Re'flekt

Erweiterte Realisten

Das vier Jahre alte Tech-Unternehmen Re'flekt gehört zu den Marktführern im Bereich Computer-Vision und arbeitet unter anderem mit Tesla-Gründer Elon Musk zusammen. SABINE HÖLPER

Eine Kapsel, die mit einer Geschwindigkeit von 1 200 Stundenkilometern durch eine Röhre rast und Passagiere innerhalb von 35 Minuten von San Francisco nach Los Angeles bringt – das ist nicht etwa Science-Fiction. Das ist der Hyperloop. Tesla-Gründer Elon Musk hat sich die Hochgeschwindigkeitsbahn ausgedacht, der deutsch-amerikanische Unternehmer Dirk Ahlborn will sie bauen. Und das Münchner Unternehmen Re´flekt ist mit an Bord. Das Start-up soll den Reisenden einen virtuellen Blick aus der geschlossenen Kapsel ermöglichen.

Wir vermitteln den Passagieren ein Erlebnis, als ob sie am Fenster sitzen würden. Dabei gibt es in der Kapsel gar keine Fenster.

Re'flekt-Gründer und Geschäftsführer Wolfgang Stelzle (33)

IHK Magazin, 27.06.16re-flekt Geschäftsführer Wolfgang Stelzle und Kerim IspirFoto: Marion Vogel
© Marion Vogel Wolfgang Stelzle, Gründer und Geschäftsführer der Re'flekt GmbH (rechts) und Mitgründer Kerim Ispir

Virtuelle Welten schaffen – darauf ist das 2012 gegründete Unternehmen spezialisiert. Der Auftrag aus dem Silicon Valley sorgte für Schlagzeilen und machte Re'flekt einer größeren Öffentlichkeit bekannt. „Der Hyperloop ist ein Aushängeschild für uns“, sagt Stelzle. „Er bringt uns voran.“

Über zu wenige Aufträge konnte sich das Unternehmen auch vorher nicht beklagen. „Weit über 100 Kunden“ nutzen die Software der Münchner, fast die Hälfte der DAX-Unternehmen zählt zu den Abnehmern, darunter BMW, ProSiebenSat.1 Media oder ThyssenKrupp. Re'flekt zählt in Europa zu den führenden Anbietern für Business-Lösungen mit Augmented und Virtual Reality. Das Unternehmen setzte im vergangenen Jahr knapp zwei Millionen Euro um. Für dieses Jahr prognostiziert Stelzle einen „deutlich höheren“ Umsatz. 40 Mitarbeiter sind in der Zentrale in München beschäftigt, zwei im neu gegründeten Büro in Düsseldorf, zwei weitere in der ebenfalls gerade erst eröffneten Niederlassung in Los Angeles. Und das Start-up stellt weiter ein.

Mit den Begriffen Augmented und Virtual Reality kann nicht jeder sofort etwas anfangen. Dabei sind erweiterte und virtuelle Realitäten längst im Alltag angekommen. Zum Beispiel bei Fußballübertragungen im Fernsehen, wenn eine Linie die Torentfernung bei Freistößen anzeigt. Das ist Augmented Reality (AR) – die Ergänzung von Bildern oder Videos mit computergestützten Zusatzinformationen.

Während AR in der realen Welt bleibt, taucht man mit Hilfe von Virtual Reality (VR) in eine komplett künstliche Wirklichkeit ein. Auch diese Technik wird bereits vielfach angewandt, etwa bei der Pilotenausbildung in Flugsimulatoren.

Man kann die Technologien in fast allen Branchen einsetzen. Re'flekt bedient zum Beispiel die Autoindustrie, Chemieunternehmen, Maschinenbaufirmen, Medienhäuser oder Marketingfirmen.

Stelzle, Gründer und Geschäftsführer bei Re'flekt

Die Technologien erleichtern komplexe Aufgaben, verbessern bestehende Prozesse und reduzieren den Zeitaufwand für Ausbildung und Training. Soll ein Techniker zum Beispiel ein Gerät reparieren, muss er in der Regel das Benutzerhandbuch heranziehen. Mit Augmented Reality ist das nicht mehr nötig, alle relevanten Informationen werden im Blickfeld des Betrachters eingeblendet, also auf ein Tablet oder eine Datenbrille übertragen. Der Monteur sieht auf dem Bildschirm eine filmische Schritt-für-Schritt-Anleitung, zusätzliche Informationen in Form von Texten oder 3D-Modellen ergänzen die Erklärungen. „Augmented Reality reduziert Kosten und Fehlerrisiken in Produktion, Reparatur, Wartung und zahlreichen weiteren Feldern“, sagt Stelzle. Virtual Reality dagegen kommt häufig zum Einsatz, wenn ein Unternehmen seinen Kunden, Mitarbeitern oder der Öffentlichkeit etwas präsentieren möchte. Ein neuer Mitarbeiter, der in Kürze in einer Fabrikanlage in Südamerika anfangen soll, erhält mit Hilfe von VR zum Beispiel schon vorher Einblick in die Halle. Auf Messen ermöglichen 360-Grad-Videos den Besuchern einen besonders deutlichen Einblick ins Produktportfolio eines Ausstellers. Re'flekt selbst setzt seine Technologie auf Messen ein, um Interessierten den Hyperloop, der knapp unter der Schallgrenze dahinbraust, so realistisch wie möglich zeigen zu können. Bislang interessieren sich für die Software von Re'flekt vor allem Großunternehmen. Für Mittelständler ist sie schlicht zu teuer. Doch die Bayern arbeiten daran, „dass sich auch Mittelständler unsere Software leisten können“, so Stelzle. Um dies zu gewährleisten, verbessert das Team ständig die Technologie. Erste Erfolge sind bereits sichtbar: In der Vergangenheit dauerte das Erstellen einer virtuellen Gebrauchsanleitung acht bis zwölf Wochen. „Jetzt machen wir das in wenigen Tagen oder Stunden“, sagt Stelzle.

Die Kosten sollen sinken

Der entscheidende Meilenstein auf dem Weg zu deutlich geringeren Kosten war die Einführung der Plattform „Reflekt One“. Sie ermöglicht es den Kunden erstmals, Augmented-Reality-Anwendungen selbst zu erstellen. Bereits zum Marktstart erhielt das neue Produkt einen Innovationspreis. Reflekt One wird in die vorhandene Infrastruktur des Kunden eingebunden, die Mitarbeiter, etwa der technische Redakteur, können die Plattform nicht nur für einen bestimmten Anwendungsfall, sondern für eine Vielzahl von Szenarien einsetzen. Interessant ist das zum Beispiel für Tests mit Prototypen. „In dem Moment, in dem der Prototyp auf verschiedene Anwendungsfälle mit zahlreichen Modellen und Varianten in unterschiedlichen Sprachen ausgerollt werden soll, kommt die standardisierte und skalierbare Einstellung von AR ins Spiel“, so Stelzle. „Reflekt One macht genau das.“

Das Start-up entwickelt bereits eine weitere Plattform, die in wenigen Monaten auf den Markt kommen soll. Mit dieser 360-Grad-Videoplattform können Unternehmen dann auch interaktive Virtual-Reality-Erlebnisse selbst erstellen.