Brexit

"Wir wollen eine erfolgreiche EU"

Der britische Botschafter Sir Sebastian Wood über rote Linien, Planungssicherheit und die Erfolgsgeschichte der bayerisch-britischen Wirtschaftsbeziehungen. MECHTHILDE GRUBER

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Sir Sebastian Wood, britischer Botschafter in Deutschland

Es wird ernst. Nach dem Brexit-Votum Großbritanniens und der Zustimmung des britischen Parlaments wird noch bis Ende März der offizielle Austrittsantrag der Briten aus der Europäischen Union erwartet. In zweijährigen Verhandlungen soll dann der neue Beziehungsstatus mit der Insel ausgehandelt werden. Für Bayern geht es um viel, denn die Wirtschaftsbeziehungen sind hervorragend: Großbritannien ist nach den USA der wichtigste Exportmarkt. Die Verflechtungen besonders im Fahrzeug- und Maschinenbau sowie in der Elektrotechnik sind eng. Bayerns Wirtschaft will deshalb den bestmöglichen Zugang Großbritanniens zum europäischen Binnenmarkt.

Sir Wood, Premierministerin Theresa May hat klargemacht, dass Großbritannien eine Zukunft außerhalb des EU-Binnenmarkts plant. Sie setzt aber auf offene Märkte und will an einer neuen Beziehung zur EU arbeiten. Wie kann es zu einer für beide Seiten tragbaren Lösung kommen?

Die wichtigste Voraussetzung ist, dass beide Seiten die Verhandlungen als – zwar schwierige – Zusammenarbeit sehen und nicht als Auseinandersetzung oder Nullsummenspiel. Beide Seiten haben politische rote Linien: Für die britische Regierung ist es notwendig, dass wir in Zukunft mehr Kontrolle über Zuwanderung und Rechtsprechung haben; für unsere Partner zählt, dass der Binnenmarkt und die 27er-EU durch den Brexit nicht unterminiert werden.

Was wollen Sie in den Verhandlungen erreichen?

Unser Ziel ist es, das engstmögliche Freihandelsabkommen mit der EU auszuhandeln, ohne die roten Linien beider Seiten zu überschreiten. Wenn wir die Verhandlungen konstruktiv angehen, ist eine ausgeglichene Lösung, die die Sorgen der britischen Bürger berücksichtigt, aber auch den Zusammenhalt und Wohlstand der EU sicherstellt, möglich. Es ist wichtig zu betonen, dass eine erfolgreiche EU auch weiterhin im Interesse Großbritanniens ist.

May hält in einem Freihandelsabkommen bei einigen Exportgütern wie etwa Autos binnenmarktähnliche Regelungen für denkbar. Die Autoindustrie, die allein für 57 Prozent aller bayerischen Exporte nach Großbritannien verantwortlich ist, würde dies natürlich begrüßen. Könnte es entsprechende Regelungen auch für andere Bereiche geben?

Ganz allgemein gesagt, wünschen wir uns für die Zukunft den jeweils größtmöglichen gegenseitigen Zugang zu unseren Märkten, für Güter genauso wie für Dienstleistungen. Nach mehr als 40-jähriger Mitgliedschaft in der EU sind unsere Wirtschaftssysteme eng miteinander verbunden. Wir haben die gleichen Regelungen und erkennen die gleichen Standards an. Das gibt uns einen sehr guten Ansatzpunkt für Verhandlungen und sollte es vereinfachen, ein ehrgeiziges Handelsabkommen auszuhandeln. Mit gutem Willen auf beiden Seiten sollte es möglich sein, eine ambitionierte, strategische Partnerschaft zu entwickeln, die Unternehmen aus Automobilindustrie, Maschinenbau, Elektrotechnik und vielen anderen Wirtschaftsbereichen gute Bedingungen für zukünftigen Handel und Markttätigkeit bietet.

Unternehmen in Bayern fürchten die politische Unsicherheit und halten sich deshalb bei Investitionsentscheidungen in Großbritannien zurück. Was tut die britische Regierung, um Risiken für die Firmen zu minimieren?

Der Regierung ist natürlich bewusst, dass Planungssicherheit für Unternehmen entscheidend ist. Wir haben deshalb bereits angekündigt, wichtige EU-Gelder etwa in Forschung und Entwicklung nahtlos zu ersetzen, und hoffen, den gesamten Austrittsprozess so transparent wie möglich gestalten zu können. Es ist auch wichtig zu beachten, dass die Premierministerin bestätigt hat, dass wir das gesamte EU-Recht in britisches Recht überführen werden. Am Tag nach dem Brexit gelten in Großbritannien also die gleichen Regeln und Gesetze wie davor. Das verschafft allen Akteuren erst einmal Planungssicherheit.

Sind die Reise- und Arbeitsmöglichkeiten für die Mitarbeiter bayerischer Unternehmen in Gefahr?

Wir bleiben natürlich ein offenes Land für Fachkräfte und internationale Talente. Die Regierung wird dafür arbeiten, dass Großbritannien in jeder Hinsicht ein attraktiver Wirtschaftsstandort bleibt. Erst letzte Woche hat die Premierministerin ein Konzeptpapier für die Industrial Strategy der nächsten zehn bis 20 Jahre vorgestellt. Dort ist zum Beispiel festgehalten, dass wir 4,7 Milliarden Pfund zusätzlich in Forschung und Entwicklung investieren und wichtige Infrastrukturprojekte im ganzen Land unterstützen.

Experten bezweifeln, dass die Frist von zwei Jahren ausreicht, um die vielen Details für ein künftiges Abkommen zu klären. Wie realistisch ist eine Übergangsphase, in der die alten Regeln weitergelten?

Die Premierministerin betont, dass wir das Ziel haben sollten, uns innerhalb der zweijährigen Frist auf ein Abkommen über unsere zukünftige Partnerschaft zu verständigen. Das Mindeste ist, dass wir bis dahin eine klare gemeinsame Vorstellung haben, wie unser zukünftiges Verhältnis aussehen wird. Danach wäre ein stufenweiser Prozess, während dem sich Großbritannien, die EU-Institutionen und -Mitgliedsstaaten auf die neuen Vereinbarungen vorbereiten, die beste Lösung. Dies wird der Wirtschaft genug Zeit geben, zu planen und sich darauf einzustellen. Wir müssen uns gemeinsam auf einen geordneten Prozess verständigen. Ein chaotischer, ungeordneter Brexit nützt niemandem.

Sie sind dafür bekannt, dass Sie Ihre Kontakte zu deutschen Unternehmen besonders pflegen. Was ist Ihr Eindruck: Gibt es große Meinungsverschiedenheiten zwischen der deutschen Wirtschaft und der englischen Politik? Wird die Distanz größer?

Diesen Eindruck habe ich überhaupt nicht. Die britischen Wähler waren zunehmend besorgt darüber, dass wir die Zuwanderung nicht kontrollieren konnten, und sie wollten nicht, dass unsere Gerichte und unser Parlament in eine politische Union hineingezogen werden. Deshalb hat eine Mehrheit für den Austritt gestimmt. Aber das heißt nicht, dass unsere Politiker und Wähler nicht die engstmöglichen Beziehungen mit der EU wollen, nachdem wir sie verlassen haben. Im Gegenteil, britische Politiker und deutsche Wirtschaftsvertreter haben das gleiche Ziel: auch in Zukunft freien, grenzüberschreitenden Handel mit möglichst wenigen Barrieren sicherzustellen. Darüber hinaus wollen wir auch in der Außen- und Sicherheitspolitik sowie in Wissenschaft, Bildung und Kultur auch in Zukunft die engstmögliche Partnerschaft mit Europa. Ich bin mir sicher, dass deutsche Unternehmen das genauso sehen.

Haben Sie ein Erfolgsrezept für die Zukunft bayerisch-britischer Wirtschaftsbeziehungen?

Ein großer Erfolg sind die Beziehungen ja ganz ohne Frage – der bilaterale Handel beläuft sich auf mehr als 21 Milliarden Euro. Die IHK weiß jedoch besser als ich, dass die engen Beziehungen vor allem von den Unternehmen selbst vorangetrieben und gefestigt werden. Aus meiner Sicht ist das beste Erfolgsrezept deshalb, die Beziehungen zwischen Unternehmern aus Bayern und Großbritannien weiter gedeihen zu lassen und dafür zu sorgen, dass sie so wenig wie möglich vom Brexit gestört werden. Um das zu erreichen, müssen Politiker und Diplomaten Vorstellungskraft, Entschlossenheit und politischen Willen zeigen.

Was wird Brexit letztendlich bedeuten?

Brexit heißt, dass sich der institutionelle Rahmen unserer Beziehungen komplett verändern wird. Den Inhalt dieser Beziehungen müssen wir aber bewahren. Die Entflechtung und Wiederzusammenführung unserer über 40 Jahre aufgebauten Verbindungen werden nicht einfach. Aber wir müssen und werden es schaffen – damit die Erfolgsgeschichte der bayerisch-britischen Wirtschaftsbeziehungen weitergeht. Ich komme wieder auf meine erste Antwort zurück: Wir sollten unsere Beziehungen und die bevorstehenden Verhandlungen als Zusammenarbeit, nicht als Auseinandersetzung sehen.