IHK Interview

Peter Inselkammer: "Wir können auch Krise"

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© Platzl Hotel

Hotelier, Wiesn-Wirte-Sprecher und IHK-Vizepräsident Peter Inselkammer spricht im Interview mit Martin Armbruster über Corona-Erfahrungen, Oktoberfest-Neustart und Ziele des neuen IHK-Ausschusses Stadt München (Oktober 2022).

Es ist ein herrlich sonniger und milder Herbsttag. München-Wetter eben. Cafés und Restaurants machen gutes Geschäft. Die Leute sitzen im Freien, trinken Cappuccino, essen Pizza und Eis.

Wir sind auf dem Weg Richtung Platzl, dem kopfsteingepflasterten Platz in der Münchner Altstadt. Wenn man sich da umschaut, wird schnell klar, weshalb dieser Stadtteil die Menschen fast magisch anzieht. FC Bayern Fanshop, Hard Rock Café, das Ayinger, die historischen Bürgerhäuser und natürlich das Hofbräuhaus – all das schafft das Flair, das München so besonders macht.

Im Platzl Hotel, der Location für das heutige Interview, bucht gerade ein älteres Ehepaar ein. Das Paar war schon öfters hier, schwärmt über die zentrale Lage des Hotels, über das gute bayerische Essen, schimpft aber über die Bahn. Der ICE aus Hamburg blieb irgendwo stecken. Mobilität ist auch eines der Themen, mit denen sich unser heutiger Gesprächspartner intensiv beschäftigt.

Peter Inselkammer ist ein fester Begriff in der Münchner Wirtschaft. Inselkammer gehört zu den einflussreichsten Machern der Stadt. Er ist Chef des Platzl Hotels, Sprecher der Wiesn-Wirte, Inhaber des traditionsreichen Armbrustschützenzeltes und IHK-Vizepräsident.

Natürlich wollen wir von Inselkammer wissen, wie aus seiner Sicht das erste Oktoberfest nach der Corona-Pause lief. Zudem interessiert uns, welche Themen er als Vorsitzender des neuen IHK-Regionalausschusses Landeshauptstadt München voranbringen will. Was überrascht: Inselkammer wirkt komplett entspannt. Vom Stress und Druck der zurückliegenden Wiesn-Tage ist ihm nichts anzumerken.

"Auf der Wiesn war alles wie immer."

Herr Inselkammer, wie hat sich das für Sie angefühlt, nach zwei Jahren Corona-Pause wieder als Wirt auf der Wiesn zu stehen?

Ich gebe zu, wir waren vor diesem Wiesn-Beginn etwas angespannter als sonst. Aber nachdem das erste Bier ausgeschenkt wurde, war die Anspannung weg. Wenn man sieht, wie fröhlich und ausgelassen die Leute feiern, freut man sich schon. Ich glaube, das hat vielen gutgetan.

In diesem Jahr war das Medien-Interesse besonders groß. Sogar über die Vorstellung der Wiesnbiere wurde überregional berichtet.

Ja, das war und ist ein großer Augenblick für Münchens Bierbrauer. Es ist schön zu sehen, mit welcher Leidenschaft die Brauer ihr Bier vorstellen und erklären, welche Geschmacksnoten ihr Bier hat. Auch das trägt dazu bei, Bier aus Bayern weltweit bekannt zu machen.

Corona, Inflation, Energiekrise, der Krieg – wie stark hat das auf die Stimmung gedrückt?

Schon auf dem Münchner Frühlingsfest hat sich gezeigt, wie gerne die Leute wieder rausgehen und feiern wollen. Auf der Wiesn war alles wie immer. Ich glaube, dass die Leute das nach den Corona-Jahren auch gebraucht haben: einfach mal abschalten, feiern und Spaß haben.

Trotzdem sind 500.000 Besucher weniger gekommen. Lag das nur am Wetter, oder hat die Veranstaltung wegen Corona an Zugkraft eingebüßt?

Wir hatten immer noch 5,7 Millionen Besucher. Es gibt kein anderes Volksfest, das solche Zahlen hat. Für uns ist entscheidend, dass wir gezeigt haben: Es funktioniert. Unsere Gäste wollen dieses Fest. Wir haben vielleicht etwas höhere Kosten und weniger Umsatz gehabt. Trotzdem wurde Geld verdient.

Wie schlimm war für Sie die Zitterpartie bis endlich feststand, dass die Wiesn 2022 stattfindet?

Je näher der 17. September, der Tag der Wiesn-Eröffnung kam, desto ruhiger wurde ich. Damit das alles läuft, dafür arbeiten viele Profis Hand in Hand. Das reicht von den Zeltaufstellern bis hin zum Wiesn-Chef Clemens Baumgärtner, der alle Hebel für das Fest in Bewegung gesetzt hat. Als die ersten Gerüste auf der Theresienwiese standen, war das ein klares Signal: Die Wiesn wird stattfinden. Wir Wiesn-Wirte waren uns völlig einig, dass wir das gemeinsam durchziehen.

Haben Sie genügend Personal für Ihr Zelt bekommen?

Wir haben sehr früh begonnen, unsere Stammmitarbeiter zu kontaktieren. Einen gewissen Wechsel gibt es da immer, das ist normal. Für mich als Wirt ist es wichtig, für die zweieinhalb Wochen Wiesn ein gutes Team aus Stammkräften und neuen Mitarbeitern zu machen. Ich schätze sehr, was unsere Mitarbeiter da leisten. Deshalb haben wir Ende April ein Fest mit unseren Mitarbeitern der Wiesn 2019 gefeiert.

Das Oktoberfest erfindet sich in jedem Jahr neu.

IHK-Vizepräsident Peter Inselkammer

Eine Maß Bier, ein halbes Hendl und ein Prosit der Gemütlichkeit – hat diese Wiesn-Formel für alle Zeiten Bestand?

Tradition gehört zum Oktoberfest dazu, aber Stillstand hat es nie gegeben. Das Oktoberfest erfindet sich in jedem Jahr neu. Wir versuchen, das Ganze immer weiter zu verbessern.

Gehört dazu mehr Digitalisierung?

Wir haben dieses Jahr zum ersten Mal mit einem digitalem Abrechnungssystem gearbeitet. Auch das Reservieren und Bezahlen ist jetzt online möglich. Ansonsten ist Digitalisierung eher ein Thema für die Fahrgeschäfte. Eine Geisterbahn nutzt die VR-Brille schon. Im Zelt macht Digitalisierung keinen Sinn. Man geht auf die Wiesn, weil man mit Menschen feiern und von Menschen bedient werden will.

Spielt das Thema Nachhaltigkeit eine Rolle?

Damit beschäftigen wir uns sehr. Wir arbeiten daran, Müll so weit wie möglich zu vermeiden. Von den Münchner Stadtwerken beziehen wir Ökostrom. Auch das Essen ist ein Thema. Der Trend geht zu Bio- und regionalen Produkten. Neben dem Hendl wird es in Zukunft sicher auch noch mehr vegetarische und vegane Gerichte geben.

Im Kern ist das immer noch ein Münchner Volksfest.

Peter Inselkammer, Sprecher der Wiesn-Wirte

Bayern Ministerpräsident Söder erklärt den Erfolg des Oktoberfests damit, dass sich jeder Bundesbürger einmal im Jahr wie ein richtiger Bayer fühlen möchte.

Natürlich ist das Oktoberfest ein Touristen-Magnet. Wirte, Einzelhändler, Hotels, Brauereien, Taxiunternehmen – alle profitieren davon. Im Kern ist das Ganze aber immer noch ein Münchner Volksfest. Es sind überwiegend die Münchner und die Menschen aus dem Münchner Umland, die da feiern. Das ist gut so, und das soll auch so bleiben.

Wie haben Sie als Wiesnwirt die Corona-Zwangspause erlebt?

Wir alle hatten es kommen sehen, aber als das Oktoberfest wegen Corona tatsächlich abgesagt wurde, war das schon ein Schock. Das Positive: Wir haben nicht aufgegeben oder resigniert. Wiesn- und Innenstadtwirte haben in kurzer Zeit die Wirtshaus Wiesn auf die Beine gestellt. Ein schönes Projekt, das es in der Form auch nur in München gibt.

Sie waren auch als Hotelier hart von der Pandemie betroffen.

Ja, das war eine neue Erfahrung für mich, ein Hotel zu führen, das keine Belegung hat. Seitdem weiß ich: Wir können auch Krise. Ich denke aber, das hat manchem auch gutgetan zu erleben, dass es nicht nur aufwärtsgeht. Ohne den Druck des üblichen Tagesgeschäfts hatte man die Ruhe, um darüber nachdenken, was man anders oder besser machen kann.

In diesem Sommer hat das Geschäft kräftig angezogen.

Hotelier Peter Inselkammer

Waren Sie mit dem Krisenmanagement der Politik zufrieden? Da kam aus Ihrer Branche heftige Kritik.

Man muss auch die positiven Dinge sehen. Die Stadt München hat alles versucht, um uns Gastronomen in der Krise zu unterstützen. Das beste Beispiel sind die Schanigärten. Man hat uns von April bis Oktober erlaubt, zusätzliche Freischankflächen zu eröffnen. Wir Wirte konnten Umsatz machen, das Infektionsrisiko war minimal, die Gäste fanden das gut, das passte zum Münchner Lebensgefühl.

Das Schlimmste scheint für Ihre Branche vorbei zu sein. Bayerns Tourismus hat in diesem Sommer wieder gute Zahlen geschrieben.

Ja, in diesem Sommer hat das Geschäft kräftig angezogen. Die Corona-Auflagen hörten endlich auf, die Leute hatten wieder richtig Lust darauf, zu verreisen, zum Einkaufen in die Läden und zum Essen zu gehen.

Wirte und Hoteliers klagen, Sie könnten wegen Personalmangel die Nachfrage kaum bedienen. Leidet Ihr Betrieb unter dem Fachkräftemangel?

Die Umstellung ist tatsächlich schwer: Erst hast du monatelang keine Gäste im Haus, dann springt das binnen weniger Wochen um auf einen Hotelbetrieb mit Vollbelegung und 170 Mitarbeitern. Dafür haben wir Leute aus der Kurzarbeit zurückgeholt und neue Mitarbeiter eingestellt.

Sie engagieren sich seit vielen Jahren in der IHK. Was motiviert Sie zum Ehrenamt?

Man muss sich engagieren, wenn man etwas verändern will. Dafür ist die IHK ideal. Ich kann über das Ehrenamt Einfluss auf unsere Rahmenbedingungen nehmen, schon bevor die Politik Entscheidungen trifft. Dafür werde ich vom IHK-Hauptamt super unterstützt. Ich bekomme alle Kontakte und Informationen, die ich brauche. Und ich kann mich mit Unternehmern aus anderen Branchen austauschen. Das empfinde ich als Bereicherung.

Sie haben den Vorsitz des neuen IHK-Regional-Ausschusses Landeshauptstadt München übernommen. Was hat Sie dazu bewogen?

Die Arbeit im neuen Ausschuss war mir wichtig, weil München als Wirtschaftsstandort so eine große Bedeutung hat, und wir in der Stadt vor großen Aufgaben stehen. Der Kontakt zum Rathaus ist gut. Münchens zweite Bürgermeisterin Katrin Habenschaden war auf der Auftaktsitzung dabei. Ich denke, dass wir über diesen Dialog mit der Politik viel bewegen können.

München muss lebenswert bleiben.

Peter Inselkammer, Vorsitzender des IHK-Regionalausschusses Stadt München

Zero-Waste-Strategie, Klimaneutralität bis 2035 – München hat sich ehrgeizige Ziele gesetzt. Halten Sie das für richtig?

Die Ziele sind gut, aber es kommt auf die Umsetzung an. Dafür müssen wir die Menschen mitnehmen. München muss als Wohnort und Firmensitz lebenswert bleiben. Dafür brauchen wir mehr bezahlbare Wohn- und Gewerbeflächen und eine vernünftige Verkehrspolitik, die auch das Interesse der Betriebe im Blick hat.

München gilt als deutsche Stauhauptstadt, S-Bahn-Chaos gehört zum Alltag, die 2. Stammstrecke mutiert zum Planungsdesaster. Was bedeutet das für die Wirtschaft?

Das ist ein echtes Handicap. Erreichbarkeit ist für uns in der Innenstadt ein Riesenthema. München braucht einen attraktiven ÖPNV, das ist klar. Aber man darf nicht die Balance verlieren. Nur ÖPNV, nur Radwege, das funktioniert nicht. Wir brauchen auch Lösungen für den Individualverkehr.

Die Altstadt soll aber weitgehend autofrei werden.

Man sollte sich schon überlegen, warum die Leute in die City kommen. Die fahren in die Innenstadt, weil sie ins Kino, ins Theater, in die Oper, gut essen oder richtig einkaufen wollen. Manche sind auch nicht mehr gut zu Fuß. Dann nimmt man eben das Auto. Das Problem wird sich verschärfen – gleich bei uns um die Ecke mit der neuen Fußgängerzone im Tal. Ich bin gespannt, wie sich das auswirkt.

Der Einkauf muss wieder ein Erlebnis werden.

IHK-Vizepräsident Peter Inselkammer

Traditionsgeschäfte wie Kaut-Bullinger und Obletter sind verschwunden. Müssen wir uns um Münchens Innenstadt Sorgen machen?

Die IHK setzt sich seit Jahren für eine lebendige Innenstadt ein. Im Vergleich zu anderen deutschen Städten steht München noch immer gut da. Klar ist aber auch, dass wir da etwas tun müssen. Entscheidend ist der Begriff Customer Journey. Wir müssen uns fragen: Was bringt Leute dazu, in der Innenstadt einzukaufen, zum Essen zu gehen oder zu übernachten? Und wie kann man das fördern?

Gibt es schon Ideen dazu?

Gerade Corona hat gezeigt, wie das alles zusammenhängt: Einzelhandel, Gastronomie und Hotellerie. Grundsätzlich müssen wir die Menschen dazu bringen, nicht nur online zu bestellen, sondern in die Stadt zu gehen. Der Einkauf muss wieder ein Erlebnis werden. Ich glaube, dass dazu auch die Kultur beitragen kann. Konzerte und Ausstellungen könnten mehr Menschen in die Innenstadt bringen.

Schauen Sie sich auch an, welche Konzepte andere Städte haben?

Das mache ich ständig. Im Urlaub war ich in Lissabon. Ich fand das hochinteressant, wie die dort ihr Stadtmarketing betreiben. Da gibt es viele kleine Shops, Läden und Cafés. Das lässt sich so auf München nicht übertragen. Die hohen Pacht- und Kaufpreise sind ein Thema, das man nicht wegdiskutieren kann.

Was könnte Politik tun, um Ihnen das Geschäftemachen zu erleichtern?

Fragen Sie mich lieber, was die Politik besser nicht tun sollte (lacht).

Wir ertrinken in Bürokratie.

Peter Inselkammer, IHK-Vizepräsident

Und das wäre?

Steuern erhöhen, das wäre jetzt ganz schlecht für die Wirtschaft. Gerade jetzt spüren wir, wie gut und wichtig die gesenkte Mehrwertsteuer für unsere Hotels ist. Und dann natürlich die Bürokratie. Wir ertrinken in Bürokratie.

Aber die Politik verspricht doch seit Jahren Entlastung.

Es gab vor Jahren mal den Ansatz, die Bürokratiekosten für jedes Gesetz zu berechnen. Nach drei oder fünf Jahren sollte geprüft werden, ob das Kosten-Nutzen-Verhältnis stimmt. Andernfalls sollte das Gesetz gestrichen werden. Das fand ich gut. Nur wurde daraus nichts. In der Praxis ist null Erleichterung spürbar.

Ihr Sommergeschäft war gut. Machen Sie sich keine Sorgen vor einem harten Winter?

Wir werden sicher keine Heizdecken an unsere Gäste ausgeben (lacht). Zum Glück ist die Gasversorgung für uns als Hotel nicht existenziell. Die Stadtwerke versorgen uns mit Fernwärme. Aber klar ist auch, dass Inflation und Energiekosten auf die Stimmung drücken. Es wird weniger eingekauft, Essen gegangen und verreist. Am Ende trifft das dann auch uns.