Fachkräfte sichern

Die demografische Entwicklung, die Digitalisierung und Internationalisierung stellen gerade kleine und mittelgroße Unternehmen (KMU) vor große Herausforderungen. Es ist wichtig, dass das Subsidiaritätsprinzip gewahrt wird und die Unternehmen mehr Flexibilität bei der Fachkräftesicherung erhalten.

Auf einen Blick

Die demografische Entwicklung, die Digitalisierung und Internationalisierung stellen gerade kleine und mittelgroße Unternehmen (KMU) vor große Herausforderungen. Obwohl in einigen Ländern eine hohe Arbeits- und vor allem eine hohe Jugendarbeitslosigkeit herrschen, bleiben viele Stellen in Europa unbesetzt. Laut einer Umfrage des Europäischen Kammerdachverbandes EUROCHAMBRES sehen 41 % der Unternehmen im Fachkräftemangel ein Geschäftsrisiko. Eine hohe Erwerbsbeteiligung und lebenslanges Lernen sind daher wichtige Voraussetzungen zur Fachkräftesicherung in den Unternehmen. Die Mitgliedstaaten müssen dafür die passenden Rahmenbedingungen schaffen und nationale Besonderheiten berücksichtigen können. Es ist daher wichtig, dass das Subsidiaritätsprinzip gewahrt wird und die Unternehmen mehr Flexibilität bei der Fachkräftesicherung erhalten.

Folgende Leitlinien sollten das wirtschaftspolitische Handeln der EU im Hinblick auf den europäischen Arbeitsmarkt bestimmen:

  • Beschäftigungspolitik bei den Mitgliedsländern belassen und den Unternehmen mehr Spielraum geben
  • Berufliche Bildung europaweit stärken
  • Zusätzliche Potenziale bei Jugendlichen, Frauen und ausländischen Fachkräften heben

Wir müssen die Chancen von Europa nutzen und noch mehr junge Menschen dafür gewinnen, in Bayern eine Ausbildung zu machen. Hierzu müssen wir die duale Ausbildung und die beruflichen Fortbildungsmöglichkeiten nachhaltig stärken und deren Möglichkeiten innerhalb Europas noch bekannter machen. Gleichzeitig müssen wir bei uns mehr Fachkräfte mobilisieren und unsere Anstrengungen zur Anwerbung ausländischer Fachkräfte intensivieren.

Kathrin Wickenhäuser-Egger, Geschäftsführerin, Wickenhäuser & Egger AG, München, Vizepräsidentin der IHK für München und Oberbayern

Beschäftigungspolitik bei den Mitgliedsländern belassen und den Unternehmen mehr Spielraum geben

Die Beschäftigungspolitik muss in der Zuständigkeit und in der Verantwortung der einzelnen Mitgliedstaaten bleiben. Dadurch können bei der konkreten Ausgestaltung, z. B. bei der Lebensarbeitszeit oder der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, nationale Besonderheiten berücksichtigt werden. Darüber hinaus lassen sich bedarfsgerechte beschäftigungsfreundliche Rahmenbedingungen setzen und die jeweils besten arbeitsmarktpolitischen Konzepte realisieren.

Die schnelle wirtschaftliche Entwicklung, die Internationalisierung und der technische Fortschritt erfordern von den Unternehmen eine hohe Anpassungsfähigkeit. Flexibilität und Rechtssicherheit sind daher für Unternehmen unerlässlich. EU-Richtlinien dürfen die Arbeitsmarktflexibilität in den Mitgliedstaaten nicht weiter einschränken. Arbeitgeber brauchen insbesondere bei der Ausgestaltung des orts- und zeitflexiblen Arbeitens mehr Handlungsspielraum, betriebliche Regelungen mit den Beschäftigten zu vereinbaren.

In vielen Branchen wird z. B. die starre Ruhezeit von täglich mindestens elf Stunden aus der EU-Arbeitszeitrichtlinie nicht mehr der Arbeitsrealität gerecht. Mehr Flexibilität liegt im Interesse der Unternehmen und der Beschäftigten.

Um sowohl Arbeitnehmer vor Überlastungen zu schützen, als auch die Sicherheit in der Wirtschaft zu gewährleisten, sind dennoch Mindeststandards erforderlich, die jedoch teilweise flexibler ausgestaltet werden können. Dies kann z. B. durch eine Reduzierung der ununterbrochenen Ruhezeit bei Festschreibung einer bestimmten Gesamtruhezeit erfolgen.

Forderungen

  • Beschäftigungspolitik muss in der Zuständigkeit und in der Verantwortung der einzelnen Mitgliedsländer liegen
  • Unternehmen brauchen mehr Flexibilität bei der örtlichen und zeitlichen Ausgestaltung der Arbeit
  • In der Ruhezeitregelung muss mehr Handlungsspielraum für Vereinbarungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer geschaffen werden.

Berufliche Bildung europaweit stärken

Mitgestaltung der Unternehmen sichern

Die Berufliche Bildung ist in zahlreichen Mitgliedstaaten der EU schwach ausgeprägt und zudem häufig in vollzeitschulischer Form organisiert. Dadurch fehlt der Ausbildung der Praxisbezug und der Übergang der Jugendlichen in Beschäftigung wird erschwert. Eine hohe Jugendarbeitslosigkeit ist oft die Folge. Um Praxisnähe und Arbeitsmarktanpassung der Beruflichen Bildung sicherzustellen, müssen die EU-Länder die Mitgestaltung durch die Betriebe in ihren Bildungssystemen verankern. In der konkreten Umsetzung darf Berufsbildung nicht nur in Schulen, sondern muss auch in den Betrieben stattfinden. Nur so kann die Verzahnung zwischen Theorie und Praxis, die Ausbildungsbeteiligung der Wirtschaft und der erfolgreiche Übergang von Schule in Ausbildungs- und Arbeitsmarkt sichergestellt werden. Den hierfür erforderlichen rechtlichen Bildungsrahmen sollten die Mitgliedstaaten schaffen.

Berufliche Bildung als gleichwertige Alternative zum Studium positionieren

Die Berufliche Bildung muss europaweit auch für leistungsstarke Jugendliche als Alternative zum Hochschulstudium etabliert werden. Voraussetzung hierfür ist, dass die Abschlüsse der Höheren Berufsbildung bei der nationalen Umsetzung des Europäischen Qualifikationsrahmens analog zum Deutschen Qualifikationsrahmen in die oberen Niveaustufen eingeordnet werden.

Grenzüberschreitende Mobilität europaweit fördern

Internationale Berufserfahrungen sind immer häufiger Teil des beruflichen Anforderungsprofils. Auslandsaufenthalte in der beruflichen Aus- und Weiterbildung stellen eine hervorragende Möglichkeit dar, internationale Berufskompetenzen zu erwerben und gleichzeitig die Attraktivität der Berufsausbildung zu steigern. Die EU-Bildungsprogramme sollten noch stärker auf die Förderung von Auslandsaufenthalten, insbesondere mit Praxisbezug in den Betrieben, abzielen.

Forderungen

  • Praxisnähe der Beruflichen Bildung in Europa durch Mitgestaltung der Unternehmen sicherstellen
  • EU-Bildungsprogramme gezielt auf die Förderung von Auslandsaufenthalten mit Praxisbezug in den Betrieben ausrichten

Zusätzliche Potenziale bei Jugendlichen, Frauen und ausländischen Fachkräften heben

Jugendarbeitslosigkeit senken

Die Arbeitslosigkeit junger Menschen ist EU-weit mehr als doppelt so hoch wie die allgemeine Arbeitslosenquote. Die Mitgliedsländer müssen noch stärkere Anstrengungen unternehmen, um die Schul- und Unterrichtsqualität zu erhöhen und dadurch die Zahl der Schulabbrecher signifikant zu reduzieren. Ziel muss sein, möglichst alle Schulabgänger für die Ausbildung zu qualifizieren und ihnen die dafür notwendigen Kompetenzen zu vermitteln. Dazu gehören neben den Grundfertigkeiten auch digitale- und Medienkompetenz. Dazu sollte auch europaweit eine Berufsorientierung an den allgemeinbildenden Schulen verpflichtend sein. Zudem muss die Förderung des Unternehmergeistes an Schulen und Universitäten verankert werden. Eine stärkere europäische Kooperation durch die Festlegung gemeinsamer und ehrgeiziger Bildungsziele sowie der Austausch guter Praktiken können hier Fortschritte ermöglichen. Die EU sollte einen Wettbewerb um bildungspolitische Erfolge unter den Mitgliedstaaten anstoßen, allerdings ohne neue Berichts- und Bürokratiepflichten für Betriebe.

Erhöhung der Frauenerwerbstätigkeit

Bei den Frauen liegt das größte, noch zu erschließende Fachkräftepotential. Die Erwerbstätigenquote von Frauen liegt im EU-Durchschnitt noch fast zwölf Prozentpunkte unter der von Männern. Frauen arbeiten häufiger in Teilzeit und unterbrechen wegen familiärer Verpflichtungen ihre Erwerbstätigkeit öfter. Das ist auch ein wesentlicher Grund für ihre geringere Präsenz in Führungspositionen. Um eine höhere Erwerbstätigkeit von Frauen zu erreichen, müssen v. a. die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Hinblick auf Kinderbetreuung und Pflege von Angehörigen erleichtert werden. Mädchen sollten schon in den Kindertagesstätten für MINT-Berufe begeistert werden. EU-weite Quotenvorgaben setzen nicht an den Ursachen an und belasten die Unternehmen mit zusätzlichem bürokratischem Aufwand.

Zuwanderung sinnvoll steuern

Die Fachkräftelücke lässt sich nicht nur mit inländischen Potenzialen schließen, gerade auch in Hinblick auf die demografische Entwicklung. Die gesteuerte Zuwanderung von Fachkräften aus Drittländern muss durch die einzelnen Mitgliedstaaten ausgestaltet werden, um spezifischen Anforderungen gerecht zu werden. Unternehmen sollten bei der Suche und Rekrutierung ausländischer Fachkräfte besser unterstützt werden. Da gute Sprachkenntnisse eine wichtige Chance für die erfolgreiche Zuwanderung und Integration sind, sollte die EU verstärkt den Spracherwerb bereits in den Herkunftsländern unterstützen.

Forderungen:

  • Schul- und Unterrichtsqualität weiter erhöhen, um möglichst alle Schulabgänger ausbildungsreif zu machen
  • Bedarfsgerechter Ausbau der Kinderbetreuung
  • Zur Förderung der Zuwanderung von Fachkräften den Spracherwerb bereits in den Herkunftsländern unterstützen