Energieversorgung Bayerns sichern

Um die Energiesicherheit für die Unternehmen im Freistaat Bayern weiterhin zu gewährleisten, müssen die vorhandenen Rahmenbedingungen seitens der EU verbessert werden.

Auf einen Blick

Für die bayerische Wirtschaft ist die Sicherheit der Energieversorgung von größter Bedeutung. Bereits kurzfristige Ausfälle der Stromversorgung können enorme Schäden verursachen und Produktions- und Logistikprozesse behindern. Im Zuge des Kernkraftausstiegs bis 2022 und dem schnell voranschreitenden Ausbau der erneuerbaren Energien in Norddeutschland wird die sichere Stromversorgung in Bayern jedoch immer gefährdeter. Es fehlen Kraftwerke und Speicher, um die entstehende Lücke in der Stromerzeugung aufzufangen. Zudem schreitet der Netzausbau zu langsam voran. Die Gewährleistung der Versorgungssicherheit basiert immer häufiger auf Netzstabilitätsmaßnahmen, was enorme Kosten verursacht und die Strompreise für Betriebe und private Verbraucher unaufhaltsam steigen lässt. Um die Energiesicherheit für die Unternehmen im Freistaat Bayern weiterhin zu gewährleisten, müssen die vorhandenen Rahmenbedingungen seitens der EU verbessert werden.

Erforderlich ist:

  • Ausbau gesicherter Kapazitäten für den Standort Bayern ermöglichen
  • Ausbau der HGÜ-Leitungen beschleunigen und Verteilnetze besser einbinden
  • Einheitliche deutsche Strompreiszone erhalten

Als ein in den Niederlanden und Deutschland aktiver Übertragungsnetzbetreiber sind wir einer der führenden europäischen Betreiber nationaler und grenzübergreifender Onshore- und Offshore-Netzanschlüsse, die die nord-westeuropäischen Strommärkte verbinden. Ein zügiger Netzausbau – auch im Hinblick auf die schnellere Durchführung von Planungs- und Genehmigungsverfahren – und eine Kooperation über Grenzen hinweg sind dabei essentiell für die Weiterentwicklung des europäischen Energiebinnenmarkts. Mit energiewirtschaftlichen und technologischen Innovationen wie der automatisierten Systemführung oder der Vernetzung von dezentralen Flexibilitätsquellen via Blockchain wird es uns gelingen, vorhandene Ressourcen optimal auszunutzen, die zukünftige Netzplanung zu flexibilisieren und so mehr Akzeptanz für den Netzausbau zu generieren.

Lex Hartman, Mitglied der Geschäftsführung der TenneT TSO GmbH und Mitglied des Vorstands der TenneT TSO B.V.

Drohende Erzeugungslücke für Strom schließen

Kernkraftausstieg führt zu Erzeugungslücke in Bayern

Die Unternehmen in Bayern können sich bislang auf eine stabile und zuverlässige Stromqualität verlassen. Die Stromversorgungssicherheit gemessen am SAIDI-Wert (System Average Interruption Duration Index) war in den letzten Jahren in Bayern weiterhin überdurchschnittlich. Dies belegen der jüngst veröffentlichte Fortschrittsbericht 2016/2017 der Bayerischen Staatsregierung sowie das IHK-Energiewendebarometer 2018, bei dem rund 2.200 Betriebe befragt wurden. Dennoch hat sich die Situation zum Vorjahr deutlich verschlechtert, wie das IHK-Energiewendebarometer zeigt. 2018 hatten rund 15 % der bayerischen Betriebe Stromausfälle über 3 Minuten, 2017 waren es noch 10 %. Der Bestand konventioneller Kraftwerke hat sich mit der Stilllegung der Kernkraftwerke Grafenrheinfeld 2015 und Gundremmingen B 2017 wesentlich geändert. Im Zuge des Kernkraftausstiegs muss eine Lücke von gut einem Drittel der Stromerzeugung durch Stromimporte nach Bayern, auch aus dem europäischen Ausland, und Zubau weiterer erneuerbarer Energien-Anlagen ausgeglichen werden. Es werden dadurch zunehmend schwankende Strommengen aus volatiler Erzeugung eingespeist, die ausgeglichen und dem Bedarf angepasst werden müssen.

Bau erforderlicher netztechnischer Betriebsmittel (bnB) und weiterer Kapazitäten in Bayern ermöglichen

Die bayerische Wirtschaft ist besorgt, ob die erforderliche Qualität der Stromversorgung unter den gegebenen Randbedingungen noch aufrecht erhalten werden kann und fordert die bayerischen EU-Politiker auf, hierfür die richtigen Rahmenbedingungen in Europa zu setzen. Damit die Stromversorgung sicher bleibt, sind der Erhalt von Bestandskraftwerken sowie der Bau zusätzlicher, flexibler Erzeugungsanlagen als Notfallreserve notwendig.

Forderungen:

  • Stromerzeugungslücke schließen
  • Bau der bnB in Bayern ermöglichen
  • Stromerzeugung mit Wasserkraft, Biomasse und Geothermie unterstützen
  • Rahmenbedingungen für Stromspeicher verbessern
  • Zügigen Ausbau gesicherter Kapazitäten nach marktwirtschaftlichen Kriterien unterstützen

Wettbewerbsfähigkeit der bayerischen Betriebe durch die richtigen Infrastrukturmaßnahmen in Europa erhalten

Der Ausbau der erneuerbaren Energien und der Kernenergieausstieg in Deutschland bis 2022 führen zu einem zusätzlichen Übertragungsbedarf von den windreichen Gebieten in Nord- und Ostdeutschland zum großen Verbrauchszentrum Bayern. Mit der Fertigstellung der neuen Hochspannungsgleichstromübertragungs (HGÜ)-Leitungen SuedOstLink und SuedLink rechnen die Übertragungsnetzbetreiber jedoch nicht vor 2025. Die zur Gewährleistung der Versorgungssicherheit hierdurch erforderlichen Netzstabilitätsmaßnahmen sind enorm teuer. Laut Bundesnetzagentur beliefen sich alleine die Kosten zur Vermeidung von Netzengpässen 2017 auf 1,45 Mrd. Euro. Bis 2023 ist mit einer Vervierfachung der Kosten zu rechnen. Der deutsche Strompreis liegt u. a. deshalb 2018 im EU-Vergleich an der Spitze.

Übertragungsnetze zügig ausbauen

Auch nach Neubewertung im Rahmen des Netzentwicklungsplans 2030 wurden die beiden Projekte SuedOstLink und SuedLink zweifelsfrei als notwendige Maßnahmen und Vorhaben im öffentlichen Interesse bestätigt. Um die Stromversorgung in Bayern nach Abschalten der Kernkraftwerke sicherzustellen und den weiteren Anstieg der Redispatchkosten zu verhindern, müssen die im Bundesbedarfsplangesetz beschlossenen Ausbaumaßnahmen zügig realisiert werden. Dazu muss auch die EU-Kommission ihre Genehmigungsverfahren beschleunigen und Maßnahmen verstärken, um die Akzeptanz in der Bevölkerung für den notwendigen Energieleitungsbau zu erhöhen.

Rahmenbedingungen für das Verteilnetz verbessern

Neben dem Ausbau des Übertragungsnetzes ist auch die Ertüchtigung des Verteilnetzes notwendig, da sich dessen Rolle durch die Energiewende grundlegend ändert. Ein Großteil der dezentralen Erzeugungsanlagen, sowie die zunehmende Versorgung neuer elektrischer Verbraucher (E-Fahrzeuge, Wärmepumpen etc.) und die voranschreitende Digitalisierung stellen das Verteilnetz vor neue Herausforderungen. Hier müssen auf EU-Ebene regulatorische Rahmenbedingungen geschaffen werden, die nicht nur den Verteilnetzausbau fördern, sondern auch Spielraum für neue Technologien, den Einsatz von Speichern, Flexibilitätsoptionen und Digitalisierung schaffen.

Einheitliche deutsche Strompreiszone erhalten und Redispatchbedarf nicht unnötig ausweiten

Die EU-Strombinnenmarktverordnung ist das kritischste Dossier des EU-Legislativpakets „Clean Energy for all Europeans“, das derzeit im Trilog zwischen EU-Parlament, Europäischem Rat und Ratspräsidentschaft verhandelt wird. Die darin enthaltene schrittweise Öffnung der grenzüberschreitenden Stromleitungen (Interkonnektoren) auf 75 % der Nettoübertragungskapazität bis 2025 für den Stromhandel mit den Nachbarstaaten, auf die sich der Rat der EU-Energieminister und das EU-Parlament verständigt haben, sowie die damit verbundene geplante Letztentscheidungskompetenz der EU-Kommission für eine Neukonfiguration von Stromgebotszonen sind für Bayern besonders problematisch. Wenn Deutschland nicht in der Lage ist, die Interkonnektoren im darin vorgesehenen Umfang zu öffnen, besteht die Gefahr, dass die Kommission die neue Kompetenz nutzen wird, um Deutschland in mehrere Stromgebotszonen mit unterschiedlichen Strompreisen aufzuteilen. Dies würde zu deutlich höheren Strompreisen in Bayern führen. Vor allem aber droht hierdurch erheblicher zusätzlicher Redispatch- und Netzausbaubedarf. Dies muss verhindert werden.

Grundsätzlich ist die Ausweitung der grenzüberschreitenden Stromleitungen im Sinne des europäischen Strombinnenmarktes sinnvoll. Die Voraussetzungen dafür sind jedoch weder netzseitig noch handelsseitig bis 2025 gegeben. Die daraus entstehenden Mehrkosten zur Netzstabilisierung sind momentan weit höher als mögliche Preissenkungen durch die Vergrößerung des Angebots. Daher muss das Zieljahr der Öffnung von 2025 deutlich nach hinten verschoben werden.

Forderungen:

  • Übertragungsnetze zügig ausbauen
  • Akzeptanz für den Energieleitungsausbau erhöhen
  • Rahmenbedingungen für das Verteilnetz verbessern
  • Stromgebotszonen weiter vergrößern, Liberalisierung vollenden
  • Deutsche Strompreiszone erhalten