Nachhaltigkeit

Alternativen zu Plastik & Co.

Innovative Firmen zeigen, wie sich mit neuen Materialien und cleveren Ideen Waren verpacken lassen, ohne riesige Müllberge zu hinterlassen. GABRIELE LÜKE

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Christine Traub, Mitinhaberin des Supermarktes ohne, verzichtet ganz auf Einwegverpackungen

Manchmal geht es sogar ganz ohne Verpackung. Um einen Beitrag zum Umwelt- und Klimaschutz zu leisten, beschlossen Hannah Sartin (32) und Carlo Krauß (34) aus München, mit ihrer Familie komplett verpackungsfrei zu leben. Ein nicht gerade einfaches Unterfangen, wie sich bald herausstellte. Zwar fanden sie Bauernhöfe und Händler, die Ware auch ohne Verpackung verkauften. „Doch wir haben Butter, Nudeln, Süßigkeiten auch immer wieder selbst gemacht, wenn wir sie nicht lose kaufen konnten“, erzählt Hannah Sartin. Da mehr und mehr Menschen aus ihrem Umfeld ihrem Beispiel folgen, aber nicht ebenso viel Aufwand treiben wollten, wurde aus dem Familienprojekt eine Geschäftsidee. 2015 gründeten Sartin und Krauß zusammen mit Christine Traub (31) den verpackungsfreien Supermarkt ohne. „Die Kunden bringen ihre Behältnisse selber mit oder erstehen wiederverwertbare Behältnisse im Laden“, erklärt Sartin das Prinzip. Verpackungen und ihre Folgen für die Umwelt sind in der Nachhaltigkeitsdiskussion ein zentrales Thema. Das liegt auch an ihrer steigenden Menge. Verbrauchte 1995 jeder Deutsche noch knapp 170 Kilogramm an wie auch immer gearteten Hüllen, waren es 2015 bereits rund 223 Kilogramm. Rund 96 Kilo entfielen dabei auf Papier-, knapp 37 Kilo auf Kunststoff- und zirka 33 Kilo auf Glasverpackungen, ermittelte die Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung (GVM) in Mainz. Der Anstieg hat zahlreiche Ursachen. Verbraucher kaufen häufiger Snacks zum Mitnehmen und ersetzen Konsumprodukte vom Küchenquirl bis zur Haarbürste öfter als früher. Sie bestellen mehr und mehr Waren online, die für den Versand extra verpackt werden müssen. Außerdem geht der Trend zu kleineren Füllmengen. „Der Coffee-to-go ist bequem, steigert aber den Verpackungsverbrauch“, bringt es Kurt Schüler (52), geschäftsführender GVM-Gesellschafter, auf den Punkt. Immerhin: Laut Umweltbundesamt werden in Deutschland fast 98 Prozent aller Verpackungsabfälle wiederverwertet. „Zudem hat die Verpackungsindustrie intensiv in Richtung Nachhaltigkeit gearbeitet, Verpackungsmaterialien und -konzepte ökologisch nachgebessert“, beobachtet GVM-Experte Schüler. Aus Kostengründen, weil die Kunden es mehr und mehr verlangen, aber auch weil sie selbst von den Vorteilen der Nachhaltigkeit überzeugt ist. „Wer sein Unternehmen und seine Produkte nachhaltig aufstellt, sollte Verpackung in jedem Fall mitdenken“, betont Gertrud Oswald, Geschäftsführerin des Bayerischen Industrie- und Handelskammertags und Fachfrau für Corporate Social Responsibility (CSR). Sie plädiert für die Formel: So viel Verpackung wie nötig, so wenig wie möglich. Dabei sei es ideal, wenn die Verpackung weitgehend klimaneutral und ressourcenschonend hergestellt wurde, also nachwachsende statt endliche fossile Rohstoffe genutzt wurden. Sie sollte stofflich hochwertig wiederverwertbar sein und im besten Fall mit erneuerbaren Energien produziert werden. Oswald: „Langfristig rechnet sich das auch wirtschaftlich – auch weil die Kunden positiv darauf reagieren.“

Stroh ersetzt Styropor

Diesem Ideal kommt die 2013 in Puchheim gegründete Landpack GmbH mit ihren innovativen Verpackungen aus Stroh schon sehr nahe. Dabei ist die Idee hinter ihrer Strohbox nicht nur ökologisch vorausschauend: „Auch im Lebensmitteleinzelhandel wird E-Commerce immer wichtiger. Wir wollten dem Handel rechtzeitig eine ökologische Alternative zum ressourcen- und energieintensiven Styropor für die Versandverpackung anbieten“, erklärt Landpack-Gründerin Patricia Eschenlohr (34). Stroh eignet sich gut dafür: Es ist ein landwirtschaftliches Abfallprodukt, das zur Verbesserung des Bodens nicht gebraucht wird und deshalb für neue Zwecke zur Verfügung steht. Strohverpackungen sind stoß- und im Gegensatz zu Styropor auch bruchsicher. Sie schützen und isolieren Produkte, halten kühl und frisch – und nach dem Transport können sie im Biomüll entsorgt werden. Mittlerweile bietet das junge Unternehmen zum Einwickeln von Waren auch Vliese aus Hanf an. „Unsere Idee wird vom Handel sehr gut angenommen“, freut sich Eschenlohr. „Auch Endkunden, die eine Lieferung in Stroh bekommen haben, geben uns positives Feedback, weil sie sich über den perfekten Biokreislauf freuen.“

Ein Material mit ebenfalls nachhaltigem Image ist Wellpappe. Sie wird aus Bruch- und Durchforstungsholz, also aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt. Dabei fließen Frischfasern nur zu 20 Prozent in den Herstellungsprozess ein, 80 Prozent stammen aus Altpapier. Eine Faser geht bis zu zehnmal in die Wiederverwertung. Die beim Recycling schließlich nicht mehr nutzbaren Reststoffe werden meist thermisch verwertet, das heißt verbrannt. Sie geben dabei, anders als beispielsweise Kunststoff, nur die Menge CO2 in die Atmosphäre ab, die vorher in ihnen gespeichert war. „Trotz der bereits guten Ökobilanz lässt sich die Nachhaltigkeit der Wellpappe aber noch weiter steigern“, sagt Oliver Wolfrum. Der 53-Jährige ist Generalbevollmächtigter des Forums Ökologisch Verpacken in Frankfurt am Main, mit dem die deutsche, österreichische und Schweizer Wellpappenindustrie das Kreislaufprinzip fördern will. Die Hersteller versuchen, den Anteil an Frischfasern bei gleicher Verpackungsqualität weiter zu senken. Neue Maschinen passen Verpackungen in Größe und Volumen exakt an das Produkt an. Zudem nutzen einige Unternehmen erneuerbare Energien für die Herstellung der Pappe. „Wir möchten unser Produkt langfristig komplett klimaneutral aufstellen“, betont Wolfrum. Schließlich werde Nachhaltigkeit neben dem Preis für die Kunden immer entscheidender.