Bauer Kompressoren

Hohes Tempo

Die Unternehmerin Monika Bayat leitet den Hidden Champion Bauer Kompressoren in dritter Generation. Zusammen mit ihrem Mann stellt sie sich einem rasanten Veränderungsprozess in der Fertigung. CORNELIA KNUST

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© © Bettina Theisinger Monika Bayat, Alleingesellschafterin der Bauer Holding

Vom Gesims blickt Pallas Athene, aus der Nische nickt Homer. Büsten, Wandfries und Messingleuchten wirken original. Die Bayats mögen es großbürgerlich in der Zentrale ihrer Holding am Hochufer der Isar in München-Thalkirchen. Als Firmensitz der Bauer Kompressoren GmbH hat die alleinige Gesellschafterin Monika Bayat eine Jugendstilvilla der Gebrüder Rank von 1902 gewählt. Schließlich ist Bayat (47), geborene Bauer, nicht nur Betriebswirtin, sondern auch promovierte Kunsthistorikerin.

Im herrschaftlichen Foyer der Villa werden regelmäßig die Weihnachtskarten für die 1000 Bauer-Mitarbeiter fotografiert. Vater Heinz Bauer ist natürlich mit auf dem Bild, genauso wie Ehemann und Mitgeschäftsführer Philipp Bayat (56) sowie die drei Kinder. Die sollen, da haben die Bayats wenig Zweifel, die 1946 gegründete Firma einmal weiterführen: „Bei Kundenterminen und Werksbesuchen müssen sie schon einmal spontan eine kleine Rede halten“, berichten die Eltern stolz im Konferenzraum mit wappenverzierter Holzdecke.

Zwei Generationen von Tüftlern und Ingenieuren haben das Familienunternehmen aufgebaut und ganz vorn im Markt positioniert, nun muss die dritte das starke Wachstum und den rasanten Wandel in der industriellen Fertigung bewältigen. Es gilt, das komplexe Produktportfolio zu managen und Großkunden ebenso wie kleine Abnehmer zu beliefern. Hinzu kommt der Kampf um die besten Mitarbeiter. Bei Bauer dreht sich alles um die Verdichtung von Luft oder Gas auf einen Druck von 70 bis 300 bar – entweder mit Hilfe von kreisförmig angeordneten Kolben (Kolbenkompressor) oder mittels zweier dicht zusammengreifender Schrauben (Schraubenkompressor).

Die Produktpalette reicht vom kleinen Kompressor für eine Tauchstation, ein Feuerwehrhaus oder eine Kfz-Werkstatt bis zu riesigen Ausrüstungen für Schiffe und Ölplattformen oder auch komplette Erdgastankstellen. 250 Millionen Euro Umsatz erwirtschaften die Unternehmen der Gruppe, zu der zum Beispiel der Kompressorenblock-Spezialist Uniccomp oder der Schraubenkompressor-Hersteller Rotorcomp gehören. Die Gruppe setzt nicht nur auf hohe Fertigungstiefe und damit komplette Kontrolle der Qualität, sie hat auch früh angefangen zu internationalisieren. Fast 90 Prozent des Geschäfts kommen aus dem Ausland; ein ungewöhnlich großes Netz von Niederlassungen und Servicestützpunkten überzieht die Welt.

Rechte Hand des Vaters

Die dritte Generation führt das Familienunternehmen seit 2012. Damals übergab Heinz Bauer (77), der die Firma in den 1970er-Jahren von seinem Vater Hans übernommen hatte, alle Kapitalanteile an die Tochter sowie die komplette Geschäftsführung der Holding an sie und ihren Mann. Das war die Bedingung des Seniors: Wer in der Familie Gewinne einstreichen wolle, müsse auch dafür arbeiten. „Die Rolle des reinen Gesellschafters war für die Kinder nicht vorgesehen“, sagt Monika Bayat. Den Einstieg in den Familienbetrieb hatte sie wohl überlegt. Anders als ihre Schwester absolvierte sie schon als Jugendliche Ferienjobs und Praktika im Unternehmen und begleitete den Vater auf Reisen. Von Kindheit an habe sie gesehen, wie sehr die Arbeit das Leben des Vaters – die Mutter war nicht in der Firma aktiv – dominiert, sagt Bayat.

Und: „Frauen als Unternehmerinnen und vielleicht noch gleichzeitig als Mutter gibt es im Maschinenbau nur wenige.“ 100 Prozent der Anteile auf einen Schlag Bayat wagte nach der Promotion den Schritt und kam 2002 als rechte Hand des Vaters ins Unternehmen. Von 2006 an bildete sie mit ihrem Mann und ihrem Vater die dreiköpfige Geschäftsführung. Heute leiten die Eheleute Bayat allein die Holding. Monika Bayat kümmert sich um das Kaufmännische, auch um Marketing und Personal. Ihr Mann Philipp Bayat, ein Diplom-Ingenieur mit IT-Erfahrung, der gerne reist und netzwerkt, übernimmt Steuerung und Vertrieb. Konnte Bauer Senior gut loslassen? „Mein Vater ist sehr diplomatisch und nach wie vor ein starker Ideengeber“, sagt seine Tochter. „Wir haben alle drei ein gutes, harmonisches Verhältnis.“ Ihr Mann stimmt ein: „Ich habe große Hochachtung vor meinem Schwiegervater. Dass er uns nicht reinredet, ist ja eigentlich untypisch für so einen Vollblutunternehmer. Und dass er 100 Prozent der Anteile auf einen Schlag übergeben hat – Respekt.“

Neue Werke

Die Bayats haben schon einiges bewegt. Weil der Umsatz nach der Jahrtausendwende so rasant wuchs, musste eine neue Fertigung her. Die 1976 bezogene Fabrik in der Münchner Drygalski-Allee gaben sie 2015 komplett auf. Die dort ansässige Montage der Bauer-Kompressoren verlagerten sie nach Geretsried an die Seite des schon 2002 errichteten Uniccomp-Werks. In großen Abnehmermärkten wie in den USA, in China und Indien wurden zudem Montagelinien aufgebaut. Die hohen Investitionen – allein 15 Millionen Euro für den letzten Bauabschnitt in Geretsried – wurden teils kreditfinanziert. Dennoch verfüge die Bauer-Gruppe über eine Eigenkapitalquote von 52 Prozent.

Die lokalen Wettbewerber auf den Absatzmärkten in Niedriglohnländern sind nicht zu unterschätzen. Deshalb ist im komplexen Bauer-Imperium Modularisierung das Gebot der Stunde: also mehr gleiche Teile, weniger Optionen. Außerdem forciert das Unternehmen die Automatisierung und setzt auf Maschinen, die völlig allein und über Nacht Vorstufen für verschiedenste Kompressorvarianten hintereinander fertigen können. Eine davon ist im Werk Geretsried schon zu besichtigen. Sonst sieht man in den hohen Hallen viel Handarbeit und Inselfertigung. „Fertigungstechnik ist für uns eine Kernkompetenz“, zitiert Philipp Bayat den Schwiegervater. Er will die Produktionstakte über eine intelligente Vorfertigung glätten.

Ziel sei es, die gesamte Wertschöpfungskette vom Lieferanten bis hin zum Händler und Partner digital zu steuern und alle Daten in die Cloud zu bringen, also auf einem externen Großserver zu verwalten. Dafür habe man 20 Softwareentwickler eingestellt, zehn in München und zehn bei der indischen Tochter. Fachkräfte sind ein echter Engpassfaktor. „Es ist zunehmend schwieriger, qualifiziertes Personal, vor allem Ingenieure, zu finden“, sagt Monika Bayat. Deshalb bildet die Bauer Group aus, es gibt im Schnitt 40 Azubis und einen Werkstudenten im Unternehmen. Außerdem hat sie mit der Bauer Academy ein eigenes Weiterbildungsinstitut geschaffen.

Flexible Arbeitszeiten und Ferienbetreuung für die Kinder sollen Mitarbeiter glücklich machen, ebenso Sommerfeste und Weihnachtsfeiern mit Familienanschluss, Ehrung der Jubilare oder gemeinsame Ski- oder Radlfreizeiten. Stolz ist das Unternehmen auch auf die edle, lichte Kantine in Geretsried. Seit Anfang 2018 ist mit Klaus Schröder ein Geschäftsführer Technik im Haus – ein potenzieller Nachfolger für Stefan Hacker, den Chef der Tochter Bauer Kompressoren und seit 30 Jahren die rechte Hand von Bauer senior.

Vorteile dank Diversifikation

Es wird wohl an Schröder sein, den Mittelständler weiter in Richtung Industrie 4.0 voranzubringen. Denn die Zeichen stehen nach wie vor auf Wachstum. Philipp Bayat ist mächtig stolz auf die Umsatzsteigerung von fast zehn Prozent im vergangenen Jahr. Er schwärmt von Skaleneffekten, weil man als einziger Komplettanbieter am Markt eben auf hohe Stückzahlen komme. Seine Frau Monika ergänzt, dass sich die verschiedenen Produktgruppen, Abnehmerkreise und Zielmärkte in ihren konjunkturellen Schwankungen gut ausgleichen: „Als globales Unternehmen sind wir immer häufiger mit plötzlichen politischen Instabilitäten konfrontiert. Unsere starke Diversifikation hilft uns hier sehr.“

Dass es nicht immer nur stetig nach oben geht, zeigt der Geschäftsbericht 2016. Die Umsätze sanken damals im In- und Ausland in vielen Produktsegmenten. Die Tochtergesellschaft in Brasilien wurde geschlossen. Das Konzernergebnis schrumpfte um 19 Prozent auf knapp fünf Millionen Euro. 2017 wurde etwas Personal abgebaut. Die Gewinne seien stets reinvestiert worden, heißt es. Bayat lobt das konservative Finanzmanagement seiner Frau und erklärt, dass man allein über nicht in Anspruch genommene Lieferantenkredite erhebliche Liquiditätsreserven habe.

„Wir wollen ein Familienunternehmen bleiben“

Gefragt nach ihrer persönlichen Richtschnur als Unternehmerin, antwortet Monika Bayat mit einem Satz, der dem Komponisten Gustav Mahler zugeschrieben wird: „Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers.“ Sie sieht sich nicht einfach als Bewahrerin, sondern genießt es, mit Freude voranzugehen. „Wir wollen ein Familienunternehmen bleiben“, sagt sie. „Es ist nicht geplant, Investoren aufzunehmen oder an den Kapitalmarkt zu gehen.“