Interview mit der IHK-Vizepräsidentin

Ingrid Obermeier-Osl: „Jeden Tag wird Angst geschürt“

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Unternehmerin und IHK-Vizepräsidentin Ingrid Obermeier-Osl spricht im Interview über Innovation, Ehrenamt, Fachkräfte und das, was dem Land fehlt: Mut und Zuversicht.

Frau Obermeier-Osl, die IHK-Wahl ist rum, die Leute fahren in den Urlaub, der Lockdown ist vorbei – ist das die Phase, in der Sie sich auch mal entspannt zurücklehnen?

Die vergangenen Monate waren für alle anstrengend. Das habe ich in meinem Unternehmen und in der IHK gespürt. Ein paar Tage Auszeit tun jetzt jedem gut. Unsere ostwestfälischen Kunden sind im Urlaub, was ich tatsächlich wie eine Wohltat empfinde. Andererseits muss das Geschäft weitergehen.

Woran arbeiten Sie mit Ihrem Unternehmen gerade?

Vor einer halben Stunde habe ich mich entschieden, mit einem neuen Produkt auf den Markt zu gehen: dem Innotree. Das ist eine Erfindung von Obermeier. Innotree steht für eine neue Tonalität eines Laubholzes. Das Holz wird durch einen natürlichen Prozess gefärbt. Wir machen das ganz ohne Chemikalien. Daran haben wir seit Jahren gearbeitet, mein Neffe hat das jetzt zur Marktreife entwickelt.

Was hat Sie auf diese Idee gebracht?

Wir reagieren damit auf einen Trend, der sich schon seit Jahren abzeichnet. Das auf dem Markt verfügbare Angebot an Eiche deckt die Nachfrage nicht mehr. Gerade jetzt gehen die Preise durch die Decke. Die meisten Leute werden sich die Eiche nicht mehr leisten können oder wollen. Mit dem Innotree bieten wir ihnen eine hochwertige Alternative an. Das dient der Nachhaltigkeit. Und ich bin sicher: Das Produkt kommt an.

„Man muss auch an das Übermorgen denken.“

IHK-Vizepräsidentin Ingrid Obermeier-Osl

Im September haben Sie ein Innovationszentrum eröffnet, jetzt kommt der Innotree – Corona scheint Ihr Unternehmen nicht zu bremsen.

Nein, das ist ganz sicher nicht der Fall, es geht auch nicht anders. Man ist gezwungen, innovativ zu bleiben. Gleichzeitig muss man auf die Trends Digitalisierung und Nachhaltigkeit reagieren, ansonsten hat man es extrem schwer auf dem Markt. Ich halte das für ganz wichtig: über das Tagesgeschäft hinaus auch an das Übermorgen denken.

Die Auslandsnachfrage hat unsere Industrie aus der Krise gezogen. Konnte auch Ihr Unternehmen von den Exporten profitieren?

Wir unterhalten über Jahrzehnte gewachsene Geschäftsbeziehungen nach Italien und Österreich. Das schon, aber wir unterscheiden uns deutlich von dem, was man über die Holzindustrie generell liest. Wir verarbeiten nur Laubholz. Das ist noch in ausreichenden Mengen vorhanden. Wir beliefern Kunden aus den Branchen Möbel, Bau und Lebensmittel-Einzelhandel. Die haben im Lockdown weiter gearbeitet, also lief auch unser Geschäft weiter. Wir hatten keine Umsatzeinbußen, wir konnten sogar Zuwächse erzielen.

Wie geht es der übrigen Wirtschaft Südostbayerns in diesen Tagen?

Im Einzelhandel läuft es ganz gut. Möglicherweise hat das unbeständige Wetter der vergangenen Wochen die Leute zum Shoppen animiert. Die Gastronomie hat da ein ganz anderes Problem. Da fehlen Fachkräfte ohne Ende – 140.000 in Bayern insgesamt. Egal, mit welchem Hotelier oder Wirt man spricht, die Aussage ist immer die gleiche: Ich würde ja gerne, aber ich kann nicht. Die Nachfrage ist da, ich weiß aber nicht, wie ich das schaffen soll. Ich kriege keine Leute.

Ist das nur ein Problem der größeren Betriebe?

Das trifft alle, vom Landgasthaus bis hin zur Spitzengastronomie. Niemand weiß, wie wir diese Lücke schließen sollen. Die Leute, die vor Corona in der Gastronomie gearbeitet haben, sind offensichtlich weg. Das einzige was ich sicher sagen kann: Bei uns in der Holzindustrie hat noch kein Koch oder Kellner nach Arbeit gefragt.

„Selbst der Arbeitsmarkt für Anlernkräfte ist leergefegt.“

IHK-Vizepräsidentin Ingrid Obermeier-Osl

Spüren Sie den Fachkräftemangel auch in Ihrem Unternehmen?

Den spüren wir deutlich. Der Punkt ist mir auch sehr wichtig. Es macht mir große Sorgen, was da auf die Wirtschaft zukommt. Azubis sind knapp, Fachkräfte kaum noch zu kriegen. Selbst der Arbeitsmarkt für Anlernkräfte ist leergefegt. Ich finde praktisch niemanden mehr, der unsere Maschinen bedient. Auch deshalb habe ich derzeit 15 Asylbewerber beschäftigt.

Was wäre das beste Instrument, um die Wirtschaft in Schwung zu bringen?

Wir müssen die ewige Unsicherheit beenden. Die Unternehmen müssen wieder planen können.

Gehört Unsicherheit nicht zum Kern einer Marktwirtschaft?

Aber Unsicherheit in diesem Ausmaß haben wir noch nie erlebt. Man sieht plötzlich, wie anfällig unser Wirtschaftssystem ist. Wir kommen aus dem Krisen-Modus fast nicht mehr heraus. Kaum zieht die Konjunktur wieder an, kommt der nächste Dämpfer – die Explosion der Rohstoffpreise. Viele Produkte sind nicht mehr lieferbar oder haben sich drastisch verteuert. Alle fragen sich heute: Woher kommen denn solche Situationen?

Wie reagiert Ihr Umfeld auf diese Unsicherheit?

Fast täglich bekomme ich Anrufe, in denen andere Unternehmer von mir wissen wollen, wie es jetzt überhaupt weitergeht. Die fragen mich: Kann mir die IHK sagen, wie sich die Preise entwickeln, und wie sich das auswirkt auf den Handel. Das kann niemand wissen. Auch die IHK nicht.

Sie haben prophezeit, dass in Ihrer Region etwa 20 Prozent der Betriebe die Krise nicht überleben. War das zu pessimistisch?

Das lässt sich jetzt noch nicht sagen. Die Auswirkungen kommen erst noch.

„Wir werden sehen, dass viele nicht mehr können“

Die große Pleitewelle ist doch ausgeblieben.

Aber nur vorerst, und weil der Staat massiv eingegriffen hat. Wir hatten die Überbrückungshilfen, die Novemberhilfe, die Dezemberhilfe, die niedrigere Mehrwertsteuer, die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht, die Sofortkredite. Ich befürchte: Wenn die Hilfen auslaufen, und die nächsten Steuererklärungen fällig sind, werden wir sehen, dass viele nicht mehr können.

Sehen Sie schon Warnzeichen?

Es gibt die ersten, die aufgeben oder nicht mehr wollen. Wir haben ältere Unternehmer, die ohnehin schon ans Aufhören dachten. Die sagten sich, ich mache noch ein Jahr oder zwei. Die Erfahrungen, die sie jetzt in der Pandemie machen mussten, haben denen den Rest gegeben.

Die Pandemie hat sich abgeschwächt, die Impfquote steigt. Sind das keine Gründe für Optimismus?

Es wird aber nur Negatives berichtet. Jeden Tag wird die Angst geschürt. Was lesen wir denn? Die Inzidenz steigt wieder von 10 auf 12 oder 18, Gesundheitsminister Spahn warnt von einem Wert von 800 im September, es wird über Deltawelle und einen vierten Lockdown diskutiert. Was die Leute jetzt bräuchten, wären Mut und Zuversicht, das positive Signal: Die Krise ist vorbei.

„Die Politik muss berechenbar bleiben.“

IHK-Vizepräsidentin Ingrid Obermeier-Osl

Die Regierung muss doch auf Risiken reagieren.

Das soll sie auch, aber die Politik muss berechenbar bleiben. Wenn Sie heute ein Wirt sind, tun Sie mir leid. Sie wissen heute nicht, welche Regeln im November gelten. Geht im Dezember eine Weihnachtsfeier mit 150 Personen? Kann ich im Mai 2022 eine Hochzeit ausrichten? Kein Gastronom kann das seinen Gästen heute sicher sagen.

Auch deshalb gibt es die Forderung, Druck auf Impfgegner auszuüben. Was halten Sie davon?

Das halte ich für schwierig. Das betrifft die Freiheit des Einzelnen. Die Idee, da einzugreifen, ist ein gefährlicher Weg. Wir bewegen uns leider stark Richtung Zentralismus. In der Wirtschaft spüren wir das extrem. Es kann nicht sein, dass ein einzelner Politiker über Sein und Nichtsein von Familienbetrieben entscheidet. Trotz Pandemie müssen wir immer an unsere Zukunft denken.

Das tun Sie auch im Ehrenamt für die IHK. Sie haben bei der Wahl des neuen Präsidiums die meisten Stimmen bekommen. Freut Sie das?

Das hat mich sehr gefreut, das empfinde ich als Bestätigung. Seit vielen Jahren engagiere ich mich mit Herzblut und Leidenschaft für das Ehrenamt der IHK. Und es ist schön, dass das von anderen Unternehmern anerkannt wird: Ich rede nicht nur, sondern handele auch.

Das tun Sie auch als Vorsitzende des Regionalausschusses Altötting–Mühldorf.

Ja, der regionale Ansatz war immer der Kern meiner ehrenamtlichen Arbeit. Regionalisierung der IHK – für diese Strategie habe ich mich eingesetzt. Deswegen bin ich damals auch in das Präsidium der IHK gekommen.

Wie erfolgreich wurde die Regionalisierung der IHK umgesetzt?

Ich halte das für einen großen Erfolg. Wir haben neue Geschäftsstellen eröffnet, die Seminare der IHK Akademie auch in der Fläche angeboten. Die IHK ist dadurch deutlich sichtbarer geworden, die Akzeptanz bei unseren Mitgliedern ist spürbar gestiegen. Wir haben heute einen viel besseren Kontakt zu lokaler Politik und lokalen Medien.

Wie hat sich dieses Konzept in den Landkreisen Altötting und Mühldorf ausgewirkt?

Die Geschäftsstelle Mühldorf ist während meiner Amtszeit entstanden. Das war ein ganz wichtiger Schritt. Mit unserem Wirtschaftsempfang Altötting-Mühldorf haben wir die größte Veranstaltung dieser Art in ganz Bayern etabliert. Und wir haben den IHK-Bildungsexpress, auf den ich besonders stolz bin.

Eine Veranstaltung, die einzigartig ist in Bayern …

Stimmt genau. Die Idee ist einfach, aber super effektiv: Alle Akteure der Ausbildung in unserer Region in einem Sonderzug zusammenbringen. Chefs und Ausbilder stellen sich und die Ausbildungsberufe ihres Unternehmens vor. Schüler aus Abschlussklassen unserer regionalen Schulen und ihre Eltern erfahren aus erster Hand, was in den jeweiligen Berufen erwartet wird und welche Karriere man darauf aufbauen kann. Es ist für die Ausbildung das beste Format, das man sich denken kann.

Wie gut wird der Bildungsexpress angenommen?

Der Bildungsexpress hatte vom Start weg eine tolle Resonanz. Nur im vergangenen Jahr hat Corona das Projekt gestoppt, aber in diesem November rollt der Bildungsexpress wieder von Mühldorf nach Salzburg und zurück. Und ich bin ganz sicher wieder mit an Bord.

Sie haben sich jahrelang für die A94 eingesetzt. Hat die Autobahn den Effekt gebracht, den Sie sich gewünscht hatten?

Die Anbindung an München ist klar besser geworden. Das spüre ich selbst, wenn ich zu einer Sitzung in unser Münchner IHK-Stammhaus. Das war notwendig, dafür haben wir 50 Jahre lang gekämpft. Eine Folge ist auch die höhere Nachfrage nach Grundstücken und Immobilien. Die Preise sind gestiegen. Das haben wir so erwartet. Möglicherweise brauchen wir irgendwann Konzepte, um darauf zu reagieren.

Setzt die IHK diesen regionalen Ansatz fort? Davon bin ich schon deshalb überzeugt, weil die Regionen in unserem Präsidium stark vertreten sind. Die Regionalausschussvorsitzenden Otto Heinz und Peter Inselkammer wurden direkt gewählt. Renate Waßmer kommt aus der Ecke Bad Tölz/Wolfratshausen, Dominik Biersack aus Beilngries. Ich vertrete die Unternehmen aus den Landkreisen Altötting und Mühldorf. Das halte ich für eine gute Erdung unsere Arbeit.

„Wir brauchen heute einfach mehr Frauen-Power.“

IHK-Vizepräsidentin Ingrid Obermeier-Osl

Im Präsidium und in der Vollversammlung der IHK sitzen so viele Frauen wie noch nie. Macht Ihnen das Hoffnung?

Das macht mir große Hoffnung. Wir haben unser Präsidium auch ohne gesetzliche Quote paritätisch besetzt. Das finde ich toll. Das zeigt, was die Wirtschaft ganz ohne Regularien bewegen kann. Der Grund ist die Einsicht, dass wir in unserer heutigen Lage einfach mehr Frauen-Power brauchen.

Aus welcher Ecke kommt denn die neue Frauen-Power in der IHK?

Wir haben tolle Unternehmerinnen, die die ganze Breite abdecken – von der Einzelunternehmerin über die Gründerin bis hin zur Mittelständlerin. Wir haben jetzt ein Präsidium der Vielfalt. Das tut der IHK gut, weil wir diese Verbindung von Aufbruch und Kontinuität brauchen. Im Präsidium haben wir jetzt beispielsweise eine Expertin für Künstliche Intelligenz und eine Sozialunternehmerin. Ich bringe als Dienstälteste im Präsidium viel Erfahrung mit. Das ist eine tolle Mischung. Das belebt die Wirtschaft.

Bei dieser IHK-Wahl gab es so viele Kandidaturen wie noch nie. Woher kommt dieses Interesse am Ehrenamt?

Ich glaube, in der Krise haben viele deutlich gesehen, welchen Wert die IHK für unsere Wirtschaft hat. Nur die IHK vertritt die Interessen aller Unternehmen. Und wir hatten jetzt eine Phase, in der der Staat alles geregelt und bestimmt hat. Das will man als Unternehmer nicht noch einmal erleben. Deshalb wollen sich jetzt viele für das Unternehmertum engagieren. Nirgendwo geht das besser als in der IHK.

Worin sehen Sie momentan die größte Aufgabe der IHK?

Es gibt in Bayern viele Unternehmen, die an der Stelle der IHK wohl einfach Danke sagen würden. Die IHK hat als Bewilligungsstelle für die Wirtschaftshilfen viele Firmen gerettet. Das war eine einmalige Leistung. Dafür hat sich auch die Staatsregierung mehrmals bedankt.

Gut, aber wie geht es jetzt weiter?

Wir müssen uns dringend um den Fachkräftemangel kümmern, der lähmt und verfolgt uns. Es darf keinen weiteren Lockdown geben, das wäre eine Katastrophe für die Wirtschaft. Stattdessen müssen wir unseren Unternehmen endlich eine Perspektive geben. Und wir müssen weiter gegen die Bürokratie kämpfen.

Das will doch auch die Bundesregierung. Dafür gibt es sogar einen Normenkontrollrat.

Trotzdem nimmt die Bürokratie immer härtere Formen an. Beste Beispiele sind Lieferkettengesetz und Sustainable Finance. Das betrifft alle Unternehmen massiv, auch wenn das viele noch nicht begriffen haben.

„Man braucht nicht für jede Idee ein neues Gesetz.“

IHK-Vizepräsidentin Ingrid Obermeier-Osl

Woran scheitert die Politik beim Bürokratieabbau?

Ich denke, dass die Politik unter einem Denkfehler leidet. Man braucht nicht für jede Idee ein neues Gesetz. Man vertraut den Unternehmern nicht. Was soll eine Home-Office-Pflicht? Die Unternehmen tun sowieso alles, damit man das umsetzt. Muss die Politik für mich entscheiden, ob ich jemanden ins Home-Office schicken kann oder nicht? Das kann doch das Unternehmen selbst am besten entscheiden.

Was wünschen Sie sich von der neuen Bundesregierung?

Das Wichtigste ist: Die Politik muss jetzt eine positive Perspektive schaffen. Händler, Dienstleister und Produzenten brauchen die Gewissheit, in Deutschland eine gute Zukunft zu haben. Zudem muss man den Familien die Sorge nehmen, dass im Herbst die Schulen wieder geschlossen werden könnten.

Was kann die Politik von Unternehmern lernen?

Dass man Probleme nicht löst, in dem man sie verschiebt. Wir haben die höchsten Energiepreise in Europa, die Industrie bewegt sich schon weg aus dem Land. Andere Nationen haben uns in Sachen Infrastruktur, Bildung und Digitalisierung abgehängt. Das muss man anpacken. Ich erwarte von der Politik das, wofür ich selbst als Unternehmerin und in der IHK arbeite: Schritte, die unsere Zukunft sichern.

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