Unternehmenszukäufe

Schneller wachsen

Oberbayerische Mittelständler übernehmen immer häufiger Unternehmen, wenn sie expandieren wollen. Welche Vorteile diese Kaufstrategie hat und worauf es bei der Finanzierung ankommt. MONIKA HOFMANN

Muamer Babajic ist auf der Suche. Der Gründer der Masterwerk GmbH, ein Zulieferer für die Metallindustrie, hält nach einer Produktionsfirma Ausschau, die keinen Nachfolger hat. Dann würde er gern einspringen und den Betrieb übernehmen. Neben den Synergien, die sich der Unternehmer dadurch in Einkauf, Vertrieb und Logistik erhofft, sieht er vor allem zwei große Pluspunkte: „Damit bekämen wir weitere kompetente Fachleute dazu, und wir könnten unsere Produktionskapazität erweitern.“ Babajic will mit Masterwerk weiter expandieren – und zwar mit richtig großen Schritten. Da das Unternehmen in den vergangenen Jahren überaus kräftig wuchs, wäre Babajic bereit, einen Teil seines Produktionsportfolios an die übernommene Firma abzugeben. „Zugleich möchten wir mit ihr neue Geschäftsfelder erobern, also auch neue Mitarbeiter einstellen“, kündigt er an.

Wir bekämen weitere kompetente Fachleute dazu, und wir könnten unsere Produktionskapazität erweitern.

Muamer Babajic, Geschäftsführer der Masterwerk GmbH

Der Seniorchef des zugekauften Betriebs wiederum könnte seine Nachfolgeprobleme lösen und zunächst noch an Bord bleiben, wirbt Babajic. „Ich möchte dazulernen“, betont der 36-jährige Firmenlenker.

In Oberbayern spielt das Thema Firmenkäufe gerade für Mittelständler eine wachsende Rolle. Viele Marktbereiche sind von einer hohen Dynamik geprägt, etwa der Handel oder die Gesundheitsbranche. „Unternehmen kaufen immer öfter andere Firmen, die keinen Nachfolger haben, um zu expandieren oder sich neue Geschäftsfelder und Regionen zu erschließen“, beobachtet Claudia Schlebach, Abteilungsleiterin Unternehmensförderung, Gründung und Gewerberecht bei der IHK für München und Oberbayern.

Wenn Unternehmen solche Vorhaben durchdacht angehen und strategisch planen, können sie durchaus schneller wachsen, Synergien nutzen und Kosten sparen. Vorausgesetzt, die zugekaufte Firma passt zum eigenen Unternehmen. „Ebenso wichtig ist es zu prüfen, ob die Erwartungen im Hinblick auf die Renditen und Synergien realistisch sind“, weiß die IHK-Expertin.

Als Babajic 2009 seinen Betrieb gründete, herrschte gerade Krisenstimmung. Die Entscheidung, trotzdem zu starten, zahlte sich für den studierten Betriebswirt mit Kaufmannsausbildung aus. Heute zählen renommierte Unternehmen wie die BMW AG, die Mahle Behr GmbH & Co. KG oder die Zarges GmbH zu seinen Kunden. Eine seiner besonderen Stärken sieht Babajic in der flexiblen und starken Orientierung an den Kundenwünschen: „Wir fragen nicht, ob wir das schaffen, sondern wie wir es schaffen.“ Daher bietet Masterwerk nicht nur hochwertige Komponenten für den Metall-, Formen- und Werkzeugbau, sondern auch einen Rundumservice als Dienstleistungspartner für Konstruktion, Fertigung und Robotik.

Ein weiterer Pluspunkt ist das ungewöhnliche Netzwerk. „Seit sechs Jahren arbeiten wir eng nach dem Co-Creation-Ansatz mit vier Produktionsbetrieben in Bosnien und Herzegowina und Serbien zusammen“, erklärt der Unternehmer, dessen Eltern aus Bosnien und Herzegowina stammen. Um auf Wachstumskurs zu bleiben, sucht Babajic jetzt in seinen Netzwerken sowie auf den Portalen s-unternehmensplattform.de der Sparkassen und nexxt-change.de nach verkaufswilligen Seniorchefs. Hinter nexxt-change stehen das Bundeswirtschaftsministerium, die KfW Bankengruppe, der Deutsche Industrie- und Handelskammertag, der Zentralverband des Deutschen Handwerks, der Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken und der Deutsche Sparkassen- und Giroverband. Regionaler Partner ist die IHK für München und Oberbayern. „Mit der Firmenbörse wollen wir Senior- und Jungunternehmer oder Gründer zusammenbringen“, erläutert IHK-Expertin Schlebach. Inhaber und Firmensuchende können da-rin recherchieren oder selbst
Inserate einstellen.

Fünf Fragen klären

Eine Wachstumsstrategie, die auf Firmenkäufe setzt, bietet besondere Chancen. „Sie erlaubt ein sofortiges Umsatzwachstum, denn der Unternehmer muss keine neuen Strukturen aufbauen“, sagt Frank Sampel, Spezialist für Corporate Finance bei der Stadtsparkasse München. Außerdem ermögliche sie den Zugang zu weiteren Kunden und könne einen Engpass an qualifizierten Mitarbeitern überwinden. Aber es gebe auch Risiken, warnt Sampel und rät, folgende Fragen vorab zu klären:

  • Sind Umsätze und Erträge des Zielunternehmens wirklich stabil?
  • Passen Philosophie und Arbeitsklima des zu kaufenden Betriebs tatsächlich zum bestehenden Unternehmen?
  • Lassen sich die Synergien in dem geplanten Maße realisieren?
  • Kann der Käufer die Mitarbeiter halten, die über entscheidendes Know-how verfügen?
  • Ist die Finanzierung auch bei Umsatz- und Ertragseinbrüchen tragbar?

Wenn der Käufer nur über geringe Liquiditätsreserven verfügt, muss er den Unternehmenskauf finanzieren. „Diese Belastung muss er in Form von Zins- und Tilgungsleistung langfristig schultern können“, so der Experte. „Daher strukturieren wir auch für kleinere und mittlere Firmen solche Käufe mit Instrumenten, die eine tragfähige Finanzierung ermöglichen.“ Neben dem Eigenkapital des Käufers komme beispielsweise eine stille Beteiligung eines Mezzaninpartners der Sparkasse mit einer Laufzeit von fünf bis sieben Jahren zum Einsatz. Zusätzlich könnte der Unternehmer einen Investivkredit der LfA Förderbank Bayern mit Primärhaftung der Stadtsparkasse nutzen. „So sind deutlich längere, liquiditätsschonende Laufzeiten möglich als bei normalen Bankdarlehen“, argumentiert Sampel. Meist entsteht mit dem Zukauf weiterer Betriebsmittel- oder Investitionsbedarf. „Dieser lässt sich über Factoring oder Leasing finanzieren, was die Bilanz entlastet.“

Auch die BayBG Bayerische Beteiligungsgesellschaft mbH bietet mit ihrem Eigenkapitalprogramm für den Mittelstand passende Finanzierungsalternativen für den Unternehmenskauf und für weiteres Wachstum an.

Die Pläne offen kommunizieren

Sich die Zielfirma sehr genau ansehen, die Wünsche des Altinhabers respektieren, von Anfang an offen mit den Mitarbeitern kommunizieren, die Kompetenz im Unternehmen halten. Das sind die Grundsätze, die Norbert Haimerl, Finanzvorstand der Dr. Hönle Gruppe, befolgt, wenn es um eine Firmenübernahme geht. Erfahrung in Sachen Unternehmenskauf besitzt der Manager reichlich. Bereits bei acht Übernahmen führte er die Verhandlungen. „Mit den zugekauften Unternehmen wollen wir uns neue Geschäftsfelder erschließen, in denen wir große Marktchancen erkennen“, erklärt Haimerl die Wachstumsstrategie. Das 1976 gegründete Unternehmen entwickelt hochwertige UV- und UV-LED-Systeme. Es beschäftigt etwa 545 Mitarbeiter und hat sich als einer der Weltmarktführer etabliert. Das Wachstum der Gruppe erreichte in den vergangenen Jahren oft bis zu 20 Prozent. 2015 setzte die AG 92 Millionen Euro um.

Wenn Haimerl nach Beispielen für eine besonders gelungene Übernahme gefragt wird, fällt ihm sofort die Panacol Gruppe ein. Hönle kaufte den Klebstoffspezialisten 2008. „Damit erschlossen wir uns das Geschäftsfeld der Industrieklebstoffe“, so der Finanzvorstand. Gleich nach der Übernahme investierte Hönle kräftig in Forschung und Entwicklung und strukturierte um, um Kosten zu sparen. „Wir konnten die Mitarbeiter und ihr Know-how zu einem großen Teil im Unternehmen halten“, freut sich Haimerl. Auch die meisten Kunden blieben Panacol treu. Die Firma, die vor der Übernahme eine schwierige Phase durchgemacht hatte, gewann überdies neue Abnehmer dazu. Auf eine ähnliche Erfolgsgeschichte wie bei Panacol hofft Haimerl auch bei der Raesch Quarz Gruppe.

Zunächst mussten wir uns mit einer Branche vertraut machen, die wir noch nicht so gut kannten.

Norbert Haimler, Finanzvorstand Dr. Hönle Gruppe

Den Hersteller und Verarbeiter von Quarzglasprodukten übernahm Hönle vor vier Jahren. „Zunächst mussten wir uns mit einer Branche vertraut machen, die wir noch nicht so gut kannten“, sagt Haimerl. Jetzt seien die Weichen für neues Wachstum gestellt.

Der erfahrene Firmenkäufer hält vor allem zwei Faktoren bei der Integration von Unternehmen für entscheidend: „Es reicht nicht, vorab die Zahlen des Zielunternehmens unter die Lupe zu nehmen und eine Risikoanalyse durchzuführen“, sagt Haimerl. „Wir sehen uns den Betrieb auch vor Ort sehr genau an.“ Gespräche mit dem Inhaber und den Mitarbeitern helfen zu klären, ob die angepeilte Firma überhaupt zum eigenen Unternehmen und zur eigenen Kultur passt. Der zweite Faktor: Von Anfang an sollten Ehrlichkeit und Offenheit herrschen, findet Haimerl. „Gerade wenn Umstrukturierungen geplant sind, kommunizieren wir so bald wie möglich offen unsere Pläne, um Vertrauen aufzubauen.“ Er weiß, dass er das Know-how und das Engagement der Beschäftigten benötigt, um die erworbene Firma wieder auf den Wachstumspfad zu bringen. Haimerl: „Nur so können Übernahmen langfristig gelingen.“