Fachkräfte

Viele Stellen bleiben frei

Der Fachkräftemonitor zeigt, wie sich die Situation auf dem Arbeitsmarkt zuspitzt. Die bereits jetzt beachtliche Fachkräftelücke vergrößert sich bis 2030 weiter. Unternehmen reagieren und bauen ihr Personalmarketing aus. SABINE HÖLPER

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© Hero Images/F1online Mitarbeiter gesucht - Bis 2030 werden in Oberbayern 155 000 Fachkräfte fehlen. Foto: Hero Images - gettyimages.com

Dass der bayerischen Wirtschaft mehr und mehr qualifizierte Beschäftigte fehlen, ist bekannt. Die wenigsten wissen allerdings, wie dramatisch die Situation bereits in naher Zukunft sein wird. Der aktuelle IHK-Fachkräftereport 2017 macht deutlich, wie sich das Problem verschärft.

Derzeit fehlen im Freistaat in allen Berufsgruppen 227 000 Fachkräfte. Die Fachkräftelücke ist somit im Vergleich zum Vorjahr um 47 Prozent gewachsen. Rund fünf Prozent aller in Bayern angebotenen Stellen für Fachkräfte bleiben dadurch unbesetzt. Und die Entwicklung setzt sich fort. In den nächsten 13 Jahren wird der Engpass wegen des demografischen Wandels auf voraussichtlich 451 000 Beschäftigte ansteigen. Im vergangenen Jahr wurde dieser Trend noch mit 424 000 beziffert. „Die Schere ist größer geworden“, sagt Elfriede Kerschl, Referatsleiterin für Fachkräfte bei der IHK für München und Oberbayern. Der Engpass bei gut ausgebildeten Mitarbeitern bremst die bayerische Wirtschaft massiv. „Betriebe müssen Aufträge verschieben oder ablehnen, weil die Kapazitäten nicht vorhanden sind“, beobachtet Peter Driessen, Hauptgeschäftsführer des Bayerischen Industrie- und Handelskammertags (BIHK). „50 Prozent der Betriebe – so viel wie noch nie – sehen die zunehmenden Personalengpässe als Risiko für ihr Geschäft.“

Besonders groß ist die Lücke bei den beruflich qualifizierten Fachkräften. „Viele Branchen leiden darunter, dass die Nachwuchskräfte an den Bedürfnissen des Arbeitsmarkts vorbei ein Studium und akademische Abschlüsse anstreben“, so Driessen. An beruflich Qualifizierten fehlen bayernweit schon heute 195 000 Personen. Bei den Akademikern sind es 31 000. Bis 2030 wird die Lücke bei den beruflich Qualifizierten mit 405 000 fast vier Mal größer sein als heute, die Zahl der fehlenden Akademiker steigt auf 45 000.

Oberbayern ist besonders stark betroffen. Hier fehlen derzeit 89 000 Fachkräfte, im Jahr 2030 werden es 155 000 sein. Der absolut größte Engpass besteht im Bereich Unternehmensführung und -organisation. In diesen Berufen fehlen schon heute 20 000 Fachkräfte mit einer dualen Berufsausbildung wie zum Beispiel Bürokaufleute oder Sachbearbeiter.

Angesichts dieser Zahlen investieren Unternehmen in Personalmarketing, um sich als attraktiver Arbeitgeber zu präsentieren und so die passenden Mitarbeiter zu finden und zu binden. Wie das funktionieren kann, zeigt die Check24 Vergleichsportal GmbH. Das Münchner Internetunternehmen mit mehr als 800 Beschäftigten schreibt aktuell 160 Stellen aus. Check24 verzeichne einen „hohen Bewerbungseingang“, sagt Silvia Holzner, zuständig fürs Personalmarketing. Darauf allein will sich das Unternehmen aber nicht verlassen. „Es ist unser Ziel, möglichst viele Kandidaten so früh wie möglich kennenzulernen, um sie dann langfristig als Mitarbeiter zu gewinnen“, betont Holzner. Aus diesem Grund besucht das Unternehmen IT-Kongresse, beteiligt sich an Karrieremessen, hält Vorträge in Hochschulen, nimmt an Speeddatings mit Bewerbern teil oder führt Semesterprojekte mit Studierenden durch. Da Check24 vornehmlich IT-Spezialisten und Produktmanager sucht, war es auch beim Job-Shuttle Hack & Jump dabei. Bei dieser Aktion besuchten 100 IT-Studenten in vier Bussen einen Tag lang mehrere Unternehmen. Laut Holzner war das Event besonders erfolgreich: „Einige der teilnehmenden Studierenden fangen demnächst bei uns an.“ Als lohnend hat sich außerdem das sogenannte Hire-Friend-Programm erwiesen, bei dem Check24-Beschäftigte Bekannte als neue Mitarbeiter empfehlen. „Das ist ein starker Kanal“, sagt Holzner. Wichtig sei aber auch die eigene Webseite des Unternehmens. Der besondere Clou darauf sind Kurzfilme, in denen Mitarbeiter einen Einblick in ihren Arbeitsalltag geben. „Das kommt sehr gut an“, beobachtet Holzner. „Viele Interessenten beziehen sich in ihren Bewerbungen auf diese Videos.“

Die Kosten des Engpasses

Das Wirtschaftsforschungsinstitut WifOR hat berechnet, welche Wertschöpfungsverluste der Fachkräftemangel verursacht. Die Zahlen sind alarmierend.

Bleiben in einem Betrieb über längere Zeit hinweg Stellen unbesetzt, weil keine geeigneten Mitarbeiter zu finden sind, muss die Firma Aufträge verschieben oder kann Projekte zumindest nicht wie geplant realisieren. Dies hat insgesamt Folgen für die Volkswirtschaft. Je mehr Beschäftigte fehlen, desto höher fallen die sogenannten Wertschöpfungsverluste aus, also die wegen des Fach-kräftemangels nicht realisierten Leistungen. 3,5 Prozent der Bruttowertschöpfung können in diesem Jahr aufgrund fehlender Fachkräfte nicht realisiert werden.

In Bayern fehlen bis Ende 2017 voraussichtlich 227 000 Fachkräfte. Der Wertschöpfungsverlust, der sich daraus ergibt, beträgt fast 17 Milliarden Euro – eine enorme Summe. Da sich der Mangel an qualifizierten Mitarbeitern in den nächsten Jahren fortsetzt, wird der Wertschöpfungsverlust im Jahr 2030 im Freistaat geschätzt mehr als 40 Milliarden Euro betragen. Das heißt, 6,7 Prozent der Bruttowertschöpfung können dann aufgrund fehlender Fachkräfte nicht realisiert werden. Nicht alle Regionen im Freistaat sind gleichermaßen betroffen. Fast die Hälfte des absoluten Wertschöpfungsverlusts entfällt auf Oberbayern.

Unterschiede zeigen sich auch in den Wirtschaftszweigen. Die beratenden und wirtschaftsnahen Dienstleistungen weisen mit Abstand die höchsten Verluste aus, auch bei den personenbezogenen und sonstigen Dienstleistungen sind die Verluste besonders groß.

Den Mangel an Fachkräften spüren Unternehmen in Oberbayern heute schon. Die Lücke zwischen den vorhandenen Fachkräften und den unbesetzten Stellen wird sich bis 2030 noch weiter vergrößern.