Olympisches Feuer

Ein Signal für Brasiliens Neustart?

Brasilien steckt in der Krise, wirtschaftlich und politisch. Dabei hat das Gastgeberland der Olympischen Spiele enormes Potenzial. Die Wirtschaft hofft jetzt auf schnelle Reformen. MECHTHILDE GRUBER

Rio de Janeiro Landschaft
© mauritius images / robertharding / Alex Robinson Wechselhafte Aussichten – Brasilien stürzte binnen weniger Jahre vom Wachstumsstar zum Krisenland ab (im Bild Rio de Janeiro)

Die Welt schaut auf Brasilien. Sie erwartet spektakuläre Bilder von sportlichen Wettkämpfen, aber auch von fröhlichen, ausgelassenen, feiernden Menschen. Zwei Jahre nach der Fußballweltmeisterschaft hat der Gastgeber der Olympischen Sommerspiele wieder Gelegenheit, sich von seiner starken Seite zu zeigen. Mit Samba, Sonne, Strand und Spielen steht die Olympiastadt Rio de Janeiro für Energie und Lebensfreude – für brasilianisches Flair.

Durch die internationale Aufmerksamkeit beim Wettstreit der Sportler um Medaillen erhofft sich Brasilien nicht nur einen Prestigegewinn. Der erwartete Besucherstrom soll vor allem der Tourismusbranche des Landes wichtige Einnahmen bringen, um die wirtschaftliche Bilanz dieses Jahres wenigstens etwas aufzupolieren.

Brasilien befindet sich derzeit nicht gerade auf der Siegerstraße. Der einstige Musterschüler unter den sogenannten BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika), denen Wirtschaftsexperten ein überdurchschnittliches Wachstum zutrauten, kämpft mit einer schweren wirtschaftlichen und politischen Krise. Legte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der siebtgrößten Volkswirtschaft der Welt 2010 noch um 7,5 Prozent zu, steckt das Land heute in einer Rezession. Inflation und Arbeitslosenquote sind deutlich zweistellig, die Investitionsquote befindet sich auf einem Tiefstand. Der private Konsum, der das Land in den Boomjahren antrieb, liegt am Boden.

Auch die bayerisch-brasilianischen Wirtschaftsbeziehungen haben gelitten. Bis 2013 liefen die Geschäfte sehr gut, dann kam ein kräftiger Dämpfer. Der Export nach Brasilien ging 2014 um 18 Prozent zurück, 2015 um weitere zwölf Prozent. Dagegen stiegen die Importe aus dem südamerikanischen Land im vergangenen Jahr wieder um sechs Prozent. Allerdings liegt das Handelsvolumen heute immer noch auf einem sehr viel höheren Niveau als 2009, betont Daniel Delatrée, Referent für Lateinamerika bei der IHK für München und Oberbayern: „Der Rückgang ist noch keine Katastrophe. Brasilien bleibt ein spannender und wichtiger Markt.“ Mit einem Handelsvolumen von rund 1,7 Milliarden Euro ist Brasilien knapp nach Mexiko Bayerns wichtigster Handelspartner in Lateinamerika. Einer der Gründe für die aktuelle Wirtschaftsmisere in Brasilien ist der Verfall der Weltmarktpreise für Rohstoffe. Bei Eisenerz und Soja, die größtenteils nach China gehen, stagniert die Nachfrage. Mit dem Absturz des Ölpreises wurden auch die ehrgeizigen Pläne des Staatsunternehmens Petrobras gestoppt, die neu entdeckten Pre-Sal-Ölvorkommen zu erschließen, die tief unter der Atlantikküste liegen. Von Investitionen in Förder- und Verarbeitungsanlagen hatten sich auch deutsche Firmen Aufträge erhofft.

Massive Korruptionsvorwürfe

Petrobras, größtes und wichtigstes Unternehmen des Landes, steht auch im Zentrum des riesigen Korruptionsskandals, der sich zur politischen Krise ausgeweitet hat. Schmiergelder in Milliardenhöhe sollen geflossen sein. Politiker wie Wirtschaftsbosse, Angehörige des brasilianischen Kongresses ebenso wie Vorstände der größten Baukonzerne des Landes, aber auch viele andere Mitglieder der brasilianischen Oberschicht stehen in Verdacht, darin verwickelt zu sein.

Auch Präsidentin Dilma Rousseff (68) wird Korruption vorgeworfen. Seit Mai ist sie per Amtsenthebung suspendiert. Ihr wird vorge--worfen, Budgetregeln verletzt und damit Haushaltszahlen geschönt zu haben, um ihre Wiederwahl 2014 zu sichern. 180 Tage hat sie Zeit, die Vorwürfe zu widerlegen. Interimsstaatschef ist der bisherige Vize Michel Temer (75) – auch er nicht frei von Korruptionsverdacht. Von ihm wird ein sehr viel wirtschaftsfreundlicherer Kurs erwartet. Geplante Privatisierungs- und Reformmaßnahmen der neuen Regierung sollen das Staatsdefizit verringern und die Schlüsselindustrien wieder auf Wachstumskurs bringen.

Premiummarken finden ihre Kunden

Neben dem Ölsektor macht sich die Wirtschaftsflaute besonders in der Baubranche und dem verarbeitenden Gewerbe bemerkbar. So ist der Industriesektor im vergangenen Jahr um über acht Prozent geschrumpft. Auch Bayerns Maschinenbauer verzeichnen eine deutlich geringere Nachfrage aus Brasilien. Der Absatz von Kraftfahrzeugen ging ebenfalls stark zurück. Allerdings sind BMW und Audi davon weniger betroffen – Premiummarken verkaufen sich nach wie vor gut.

Die Mehrheit der rund 600 bayerischen Unternehmen, die in Brasilien direkt investiert haben, bekommen die anhaltende Rezession dort recht deutlich zu spüren. Da sich die meisten aus strategischen Gründen für ein Engagement auf dem lateinamerikanischen Markt entschieden haben, versuchen sie, die Wirtschaftsflaute dort mit möglichst geringen Verlusten durchzustehen, sagt Gabriele Vetter, Referatsleiterin für Lateinamerika bei der IHK: „Kaum ein Unternehmen zieht sich komplett zurück, aber die Firmen konsolidieren ihr Geschäft. Bei vielen steht eher eine Verkleinerung an als eine Expansion.“

Das bestätigt auch Martin Langewellpott, bayerischer Repräsentant in São Paulo. Die Bedürfnisse der ausländischen Unternehmen hätten sich geändert. In den Boomjahren ging es eher darum, die Firmen beim Markteintritt zu unterstützen, eine Wirtschaftsdelegation folgte der nächsten. Es sei „hipp“ gewesen und lohnend, in Brasilien aktiv zu werden. „Jetzt geht es dagegen darum, den Unternehmen vor Ort beim Krisenmanagement unter die Arme zu greifen“, so Langewellpott.

Allerdings gibt es auch Unternehmen wie die Freudenberg Chemical Specialities mit Sitz in München, deren Geschäft in Brasilien trotz der herausfordernden ökonomischen Rahmenbedingungen gut vorankommt. Das Technologieunternehmen investierte gerade 15 Millionen Euro in einen neuen Standort im Bundesstaat São Paulo. Dort werden Spezialtrennmittel, Prozesschemikalien und Lösungen für die chemische Oberflächenveredelung entwickelt, produziert und vertrieben. Die Kunden sind breit gestreut und kommen unter anderem aus der Autoindustrie, der Luftfahrt, der Schuhherstellung und der Windenergie.

Nach wie vor gibt es in Brasilien auch starke Branchen, in denen es trotz Krise läuft. Dazu zählt beispielsweise der Umweltbereich mit den Schwerpunkten erneuerbare Energien sowie Wasserversorgung und Abwasserentsorgung. Durch verheerende Umweltkatastrophen unter Druck gesetzt, müssen Kommunen hier künftig strenge gesetzliche Vorgaben erfüllen. Die Auslandshandelskammer (AHK) in São Paulo richtete für den Umweltbereich eine eigene Abteilung ein, um deutsche Unternehmen beim Markteintritt gezielt zu unterstützen. Die Medizintechnik ist eine weitere Branche, die relativ krisensicher ist. Die private Gesundheitsversorgung wird in Brasilien wegen des unzureichenden staatlichen Systems immer wichtiger. Kliniken und Arztpraxen setzen auf moderne Medizintechnik aus Deutschland.

Diese Nischenmärkte bieten Chancen, die speziell bayerische Unternehmen mit ihrem Know-how gut zu nutzen wissen.

IHK-Fachmann Delatrée

Sein außerordentliches Potenzial hat Brasilien trotz der wirtschaftlichen und politischen Probleme nicht verloren: Das Land ist reich an Rohstoffen, verfügt über einen riesigen Binnenmarkt mit etwa 200 Millionen Menschen und einer jungen Bevölkerung (etwa ein Viertel unter 15 Jahre). Die Industrielandschaft ist breit gefächert, die Agrarwirtschaft exportstark. Deutsche Produkte und Technologien stehen hoch im Kurs. Weil der Real im Vergleich zum Euro deutlich gefallen ist, nutzen einige deutsche Unternehmen jetzt die Gelegenheit, zu relativ günstigen Konditionen eigene Strukturen aufzubauen. Sie wollen gut aufgestellt sein, wenn es wieder aufwärtsgeht. Die wirtschaftsfreundlichere Politik der Übergangsregierung lässt sie hoffen.

Ab 2017 rechnen Wirtschaftsexperten wieder mit einem besseren Geschäftsklima und erneutem Wachstum. Vielleicht gibt das Olympische Feuer ein erstes Signal für einen erfolgreichen Neustart Brasiliens.