Standortumfrage

Ein „Gut“ mit Tendenz nach oben

Ob Energieversorgung oder Verkehrsanbindung – die Unternehmer in Oberbayern sind mit ihrem Standort insgesamt zufrieden. In einigen Bereichen sehen die Firmenchefs allerdings Handlungsbedarf. SABINE HÖLPER

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© Michael Fleischmann Oberbayern wird für Firmen immer attraktiver - Blick auf München - Foto: FleischiPixel - fotolia

Die Auftragsbücher sind gut gefüllt, viele Firmen wollen neue Mitarbeiter einstellen, die Geschäftserwartungen sind optimistisch – kurz: Die Wirtschaft in Oberbayern floriert. Das zeigte gerade erst die Konjunkturumfrage des Bayerischen Industrie- und Handelskammertags (BIHK). Auch im bundesweiten Vergleich kann sich Oberbayern als Wirtschaftsstandort sehen lassen. Aber wie beurteilen die hiesigen Unternehmen die Qualitäten im Einzelnen? Wo liegen die Stärken – und wo zeigen sich womöglich Defizite?

Um dies herauszufinden, führt die IHK für München und Oberbayern alle zwei Jahre eine Umfrage unter Unternehmen durch. Die aktuellen Ergebnisse zeigen, dass die Stärken des Standorts bei weitem überwiegen: Die ansässigen Unternehmen bewerten ihn insgesamt mit der Note „gut“ (2,0). Im Vergleich zu 2015 ist die Attraktivität der Region somit noch leicht gestiegen. Damals betrug die Gesamtnote 2,1. Mit diesem Wert zeigt sich Oberbayern erneut als Top-Standort. Stolze 84 Prozent der Befragten würden ihn wieder als Firmensitz wählen. Zu den größten Stärken zählen die Unternehmer die Energieversorgung, die Loyalität und Motivation der Mitarbeiter sowie die Anbindung an das Fernstraßennetz. Das sind die sehr erfreulichen Kernergebnisse der repräsentativen Umfrage unter rund 3 000 Betrieben in der Region. Die Firmenchefs bewerteten insgesamt 44 Standortfaktoren aus den Bereichen Infrastruktur, Arbeitsmarkt und Fachkräfte, Standortkosten, Unternehmensumfeld, Marktpotenzial und Netzwerke, Attraktivität des allgemeinen Umfelds, Wirtschaftsfreundlichkeit der Verwaltung.

Rahmenbedingungen müssen stimmen

Dabei beurteilten sie jeweils die Bedeutung eines Standortfaktors und die Zufriedenheit mit ihm. Die Bewertungsskala orientiert sich am Schulnotensystem und reicht von 1 (Bedeutung sehr wichtig/Zufriedenheit sehr gut) bis 5 (völlig unwichtig/sehr schlecht). Die Befragung gibt wertvolle Anhaltspunkte dafür, wie gut Oberbayern im Wettbewerb der Wirtschaftsregionen positioniert ist. Denn Standortfaktoren beeinflussen, wo sich neue Firmen ansiedeln. Sie entscheiden mit darüber, ob ein bereits ansässiges Unternehmen seinen Betrieb in der Region ausbaut. Stimmen die Rahmenbedingungen nicht, drohen Produktionsverlagerungen oder Firmenschließungen. In der aktuellen Studie gaben immerhin rund 29 Prozent der Befragten an, den Betrieb künftig erweitern oder investieren zu wollen. Knapp zehn Prozent gehen dagegen von einer Verkleinerung, Verlagerung oder gar Aufgabe des Standorts aus.

Die Umfrage will möglichst viele Einzelfaktoren betrachten. Nur so lassen sich die Defizite des Standorts herausfinden, nur so kann man ihnen entgegenwirken. Denn so positiv Oberbayern auch im Ganzen dasteht – einige Schwächen sind doch vorhanden. Zum Beispiel sind die Unternehmen am wenigsten mit den Grundstückspreisen für Gewerbeflächen sowie dem Angebot an Wohnraum zufrieden. Den größten Handlungsbedarf sehen die Befragten bei der Verfügbarkeit von Fachkräften und einer bürokratiearmen Verwaltung. Langwierige Genehmigungsverfahren und der Mangel an qualifizierten Arbeitnehmern sind wesentliche Gründe, warum Unternehmen nicht so schnell wachsen können, wie sie eigentlich beabsichtigen. Auch die knappe Verfügbarkeit von Gewerbeflächen und -immobilien hemmt viele Firmen in ihrer Entwicklung. Mehr als jedes vierte Unternehmen (29 Prozent) war bereits von einer Wachstumsverzögerung betroffen.

Bürokratiearme Verwaltung

Angesichts dieser hohen Zahl ist rasches Gegensteuern notwendig. „Die Landratsämter und Rathäuser müssen noch wirtschaftsfreundlicher werden – dies sehen die Unternehmen als Priorität in 22 der 23 kreisfreien Städte und Landkreise in Oberbayern“, sagt IHK-Hauptgeschäftsführer Peter Driessen.

Eine bürokratiearme Verwaltung bringe nicht nur Zeit- und Kostenersparnisse für die Unternehmen und die Verwaltungen selbst, sondern fördere auch die Kooperation der ansässigen Betriebe mit den örtlichen Verwaltungen. Außerdem müssten in einer agilen Wirtschaft Genehmigungsverfahren zügiger abgewickelt werden. „Die Dienstleistungsmentalität muss ebenso gefördert werden wie die weitere Digitalisierung der Verwaltung“, fordert Driessen. Bei der Breitbandversorgung gibt es ebenfalls trotz aller Förderprogramme noch deutliche Lücken, vor allem außerhalb der größeren Städte. Hier weisen die Antworten der Betriebe auf dringenden Handlungsbedarf in fast allen Landkreisen hin.

Maßnahmen gegen Fachkräftemangel

Außerdem sollte ein ausreichendes Angebot an bezahlbarem Gewerbegrund zur Verfügung gestellt werden. Denn wenn sich „vor allem Klein- und mittelständische Betriebe keine Grundstücke mehr leisten können, wird das Wirtschaftswachstum darunter leiden“, warnt Robert Obermeier, Chefvolkswirt der IHK. Gleiches gilt, wenn nichts gegen den Fachkräftemangel unternommen wird. Dem Engpass an qualifizierten Mitarbeitern ist daher dringend mit geeigneten Maßnahmen entgegenzuwirken. Das ist als Appell an die Politik zu verstehen. Es ist aber auch ein Aufruf an die Unternehmen selbst, sich als attraktiver Arbeitgeber zu positionieren. Schließlich ist ein Standort immer auch dann attraktiv, wenn die Firmen selbst es sind.

„In Kürze wird noch eine gemeinsame Auswertung der IHKs München, Niederbayern und Schwaben veröffentlicht“, kündigt Rebecca Wippersteg, Referentin für Standortberatung und Statistik bei der IHK und Leiterin der Studie, an. Die Wirtschaftsräume im Süden Bayerns stehen in engem Bezug und damit vor ähnlichen Herausforderungen. „Aus diesem Grund ist es besonders wichtig, die Standorteinschätzungen der Unternehmen gemeinsam zu betrachten“, so Wippersteg.