Digitalisierung

Eng vernetzt

Digitale Geschäftsprozesse erweisen sich als starle Wachstumstreiber. Gefragt sind kundennahe Lösungen. JOSEF STELZER

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© Keller & Kalmbach Florian Seidl

Der Großhändler Keller & Kalmbach GmbH in Unterschleißheim steckt mitten drin im digitalen Wandel. Zentraler Baustein ist die elektronische Auftrags- und Bestellabwicklung, über die rund 20 000 Firmenkunden online einkaufen, etwa Schrauben, Scheiben, Bolzen, Dübel oder Werkzeuge. „Mittlerweile erwirtschaften wir rund 60 Prozent des Jahresumsatzes mittels elektronisch durchgeführter Bestellungen, Tendenz steigend“, betont Geschäftsführer Florian Seidl (68). Die digitalisierten Informationsströme haben sich zum Rückgrat des ganzen Geschäftsbetriebs entwickelt. Dass immer mehr Kunden online ordern und eine elektronische Bestellung bevorzugen, hat gute Gründe. Im Vergleich zu Orderverfahren per Telefon oder im Laden sind sie deutlich schneller und weniger aufwendig. So haben sich die durchschnittlichen Kosten je Bestellvorgang von 2007 bis 2015 um mehr als 30 Prozent verringert, ermittelte der Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik e.V. (BME) – und das liegt zu einem beträchtlichen Teil an neu eingeführten digitalen Prozessen.

Der digitale Wandel krempelt nicht nur Bestellvorgänge um. Er erfasst so gut wie alle Bereiche des Unternehmens und macht vor keiner Branche halt. So kommunizieren in der intelligenten Fabrik vernetzte Maschinen und Anlagen miteinander, um Aufträge selbstständig durch die Wertschöpfungskette zu steuern. Die Arbeitswelt steckt im Umbruch, weil sich Anforderungen und Arbeitsumfeld drastisch wandeln. Riesige Datenmengen stehen zur Verfügung, neue Geschäftsmodelle entstehen und wirbeln ganze Branchen durcheinander.

Mittlerweile erwirtschaften wir rund 60 Prozent des Jahresumsatzes mittels elektronisch durchgeführter Bestellungen.

Florian Seidl, Geschäftsführer des Keller & Kambach GmbH

Sich mit der Digitalisierung zu beschäftigen ist für Firmen überlebenswichtig. Das haben viele Unternehmer erkannt. So nutzen 68 Prozent der Betriebe digitale Plattformen, 61 Prozent vernetzen ihre Prozesse und Produkte, 56 Prozent werten ihre Daten aus. Dies ermittelte das aktuelle IHK-Unternehmensbarometer. Der Erfolg dieser Projekte lässt sich messen: In Oberbayern erhöht ein Drittel der befragten Firmen durch die Digitalisierung die Umsätze. Deutschlandweit sind es allerdings bereits 41 Prozent. IHK-Referatsleiterin Franziska Neuberger ergänzt: „Inzwischen zählen 29 Prozent der oberbayerischen Firmen zu den digital weit entwickelten Unternehmen – vier Prozentpunkte mehr als bundesweit.“

Wie aber schaffen Unternehmen den Einstieg in die digitale Welt? Erfolgreiche Digitalisierer empfehlen, nicht an das technologisch Mögliche zu denken, sondern die Perspektive der Kunden einzunehmen. Was sind die Anforderungen des Marktes? Was wünschen sich die Konsumenten? Welche Dienstleistung bringt den Abnehmern einen größeren Nutzen? Beim 750-Mitarbeiter-Unternehmen Keller & Kalmbach sorgt die Abteilung Customer Project Management für die Entwicklung, Anpassung und Implementierung von Lösungen, die den Nerv der Kundschaft treffen. „Wir führen mit unseren Kunden regelmäßig Strategiegespräche, um gemeinsam weiterhin Verbesserungen zu erzielen“, erklärt Geschäftsführer Seidl. Ein Resultat der engen Kooperation ist die IT-Plattform eLogistics, die seit Mitte 2016 zur Verfügung steht. „Unsere Kunden wollen damit ihre Beschaffung samt Versorgung automatisieren, ihre internen Lieferprozesse beschleunigen und auch bei weiteren Lieferanten – also nicht nur bei uns – über eine einzige Bestell- und Logistikplattform ordern“, erläutert Marketingleiter André Kranz. Das Potenzial der digitalen Technologien ist gewaltig. Besonders innovativ ist hier die Auto- branche. Die BMW-Fahrzeugentwickler nutzen sogenannte Virtual-Reality-Brillen und simulieren mittels Laser, Sensoren sowie Computertechnik beispielsweise Fahrten durch Großstädte oder mögliche Innenraumkonzepte. Der Lkw-Hersteller Daimler vernetzt per Internet weltweit immer mehr Nutzfahrzeuge, so dass die Zahl der Leerfahrten sinkt und die Fahrzeuge effizienter einsetzbar sind. Zudem könnten intelligente Leitsysteme die Suche nach Lkw-Rastplätzen vereinfachen oder die Anfahrt zur richtigen Laderampe beim Kunden erleichtern. Wie nützlich Software und elektronische Datenübertragung für die Lkw-Sicherheit sein können, zeigt die
Johann Dettendorfer Spedition Ferntrans GmbH & Co. KG in Nussdorf/Inn mit ihrem Truck Checkpoint im Inntaler Logistik-Park. Die Fahrer können dort Profiltiefe, Reifendruck sowie Achslast und Gesamtgewicht vollautomatisch überprüfen lassen.

Das Ende des Papierwusts

Eine erfolgreiche Digitalisierungsstrategie ist keine Frage der Firmengröße. Die Bauch Engineering GmbH & Co. KG in Gaimersheim beschäftigt 21 Mitarbeiter und hat sich mit der Planung und Realisierung von Fertigungsanlagen für die Automobilindustrie einen Namen gemacht. Um Aufträge schneller und einfacher bearbeiten zu können, ersetzte der Mittelständler sein Papierarchiv durch das digitale Dokumentenmanagementsystem DocuWare. Zuvor hatten sich jedes Jahr an die hundert Aktenordner gefüllt, weil Unterlagen den gesetzlichen Vorgaben gemäß revisionssicher aufbewahrt werden müssen oder für Anfragen bereitliegen sollten, etwa wenn ein Kunde ein bestimmtes Ersatzteil benötigt. Das führte nicht nur dazu, dass das Archiv aus allen Nähten platzte. „Die Suche nach alten Dokumenten und das Durchforsten der Ordner war umständlich und zeitraubend“, erinnert sich die stellvertretende Geschäftsführerin Heidi Weichselberger. „Täglich haben wir dadurch viel Arbeitszeit verloren und waren dabei weder für Kollegen noch für Kunden verfügbar.“

Mittels Software werden nun die ein- und ausgehenden Dokumente gescannt, mit Schlagworten versehen und digital archiviert. Dazu gehören etwa Bestellungen, Auftragsbestätigungen, Lieferscheine, Rechnungen, Schriftwechsel, Lieferantenangebote, Zeichnungen, Fotos, Zolldokumente und Speditionsaufträge. E-Mails landen automatisch in einem zentralen Dokumentenpool.

Effekt der digitalen Lösung: Die Mitarbeiter müssen die gewünschten Unterlagen nicht mehr umständlich im Papierarchiv oder auf den Schreibtischen ihrer Kollegen zusammensuchen. Sie können auf alle relevanten Dokumente am Computer einfach zugreifen. „Wir sparen so Arbeitszeit und können unsere Manpower jetzt auf das Wesentliche, nämlich auf die Kundenbetreuung, konzentrieren“, sagt Weichselberger.

Breite Wirkung‎

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© Christian Brecheis

Die bayerische Wirtschaftsministerin Ilse Aigner erklärt, wie der neue Digitalbonus die Digitalisierung in Unternehmen fördern soll.

Frau Aigner, für den Digitalbonus stehen pro Jahr insgesamt 20 Millionen Euro zur Verfügung. Welche Projekte kommen für eine Förderung überhaupt in Frage?

Mit dem Digitalbonus unterstützen wir den bayerischen Mittelstand bei der Digitalisierung seiner Produkte, Prozesse und Dienstleistungen und bei der Verbesserung der IT-Sicherheit. Die möglichen Anwendungsfelder im Unternehmen sind so vielfältig wie die Informations- und Kommunikationstechnik selbst. Sie reichen von digitalen Warenwirtschaftssystemen und automatisierter Projektabwicklung über Echtzeitsteuerung von Maschinen bei Industrie-4.0-Anwendungen bis hin zur Einführung von Informationssicherheitsmanagement-Systemen.

Wie berücksichtigen Sie diese Vielfalt?

Der Digitalbonus steht in den drei Varianten Standard, Plus und Kredit zur Verfügung. Neben Zuschüssen werden auch zinsgünstige Darlehen der LfA Förderbank Bayern vergeben. Wir wollen eine möglichst breite Wirkung erreichen. Von kleinen Digitalisierungsprojekten bis hin zu größeren Industrie-4.0-Vorhaben kann alles unterstützt werden.

Was will die Staatsregierung mit der Förderung erreichen?

Der digitale Wandel stellt vor allem auch die kleinen und mittleren Unternehmen vor große Herausforderungen. Mit dem Digitalbonus setzen wir neue Wachstums- impulse für einen starken Mittelstand in einem wirtschaftsstarken Bayern. Wir wollen den bayerischen Unternehmen helfen, in die digitale Zukunft zu investieren.

Wer entscheidet, ob ein Antragsteller den Bonus erhält?

Die Förderabwicklung übernehmen die bayerischen Bezirksregierungen. Wegen ihrer fachlichen Nähe zu den örtlichen Unternehmen und ihrer jahrelangen Fördererfahrung sind die Regierungen für diese wichtige Aufgabe prädestiniert.

Der Digitalbonus kann beantragt werden unter: www.digitalbonus.bayern

Roadshow für den Wandel

Die IHK für München und Oberbayern plant für das erste Quartal 2017 eine Roadshow in Oberbayern, bei der sich Unternehmen umfassend über die Chancen der Digitalisierung informieren können. Zum Programm gehören Best-Practice-Beispiele, Workshops und Infos rund um den Digitalbonus, mit dem die bayerische Staatsregierung ab Herbst 2016 die KMUs fördert.