Juni-Ausgabe

Flüchtlinge: Viel Einsatz – und einige Erfolge

Flüchtlinge möchten arbeiten, Unternehmen wollen sie beschäftigen. Wie beide Seiten zusammenfinden und die Integration in den Arbeitsalltag gelingt.

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© Munich Composites GmbH Bei Munich Composites bekommen die Flüchtlinge auch Hilfe bei der Wohnungssuche – Martin Stoppel (kaufmännischer Leiter) mit Samuel Kaziro Mutale, Chikezie Anyaehie und Anthony Omenai (v. l.), rechts Alexander Maul und Marcel Gabco (Munich Composites)

Wie gestaltet man eine Power-Point-Präsentation? Ansumane Famah und Mohamed Allieu Jalloh, zwei Flüchtlinge aus Sierra Leone, müssen sich schnell in das Programm einarbeiten. Schließlich sollen sie ihr Heimatland den neuen Kollegen vorstellen.

Es ist die erste konkrete Aufgabe, die der Münchner IT-Dienstleister eSolve AG den beiden 20-Jährigen stellte. Die Flüchtlinge absolvieren in dem 140-Mitarbeiter-Unternehmen ein Praktikum. Sie sind seit rund einem Jahr in Deutschland, haben eine Anerkennung und besuchen bei Dachau eine Berufsintegrationsklasse. Innerhalb des Helferkreises lernten sie einen pensionierten Ex-Vorstand von eSolve kennen, der den Kontakt zur Firma herstellte. „Zu helfen entspricht unserer Unternehmenskultur, wir sagten zu“, so Sales-Managerin Tanja Rothammer. Sie begleitet die Flüchtlinge als Patin durch den Betriebsalltag.

„Wir wollen vor allem ihre Computerkenntnisse vertiefen“, erklärt Rothammer. Deshalb auch die Aufgabe mit der PowerPoint-Präsentation. „Die beiden sind sehr engagiert und motiviert; nur das Deutsch müsste noch etwas besser werden.“ Mohamed Allieu Jalloh würde sich gern zum IT-Administrator ausbilden lassen. Doch bei eSolve sind derzeit alle Ausbildungsplätze vergeben. „Unsere Erfahrungen mit den beiden jungen Leuten sind wirklich sehr gut. Wir werden ihnen daher auf jeden Fall helfen, einen Ausbildungsplatz zu finden“, betont Patin Rothammer. Den beiden Praktikanten ist bei eSolve zumindest der erste Schritt in die deutsche Arbeitswelt gelungen.

Die Unternehmen nehmen sich der Integration der Flüchtlinge längst mit großem Engagement an. Sie verstehen die Arbeitsmarktintegration als humanitäre Aufgabe, sehen in den Flüchtlingen aber auch Fachkräfte- und Azubi-Kandidaten.

Elfriede Kerschl, Referatsleiterin Fachkräfte der IHK für München und Oberbayern

Bei der KraussMaffei Technologies GmbH in München arbeiten Flüchtlinge in der Lehrwerkstatt mit. Derzeit sind Amad Wali Azizi aus Afghanistan und Fiaz Ahmed aus Pakistan an Bord. Der Erste hat eine Duldung, der Zweite befindet sich noch im Asylverfahren. Die beiden mit 39 und 28 Jahren schon etwas älteren Männer haben viel über Metall gelernt und erste eigene Werkstücke hergestellt. Auch sie werden während des neunwöchigen Praktikums von Paten begleitet, zudem absolvieren sie einen Inhouse- Sprachkurs. „Sie sind hoch motiviert, sie wollen etwas erreichen“, lobt Ausbildungsleiter Josef Lankes (54). Der Kampf gegen den Fachkräftemangel spiele bei dem Flüchtlingsprojekt eigentlich keine Rolle, so Lankes, „aber wir erschließen uns damit dennoch eine neue Zielgruppe: Wir möchten die Flüchtlinge über das Praktikum ermutigen und befähigen, den Bewerbungsprozess bei uns zu bestehen.“

Wie gut läuft die Vermittlung?

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© eSolve AG Absolvieren bei eSolve gerade ein Praktikum – Mohamed Allieu Jalloh (r.) und Ansumane Famah mit eSolve-Managerin Tanja Rothammer

Seit November 2014 sind anerkannte Flüchtlinge Inländern und EU-Ausländern auf dem Arbeitsmarkt gleichgestellt. Ab dem vierten Monat nach der Registrierung dürfen auch jene, die noch keinen Aufenthalt haben, sondern im Asylverfahren oder geduldet sind, nach einer Vorrangprüfung arbeiten. „Anfangs lief die Hilfsbereitschaft der Unternehmer häufig ins Leere, Unternehmen und Flüchtlinge fanden nicht so leicht zusammen“, erklärt IHK-Expertin Kerschl. „Es mussten erst die nötigen Strukturen entstehen – mittlerweile ist aber einiges vorangekommen, um Angebot und Nachfrage auch praktisch zusammenzubringen.“

Bei der Arbeitsagentur etwa mussten nicht nur bestehende Angebote wie die Einstiegsqualifizierung oder die Förderung der beruflichen Weiterbildung für Flüchtlinge geöffnet werden. Es ging insbesondere darum, spezielle Anlauf- und Vermittlungsstellen zu schaffen. So ist beispielsweise in München bei der Arbeitsagentur jetzt das „Zentrum Flüchtlinge“ Ansprechpartner für arbeitssuchende Flüchtlinge und für Unternehmen. Auch in den Jobcentern, die für anerkannte Flüchtlinge zuständig sind, gibt es in der Regel spezielle Ansprechpartner für Flüchtlinge. Sinnvoll haben sich Angebote erwiesen, die speziell auf die Integration von Flüchtlingen abgestimmt sind, wie das „Arbeitsmarktprogramm Flucht“ der Agentur für Arbeit. Es vermittelt Flüchtlinge im Rahmen verschiedener Kurse in neunwöchige Praktika, die sie in mehreren Berufen und Unternehmen absolvieren. Während der Praktika ermitteln Betriebe und Arbeitsagentur gemeinsam den Qualifikationsstand. „Darauf lässt sich aufbauen. Die Flüchtlinge können dann leichter nachqualifiziert und/oder in Beschäftigung weitervermittelt werden“, erklärt Ingeborg Liebhaber, Bereichsleiterin in der Arbeitsagentur München. Einen besonderen Schwerpunkt legt das Programm auf die Ausbildung. Um das Angebot bekannt zu machen, besucht die Arbeitsagentur auch Flüchtlingsunterkünfte. 2.300 Geflohene sind in München bereits zur Vermittlung registriert.

Auch ehrenamtliche Initiativen bringen Flüchtlinge erfolgreich in Arbeit. Eine von ihnen ist Jobs4Refugees.org, ursprünglich ein Projekt von Werkstudenten der Netlight Consulting GmbH in München. In der Datenbank befinden sich mittlerweile 150 interessierte Unternehmen und 370 Flüchtlinge. 47 von ihnen sind bereits vermittelt worden.

Die Betreuung ist aufwendig

Die Mitarbeiter von Jobs4Refugees gehen direkt in die Flüchtlingsunterkünfte, haben dort feste Sprechzeiten, ermitteln Qualifikationen und Talente. Parallel sprechen sie Unternehmen an, ob sie bereit seien, Flüchtlinge einzustellen. Auch auf der Website der Initiative können sich Arbeitgeber wie Flüchtlinge bewerben. Jobs4Refugees führt beide Seiten kostenlos zusammen. „Wir bereiten die Flüchtlinge auf das Vorstellungsgespräch vor, begleiten sie auch dorthin; für die Unternehmen kümmern wir uns um Behördengänge oder die Vermittlung in Sprachkurse“, erklärt Christian Klugow, einer der Initiatoren. „Wir nehmen den Firmen damit viel Aufwand ab.“

Die Munich Composites GmbH weiß das zu schätzen. Das High-Tech-Unternehmen mit 20 Mitarbeitern wurde von Jobs4Refugees angesprochen und beschäftigt nun mit Chikezie Anyaehie und Anthony Omenai zwei Flüchtlinge aus Nigeria und mit Samuel Kaziro Mutale einen weiteren Flüchtling aus Uganda. „Wir waren vor allem froh, dass wir die Auswahl der Kandidaten und die Organisation des gesamten Prozesses Jobs4Refugees überlassen konnten“, erklärt der kaufmännische Leiter Martin Stoppel (36). Die drei jungen Afrikaner leben seit knapp neun Monaten in Deutschland und stecken noch im Asylverfahren. Sie übernehmen vor allem Anlerntätigkeiten. Das seien zwar eher simple Aufgaben. „Aber auch die sind wichtig, und motivierte Leute dafür zu finden ist nicht so einfach“, so Stoppel. „Wir haben sie jetzt!“ Munich Composites hilft den jungen Leuten, ihre Kompetenzen zu erweitern, und schult sie etwa im Umgang mit dem Computer. Die Firma unterstützt die beiden auch im Alltag. „Im Moment helfen wir bei der Wohnungssuche“, sagt Stoppel.

Ohne Deutschkurse geht wenig

Unternehmen muss klar sein, dass Flüchtlinge in der Regel mehr Betreuung brauchen als andere Mitarbeiter. Eine der größten Hürden sind mangelnde Sprachkenntnisse. Es seien nach wie vor mehr und möglichst früh Alphabetisierungs- und Sprachkurse erforderlich, zudem berufsbezogene Deutschkurse, fordert Maria Premm. Sie ist für das Netzwerk FiBA „Flüchtlinge in Beruf und Ausbildung“ in München tätig, das ebenfalls Flüchtlinge in Arbeit vermittelt. Auch wenn es leichter sei, Jugendliche zu qualifizieren, plädiert sie dafür, älteren Flüchtlingen mehr Chancen zu geben und sie nachzuqualifizieren. Es brauche zudem begleitende Kümmerer-Strukturen für Flüchtlinge wie Arbeitgeber. Auch bei der Kompetenzfeststellung müsse noch nachgelegt werden, urteilt Premm. „Wirklich gut ist, dass alle Seiten – Behörden, Verbände, Kammern und ehrenamtliche Helfer – zusammenarbeiten und sich mehr und mehr vernetzen.“

Die Fortschritte sind deutlich. Nicht nur, dass der Bayerische Industrie- und Handelskammertag seine Forderung 3+2 – drei Jahre Ausbildung plus zwei anschließende Berufsjahre ohne Abschiebungsgefahr – im Asylpaket II verankern konnte. Die IHK für München und Oberbayern richtete gleich zu Beginn des Flüchtlingszustroms eine Hotline für Unternehmen ein und stellt einen Leitfaden zum Arbeits- und Aufenthaltsrecht bereit. Sie berät zu Deutschkursen und bietet ein Seminarprogramm an, das Basisrechtsfragen erklärt und zur praktischen Integration informiert.

Spätestens zum vierten Quartal 2016 wird es einen IHK-eigenen Kompetenzcheck geben, der in Gemeinschaftsunterkünften eingesetzt wird, eine erste Qualifikationseinstufung von Flüchtlingen erlaubt und sie dann durch die Arbeitswelt begleitet. Mit dem Beginn des neuen Ausbildungsjahrs finanziert die IHK berufsbezogene Sprachkurse an Berufsschulen. Zudem wird sie Integrationskoordinatoren zur Verfügung stellen, die den Flüchtlingen und Unternehmen während des gesamten Integrationsprozesses beistehen.

Probleme tauchen immer wieder auf

Bei allem Engagement geht dennoch nicht immer alles glatt. Behörden verkomplizieren die Einstellung. Junge Flüchtlinge brechen die Ausbildung ab, weil sie mit einer Anlerntätigkeit zunächst mehr verdienen. Traumata nach Verfolgung und Flucht schlagen durch und lassen sich nicht im Betrieb auffangen. Manche Unternehmen machen die Erfahrung, dass sie interkulturelle Unterschiede nicht überbrücken können: Sie trennen sich wieder von eingestellten Flüchtlingen, die Frauen als Vorgesetzte nicht akzeptieren wollen. Die Gintec Gesellschaft für Informationstechnologie mbH in München hat mit solchen Problemen bislang nicht zu kämpfen. Das Unternehmen vermittelt Ingenieure in Zeitarbeit zum Beispiel für die Automobilindustrie. Die Suche nach einem geeigneten Flüchtling nahm Catharina von Consbruch, bei Gintec für Vertrieb und Marketing verantwortlich, selbst in die Hand. Ein Helferkreis vermittelte den Kontakt zu einem jungen Syrer, der seit fünf Monaten in der Erstaufnahmeeinrichtung in Grünwald lebt und noch im Asylverfahren ist. Er bringt aus seinem Heimatland ein wirtschaftswissenschaftliches Diplom mit und kennt sich ein wenig im Personalwesen aus. Nun arbeitet er bei Gintec im Bereich Personalverwaltung. Alle Kollegen kümmern sich reihum jeweils eine Stunde pro Tag um ihn. „Wir kommunizieren noch auf Englisch, deshalb werden wir ihn zunächst nur halbtags im Unternehmen einsetzen und nachmittags zum Sprachkurs schicken“, erklärt von Consbruch. „Unsere wichtigste Motivation war die Hilfe. Aber vielleicht finden wir über unseren neuen Mitarbeiter weitere Ingenieure unter den Flüchtlingen, die wir in Projekte vermitteln können – das wäre eine tolle Win-win-Situation.“

Hier finden Sie das kompletteAngebot der IHK zum Thema Flüchtlinge.