Wettbewerbsrecht

Abmahnung - was tun?

Picture of woman's hands holding envelopes next to the mailboxes at the doorstep
© Sergey Novikov / fotolia

Ihnen ist eine wettbewerbsrechtliche Abmahnung ins Haus geflattert? Sie sollen eine Unterlassungserklärung abgeben? Hier finden Sie Praxistipps, wie man am besten reagieren kann, eine Checkliste zur Prüfung einer Abmahnung, Hinweise zum Umgang mit missbräuchlichen Abmahnungen und welche Möglichkeiten Sie haben, um ein Gerichtsverfahren zu vermeiden.

Wie verhält man sich am besten bei einer Abmahnung?

Wer in unzulässiger Weise wirbt (z.B. irreführend wirbt oder Informationspflichten nicht einhält) oder fremde Schutzrechte verletzt (z.B. Markenrechte, Urheberrechte, Patentrechte), muss damit rechnen, kostenpflichtig abgemahnt zu werden. Die Abmahnung ist grundsätzlich ein sinnvolles Instrument zur Selbstregulierung der Wirtschaft. Unternehmen sollen marken-, urheber- und wettbewerbsrechtliche Verstöße abstellen können, ohne gleich gerichtlich klagen zu müssen.

Leider wird dieses Instrument aber auch immer wieder missbraucht (näher dazu unten Absatz "Wie verhält man sich bei Abmahnmissbrauch?").
Deshalb gilt: Niemals übereilt eine Unterlassungserklärung abgeben oder etwas bezahlen! Sondern:

  • Wer eine Abmahnung bekommt, sollte diese immer erst "auf Herz und Nieren" prüfen (näher dazu unten "Checkliste zur Prüfung einer Abmahnung").
  • Nach der Prüfung kann man entscheiden, wie man auf die Abmahnung am besten reagiert (näher dazu siehe unten "Wie kann man auf eine Abmahnung reagieren?")

Wie sieht eine Abmahnung (im Wettbewerbsrecht oder bei Schutzrechtsverletzungen) überhaupt aus?

In einem Brief wird dem abgemahnten Unternehmen mitgeteilt, dass er durch ein bestimmtes (Werbe-) Verhalten gegen das Wettbewerbsrecht verstößt oder Schutzrechte eines anderen Unternehmens verletzt. Es wird dazu aufgefordert, die angegriffene Maßnahme künftig zu unterlassen, fristgemäß eine strafbewehrte Unterlassungserklärung schriftlich abzugeben und die Abmahnkosten zu bezahlen (bei Schutzrechtsverletzungen folgt in der Regel auch noch eine Schadenersatzforderung). Als Anlage sind in der Regel eine vorformulierte Unterlassungserklärung und eine Gebührenrechnung beigefügt. Die Abmahnung kommt meist in einem anwaltlichen Schreiben, bei Wettbewerbsverstößen kann das Schreiben auch von einem Verband oder Verein (Wettbewerbs- oder Verbraucherschutzverein) kommen.

Weitere allgemeine Hinweise zum Umgang mit Abmahnungen finden Sie in unserem Merkblatt.

Wie kann man auf eine Abmahnung reagieren?

WICHTIG: Wenn Sie eine Abmahnung im Emailpostfach oder im Briefkasten finden, sollten Sie immer sofort handeln! – Und zwar auch dann, wenn Sie die Abmahnung für unseriös oder unberechtigt halten (z.B. weil man den Rechtsverstoß gar nicht begangen hat). Andernfalls riskiert man ein unnötiges Gerichtsverfahren und hohe Kosten.

Prüfen Sie zunächst die Abmahnung anhand der "Checkliste" (siehe nächster Abschnitt) und überlegen Sie, welche der nachstehenden Möglichkeiten für Sie in Frage kommt.

=> Es gibt 4 Möglichkeiten, auf eine Abmahnung zu reagieren:

1. Unterlassungserklärung unterschreiben und zahlen (eher selten)
Das ist nur zu empfehlen, wenn man die Abmahnung genau geprüft hat (-> siehe unten „Checkliste zur Prüfung einer Abmahnung“) und zum Ergebnis kommt, dass

  • die Abmahnung inhaltlich zweifellos berechtigt ist,
  • keine Zweifel an der Seriösität des Abmahners bestehen und
  • die Unterlassungserklärung ausreichend konkret und mit angemessener Vertragsstrafe formuliert ist 2. Abmahnung zurückweisen

2. Abmahnung als unberechtigt zurückweisen (eher selten)
Diese Variante kommt nur in 3 Fällen in Frage:

  • Der Abmahner hat keine Abmahnbefugnis
  • Der Rechtsverstoß wurde von Ihnen nicht begangen oder in dem vorgeworfenen Verhalten liegt gar kein Rechtsverstoß.
  • Die Abmahnung erfolgt rechtsmissbräuchlich

Hinweis: Wenn Sie nicht eindeutige Nachweise für einen Zurückweisungsgrund haben, wird der Abmahner im Zweifel vor Gericht gehen. Will man in solchen Zweifelsfällen ein Gerichtsverfahren und das damit verbundene Kostenrisiko vermeiden, bietet sich die folgende Mölgichkeit 3 an.

3. Unterlassungserklärung "modifizieren", unterschreiben und zahlen (häufiger Fall)
Diese Variante bietet sich an, wenn Sie zwar vermuten, dass einer der oben unter 2. genannten Zurückweisungsgründe vorliegt, aber dies nicht eindeutig nachweisen können und wenn Sie gleichzeitig wegen des Kostenrisikos ein Gerichtsverfahren vermeiden wollen. In einem solchen Fall kann man entweder die Unterlassungserklärung "modifizieren" oder eventuell die "Einigungsstelle für Wettbewerbsstreitigkeiten anrufen (dazu Ziffer 4).
Beispiele für Zweifelsfälle:
- Es bestehen Zweifel an einem unmittelbaren Konkurrenzverhältnis oder der Verdacht, dass der konkurrierende Onlineshop nur zum Schein betrieben wird.
- Die Rechtslage in Bezug auf den streitigen Rechtsverstoß ist nicht eindeutig oder umstritten.
- Verdacht auf Rechtsmissbrauch anhand einiger Indizien (näher dazu unten).

In solchen Zweifelsfällen kann zur Vermeidung eines Gerichtsverfahrens zumindest die Unterlassungserklärung in „modifizierter“ Form abgeben und sich auf diese Weise für eventuelle spätere gerichtliche Klärung eine „Tür offenhalten“.
Tipp: In einem kurzen Begleitschreiben sollte man auf seine Zweifel hinweisen und damit die Modifizierungen begründen.
Ein Mustermit Erläuterungen für eine modifizierte Unterlassungserklärung finden Sie hier.

4. Einigungsstelle für Wettbewerbsstreitigkeiten anrufen (gute Alternative zu 3.)
Falls man sowohl ein Gerichtsverfahren als auch die Abgabe einer (modifizierten) Unterlassungserklärung scheut und dennoch eine Klärung sucht, bietet sich in manchen Fällen die "Einigungsstelle für Wettbewerbsstreitigkeiten" als eine Art außergerichtliche Schlichtungsstelle, die bei den IHKs geführt wird. Ziel ist die Diskussion der streitigen Fragen zur Abmahnung, das Ausräumen von Zweifeln und eine außergerichtliche Einigung. Weitere Informationen dazu finden Sie rechts oben im gesonderten Kasten sowie unter www.einigungsstelle.org.

Checkliste zur Prüfung einer Abmahnung

Als allererstes sollten Sie prüfen, bis zu welchem Datum Sie eine Unterlassungserklärung abgeben müssen. Denn bis dahin müssen Sie auf jeden Fall reagieren. Das Datum steht normalerweise im Abmahnschreiben.
Manchmal ist die Frist sehr (evtl. sogar unzulässig) kurz. Wenn Ihnen der Zeitraum für die Prüfung der Abmahnung und evtl. Korrekturen Ihres Werbeauftritts nicht ausreicht, sollten Sie mit dem Absender der Abmahnung telefonisch eine angemessene Fristverlängerung vereinbaren – und sich diese schriftlich bestätigen lassen.
Falls nötig, kann man auch eine Frist zur Abgabe der Unterlassungserklärung vereinbaren und eine gesonderte, längere Nachfrist für die notwendigen Korrekturen des Werbeauftritts.

ACHTUNG: Sobald die Unterlassungserklärung unterschrieben wurde, ist sie wirksam!! Ab diesem Zeitpunkt müssen die abgemahnten Rechtsverstöße korrigiert worden sein. Andernfalls wird sofort die Vertragsstrafe fällig.
=> Deshalb sollte man entweder innerhalb der Frist - oder einer vereinbarten Nachfrist - alle Werbeaussagen korrigieren und am besten von einem Rechtsanwalt überprüfen lassen. Bei Internetseiten kann man die Webseite auch ersteinmal inaktiv schalten und erst mit allen Korrekturen wieder aktivieren.

Wie verhält man sich bei Abmahnmissbrauch?

Die Abmahnung ist grundsätzlich ein sinnvolles Instrument, wettbewerbs-, urheber- oder markenrechtliche Streitigkeiten schnell, kostengünstig und effizient zu regeln.
Wie aber jeder weiß: Eine Idee kann noch so gut gemeint sein – das schützt sie nicht davor, missbraucht zu werden. Deshalb schreibt § 8 Abs. 4 UWG fest, dass "rechtsmissbräuchliche" Abmahnungen unzulässig sind.

Welche Indizien gibt es, dass es sich bei einer Abmahnung um "Abmahnmissbrauch" handelt?

  • Der Abmahnende hat keine wesentliche eigene Geschäftstätigkeit.
  • Der Abmahnende verschickt in rauen Massen Abmahnungen für Bagatellverstöße.
  • Der Abmahnende verbindet die Unterlassungserklärung mit der Erklärung des Abgemahnten, dass er alle Kosten übernehme, und setzt für die Abgabe der Unterlassungserklärung und die Bezahlung der Abmahnkosten dieselbe Frist und lehnt bereits in der Abmahnung eine Fristverlängerung ab.
  • Der Abmahnende schiebt dem Abgemahnten in der Unterwerfungserklärung eine Gerichtsstandsklausel zu dessen Lasten unter.
  • Das verlangte Vertragsspracheversprechen ist unangemessen hoch oder niedrig.
  • Das vorformulierte Vertragsspracheversprechen sieht eine verschuldensunabhängige Haftung des Abgemahnten vor.
  • Die Unterlassungsverpflichtungserklärung ist zu allgemein gehalten.

Achtung: All diese Punkte sind jeweils nur Indizien, Hinweise, Anhaltspunkte dafür, dass ein Abmahnmissbrauch vorliegen könnte! Wer eine Abmahnung erhält, muss in jedem Fall ganz genau prüfen, ob im konkreten Fall tatsächlich ein Missbrauch vorliegt. Im Streitfall muss nämlich der Abgemahnte beweisen, dass es sich tatsächlich um eine rechtsmissbräuchliche Abmahnung handelt. Deshalb sollte im Zweifel ein Rechtsanwalt hinzugezogen werden. Denn auch wenn einer oder mehrere Anhaltspunkte für eine missbräuchliche Abmahnung sprechen, kann die Abmahnung doch berechtigt sein.
Beispiel: Es sind Urteile bekannt, die einen Abmahnmissbrauch ablehnten, obwohl sehr viele Abmahnungen mit ähnlichem Inhalt ausgesprochen wurden. - Was war passiert? Der Abmahnende war einfach Inhaber sehr vieler Bildrechte, die im Internet massenhaft verletzt wurden.

Elektronische Schutzschriften: Wehren Sie sich gegen Abmahnungen!

Seit 01.01.2016 gibt es ein zentrales, länderübergreifendes elektronisches Register für Schutzschriften. Sobald eine Schutzschrift in dieses Register eingestellt ist, gilt sie als bei allen ordentlichen Gerichten und allen Arbeitsgerichten eingereicht.‎ Sie hilft Unternehmern, sich gegen Abmahnungen zur Wehr zu setzen.

  • Was ist eine Schutzschrift?
    Für den Fall, dass bei einer Abmahnung durch den Abgemahnten keine Unterlassungserklärung abgegeben wird, kann der Abmahner vor Gericht ein Eilverfahren beantragen, mittels Beantragung einer sog. einstweiligen Verfügung (eV). Die eV ist ein Beschluss und wird in der Regel ohne Anhörung des Abgemahnten erlassen. Sie ist mit Zustellung sofort wirksam und kann weitreichende Folgen haben.
    Um zu verhindern, dass eine solche eV erlassen wird, kann der Abgemahnte vorsorglich bei Gericht eine Schutzschrift einzureichen. Darin bittet er darum, dem Antrag auf Erlass einer eV nicht zu entsprechen bzw. nicht ohne mündliche Verhandlung zu entscheiden. Eine Schutzschrift ist damit sozusagen eine „vorweggenommene Klageerwiderung“. Das Gericht, bei dem ein Antrag auf Erlass einer eV eingeht, muss ihm bekannte Schutzschriften berücksichtigen.
  • Was ist neu?
    Bisher konnte der Abgemahnte aufgrund des „fliegenden Gerichtstandes“ (Verstöße im Internet können bundesweit abgerufen werden, damit kann sich der Abmahner aussuchen, bei welchem deutschen Gericht er klagt) nicht immer sicher sein, bei welchem Gericht der Abmahner den Antrag auf Erlass der eV einreichen wird. Es war daher in der bisherigen Praxis üblich, die Schutzschrift bei mehreren Gerichten einzureichen (sehr aufwändig). Diese Mehrfacheinreichung entfällt ab sofort.
    Gemäß dem zum 01.01.2016 in Kraft getretenen § 945a ZPO führt die Landesjustizverwaltung Hessen für die Länder ein zentrales, länderübergreifendes elektronisches Register für Schutzschriften (Schutzschriftenregister).
    Sobald eine Schutzschrift in dieses zentrale elektronische Schutzschriftenregister (ZSSR) eingestellt ist, gilt sie als bei allen ordentlichen Gerichten der Länder (§ 945a Abs. 2 S. 1 ZPO) und allen Arbeitsgerichten der Länder (§§ 62 Abs. 2 S. 3, 85 Abs. 2 S. 3 ArbGG) eingereicht.