Wirtschaftsarchiv: Exponat Juni 2016

Die menschliche Stimme auf Reisen

„Das Pferd frisst keinen Gurkensalat.“ So lautete angeblich der erste Satz, der vor 155 Jahren aus einem Fernsprecher kam. Der Lehrer Philipp Reis stellte damit 1861 den ersten funktionsfähigen Prototypen seines „Telephons“ vor.

15 Jahre später meldete der Schotte Alexander Graham Bell seine Apparatur zum Patent an und präsentierte sie auf der Weltausstellung in Philadelphia. Die Segnungen der Telephonie hielten bald auch in Europa Einzug.

Doch in München waren zunächst bürokratische Hürden zu überwinden. Die vorsichtige „Generaldirection“ der Post erklärte sich zur Einrichtung eines Telefonnetzes erst bereit, wenn 100 Abonnenten für fünf Jahre einen Anschluss buchten. Die jährlichen Kosten schlugen dafür mit 150 Mark zu Buche, was bei einem monatlichen Einkommen der Durchschnittsbevölkerung von 80 bis 100 Mark nicht unerheblich war.

1883 nahmen in München die ersten „Umschaltbureaux“ ihren Dienst auf, und zwar zunächst „von morgens 7.00 Uhr bis abends 11.00 Uhr“. Die ersten 200 Telefonstationen lieferte der junge und ehrgeizige Oberförstersohn Friedrich Reiner, der in München eine Mechanikerwerkstatt eröffnet hatte.

Das erste Telefonbuch der Königlichen Haupt- und Residenzstadt von 1883 listete 145 Teilnehmer auf, darunter auch die Münchner Industrie- und Handelskammer. 1886 – vor 130 Jahren – war es dann erstmals möglich, in eine andere Stadt zu telefonieren: Die ersten Verbindungen entstanden zwischen München-Augsburg und Nürnberg-Bamberg.

Frühzeitig entwickelte sich in Bayern eine fernmeldetechnische Industrie. Im Messekatalog der Internationalen Elektrizitätsausstellung in München 1882 inserierte eine Reihe von kleineren Herstellern, die heute nicht mehr bekannt sind. Auch der Vater von Albert Einstein betrieb zusammen mit seinem Bruder ein elektrotechnisches Unternehmen, das unter anderem „Telephon-Anlagen System Paterson“ herstellte. Das Bayerische Wirtschaftsarchiv verwahrt die Überlieferung der Telefonfabrik Friedrich Reiner wie auch der Telefonbaufirma Friedrich Merk.

Dr. Eva Moser, Leiterin des Bayerischen Wirtschaftsarchivs.