8. Bayerischer CSR-Tag

Prof. Edinger-Schons: "Die Unternehmen müssen reagieren"

Prof. Dr. Laura Marie Edinger-Schons war Teilnehmerin der Expertenrunde des 8. Bayerischen CSR-Tages. Im telefonischen Interview mit IHK-Redakteur Martin Armbruster wird schnell klar, weshalb Edinger-Schons so viele Auszeichnungen gewonnen hat: Sie ist mit ihrer Forschung nahe dran an der Lebenswirklichkeit der Unternehmen.

Zudem räumt die Wissenschaftlerin Klischees gleich reihenweise ab. Und Edinger-Schons warnt klar vor dem Irrtum, Corona bedeute eine Nachhaltigkeitspause. Ihrer Ansicht nach könnte die Krise den grünen Umbruch noch beschleunigen.

Prof. Edinger-Schons über den ‎grünen Wandel der Wirtschaft und ‎neue Chancen des Mittelstands

Wenn Sie sich die Welt heute anschauen – befällt Sie an manchen Tagen das Gefühl der Resignation?

Für mich ist genau das der Treiber. Mir geht es da wie unserem Bundesminister Gerd Müller. Manche Dinge muss man selbst sehen, um sie zu glauben. Lieferketten - das klingt abstrakt, wenn man in Deutschland sitzt und Mode oder Kosmetik kauft. Das ändert sich radikal, wenn man sieht, unter welchen Bedingungen viele Menschen arbeiten und leben müssen, um diese Produkte herzustellen.

Hatten Sie ein Schlüssel-Erlebnis?

Vor fast 15 Jahren stand ich am Rand einer Schwefel-Mine in Ost-Java. Das war ein schockierender Moment. Als Tourist hält man das nur ein paar Minuten aus. Dann wird einem schwindlig von den Schwefeldämpfen. Ich habe dort viele Arbeiter gesehen, die dreimal täglich in diesen Vulkan reinklettern, um Schwefel abzubauen. Die Arbeiter leben im Schnitt nur ca. 35 Jahre. Viele große Konzerne kaufen dort ihre Rohstoffe, setzen sich aber nicht für den Schutz der Arbeiter ein. Spätestens da fragt man sich, was schiefläuft in unseren globalen Lieferketten.

Der Impuls für eine sehr erfolgreiche akademische Karriere.

Ich habe 2011 noch zu einem anderen Thema promoviert. Danach wollte ich zur Nachhaltigkeit in Unternehmen forschen – und das auf Basis von Daten. Ich hatte zu dem Zeitpunkt viel über Datenanalyse und Wirtschaftswissenschaften gelernt. Das wollte ich nutzen, um eine positive Wirkung zu haben.

Damals war das Pionierarbeit. Wie hat Ihr Umfeld reagiert?

Viele haben mich belächelt und gesagt: Vergiss` es, das ist ein Mädchen-Thema. Damit kriegst Du nie einen Job. Ich habe mich damals in die USA orientiert und habe mit CO-Autoren zusammengearbeitet, die genau das taten, was ich wollte - mit Daten empirisch zum Thema Nachhaltigkeit zu forschen. Heute ist das in der Management-Forschung ein Thema von zentraler Relevanz.

Der CSR-Tag hatte so viele Anmeldungen wie nie. Ein Beleg für die Kraft des CSR-Trends?

Es ist mehr als ein Trend. Die Diskussion hat sehr deutlich gezeigt, unter welchem Druck die Unternehmen stehen. Da reden wir nicht über Fridays-for-Future. Es geht um Regulierung, die ansteht, z.B. in Bezug auf das Lieferkettengesetz und neue Berichtspflichten. Das hat für die Unternehmen und ihre Geschäftsmodelle sehr reale Folgen.

Welche neuen Erkenntnisse hat Ihnen die Diskussion gebracht?

Unser Lehrstuhl ist sehr gut mit der Unternehmenspraxis vernetzt. Daher fand ich es erfrischend, dass sich viele Unternehmer mit kritischen Beiträgen an der Debatte beteiligt haben. Sie haben Minister Müller klar gesagt, welche Ängste, Befürchtungen und Hoffnungen das Lieferkettengesetz in der Wirtschaft auslöst.

Das Gesetz ist sehr umstritten. Wird es überhaupt kommen?

Ja, das denke ich schon. Andere Länder haben bereits ähnliche Gesetze erlassen. Es geht eher um das Wann und das Wie, was wichtige Konsequenzen für die Unternehmen haben kann.

Kritiker warnen vor möglichen Wettbewerbsnachteilen.

Deshalb wollen viele Unternehmen eine einheitliche Regelung in der EU. BASF-Vorstandsmitglied Saori Dubourg hat kürzlich bei einer Veranstaltung vorgerechnet, warum. BASF hat 70.000 Lieferanten. Wenn zehn Nachhaltigkeitskriterien geprüft werden müssen, sind das schon 70.000 Datenpunkte, die generiert, verwaltet und geprüft werden müssen. Wenn nun jedes Land unterschiedliche Kriterien fordert, wird der Aufwand für international agierende Unternehmen absurd hoch. Dann gehen die Kosten der Berichterstattung durch die Decke.

Auch EU-Mitglieder wehren sich gegen ein Lieferkettengesetz.

Wir stehen da vor Grundsatzfragen: Wollen wir schnell ein nationale Regelung haben? Oder warten wir lange, bis wir auf EU-Ebene ein Gesetz haben? Und ist in der EU überhaupt eine Einigung möglich?

Haben wir Verbraucher die Chance, diesen Prozess zu beschleunigen?

Es stimmt, der öffentliche Druck ist gestiegen. Aber man kann Verantwortung für Lieferketten nicht völlig auf die Konsumenten abwälzen. Dafür sind die Ansprüche der Verbraucher zu unterschiedlich. Es gibt Kunden, die Wert auf Nachhaltigkeit legen. Es gibt Haushalte, die sich nachhaltigen Konsum nicht leisten können. Es gibt Menschen, denen die Themen nicht so wichtig sind.

Wer sind denn die entscheidenden Treiber?

Es kommt viel Druck aus der Finanzwelt. Das EU-Vorhaben Sustainable Finance wird jetzt konkret umgesetzt. Der Druck kommt aber auch von einigen Unternehmen selbst. Im Moment haben wir eine Regulierungslandschaft, die nachhaltig agierende Firmen klar benachteiligt. Dass das so nicht bleiben kann, ist jedem klar.

Führt das nicht zu schweren Konflikten in der Wirtschaft?

Viele Unternehmen haben in den vergangenen Jahren großen Wert auf Nachhaltigkeitsberichterstattung gelegt. Die wollen jetzt Transparenz und sprechen sich tendenziell eher für diese Gesetzgebung aus. Auf der anderen Seite haben wir Unternehmen, die hinterherhinken und jetzt zu Recht Panik haben. Die stehen vor einem riesigen Transformationsaufwand.

Ist dieser Aufwand für Mittelständler überhaupt machbar?

Vaude (Outdoor-Ausrüster, die Red.) hat gezeigt, wie gut das geht. Antje von Dewitz, Erbin des Familienunternehmens, hat vor zehn Jahren begonnen, einen ganz strammen Nachhaltigkeitskurs zu fahren. Vaude berichtet nach mehreren Berichtsstandards, einschließlich der Gemeinwohlökonomie. Die haben ihr mittelständisches Unternehmen komplett durchleuchtet und haben dadurch viel über sich und Nachhaltigkeit gelernt. Und Vaude ist ein ganz starker Verfechter des Lieferkettengesetzes, um ein „level playing field“ – also ein gleiches Spielfeld für alle – zu schaffen.

Bei Outdoor-Jacken geht das auch leichter als in der Industrie.

In der Realität verschwinden diese Klischees. Es sind nicht mehr die üblichen Verdächtigen, die nachhaltig agieren. In der Rhein-Neckar-Region ist die Chemiebranche stark. Dort haben wir z.B. Fuchs Petrolub. Das ist ein Schmierstoffhersteller, der 2016 den deutschen Nachhaltigkeitspreis gewonnen hat. Oder die BASF, die sich sehr proaktiv für Nachhaltigkeitsthemen wie die Kreislaufwirtschaft einsetzt und gerade den CSR-Preis der Bundesregierung gewonnen hat.

Bedeutet Corona das Ende der Nachhaltigkeitsziele?

Ich habe mir kürzlich noch dazu die neuesten Berichte angeschaut. Die Umsetzung der UN-Nachhaltigkeitsziele lief schon vor Corona nicht gut. Zumindest bei einigen Indikatoren wie Mütter- und Kindersterblichkeit hatten wir aber Fortschritte erreicht. Die Zahlen verschlechtern sich aktuell wieder, weil wegen der Lockdowns z.B. der Zugang zu grundlegenden Gütern wie medizinischen Services nicht mehr ermöglicht werden konnte.

Was bedeutet das?

Afrika ist zwar, wenn man den aktuellen Berichten folgt, besser durch die Krise gekommen als erwartet. Aber die Nachhaltigkeitsprobleme, die wir sowieso schon hatten, werden sich durch die Folgen der Krise deutlich verschärfen.

Was halten Sie von dem Einwand, man dürfe in der Krise Unternehmen nicht mit Nachhaltigkeit belasten?

Die Coronakrise als Entschuldigung für Nichtstun zu missbrauchen, das funktioniert einfach nicht. Alle globalen Probleme verschärfen sich derzeit. Corona war nur der Anfang. Neue Krisen werden kommen. Wenn wir schlau sind, lernen wir jetzt, wie wir unsere Gesellschaften nachhaltiger und resilienter machen können.

Was müssen wir aus Skandalen wie Tönnies und Wirecard lernen?

Ich habe das in anderen Interviews als “Corporate Social Irresponsibility Made in Germany” bezeichnet. Was den Image-Schaden angeht, hat schon Volkwagen ganze Arbeit geleistet. Tönnies und Wirecard zerstören noch mehr von dem positiven „made in Germany“ Image, welches sich unsere Wirtschaft in Jahrzehnten hart erarbeitet hat. Wir galten als pünktlich, ehrlich, verlässlich und wertebasiert.

Wie erklären Sie sich diese Skandal-Serie?

Die Ansprüche an Unternehmensverantwortung sind enorm gestiegen. Konsumenten, Investoren, Mitarbeiter – alle wollen mehr Transparenz. Zu dieser höheren Sensibilität kommt jetzt Corona hinzu. Die Pandemie wirft ein Scheinwerferlicht auf Branchen, in denen große Problem da sind.

Sie meinen die Fleischindustrie.

Die Fleischindustrie ist in den vergangenen Jahren explodiert, da wurden unglaubliche Gewinne gemacht. Die Missstände sind seit Jahren bekannt, die Medien haben die Arbeitsbedingungen unter dem Hashtag #schweineleaks bestens dokumentiert: Da herrschen Arbeitsbedingungen, die man in vielen Fällen als moderne Sklaverei bezeichnen kann. In der Pandemie waren die Schlachtbetriebe dadurch die perfekten Infektionsherde.

Ischgl wirbt mit klimaneutralem Skifahren, OMV-Tankstellen sind jetzt nachhaltig – gibt es für Greenwashing keine Grenzen mehr?

Das Problem ist die Wissensasymmetrie und Intransparenz. Es gibt sehr gute Initiativen von Unternehmen, z.B. die Value Balancing Alliance, die überlegen, wie man nachhaltiges Wirtschaften messbar und vergleichbar machen kann. So lange wir diese Standards nicht haben, gibt es noch einen Mogelspielraum, der sich nutzen lässt, um Kunden zu verblenden.

Kunden verblenden – wie gut funktioniert das noch?

Unsere Studien zeigen, dass 75 Prozent der Bundesbürger Nachhaltigkeitsversprechen von Unternehmen kritisch gegenüberstehen. Unternehmen sollten daher mit ihrer Nachhaltigkeitskommunikation sehr vorsichtig sein. Krombacher hat ja z.B. versucht, schnell auf den Zug aufzuspringen. Pro Kasten Bier eine Spende für den Schutz des Regenwaldes. Dafür gab es viel Spott wie den Slogan „Saufen für den Regenwald“.

Aber die Idee war doch gut. Schutz des Regenwaldes – geht uns alle an.

Interessant an dem Fall ist: Wer Nachhaltigkeit verspricht, setzt sich selbst unter Handlungsdruck. Die Kampagne hat Nachfragen provoziert, mit denen Krombacher nicht gerechnet hatte. Die Kunden wollten plötzlich wissen, was tut Ihr denn selbst in Eurem Betrieb? Es gab keine Verbindung zum eigenen Geschäftsmodell. Erst danach hat Krombacher ernsthaft angefangen, sich nachhaltiger aufzustellen.

Wie können Unternehmen Nachhaltigkeit glaubwürdig vertreten?

Als ersten Schritt sollten sie eine Bestandsaufnahme machen, klären, wo sie wirklich stehen. Welche Themen sind für sie am relevantesten? Wo haben sie den negativsten Einfluss auf Umwelt und Gesellschaft, wo haben sie die Chance, eine positive Wirkung zu haben?

Klingt einfach.

Aber die Umsetzung ist entscheidend. An unserem Lehrstuhl predigen wir immer, bei diesem Prozess alle relevanten Anspruchsgruppen einzubeziehen. Man muss in den Dialog kommen: Was erwartet Ihr von uns? Diesen Prozess begleiten wir mit unserem Lehrstuhl manchmal auch wissenschaftlich, um dabei Forschungsdaten zu generieren.

Green-Deal, Klimaschutz, Sustainable Finance – werden diese Initiativen Bestand haben?

Ja, die Themen sind gesetzt. Die nächsten kommenden Regulierungen wie die Taxonomie-Verordnung (Kriterien, die definieren, was nachhaltige Wirtschaftstätigkeiten sind, die Red.) laufen bereits an. Die Unternehmen müssen reagieren.

Was schlagen Sie vor?

Unternehmen sollten neue Wege gehen und innovative Formate und Partnerschaften nutzen. Wissenschaftler helfen Unternehmen heute erstmals dabei, ihre Nachhaltigkeitsziele in Gradzahlen für das Weltklima umzurechnen. Right.based on science hat das z.B. gerade in einem Gastvortrag bei uns für das Beispiel VW gemacht. Die konzerneigenen Klimaziele würden hochgerechnet auf 2050 eine Klimaerwärmung von 3,8 Grad bedeuten. Ein katastrophales Ergebnis.

Klingt sehr komplex.

Niemand löst diese Probleme im Alleingang. Jetzt sind alle gefragt, effektiv zusammen zu arbeiten: Wissenschaft, Politik und Unternehmen. Wir brauchen neue Formen der Kooperation. Wir müssen neue Plattformen schaffen, auf denen sich die relevanten Akteure vernetzen können.

Kommen da kleinere Unternehmen überhaupt zum Zug?

Ja, absolut, aber sie müssen sich jetzt öffnen. Der Handlungsdruck wird sich drastisch erhöhen. Wer nichts für Nachhaltigkeit tut, wird es bald sehr schwer haben auf dem Markt. Viele Mittelständler und insbesondere Familienunternehmen arbeiten schon traditionell wertebasiert. Das ist doch ihre große Chance.

Aber man liest immer noch: Nachhaltigkeit nutzt nur Konzernen.

Das ist meiner Ansicht nach grundfalsch. Familienunternehmen wie Peri haben das längst bewiesen. Peri macht Verschalungen und Gerüste für die Baubranche. In einem gemeinsamen Forschungsprojekt haben wir die Mitarbeiter gefragt: Wie kann PERI nachhaltiger werden? Das Ergebnis war eine lange Liste von sehr konkreten Ideen, die das Unternehmen jetzt nutzen kann.

Ginge es der Welt besser, wenn wir mehr weibliche Chefs hätten?

Schwierige Frage (lacht). Was auffällt ist schon, dass viele Frauen das Thema vorantreiben. Aber zu sagen „Frauen machen das besser“, das halte ich für schwierig. Das Problem liegt vielleicht eher in Eigenschaften, die häufig Männern zugeschrieben werden, wie ein autoritärer Führungsstil, hierarchisches Denken und so weiter. Insofern haben Sie Recht. Gerade in der Industrie herrscht bislang oft ein eher „männliches“ Management. Hier könnte eine Erneuerung nicht schaden.

Was ist denn künftig gefragt?

Unsere Wirtschaft muss agiler werden, den Fokus auf Dialog und Netzwerke richten. Unternehmer müssen lernen, zuzuhören und Empathie für ihre Anspruchsgruppen zu entwickeln. Dazu gehört auch, Macht abzugeben und sich von alten Management-Methoden zu verabschieden.

Wann bekommen wir die App auf unser Smartphone, die uns sagt, welche Firmen wirklich grün sind?

Da gibt es schon einige tolle Apps, die etwa helfen, die Verschwendung von Lebensmitteln zu vermeiden. Es gibt Kleidertausch-Apps. Was noch fehlt, sind einheitliche Messkriterien, um die Nachhaltigkeit von kompletten Unternehmen zu vergleichen und transparent machen.

Wann kommen die?

Das wird jetzt sehr schnell gehen. Momentan arbeiten viele Akteure daran, diese Kriterien-Kataloge zu entwickeln. Wir werden in ein, zwei Jahren schon viel mehr Transparenz haben. Ich habe das schon auf dem CSR-Tag gesagt: Ich hoffe, dass ich von der Tagesschau schon bald nicht mehr nur Börsen-News und Lottozahlen bekomme, sondern auch über die aktuellen Nachhaltigkeitskennzahlen unserer Dax-Unternehmen informiert werde.

Zur Person:
Prof. Dr. Laura Marie Edinger-Schons ist Leiterin des Lehrstuhls für nachhaltiges Wirtschaften an der Universität Mannheim. Edinger-Schons erhielt für ihre Arbeit u.a. den Lehrpreis der Fachschaft BWL der Universität Mannheim, den Max Weber Preis für Wirtschaftsethik und den Roman Herzog Forschungspreis für soziale Marktwirtschaft. 2019 wurde sie unter die Top 40 under 40 (Capital) gewählt.