Juni-Ausgabe

Vom Sattler zum Weltmarktführer

Die Unternehmerfamilie Fritzmeier beeindruckt mit einer Erfolgsgeschichte im Fahrzeugbau, bei der Sport eine nicht unwesentliche Rolle spielt.

Fritzmeier Systems GmbH, Ursula und Georg Fritzmeier
© Wolf Heider-Sawall Georg Fritzmeier, geschäftsführender Gesellschafter der Fritzmeier Holding mit seiner Schwester Ursula Fritzmeier, Geschäftsführerin der Fritzmeier Umwelttechnik GmbH & Co. KG

Die Firmengruppe Fritzmeier ist das, was Wirtschaftsexperten einen „Hidden Champion“ nennen, einen heimlichen Weltmarktführer. Das Familienunternehmen ist international führend bei der Herstellung von Kabinen für Baumaschinen und Flurförderfahrzeuge – und nur in der Fachwelt richtig bekannt.

Der Firmensitz liegt im oberbayerischen Großhelfendorf im Süden Münchens, wo das idyllische Voralpenland beginnt und Milchlaster das Tempo auf den Straßen vorgeben. Der Anblick der vielen Werkshallen mit einem schmucken Verwaltungsgebäude am Rand einer 1 800-Einwohner-Gemeinde ist für den Besucher eher unerwartet. „Trotz Internationalisierung sind wir unserem Standort treu geblieben“, sagt Georg Fritzmeier (47), der die Fritzmeier Holding als geschäftsführender Gesellschafter leitet.

Den Grundstein für das Unternehmen legte der Großvater, ebenfalls ein Georg Fritzmeier, der 1927 in Großhelfendorf eine Sattlerei gründete. Als die ersten Traktoren auf den Markt kamen, setzte er mit unternehmerischem Weitblick auf die Mechanisierung der Landwirtschaft und entwickelte den ersten vollhydraulischen Schleppersitz. Er erfand ein Planenverdeck als Wetterschutz, den ersten Sicherheitsbügel für Traktoren und einige Jahre später eine Kabine, die den Traktorfahrer als Sicherheitszelle bei Unfällen schützt. Unter der Ägide der zweiten Generation begann die Firma 1975 mit der Fertigung der Traktor-Sicherheitskabinen – ein Produkt, das die Fritzmeier Kabinen GmbH heute noch herstellt. Zudem entwickelt und produziert das Unternehmen sichere, ergonomisch optimierte Fahrerarbeitsplätze für Baumaschinen, Gabelstapler, Busse sowie Lkws.

Gemeinsam mit eigenständigen Gesellschaften in sechs europäischen Ländern bildet die Fritzmeier Kabinen GmbH den Geschäftsbereich Cabs, der rund 75 Prozent zum jährlichen Gruppenumsatz von knapp 500 Millionen Euro beiträgt. 20 Prozent generiert der Unternehmensbereich Plastic, der Komplett-Baugruppen aus Kunststoffen herstellt. Die restlichen fünf Prozent teilen sich die Geschäftsbereiche Technologie und Umwelt.

Ein Netzwerk öffnete den Weltmarkt

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© Fritzmeier Herstellung von Kabinen für Baumaschinen, Gabelstapler und Flurfahrzeuge im oberbayerischen Großhelfendorf

Derzeit erwirtschaftet die Gruppe mit ihren rund 2 800 Mitarbeitern 75 Prozent der Umsätze im Ausland. „Die Internationalisierung begann bereits vor gut 40 Jahren mit der Gründung von Tochtergesellschaften in Europa“, erklärt Fritz Schadeck (58), Geschäftsführer der Fritzmeier Systems GmbH. Um den Weltmarkt bedienen zu können, wählte die Familie eine ungewöhnliche Strategie: Das oberbayerische Unternehmen ging auf seine internationalen Mitbewerber zu und schmiedete ein globales Netzwerk von Kabinenherstellern, die CAB Alliance. Zu ihr gehören Unternehmen in den USA, in Brasilien und Japan sowie das Joint Venture Motherson, das Fritzmeier zusammen mit einem indischen Unternehmen gründete. Mittlerweile zählt die Cab Alliance nahezu alle großen Nutzfahrzeughersteller zu ihren Kunden. „Mit eigenen Niederlassungen oder Tochterunternehmen hätten wir das allein schon wegen der Distanzen und der kulturellen Unterschiede wohl kaum geschafft“, sagt Georg Fritzmeier.

Wir legen großen Wert auf Kooperation und Vernetzung.

Fritz Schadeck, Geschäftsführer der Fritzmeier
Systems GmbH

Stil und Surfboard als Know-how-Beweis

Als „schärfste Waffe im internationalen Wettbewerb“ bezeichnet Schadeck die Entwicklungskompetenz und das Know-how rund um Werkstoffe in der Familie. Georgs Vater Rupert Fritzmeier war fasziniert von Kunststoffen. Um zu beweisen, dass sie durchaus eine hohe Festigkeit und Haltbarkeit aufweisen können, entwickelte er 1974 die weltweit ersten Ski aus Kunststoff und gründete eine Skifabrik. Mit Fritzmeier-Ski ging auch Ski-Legende Rosi Mittermeier an den Start. 1980 wurde die Skifabrik zwar wieder geschlossen. Doch Rupert Fritzmeier hatte gezeigt, dass Kunststoffe durchaus für den Fahrzeug- sowie Maschinenbau geeignet sind – und dass sein Unternehmen über das entsprechende Verarbeitungswissen verfügt.

Der zweite Ausflug in sportliche Gefilde hatte ebenfalls mit Kunststoffen zu tun: Das Unternehmen gründete den Surfbretthersteller Mistral. Mit den Surfboards bewies Fritzmeier, dass sich Harzfolien und Kunststoffe bestens vertragen, was wiederum den Einstieg in den Markt für Lkws und Busse erleichterte.

Ruperts Sohn Georg Fritzmeier startete Anfang der 1990er-Jahre erste Versuche mit Carbon und gründete 1994 zusammen mit Partnern die M1-Sporttechnik GmbH & Co. KG, die extrem leichte Mountainbikes mit Rahmen aus dem neuartigen Leichtbaumaterial herstellte. Derzeit produziert M1 Highend-Elektrofahrräder, die mit den weltweit stärksten Antrieben für E-Bikes ausgestattet sind. „Das Know-how bei der Verarbeitung von Carbonfasern war auch unser Türöffner bei der BMW AG“, sagt Georg Fritzmeier.

Heute ist Fritzmeier Lieferant für Carbonfaserteile, die zum Beispiel im BMW i3 verbaut werden. „Wir legen großen Wert auf Kooperation und Vernetzung“, sagt Schadeck. „Nur so können wir als oberbayerisches Familienunternehmen auf dem Weltmarkt bestehen.“ Ein Familienunternehmen soll die Fritzmeier-Gruppe auch weiterhin bleiben, betont Georgs Schwester Ursula Fritzmeier, die als Geschäftsführerin die Fritzmeier Umwelttechnik GmbH & Co. KG leitet. „Es ist unser klarer Auftrag an das Management all unserer Gesellschaften, diesen Status zu erhalten“, sagt die 47-Jährige.

Überzeugte Familienunternehmer

Für Ursula und Georg Fritzmeier stand schon seit ihrer Kindheit fest, dass sie ins Unternehmen einsteigen werden. „Unsere Eltern haben jedoch keinerlei Druck ausgeübt“, betonen beide. Dass sie bereits früh in die Firma eingebunden wurden und ihr Vater Rupert ihnen nach wie vor als Ratgeber zur Verfügung steht, bezeichnen sie als „großes Glück“. Wichtig ist der dritten Generation allerdings nicht nur der Erhalt des Unternehmens im Familienbesitz, sondern auch der Standort in Großhelfendorf, an dem die Fritzmeier-Historie begann und sich so erfolgreich weiterentwickelt.