Brennerbasistunnel

"Europa macht enormen Druck"

Prof. Konrad Bergmeister, Vorstand der Brenner Basistunnel Gesellschaft, erklärt, weshalb er den Erfolg dieses Mega-Projekts für sicher hält

 Konrad Bergmeister, Vorstand der BBT SE (Brenner-Basistunnel)
© IHK Prof. Konrad Bergmeister, Vorstand der Brenner Basistunnel Gesellschaft

Prof. Konrad Bergmeister, Vorstand der Brenner Basistunnel Gesellschaft, warb vor den Mitgliedern des IHK-Verkehrsausschusses und des IHK-Regionalausschusses Rosenheim für Zuversicht für das Projekt Brenner Basistunnel.

Herr Bergmeister, Deutschland hinkt mit seinen für die Zulaufstrecken im Zeitplan 20 Jahre hinterher. Glauben Sie noch an den Erfolg des Brenner Basistunnels?

Mit Sicherheit. Dass das alles nicht über Nacht geht, ist doch klar. Der gesamte Korridor von München nach Verona ist ein mehrfach grenzüberschreitendes Projekt. Das verlangt eben viele Abstimmungen zwischen den Regionen und den Ländern.

Kritiker sprechen von einer ewigen Baustelle, die Milliarden kostet.

Man muss doch mal sehen, was man schon erreicht hat. Das Ganze hat schon in den Jahren 1987 und 1988 mit einer Studie angefangen. 1995 und 1996 habe ich die Verantwortung bekommen, mit den drei nationalen Bahngesellschaften die Strecke zu optimieren. Heute bauen wir. 95 Kilometer des Brenner Basistunnels sind bereits ausgebrochen – mehr als die Hälfte der Gesamtstrecke. Und wir haben alle Rettungsstollen und Zufahrtstunnel schon gebaut.

Werden Sie den Zeitplan halten können?

Wir sind derzeit in der Hochphase des Baus. Wir brauchen noch etwa sechs Jahre, bis die Bautätigkeit und Baulose abgeschlossen sind. Es folgen dreieinhalb Jahre bahntechnischen Ausbaus, dann folgt die Inbetriebnahme. Das ist Fakt.

Der Tunnel wird aber nur dann Wirkung haben, wenn die Zufahrtsstrecken stehen.

Auch da kommen wir voran. Im Unterinntal haben wir auf der Tiroler Seite 42 Kilometer fertiggestellt. Auf der österreichischen Seite haben wir schon die Basis für eine erfolgreiche Inbetriebnahme geschaffen. Auch im Planungsraum von Schaftenau bis nach Rosenheim gibt es endlich Bewegung. Dort sehe sich, dass es noch nie so viele Aktivitäten gab wie jetzt.

Dort gibt es auch die größten Widerstände gegen das Projekt.

Auch Streit hilft, zu Ergebnissen zu kommen. Wir haben schon in der Vergangenheit immer wieder versucht, dieses Projekt den Menschen näher zu bringen und hatten nur mäßigen Erfolg. Bislang hat man die verkehrspolitische Realität zu wenig wahrgenommen.

"Europa wird enormen Druck machen"

Wie sieht Ihrer Ansicht nach diese Realität aus?

Auf der Straße geht es nicht mehr weiter. Die Verkehrsbelastung steigt und steigt. Der Brenner wird Realität. 40 Prozent der gesamten Länge haben wir schon ausgebrochen. Jetzt fangen alle an, sich damit zu beschäftigen. Auf der bayerischen Seite läuft ein wichtiger Dialog mit den Gemeinden, Bürgern und Planern. Es gab die Festlegung, dass man fünf Trassen zur Wahl hat. Schrittweise wird jetzt die beste Trasse festlegt. Dann geht es an die Finanzierung und Genehmigung.

Wird der Nordzulauf schon vor 2040 stehen?

Ich bin heute hoffnungsreicher als vor einem Jahr, dass es schneller geht. Wir haben jetzt Druck von der Basis. Die Bevölkerung diskutiert über Trassen und will von der Politik Lösungen sehen. Zudem wird Europa von oben enormen Druck machen, damit dieser Korridor funktionstüchtig wird. Europa kann nicht 40 Prozent des Brenner-Basistunnels finanzieren – und dann akzeptieren, dass das Projekt nur auf einem Teilstück funktioniert.

Hat der Brenner-Basistunnel in Brüssel den nötigen Stellenwert?

Da bin ich sicher. Man sieht heute sehr klar, dass wir eine neue Form von Mobilität brauchen, um die Wirtschaft voranzutreiben und unseren Wohlstand zu sichern. Und die EU weiß sehr gut um die Chance, gleichwertige Lebensverhältnisse zwischen München und Verona zu schaffen. Es geht auch um nachhaltige Entwicklung im Interesse künftiger Generationen. Aus diesen Gründen heraus habe ich ein gutes Gefühl, dass wir zügig vorankommen.

Ist für Sie der Gotthard-Tunnel ein Vorbild? Die Schweizer haben ja eine Punktlandung hingelegt.

Was die Inbetriebnahme angeht, trifft das zu. Der Gotthard leidet aber unter den nicht gebauten Zulaufstrecken auf der italienischen und der deutschen Seite. Wir brauchen offensichtlich eine starke europäische Hand, die das in die Hand nimmt.

Woran scheitert der fristgerechte Bau der Zulaufstrecken?

Die Länder haben am Bau grenzüberschreitenden Strecken kein Interesse. Vorrang haben die nationale Mobilität und die Förderung des Personenverkehrs. Wir haben primär den Güterverkehr im Blick. Dann kommt ein attraktiver Personenverkehr. Wir wollen die Mobilität für morgen schaffen.

Wird dieses Angebot auch angenommen?

Da bin ich sicher. Wir bauen jetzt noch zehn Jahre. In 20 Jahren müssen wir es im Zug von München nach Innsbruck in einer Stunde schaffen und genauso schnell von Innsbruck nach Bozen kommen. Das muss das Ziel sein.

Hilft Ihnen die Debatte über Klimaschutz?

Klimaschutz forciert die Trendwende sehr stark. Wir müssen auf die Entwicklung unserer Jugend reagieren. Das Auto wird weniger wichtig, alle sind viel nachhaltiger orientiert. Auch die Flexibilisierung der Arbeit macht die Bahn attraktiver. Ziel ist, dass wir den letzten Kilometer vom Bahnhof bis zur Wohnung organisieren, für den Güterverkehr brauchen wir Terminals.

Die Politik hat den Schienengüterverkehr schwer vernachlässigt. Warum sollte sich das jetzt ändern?

Die Konkurrenz privater Bahnen hat enorm viel bewegt. Wir sind heute auch technisch viel weiter. Automatisierte Verladestationen werden den Warentransport auf der Schiene attraktiver und effizienter machen. Das wird den Güterverkehr in die Zukunft pushen.

Hören Ihnen Politiker heute besser zu?

Ich habe da drei Phasen erlebt. Zunächst waren alle skeptisch, ob so ein großes Projekt machbar ist. Nach der Genehmigung hatten wir eine 50:50-Situation. Neben Befürwortern gab es Politiker, die das Ganze stoppen wollten. Heute haben wir den „point of no return“ erreicht. Die Stimmungslage von München bis Verona hat sich wesentlich verbessert.

Zur Person: Konrad Bergmeister

Konrad Bergmeister ist seit August 2006 auf Nominierung Österreichs Vorstand der BBT SE. Zuvor war Bergmeister neun Jahre lang als technischer Direktor und Chefingenieur der Brennerautobahn tätig. Bergmeister ist auch für die Wissenschaft aktiv. Er ist u.a. Professor für konstruktiven Ingenieurbau an der Universität für Bodenkultur Wien.