Produktpiraterie

Kampf gegen den Ideenklau

Dreiste Produktfälscher schaden der Wirtschaft. Doch Unternehmen können sich wehren – mit Hilfe des Zolls und moderner Technik. JOSEF STELZER

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Original-Kochblume. Foto:Cookline GmbH

Die Kochblume ist knallbunt, aus Silikon und äußerst praktisch. Das Küchenutensil verhindert das Überkochen, wenn es auf einen Kochtopf gelegt wird. Obwohl die Kochblume patentiert ist, entdeckte der Hersteller Cookline GmbH aus Hockenheim Plagiate seines Produkts. „Die Imitate sehen dem Original täuschend ähnlich, jedoch entsprechen die Fälschungen oftmals nicht den in der EU gültigen Materialvorschriften und können mit der Funktionalität des Originals nicht konkurrieren“, sagt Michael Engesser (27), der bei Cookline für Beschaffung und Produktentwicklung zuständig ist.

Gefälschte Markenprodukte sind keine Seltenheit. Allein 2016 beschlagnahmten EU-Zollbehörden 41,1 Millionen nachgemachte Artikel zum Beispiel aus Containerladungen oder Postsendungen. Im Jahr davor waren es 40,7 Millionen. Die Fälscher kopieren Arzneimittel ebenso wie Auto- und Flugzeugersatzteile, Schuhe, Textilien, Smartphones oder Uhren. Sie ahmen Markennamen, Logos oder Designelemente häufig so geschickt nach, dass die Imitate von den Originalen äußerlich kaum zu unterscheiden sind. So erleiden die Markenhersteller nicht nur Umsatzeinbußen, sondern auch Imageschäden, wenn sich Kunden über die schlechte Qualität der vermeintlichen Markenprodukte ärgern.

Doch Unternehmen können sich gegen Produktpiraterie wehren. Voraussetzung ist, dass sie gewerbliche Schutzrechte geltend gemacht haben wie etwa Marken, Patente, Gebrauchsmuster oder Design. Plagiate lassen sich mit Recherchen im Internet und Testkäufen aufspüren. Auch der Kochblume-Hersteller Cookline forschte auf diese Weise nach den Produktpiraten. „Dadurch konnten wir rasch Anbieter von hauptsächlich aus Asien stammenden Kochblume-Fälschungen auf bekannten Verkaufsplattformen aufspüren und die Marktplatzbetreiber bezüglich der Marken- und Patentrechtsverletzungen informieren“, berichtet Engesser. Die fragwürdigen Angebote in Deutschland wurden daraufhin zeitnah von den Plattformen entfernt.

Zudem beantragten Cookline-Anwälte beim Zoll die Beschlagnahmung der Fälschungen. In der Folge konnten die Behörden in Frankreich und Spanien einige in Europa ansässige Großhändler ausfindig machen, Kochblume-Nachahmungen beschlagnahmen und den rechtswidrigen Vertrieb stoppen.

„Der Zoll ist für die Unternehmen, deren Schutzrechte verletzt werden, ein überaus wichtiger Ansprechpartner“, sagt IHK-Juristin Amelie Winkhaus. Die Rechteinhaber, etwa für Marken oder Patente, können bei der Zentralstelle Gewerblicher Rechtsschutz des Zolls in München einen Antrag auf Tätigwerden für Deutschland und für die gesamte EU stellen. „Da der überwiegende Teil der auf dem europäischen Markt angebotenen Fälschungen außerhalb der Europäischen Union gefertigt und nach Europa geliefert wird, ist die Zusammenarbeit mit der Zollbehörde für einen verantwortungsbewussten Inhaber von Schutzrechten quasi ein Muss“, bestätigt Klaus Hoffmeister, Leiter der Zentralstelle Gewerblicher Rechtsschutz bei der Direktion VI der Generalzolldirektion in München. Befürchtet ein Unternehmen, dass Fälschungen bereits unterwegs sind, sollte es sofort Kontakt mit der Zentralstelle aufnehmen.

Die EU-Kommission präsentierte Ende November 2017 einige Initiativen gegen Produktpiraterie und will damit den Kampf gegen die Nachahmer forcieren. So sollen gewerbsmäßige Fälscher künftig von ihren Einnahmequellen abgeschnitten werden. Im Fokus stehen dabei die Geldflüsse und somit die „großen Fische“, nicht aber Einzelpersonen.

Für Doris Möller, DIHK-Referatsleiterin Recht des Geistigen Eigentums, ist das EU-Maßnahmenpaket ein Schritt in die richtige Richtung: „Allerdings müsste die Kommission die Onlinemarktplätze künftig stärker in die Pflicht nehmen und nicht nur auf deren freiwillige Aktivitäten bauen.“ Marktplatzbetreiber wie Amazon oder Alibaba sollten laut Möller intensiver mit den Herstellern der Originalware zusammenarbeiten, wie dies beispielsweise bei Ebay bereits der Fall sei. „Außerdem müsste in Zukunft mehr getan werden, damit offensichtliche Plagiate erst gar nicht auf ihren Plattformen auftauchen.“

Dass auch innovative Sicherheitstechnologien gegen Produktpiraterie helfen können, zeigt die Oberschleißheimer Schreiner Group. Der Geschäftsbereich Schreiner PrinTrust setzt das Kopierschutzmuster BitSecure für Etiketten und Sicherheitssiegel ein. „BitSecure nutzt ein spezielles, hoch aufgelöstes Zufallsmuster, dessen Feinheiten mit bloßem Auge nicht erkennbar sind“, erklärt Jochen Möller (52), Sales Manager bei Schreiner PrinTrust. „Fälscher können ein solches Sicherheitsmerkmal nicht ohne erkennbaren Qualitätsverlust reproduzieren.“

Abweichungen gegenüber dem originalen Kopierschutzmuster werden per Lesegerät oder Smartphone-App erkennbar. „Die Technologie bietet eine sehr hohe Fälschungssicherheit, deutliche Kostenvorteile im Vergleich zu klassischen Sicherheitsmerkmalen und lässt sich in bestehende Kennzeichnungsverfahren integrieren“, verspricht Möller.

Mit 3D Fälscher entlarven

Das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) forscht an Sicherheitslösungen, die auf 3D-Mikrodruck basieren. „Die Technologie eignet sich unserer Ansicht nach hervorragend, um damit sehr fälschungssichere Sicherheitsmerkmale herzustellen“, erklärt KIT-Wissenschaftler Marc Frederik Mayer (26). Als Druckmaterialien kommen flüssige Fotolacke zum Einsatz, die per Laserbelichtung an bestimmten Punkten zu einem Kunststoff aushärten. Um eine fälschungssichere 3D-Struktur mit solchen Punkten zu erhalten, werden unterschiedliche Fotolacke nacheinander belichtet. Am Ende bleiben die belichteten und damit ausgehärteten Teile übrig, der nicht belichtete Lack wird weggewaschen. Diese in eine Kunststofffolie eingebetteten, fluoreszierenden und mit bloßem Auge kaum wahrnehmbaren 3D-Strukturen eignen sich für Sicherheitsetiketten bei den verschiedensten Artikeln und Produkten. „Alternativ kann man 3D-Merkmale direkt auf Gegenstände drucken“, ergänzt der Forscher.