Energiewende

Ausuferndes Mega-Projekt

Erhöhte Stromabgaben und gesetzliche Vorgaben führen zu massiven Kostensteigerungen bei den Unternehmen – ein Ende ist nicht abzusehen. JOSEF STELZER

Um die Anforderungen der Energiewende zu meistern, sind enorme Anstrengungen nötig. So müssen zum Beispiel die Stromnetze ausgebaut, die Versorgung abgesichert und energieeffiziente Wohn- und Gewerbebauten errichtet werden. Einen großen Teil der Aufwendungen trägt die Wirtschaft. Bayerische Unternehmen zeigen mit innovativen Lösungen, wie sich die Herausforderungen der Energiewende besser schultern lassen. Doch verschärfte Vorgaben setzen immer höhere Hürden. In puncto Strompreis etwa erweist sich die sogenannte EEG-Umlage als stärkster Kostentreiber. Mit ihr wird die Stromerzeugung aus regenerativen Energien gefördert. Die im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) geregelte Umlage beträgt ab Januar 2017 satte 6,88 Cent pro Kilowattstunde – ein neuer Höchstwert. Bislang sind es 6,35 Cent. Und das ist noch längst nicht alles: „Insgesamt machen Steuern, Abgaben und die behördlich regulierten Netzentgelte bereits rund 80 Prozent des Strompreises für unsere Gewerbekunden in München aus“, erklärt Erna-Maria Trixl, Geschäftsführerin Vertrieb der Stadtwerke München GmbH. Die Energiewende entwickelt sich immer mehr zum Risikofaktor für den Standort Bayern. „Die steigende ‎EEG-Umlage sowie die explodierenden Netzentgelte werden die bayerischen ‎Unternehmen im nächsten Jahr mit Mehrkosten von mehr als einer halben Milliarde ‎Euro belasten“, warnt Peter Driessen, Hauptgeschäftsführer des Bayerischen Industrie- ‎und Handelskammertages (BIHK). So hebt der Übergangsnetzbetreiber TenneT TSO GmbH, Bayreuth, seine Netzentgelte zum Jahreswechsel um knapp 80 Prozent an. Das entspricht einer Erhöhung von etwa einem Cent pro Kilowattstunde. Die EEG-Umlage könnte nach Schätzungen des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln bis 2025 sogar auf mehr als zehn Cent je Kilowattstunde ansteigen. Der bayerischen Wirtschaft drohen dadurch jährliche Mehrkosten von bis zu zwei Milliarden Euro. „Das wäre Gift für den Industrie-standort Bayern“, so Driessen. Der BIHK und der Verband der Bayerischen Energie- und Wasserwirtschaft haben für die Umlage ein neues Finanzierungsmodell ausgearbeitet, das noch im Dezember vorgestellt wird. Es schlägt vor, über die von der Staatsregierung vorgeschlagenen Deckelung der Umlage hinaus einen Teil der Stromsteuer zur Reduzierung der Umlage zu nutzen. Längerfristig sei eine sektorübergreifende Umlage erforderlich, wobei der Wärmesektor mit den Raumheizungen einen Beitrag leisten müsste. „Wenn wir die Umlage ganz abschaffen wollen, führt jedoch an der steuerlichen Finanzierung der EEG-Lasten kein Weg vorbei“, sagt Evamaria Lutz, IHK-Referentin Energie- und Klimapolitik. Der Klimaschutzplan 2050 könnte noch weitere teure Vorgaben für die Wirtschaft bringen. Er soll aufzeigen, wie Deutschland das Ziel einer weitgehenden Treibhausgasneutralität bis zur Mitte des Jahrhunderts erreichen kann. Der Entwurf sieht zum Beispiel vor, dass neue Gebäude nicht mehr auf die Nutzung fossiler Energieträger angewiesen sein sollen. Die Idee, dass Autos mit Benzin- oder Dieselmotor keine Neuzulassung mehr erhalten, wurde wieder aus dem Plan genommen. Bis zuletzt stritt die Große Koalition um den Entwurf von Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD).

Steuern, Abgaben und Netzentgelte machen rund 80 Prozent des Strompreises aus.

Erna-Maria Trixl, Geschäftsführerin Vertrieb Stadtwerke München

Derweil stellen sich die bayerischen Energieversorger mit innovativen Neuerungen auf die Anforderungen der Energiewende ein. Die E-Werk Schweiger oHG in Schwaig zum Beispiel setzt auf die Software iNES. Sie soll helfen, mögliche Netzüberlastungen zu vermeiden. „Diese Gefahr besteht, weil die sehr volatile Stromeinspeisung der angeschlossenen Photovoltaikanlagen im Netz zu starken Leistungsschwankungen führen kann“, erklärt Geschäftsführer Fritz Schweiger (61). Intensive Sonneneinstrahlung könnte dazu führen, dass ein zu starker Photovoltaikstrom die Leitungen überlastet und die Netzspannung über den maximal zulässigen Wert ansteigt. Mit einem Ausbau des vorhandenen Stromnetzes ließe sich derlei zwar vermeiden. Dies wäre aber sehr teuer, zumal neue Erdkabel verlegt und dafür Straßen und Gehwege aufgebrochen werden müssten. Für das
E-Werk, das mit einem Leitungsnetz von etwa 200 Kilometer Länge Haushalte und Firmenkunden in der Umgebung des Münchner Flughafens versorgt, könnten hier einige Millionen Euro Kosten zusammenkommen. Das iNES-System benötigt keine neuen Stromleitungen und ist weitaus kostengünstiger. Es erfasst Spannungen sowie Stromflüsse und regelt diese so, dass die zulässigen Grenzwerte nicht über- oder unterschritten werden. Per Mobilfunk oder Nachrichtenkabel sendet es die Messdaten automatisch an die E-Werk-Zentrale. Dort lassen sich auf dem Monitor die kritischen Messpunkte anhand eines Ampelsystems auf einen Blick erkennen. Bei „Rot“ reagiert die Software automatisch und reguliert die Einspeiseleistung einzelner Photovoltaikanlagen (PV-Anlagen) an den kritischen Stellen. „Gelb“ zeigt an, dass sich das Netz seiner Kapazitätsgrenze nähert. „Wenn wir die Stromeinspeisung bestimmter Anlagen infolge einer drohenden Netzüberlastung zeitweise reduzieren müssen, entstehen für die betroffenen Anlagenbetreiber dadurch keine wirtschaftlichen Nachteile“, erläutert Schweiger, der mittlerweile rund 250 PV-Anlagen an sein Netz angeschlossen hat. Anfang Oktober 2016 fiel der Startschuss für das iNES-Projekt. „Wir zeigen damit, dass auch kleine und mittlere Netzbetreiber die Energiewende effektiv und effizient in Angriff nehmen können“, bekräftigt der Unternehmer. Einige PV-Anlagen sind in ausgewählten Versorgungsbereichen bereits an iNES angeschlossen, weitere werden bei Bedarf folgen. Falls der Photovoltaikausbau in seinem Netzgebiet weiter vorangeht, will er zudem die fünf Schweiger-Wasserkraftwerke mit dem System verbinden. „Strom aus Wasserkraft sorgt für eine konstante, sichere Stromversorgung und wirkt daher netzunterstützend“, so Schweiger. Auch die Bayernwerk AG in Regensburg treibt die Digitalisierung der Netze voran. In der Region Altdorf erhalten 1 700 Pilotkunden sogenannte Smart Meter. Die Systeme bestehen aus elektronischen Messgeräten und einem Kommunikationsmodul, dem Gateway. Der neue Zähler liest den Stromverbrauch alle 15 Minuten automatisch ab und übermittelt ihn täglich mittels Gateway ans Bayernwerk. Mit den Echtzeitdaten will der Versorger sein Stromnetz flexibler steuern und dadurch Verbrauch und Erzeugung besser miteinander in Einklang bringen. Mit einem Stromnetz von rund 153 000 Kilometer Länge ist die E.ON-Tochtergesellschaft der größte regionale Netzbetreiber im Freistaat. Um die Anforderungen der Energiewende in den Griff zu bekommen, sind gerade im Gebäudebereich innovative Lösungen gefragt. Die Krämmel Wohn- und Gewerbebau GmbH in Wolfratshausen plant derzeit ein Quartier in Geretsried, das netzneutral sein soll. Das heißt: Über das ganze Jahr gerechnet, speist es genauso viel Strom ins Netz ein, wie in den Gebäuden selbst verbraucht wird. PV-Anlagen erzeugen den Strom, Wärmepumpen sorgen für Heizwärme. Ein zusätzliches erdgasbetriebenes Blockheizkraftwerk deckt die Bedarfsspitzen ab, etwa im Winter für die Heizung. Das siebengeschossige Gebäude wird rund 3 500 Quadratmeter für Gewerbe, Einzelhandel oder Büros bereitstellen und Platz für 60 Wohnungen bieten. Forscher der Hochschule für angewandte Wissenschaften München unterstützen das Geretsrieder Bauprojekt. Zum Einsatz kommt dabei ein Simulationssystem der TU Dresden, das den Energieverbrauch beispielsweise übers Jahr oder im Tagesverlauf unter verschiedenen Bedingungen darstellt. „Mittels Simulationen können wir herausfinden, wie sich Strom und Heizwärme stets bedarfsgerecht zur Verfügung stellen lassen, je nach Tageszeit, Witterung oder jahreszeitlichen Gegebenheiten“, erläutert Bauunternehmer Reinhold Krämmel (67). Der Baubeginn ist für das zweite Quartal 2017 vorgesehen. Das Krämmel-Projekt erfüllt die Vorschriften der Anfang 2016 erneut verschärften EnEV (Energieeinsparverordnung) allemal. Künftig wird der Gesetzgeber die Schrauben allerdings weiter anziehen. Ab 2021 sind alle Neubauten in einem sogenannten Niedrigstenergiegebäudestandard zu errichten, öffentliche Bauten schon ab 2019. So muss der Energiebedarf der Gebäude „sehr gering“ sein und soll, soweit möglich, zu einem ganz wesent-lichen Teil durch Energie aus erneuerbaren Quellen gedeckt werden. Dem Bundesumweltministerium zufolge ist der Standard noch nicht genau bestimmt. Es liegt auf der Hand, dass aus den verschärften Regularien letztlich höhere Baukosten resultieren. Die ARGE Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen e.V., Kiel, stellt in ihrer Studie „Kostentreiber für den Wohnungsbau“ dar, dass die Kosten aufgrund des hohen baukonstruktiven und anlagentechnischen Aufwands bereits exponentiell angestiegen sind. Im Zuge der kommenden EnEV 2017 erwarten die Forscher weitere Kostensteigerungen um sieben Prozent gegenüber der noch geltenden Verordnung, weil der technische Aufwand für die zusätzliche Effizienzverbesserung nochmals deutlich höher liegen werde. Bauunternehmer Krämmel warnt: „Schon jetzt ist der Bogen weit überspannt, da sich im Verhältnis zum Aufwand nur noch geringe zusätzliche Einsparpotenziale ergeben.“