie auch in puncto Zertifizierung, einiges zu beachten gibt«, so Arlt. »Ohne Unterstützung von Beratern und Experten ist das schwer zu schaffen.« Das Ehepaar holt sich bei Bedarf fehlende Expertise ins Unternehmen. Vor allem die Services der IHK für München und Oberbayern, die es als Mitgliedsunternehmen kostenlos nutzen kann, nehmen die Arlts immer wieder in Anspruch. Ob bei Fragen zu Fördermitteln, zur richtigen Etikettierung von Lebensmitteln, zum passenden Warenwirtschaftssystem, zu wasserdichten Handelsverträgen oder zur Beschäftigung von 450-Euro-Mitarbeitern. Auch bei der Zertifizierung ihrer Produkte wenden sie sich immer wieder an die IHK.

Rückgrat der Wirtschaft

»Das Besondere ist, dass wir hier zu jedem Fachgebiet zeitnah gute Tipps bekommen, auch bei Themen, zu denen uns weder der Steuer- noch ein Unternehmensberater Auskunft geben können«, erklärt Tobias Arlt. Er war damals positiv überrascht von dem breiten Spektrum, das die IHK abdeckt, und davon, wie prompt seine Fragen beantwortet wurden. »Dadurch sind wir als Unternehmen natürlich schneller handlungsfähiger und können uns stärker wieder aufs Kerngeschäft konzentrieren.« Und wenn es doch einmal Themengebiete gibt, bei denen es noch detaillierteres Fachwissen braucht? »Dann vermittelt uns die IHK weiter, sagt, wo wir uns zusätzlich informieren können.« Kleine Unternehmen wie die Puszta Peppers GmbH bilden das Rückgrat der Wirtschaft.

Rund 96 Prozent aller bayerischen Betriebe mit sozialversicherungspflichtig Beschäftigten haben laut Bundesagentur für Arbeit weniger als 50 Mitarbeiter. In diesen rund 355 000 Betrieben arbeiten etwa 2,2 Millionen Menschen. Hinzu kommen jenseits des Handwerks mehr als 600000 Selbstständige ohne Beschäftigte. Ein ähnliches Bild ergibt ein Blick auf die Mitgliedsunternehmen der IHK für München und Oberbayern: Rund 62 Prozent sind Selbstständige ohne Angestellte. Von den restlichen 38 Prozent der Betriebe mit Personal wiederum haben 90 Prozent weniger als 20 Mitarbeiter. »Diese Entwicklung ist ein Resultat des Wandels von einer industriell geprägten Wirtschaft zu einer Wissensökonomie«, sagt Martin Drognitz, Referatsleiter Mittelstand, Handel, Tourismus, Dienstleistungen bei der IHK. Eine Entwicklung, der die IHK Rechnung trägt. Schon bisher bot sie dieser Zielgruppe zahlreiche Services. Jetzt baut sie das Angebot weiter aus und bündelt es. So finden sich viele Informationen für Selbstständige und Kleinunternehmen auf einer eigenen IHK-Website.

Externe Beratung

Weiter soll die Beratung ausgebaut und die Anzahl der Workshops für diese Zielgruppe erhöht werden. »Aufgrund geringer personeller Kapazitäten fällt es kleinen Unternehmen besonders schwer, allen Gesetzen, Verordnungen, Richtlinien und Normen nachzukommen und sie überhaupt zu kennen«, erläutert Drognitz. Durch die Komplexität vieler Gesetze und Themenverflechtungen benötigten diese oftmals externe Beratung. So wie Andreas Schmidt. Der 36-Jährige ist zusammen mit Bastian Scherbeck (39) Geschäftsführer des Münchner Unternehmens LiveCycle GmbH, das ein professionelles Flottenmanagement für Fahrradmobilität anbietet. Zwar beschäftigt die Firma insgesamt 40 Mitarbeiter. Davon sind neben den Geschäftsführern jedoch nur vier für administrative Aufgaben zuständig. Der Rest arbeitet im Außendienst an sechs verschiedenen Standorten. »Da wir gute Erfahrungen mit zwei engagierten Praktikanten aus Syrien und Af-
ghanistan gemacht haben, überlegen wir, auch Flüchtlinge bei uns zu beschäftigen«, sagt Schmidt. »Nun ist das Thema aber sehr komplex, es gibt arbeitsrechtlich einiges zu beachten, auch, was deren Ausbildung betrifft. Hier brauchen wir deshalb die Expertise der IHK.« Die hat Schmidt schon des Öfteren genutzt, etwa bei einer Wachstumsfinanzierung. »Wir hatten in unserer zweiten Finanzierungsrunde nochmals alle Unternehmensbereiche auf den Prüfstand gestellt«, erinnert er sich. Mit einer IHK-Expertin sprach er die einzelnen Posten durch.

Diese wies ihn darauf hin, dass das Unternehmen im Zuge der schnell fortschreitenden Digitalisierung in absehbarer Zeit seinen Webauftritt samt Buchungsplattform voraussichtlich einmal völlig werde erneuern müssen. Für ein kleines Unternehmen ein existenzieller Hinweis. Denn: »So etwas kostet mindestens eine viertel Million Euro«, sagt Schmidt. Das Führungsduo hatte für den Internetauftritt zwar einiges an Kapital eingeplant, allerdings nur maximal 150000 Euro für dessen Wartung und Aktualisierung vorgesehen. Die Unternehmer passten den Kapitalbedarf umgehend an. Das Interessante: Den Tipp hatte die IHK-Beraterin aus Gesprächen mit anderen Unternehmern mitgenommen. »Bei den Beratungen der IHK profitieren wir also auch von deren Netzwerk sowie dem Erfahrungsschatz aus der Praxis«, betont Schmidt.

Bürokratieabbau

Er würde sich wünschen, dass kleine Betriebe zudem bei der Entlastung von bürokratischen Pflichten stärker unterstützt würden. Dies strebt die IHK ebenfalls an: »Wir plädieren für eine aktive und engagierte Wirtschaftspolitik für Selbstständige und kleine Unternehmen, um auf deren besondere Bedürfnisse eingehen zu können. Eine Entlastungsoffensive soll Erleichterungen für ihre Belange gezielt in den Fokus rücken«, sagt IHK-Experte Drognitz.

Die Bayerische Staatsregierung hat ihre Unterstützung zugesagt. »Mein Politikverständnis lautet: Bürgern und Unternehmern Freiheit zutrauen!«, sagt der Leiter der Bayerischen Staatskanzlei Florian Herrmann (CSU). »Deswegen schmieden wir einen Pakt für Freiheit mit der Wirtschaft. Gerade den kleinen Unternehmen ohne eigene Rechtsabteilung wollen wir mit weniger, aber dafür praxistauglichen Vorschriften und einer verständlichen Sprache das Leben erleichtern. Auch beim Bund werden wir weiter für gesetzgeberische Zurückhaltung und Augenmaß kämpfen.«