Integration

Ein Marathon, kein Sprint

Das große Engagement trägt Früchte – zahlreichen Flüchtlingen ist der Einstieg in die Arbeitswelt bereits gelungen. Es könnten noch mehr sein, wenn es mehr Flexibilität und weniger Bürokratie gebe, kritisieren Firmen. GABRIELE LÜKE

Das Ziel war äußerst ambitioniert: 20 000 Flüchtlinge sollten bis Ende dieses Jahres eine Arbeit, einen Ausbildungs- oder einen Praktikumsplatz im Freistaat finden. So hatten es die Wirtschaft, die Staatsregierung und die Regionaldirektion Bayern der Bundesagentur für Arbeit Mitte Oktober 2015 in dem sogenannten Integrationspakt verabredet. Jetzt haben die Partner nachgezählt und festgestellt: Bayerns Unternehmen haben diese Marke weit übertroffen! Sie integrierten bis jetzt 39 376 Geflüchtete in ihre Betriebe. Bis 2019 will der Integrationspakt insgesamt 60 000 Geflüchtete in Beschäftigung bringen. Eberhard Sasse, Präsident des Bayerischen Industrie- und Handelskammertages (BIHK): „Wir sind noch nicht am Ziel – denn Integration ist ein Marathon und kein Sprint.“

Der bisherige Erfolg ist das Ergebnis einer starken Kooperation: „Die Partner haben ihre Kräfte gebündelt und arbeiten eng zusammen“, sagt Hubert Schöffmann, bildungspolitischer Sprecher des BIHK. „Und wir haben Geld in die Hand genommen und klare Strukturen geschaffen, die nun mehr und mehr greifen.“ Der BIHK stellt für die Integration acht Millionen Euro zur Verfügung. So sind bei der IHK für München und Oberbayern mittlerweile sechs Integrationsberater und -koordinatoren im Einsatz, die Flüchtlinge und Unternehmen unterstützen. Sie helfen, eines der sechs Leuchtturmprojekte des BIHK zur Flüchtlingsintegration umzusetzen. Entscheidend zum Erfolg beigetragen hat auch das vom BIHK initiierte 3+2-Modell, nach dem Flüchtlinge im Idealfall für die dreijährige Dauer einer Ausbildung und danach noch zwei Jahre vor Abschiebung geschützt sind.

Die Staatsregierung bringt eine Summe im zweistelligen Millionenbereich ein, davon rund zwölf Millionen Euro allein aus dem Topf des Arbeits- und Sozialministeriums. Die Regionaldirektion Bayern der Agentur für Arbeit wiederum gibt 92 Millionen Euro aus und finanziert damit zum Beispiel Angebote zur Sprachförderung, Kompetenzerfassung und Betriebspraktika. Positiv wirken auch bundesweite Maßnahmen wie die Einstiegsqualifizierung oder die assistierte Ausbildung, die auch Geflüchteten offenstehen.

Für Markus Schmitz (43), den Vorsitzenden der Geschäftsführung der Regionaldirektion Bayern, macht diese Vielfalt Sinn: „Mit den verschiedenen Mosaiksteinen können wir die Flüchtlinge zielführend fördern.“ Denn von der Sprache, der Berufserfahrung und der Kompetenz hänge ab, wie rasch die Integration in die Arbeitswelt gelingt. Und hier spielen die Unternehmen eine entscheidende Rolle: „Sie sind natürlich der wichtigste Hebel, ihnen gilt unser Dank“, betont die bayerische Arbeits- und Sozialministerin Emilia Müller. Insbesondere die kleinen und mittleren Betriebe leisteten hier viel.

„Wir erleben das Engagement der Wirtschaft als unglaublich groß“, sagt Elfriede Kerschl, IHK-Referatsleiterin Wirtschaftspolitik, Fachkräfte und Frauen in der Wirtschaft. Ein Beispiel ist die ELKA-Hugo Krischke GmbH in Taufkirchen, die sich auf den Vertrieb von elektrotechnischen Bauteilen spezialisiert hat. Geschäftsführerin Monika Haimerl (56) startete über die Aktion „Unternehmerinnen übernehmen Verantwortung – 500 Praktikumsplätze für Flüchtlinge“ des IHK-Arbeitskreises „Frauen in der Wirtschaft“. Die IHK leitete Haimerls Anfrage an die Arbeitsagentur weiter, die ihr über das Programm „Perspektive für Flüchtlinge (PerF)“ mehrere Praktikanten vermittelte. „Wir sind eine kleine Firma“, sagt die Unternehmerin. „Wir können die Praktikanten zwar nicht übernehmen, aber wir können ihnen eine erste Orientierung in der deutschen Arbeitswelt geben und sie beim Deutschlernen unterstützen.“ So bringt Haimerls Team den Praktikanten jeden Tag nicht nur neue Arbeitsabläufe, sondern auch neue deutsche Wörter und Sätze bei. „Damit die Integration gelingt, müssen sich Deutsche und Flüchtlinge persönlich begegnen. Arbeit ist der beste Weg – und ein Praktikum ein guter Anfang“, stellt die Unternehmerin fest.

Wir können der Praktikanten eine erste Orientierung in der deutschen Arbeitswelt geben.

Monika Haimerl, Geschäftsführerin der ELKA-Hugo Krischke GmbH

Auch Sabine Scholz (52), Chefin der Scholz Labor- und Klinikversorgungs GmbH in Otterfing, hat Praktikanten aufgenommen. Zwei von ihnen bot sie eine Einstiegsqualifizierung zum Lageristen an. „Wir wachsen, brauchen Mitarbeiter und freuen uns, zugleich auch Flüchtlingen eine Chance geben zu können“, sagt die 52-Jährige. Es beeindrucke sie, „wie diese beiden jungen Männer ihre Chance erkannt und ergriffen haben“.

Die Unternehmerin ärgert sich aber auch über langsame Behörden und bürokratische Hürden. So würde Scholz gern noch einen weiteren älteren Flüchtling in eine Einstiegsqualifizierung holen – nur ist dieses Angebot lediglich für Menschen unter 25 Jahre vorgesehen. Ihre Flüchtlinge warten auch immer noch auf einen Deutschkurs. „Wenn wir Unternehmer Flüchtlinge beschäftigen, haben wir im Betrieb ohnehin mehr Aufwand“, sagt sie. „Wir wollen uns nicht auch noch mit komplizierten externen Strukturen auseinandersetzen müssen.“

Die Firmenchefin steht mit ihrer Kritik nicht allein. Viele engagierte Unternehmen bemängeln, dass Behörden über Asylanträge nach wie vor zu schleppend entscheiden, Arbeits- und Aufenthaltserlaubnisse zu langsam erteilen und unzureichend koordiniert sind. „Das ist für Unternehmen nicht nachvollziehbar und ärgert sie – Integration braucht Planbarkeit“, weiß Dirk Werner (48) vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW). Der Wissenschaftler lobt die Vielfalt der Berufsvorbereitungs- und Arbeitsmarktprogramme – mehr Flexibilität und damit bessere Nutzbarkeit für die Betriebe würden sie aber noch ertragreicher machen. „Viele Förderangebote sind zwar für Flüchtlinge geöffnet worden, aber bei Altersbeschränkungen oder Eintrittsterminen sind sie noch zu starr geblieben“, kritisiert der Experte. Die verschiedenen Integrationsmaßnahmen sollten zudem noch besser miteinander verzahnt werden, so dass die Qualifizierung stringenter aufeinander aufbaut.

Auch die Bemühungen zur sprachlichen Integration müssten noch intensiviert werden. In Bayern wurden bereits 27 000 Flüchtlinge in Sprachkursen der Bundesagentur für Arbeit gefördert. „Das ist weiterhin der Schlüssel zur Integration“, sagt IW-Forscher Werner. „Es ist erwiesen, dass bessere Sprachkenntnisse zu hochwertigeren Jobs führen.“ Der noch im Gesetzgebungsverfahren befindliche Entwurf des Bayerischen Integrationsgesetzes stellt immerhin Firmen, die auf eigene Kosten bestimmte Integrationsanstrengungen für Migranten mit Arbeitsmarkt-zugang unternehmen, in Aussicht, dass diese Bemühungen bei der Entscheidung über eine Förderung nach dem Mittelstandsförderungsgesetz positiv berücksichtigt werden können.

Nach jetzigem Stand sollen dabei vor allem Bemühungen um bessere Kenntnisse der deutschen Sprache und Erreichen der vom Gesetzentwurf postulierten Integrationsziele gefördert werden.

Zudem sendet Werner noch einen Appell an Wirtschaft und Politik: „Wir müssen unser Augenmerk auch auf die älteren Flüchtlinge richten.“ Ihnen erscheine eine Ausbildung oft nicht attraktiv, weil sie häufiger als die jungen Geflüchteten eine Familie in der Heimat mitversorgen müssten. Eine Helfertätigkeit aber biete keine dauerhafte Alternative. „Die Älteren dürfen nicht durchs Raster fallen“, mahnt der IW-Experte.