Unternehmensnachfolge

Warum nicht in die Ferne schweifen ?

Manche Unternehmer finden keinen Nachfolger, weil sie sich bei der Suche nur auf die nähere Umgebung beschränken. Dabei kann eine grenzüberschreitende Nachfolge im Alpenraum viele Chancen bieten. SABINE HÖLPER

Als Alessandro Serafini den Chefposten bei C.a.p.t. im norditalienischen Trissino übernahm, war ihm klar: Die Wettbewerbsfähigkeit des Familienunternehmens ließ sich nur erhalten, wenn er in die Internationalisierung investiert. Allerdings wusste der Sohn des Gründers auch, dass er das als alleiniger Nachfolger nicht stemmen konnte. Serafini fand zusammen mit der bayerischen Maschinenfabrik Reinhausen einen unkonventionellen Weg, der Schule machen könnte: eine Unternehmensnachfolge über Grenzen hinweg. Die Nachfolgefrage wird für immer mehr Mittelständler zu einer großen Herausforderung. Das gilt für italienische Unternehmen genauso wie für österreichische oder deutsche. Seit Jahren steigt hierzulande die Zahl der übergabewilligen Seniorchefs, gleichzeitig sinkt die Zahl potenzieller Nachfolger. Laut einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) im November 2015 ist die Lücke so groß wie nie. 43 Prozent der Senioren finden in Deutschland keinen geeigneten Nachfolger. Das gilt auch für das prosperierende Bayern. Vor allem auf dem Land gestaltet sich der Generationswechsel schwierig. Womöglich kann der Blick über die Grenzen die Situation zumindest ein wenig entspannen. Grund zur Hoffnung gibt das neue von der Europäischen Union geförderte Programm mit dem komplizierten Namen Interreg-Projekt C-TEMAlp (Continuity of Traditional Enterprises in Mountain Alpine Space Areas), an dem sich auch die IHK für München und Oberbayern beteiligt. Ziel ist es, die Rahmenbedingungen für die grenzüberschreitende Unternehmensnachfolge in den jeweiligen Regionen so weit zu verbessern, dass „die grenzüberschreitende Nachfolge zu einem normalen Wirtschaftsprozess wird“, erklärt Hannes Aurbach, stellvertretender Referatsleiter Europa bei der IHK für München und Oberbayern. Noch steht das Projekt am Anfang, die bayerische Auftaktveranstaltung „Alp-Café“ fand Mitte September in München statt. Doch schon jetzt ist klar, dass die Idee Potenzial hat. „Da die Situation in den Nachbarländern ähnlich ist, ist es sinnvoll, auch dort nach einem Nachfolger Ausschau zu halten“, sagt IHK-Experte Markus Neuner. Denn je größer der Radius, desto größer die Chance, den passenden Nachfolger zu finden. Es lohnt sich auch, über alternative Wege nachzudenken: Ein Nachfolger muss zum Beispiel nicht zwingend an den Standort des Unternehmens übersiedeln. So kann eine Firma zum Beispiel ins Ausland expandieren, indem sie einen übergabereifen Betrieb übernimmt.

Das Arbeitsethos in Norditalien lässt sich mit dem in Bayern vergleichen

Nicolas Maier-Scheubeck, Geschäftsführer der Maschinenfabrik Reinhausen (MR)

Wie eine Lösung aussehen kann, zeigen die Energietechnikunternehmen C.a.p.t. und Maschinenfabrik Reinhausen (MR). Die Bayern gehörten seit Jahren zu den Kunden von C.a.p.t., als die Nachfolgefrage bei dem italienischen Produzenten von Stufenschaltern anstand. Schließlich übernahm MR 49 Prozent der Firma. Die Betriebe arbeiten jetzt partnerschaftlich in einem Joint-Venture zusammen. So konnten die Italiener den Fortbestand des 1972 von der Familie Serafini gegründeten Unternehmens sichern. „Seit dem Einstieg der Maschinenfabrik Reinhausen sind wir gut für die Zukunft aufgestellt“, sagt Alessandro Serafini. Er ist weiterhin Chef der C.a.p.t. Der 43-Jährige leitet darüber hinaus ein Schlüsselprojekt in der MR. „Der Deal ist für beide Seiten ein Gewinn“, sagt Rechtsanwalt Mattia Dalla Costa, der den Prozess beratend begleitete. Die MR erweiterte ihr Produktportfolio, C.a.p.t. konnte neue Kunden gewinnen. „Innerhalb von drei Jahren ist der Umsatz um 35 Prozent und die Zahl der Mitarbeiter um 50 Prozent gestiegen“, freut sich Serafini. Allerdings gibt es bei einer grenzüberschreitenden Unternehmensnachfolge auch besondere Herausforderungen. Eine der größten ist sicher die Sprachbarriere. „Typische Hürden waren und sind zum Teil noch immer fehlende Italienischkenntnisse bei uns sowie geringe Englischkenntnisse bei C.a.p.t. unterhalb der international erfahrenen Management-ebene“, bestätigt MR-Geschäftsführer Nicolas Maier-Scheubeck. Die unterschiedliche Gesetzgebung, vor allem in puncto Recht und Steuern, erschwert allgemein den Prozess. Das gilt insbesondere für die Schweiz, die bekanntlich kein EU-Mitglied ist. Aber auch innerhalb der Union gibt es Differenzen. „Es gibt im Vorfeld viele Fragen zu klären“, sagt Dalla Costa. Zum Beispiel, wie eine GmbH funktioniert oder was der Unternehmer bei Kündigungen zu beachten hat. Ein Berater und Rechtsbeistand kann in einer solchen Situation helfen. Darüber hinaus sind die Kammern Anlaufstellen. Die Partner des neuen Projekts C-TEMAlp arbeiten vor allem daran, vorhandene Barrieren abzubauen. Deshalb vernetzen sich die Kammern und kooperieren mit regionalen Wirtschaftsförderern und Banken.

Eher zu vernachlässigen sind dagegen kulturelle Unterschiede. Es gibt sie zwar – und sie können zu Misstrauen führen, wie Dalla Costa sagt: „Ein Deutscher mag vielleicht nicht glauben, dass eine Anfrage bei einer Behörde, die in Deutschland innerhalb weniger Tage erledigt ist, in Italien mehrere Wochen dauert.“ Grundsätzlich aber sei die DNA der Mittelständler im Alpenraum gleich. Auch Maier-Scheubeck hat, was die Mentalitäten angeht, nur Positives zu berichten: Das Arbeitsethos in Norditalien lasse sich „mit dem in Bayern vergleichen“.