Alternatives Wohnen in Neuhausen

‎„Viele beneiden uns“

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Es gibt trotz Luxussanierung und Gentrifizierung noch Leben in der Stadt. Günther Baumann arbeitet an der Richelstraße 26 in Neuhausen daran, eine Brauerei und Schankbetrieb in einem Mietshaus zu eröffnen. Im Interview mit IHK-Redakteur Martin Armbruster erklärt Baumann, wie das CasaNova-Projekt die Elemente Wohnen, Arbeit und Freizeit miteinander verbindet.

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Günther Baumann vom Richelbräu

Herr Baumann, Sie sind heute der Gastgeber für unser Interview mit Natascha Kohnen. Dürfen unsere Leser wissen, was hinter dem Begriff „CasaNova“ steckt?

Ja, natürlich. Wir nennen unser Projekt hier an der Richelstraße 26 Zukunftswerkstatt CasaNova. Das ist auch ein kleines Wortspiel. Das erinnert an den Stadtteil in dem wir hier sind. Wir sind in „Neuhausen“. Unsere Biere heißen alle CasaNova-Biere. Das Ganze hat auch einen Schuss Erotik. Giacomo Casanova hat mit Neuhausen zwar nicht so viel zu tun. Ich vermute trotzdem, dass er schon mal hier war. Er war vor 250 Jahren oder 300 Jahren in München. Vielleicht ist er auf dem Weg nach Nymphenburg durch Neuhausen gekommen. (lacht)

An welcher Zukunft arbeitet Ihre Werkstatt?

CasaNova ist ein Wohnprojekt, wir arbeiten derzeit daran, in einem Mietshaus eine Brauerei zu etablieren.

Wie kommt man auf so eine Idee?

Das ist ein bisschen vererbt. Mein Vater war Braumeister. Ich selbst hatte lange Zeit nichts mit Brauerei zu tun. An meinen 50. Geburtstag habe ich überlegt, was ich Vernünftiges tun könnte. Danach habe ich mit dem Brauen angefangen – im Keller dieses Mietshauses.

Wie hat sich Ihre Brauerei entwickelt?

Seit zehn Jahren betreiben wir sie als Hobby- und Hausbrauerei. Momentan sind wir dabei, bei den Behörden die nötigen Genehmigungen für den nächsten Schritt einzuholen. Wir wollen unser Bier nun offiziell verkaufen und einen kleinen Ausschank eröffnen – als Zoiglstube beispielsweise. Das ist in Bearbeitung. Wenn wir grünes Licht haben, können wir auch eine größere Anlage anschaffen. Wir wollen keine Konkurrenz zu Augustiner oder einer anderen Brauerei in der Stadt sein. Wir wollen eine kleine Craftbier-Brauerei werden mit besonderen Bieren. Das wollen wir den Menschen hier im Stadtteil anbieten. Wir arbeiten an der Verbindung der Elemente Wohnen, Arbeit und Freizeit.

Natürlich gibt es immer ein paar, die nörgeln, wenn es mal zu laut wird oder so. Einige wenige drohen dann mit der Polizei. Ansonsten haben wie sehr tolerante Nachbarn.

Günther Baumann

Kann der Normalbürger heute schon zu Ihnen gehen und ein Bier trinken?

Kann er machen, vor allem zu den jeweiligen Veranstaltungen. Wir haben Schaubrau-Kurse zwei- oder dreimal im Monat. Wir haben auch kulturelle Veranstaltungen, wo man ganz normal sein Bier bekommt. Allerdings dürfen wir keine Fixpreise für das Bier verlangen, weil wir noch kein offizielles Gewerbe haben. Bier trinken geht also schon – gegen eine Spende als Aufwandsentschädigung.

Welche Biersorten brauen Sie?

Fast alles. Ich glaube, es gibt fast kein Bier, das wir noch nicht gebraut haben. Aktuell haben wir ein bayerisch-israelisches Bier gebraut. Morgen wird auf dem Odeonsplatz 70 Jahre Israel gefeiert. Da schenken wir einen Haifator aus. (nach der israelischen Stadt Haifa)

Sie lieben offensichtlich Wortspiele.

Ja das auch. Für die Veranstaltung morgen sind zwei Brauer extra aus Haifa hergekommen. Wir haben dann gemeinsam ein Starkbier für einen Maibock gemacht. Für die israelische Note sorgt ein Dattelbier, für das wir Dattelsirup verwenden. Das ist süßer als unsere anderen Biere. Das füllen wir gerade ab und etikettieren das. Das können die Münchner morgen auf dem Odeonsplatz trinken.

Gibt es bei Ihnen auch eine Brotzeit zum Bier?

Wenn sich Gruppen vorher anmelden, ist das schon heute kein Problem. Für Laufkundschaft öffnen, das dürfen wir heute noch nicht. Das geht erst, wenn wir hier unsere Zoiglstube haben. Wissen Sie was das ist?

Nein, habe ich nie gehört.

Das ist eine Tradition aus der Oberpfalz. In einer Zoiglstube gibt es Bierausschank, Brotzeit und Live-Musik. Der Unterschied zur normalen Gastwirtschaft ist, dass die nur einmal im Monat am Wochenende aufhat. Von Freitag bis Sonntag oder Montag. Da wird fast durchgehend gefeiert.

Das ist aber schwierig für die Kundschaft zu erkennen, wann wirklich offen ist.

Dafür gibt es den Zoigl-Stern. Der sieht ähnlich aus wie der jüdische Davidsstern, ist aber ein Zeichen der Brauerei-Innung. Der wird dann rausgehängt. Und dann sehen die Leute, dass an diesem Tag Bier ausgeschenkt wird. Das Zoigl-Bier wird normalerweise in einem Kommunen-Brauhaus gebraut. Wir wollen so etwas Ähnliches. Wir wollen eine Mitbrau-Zentrale sein. Leute können zu uns kommen, und mit unserer Hilfe ihr eigenes Bier brauen.

Spannende Idee. Wie steht es mit dem Wohnen im CasaNova?

Das ist ein Mietshaus. Hier leben 27 Leute und ein Hund (lacht). Es ist ein sehr altes Haus, das unter Denkmalschutz steht. Die Wohnungen sind unterschiedlich saniert und ausgestattet. Der Quadratmeterpreis liegt bei fünf bis zehn Euro. Die Mieten sind sehr günstig, weil auch erwartet wird, dass die Mieter Engagement zeigen. Jeder muss für die Gemeinschaft des Hauses etwas selbst tut. Wir haben keine eigenen Putzkräfte, keinen Hausmeister. Bei kleineren Reparaturen muss man selbst anpacken, auch beim Treppenputzen ist jeder mal dran.

Ist das ein Modell für Münchens Zukunft?

Das wünsche ich mir. Viele Leute beneiden uns jedenfalls um unser Projekt. Allerdings spüre ich in jüngster Zeit, dass in unserer Hausgemeinschaft auch eine gewisse Unzufriedenheit herrscht. Es gibt Nörgler. Wir müssen aufpassen, uns nicht selbst zu zerfleischen. Manche wissen die Vorzüge nicht mehr zu schätzen, weil sie schon lange hier wohnen.

Wann kann man Ihr Bier regulär erwerben?

Das hängt von den Behörden ab. Ich hoffe, von diesem Herbst an. Zurzeit wird sehr viel gebaut in der Stadt. Da haben die Handwerker wenig Zeit und die Behörden auch. Aber gehudelt wird nicht. Zum Brauen braucht man eben auch eine gewisse Bier-Ruhe.