Fachkräfte

Engagement zahlt sich aus

Die Situation auf dem Arbeitsmarkt spitzt sich weiter zu. In vielen Branchen können offene Stellen nicht besetzt werden. Unternehmen mit Weitblick zeigen Wege, wie sich Mitarbeiter finden und halten lassen. SABINE HÖLPER

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© ©SolisImages - stock.adobe.com Fachkräfte - in vielen Unternehmen ein echter Engpassfaktor

Wir sind kontinuierlich gewachsen“, sagt Unternehmer Josef Willkommer, „und mit dem Wachstum kam das Problem mit den Fachkräften.“ Willkommer hat 2006 gemeinsam mit seinem Bruder und einem weiteren Partner die TechDivision GmbH gegründet, einen Webtechnologiedienstleister mit Hauptsitz in Kolbermoor und einer Dependance in München. Heute beschäftigt das Unternehmen 91 Mitarbeiter. Gerade in der ländlichen Gegend um Rosenheim sei es schwierig, gute Leute zu finden.

Das Unternehmen stellt hauptsächlich Informatiker und Projektmanager ein – und konkurriert dabei mit Konzernen wie BMW oder Siemens. Doch Willkommer hat Wege gefunden, gut ausgebildete Leute zu finden und im Betrieb zu halten. „Man hat auch als Mittelständler die Chance, qualifizierte Mitarbeiter zu finden“, ist er überzeugt. „Mit ein bisschen Einsatz gelingt es.“

Das Engagement ist auch notwendig: Die Situation auf dem Arbeitsmarkt spitzt sich von Jahr zu Jahr stärker zu. Immer mehr Firmen beklagen einen eklatanten Fachkräftemangel. In einigen Branchen tun sich die Firmen besonders schwer, die offenen Stellen zu besetzen. Das ist ein zentrales Ergebnis des aktuellen IHK Fachkräftemonitors. In diesem Jahr fehlen demnach in Bayern 260000 qualifizierte Arbeitskräfte. Bis 2030 wird sich diese Lücke nochmals deutlich vergrößern – auf 542000.

„Rund 63 Prozent der bayerischen Unternehmen sehen in unseren Umfragen im Fachkräftemangel inzwischen ein Risiko für ihre wirtschaftliche Entwicklung. Seit 2010 hat sich dieser Wert nahezu verdoppelt“, so Sebastian John, Referent für Fachkräfte und die Zukunft der Arbeit bei der IHK für München und Oberbayern. In Oberbayern sieht die Situation ähnlich aus. In diesem Jahr beträgt der Engpass 103000 Fachkräfte, das sind 4,8 Prozent des Gesamtbedarfs. Bis 2030 verschärft sich der Mangel weiter. Dann werden 195000 Arbeitskräfte fehlen beziehungsweise 10,4 Prozent der Nachfrage.

„In absoluten Zahlen ist der Mangel bei Fachkräften mit einfacher Berufsausbildung am größten. Doch gemessen an der Gesamtnachfrage, wird deutlich, dass vor allem Höherqualifizierte – zum Beispiel Akademiker, Meister oder beruflich Qualifizierte mit spezifischen Weiterbildungen – von den Unternehmen besonders dringend gesucht werden“, erläutert John.

Berufe in Unternehmensführung und Organisation, in der technischen Forschung, Entwicklung und Produktionssteuerung sowie in der Maschinen- und Fahrzeugtechnik sind bayernweit bereits heute besonders stark vom Fachkräftemangel betroffen.

Bis 2030 spitzt sich die Fachkräftelage in den meisten Berufsgruppen weiter zu. Besonders dramatisch verschärft sich der Mangel in den erzieherischen und sozialen Berufen. Mit 66000 fehlenden Fachkräften wird 2030 dort jede vierte Stelle in Bayern nicht mehr besetzt werden können.

TechDivision gibt Mitarbeitern Autonomie

Die Situation für Firmen auf Mitarbeitersuche bleibt also schwierig. Bewerber können es sich leisten, hohe Ansprüche zu stellen. Wenn es um eine moderne Arbeitsumgebung geht, sind flexible Arbeitszeiten und Homeoffice da fast schon Standard. Dennoch haben auch kleinere Firmen gute Aussichten, beim Werben um die begehrten Talente erfolgreich zu sein. Schließlich kommt nicht nur jener Arbeitgeber zum Zuge, der die höchsten Gehälter bezahlt.

Viele Nachwuchskräfte sind längst nicht mehr im gleichen Maße erpicht auf hohe Gehälter und den eigenen Dienstwagen, wie es noch ihre Eltern waren. Sie wollen stattdessen mitgestalten und flexibel agieren. Sie möchten wertgeschätzt werden, Feedback erhalten und auf der Karriereleiter vorankommen. Hier können Mittelständler mit ihren flachen Hierarchien oft punkten.

So gibt der Webdienstleister TechDivision seinen Mitarbeitern größtmögliche Freiheit und viel Eigenverantwortung. Das Internetunternehmen hat klassische Hierarchiestufen weitestgehend abgeschafft. Die Belegschaft wurde in Teams gegliedert, die große Autonomie besitzen. Was die Mitarbeiter ebenfalls schätzen: Ein Coach unterstützt die Angestellten.

Zudem profitieren die Mitarbeiter von großzügigen Fortbildungsangeboten. „Wenn jemand eine Weiterbildung in New York besuchen möchte, ist das unter gewissen Umständen möglich“, sagt Gründer Willkommer. Die Teams erhalten jährlich eine gewisse Anzahl an Weiterbildungspunkten. Wer genügend Punkte gesammelt hat, darf auf Reisen gehen. Aber nicht nur dann. Erst kürzlich waren Willkommer und fünf Mitarbeiter auf einer Konferenz in Las Vegas. „Danach haben wir noch zwei Tage Grand Canyon drangehängt“, sagt der 41-Jährige.

Mit guten, schnellen Entwicklungsmöglichkeiten wirbt auch das 3-D-Druck-Unternehmen EOS in Krailling. „Wir bieten unseren Mitarbeitern jede Menge Möglichkeiten, die Karriere nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten. Zum Beispiel durch den Wechsel in andere Positionen oder Unternehmensbereiche“, sagt Juliane Finke (47), die bei EOS für das weltweite Personalwesen verantwortlich ist. Um sich als attraktiver Arbeitgeber zu positionieren, setzt das 1 300 Mitarbeiter starke Unternehmen überdies auf Familienfreundlichkeit. So zahlt es einen Betreuungszuschuss und kooperiert mit Kitas. „Diese Maßnahmen helfen vor allem dabei, dass Mütter schnell wieder an den Arbeitsplatz zurückkommen“, sagt Finke.

Vom Leasingfahrrad bis zum Kreativraum

Das Unternehmen stellt zudem Mobilitätsangebote zur Verfügung, vom Leasingfahrrad bis hin zur Organisation von Fahrgemeinschaften. Daneben richtete EOS Kreativ- und Ruheräume ein und legte ein Gesundheitsprogramm auf. Dem Unternehmen kommt dabei sein Firmensitz am Kraillinger Forst zugute. Natur und Sportmöglichkeiten liegen direkt vor der Tür.

Firmen können also einiges unternehmen, um Fachkräften ein passendes Arbeitsumfeld zu bieten. Allerdings müssen die Unternehmen auch die Aufmerksamkeit der begehrten Fachkräfte wecken. TechDivision pflegt daher zum Beispiel intensive Kooperationen mit verschiedenen Hochschulen, auch in Österreich und dort insbesondere mit der FH Kufstein. Für Willkommer liegt es nahe, „die Arme in Richtung des Nachbarlandes auszubreiten“. Vom Firmensitz nach Kufstein seien es nur 20 Kilometer und nach Salzburg, wo ebenfalls Anknüpfungspunkte mit der Hochschule bestehen, lediglich 70 Kilometer. Außerdem betreut TechDevision Kunden in Österreich.

Bisher sind die Kooperationen extrem erfolgreich. Laut Geschäftsführer Willkommer geht rund die Hälfte des Mitarbeiterwachstums darauf zurück. Zugegeben, ein wenig Aufwand mussten die Geschäftsführer dafür schon betreiben. Sie halten zum Beispiel Vorlesungen oder helfen bei der Entwicklung neuer Studiengänge. Außerdem führen sie Exkursionen mit Studenten in ihrem Unternehmen durch.Einmal im Monat laden sie interessante Branchenvertreter zu Events an ihren Firmensitz ein, diskutieren über Themen wie digitale Führung oder neues Arbeiten. Auch dieses Engagement hilft bei der Fachkräftegewinnung. Schließlich bleibt das Unternehmen so in der Szene im Gespräch, baut sich ein großes Netzwerk auf und positioniert sich als attraktiver Arbeitgeber.

Mitarbeiter werben neue Kollegen

Ein solches Employer Branding verfolgt auch EOS. Das Unternehmen postet Geschichten von Mitarbeitern auf Onlineportalen und geht Entwicklungskooperationen mit Hochschulen ein, um Einsteiger und Doktoranden zu rekrutieren. Mit am besten funktioniert aber das Programm „Mitarbeiter werben Mitarbeiter“. In vielen Jahren war das der „Kanal Nummer eins“, sagt Personalexpertin Finke. „Das spricht für EOS.“Fachkräftemonitor