Interview

‎„Das klappt erstaunlich gut“‎

Bastian Bremen, Junior-Chef des Software-Schmiede Geovision, über Home-Office-Kultur und Kundenkontakte in Zeiten der Krise

geovision
V.l.: Bastian Bremen und sein Vater und Geovision-Chef Frank Bremen

Herr Bremen, wie sieht heute in der Coronakrise ein Arbeitstag von Ihnen aus?

Aktuell wieder ein bisschen ruhiger. Die letzten Wochen waren teils ein bisschen hektisch, täglich gab es neue Meldungen und wir mussten entsprechend reagieren. Doch inzwischen hat sich wieder eine gewisse Routine eingespielt. Wir befinden uns nun alle im Home-Office und versuchen so normal wie möglich zu arbeiten, nur halt eben digital.

Wie bekommen die Mittelständler die Umstellung hin?

Das ist schwer zu sagen. Uns ist es relativ leichtgefallen, aber wir haben leicht reden, wir programmieren und warten ja schließlich Software. (lacht). Da ist es für das Alltagsgeschäft fast egal, ob Sie in der Firma sind oder von Zuhause aus arbeiten. Für unsere Kunden, klassische Produktionsfirmen, ist das schon schwieriger. Eine CNC-Maschine kommt nun mal nicht komplett ohne Menschen aus.

Wie steht es in Ihrem Unternehmen mit der Liquidität? Haben Sie KfW-Kredite beantragt?

Nein, aktuell haben wir nichts beantragt. Auch wenn aktuell alle großen Aufträge zurückgestellt sind, so haben wir dank vieler kleiner Schulungen und der Softwarewartung eine vergleichsweise komfortable Situation. Zudem haben wir bereits 2019, als die Konjunktur anfing zu schwächeln, Sparmaßnahmen eingeleitet und Kosten reduziert. Das hilft uns jetzt.

Wie haben Sie organisatorisch auf die Krise reagiert?

Wir haben uns immer an den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts orientiert. Begonnen haben wir mit Papierhandtüchern und Anleitungen zum richtigen Händewaschen. Doch ehe wir uns versahen, befanden wir uns auch schon alle im Home-Office. (lacht).

Was machen Sie jetzt mit Ihren Azubis? Die Berufsschulen sind ja alle dicht.

Das schon, aber viele Lehrer sind dennoch sehr bemüht, den Unterricht online fortzuführen. Allerdings fehlt es hier aktuell noch an einer einheitlichen Vorgehensweise, so dass unsere Azubis zum Teil bis zu fünf unterschiedliche Konferenzprogramme installieren müssen.

Wegen Corona läuft die Wirtschaft fast nur noch digital. Bringt das eine Veränderung, die anhält?

Das will ich hoffen. Wer jetzt digitale Lösungen im Einsatz hat, erkennt gerade in dieser Krise ihren Wert. Kaum jemand wird in Zukunft dann darauf verzichten wollen.

Kämpfen Sie mit Problemen in der digitalen Infrastruktur?

Wenig, alles in allem läuft die erstaunlich gut. Selbst für die Mitarbeiter, die in kleineren Dörfern wohnen, reicht die vorhandene Breitband-Versorgung gut aus. Sie können sich ohne Probleme an unseren Videokonferenzen beteiligen und auf unsere Server zugreifen.

Ihre Kunden sind Mittelständler mit etwa 200 Mitarbeitern. Bekommen Sie mit, wie es denen derzeit wirtschaftlich geht?

Wir telefonieren aktuell sehr viel mit unseren Kunden – auch um den Kontakt zu halten und wo nötig, Unterstützung anzubieten. Hier bekommen wir sehr unterschiedliche Rückmeldungen. Medizintechniker kommen mit der Arbeit kaum hinterher, während auf es der anderen Seite Automobilzulieferer gibt, bei denen es ohne Kurzarbeit nicht mehr geht.

Fühlen Sie sich in der Krise gut regiert und informiert? Oder sehen Sie da Versäumnisse?

Nein, wir fühlen uns sehr gut aufgehoben in dem, was Bundes- und Staatsregierung gegen die Krise unternehmen. So konnten wir uns von Anfang an, an den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts orientieren. Später kamen dann die schnellen Entscheidungen für Kredit- und Zuschussprogramme. Das wirkt schon beruhigend.

Viele Unternehmen verkürzen die Arbeitszeit oder beantragen Kurzarbeit. Ist das für Sie ein Thema? …

Nein, aktuell nicht. Das Gesprächsaufkommen an unserer Hotline ist während der Krise gestiegen. Gerade in Verbindung mit Fragen zum Home-Office und der Ablaufoptimierung war der Beratungs- und Gesprächsbedarf unserer Kunden noch nie so hoch.

Welchen Tipp gegen Sie Ihren Kunden in diesen Tagen?

Schwierige Frage. Ich glaube, dass es wichtig ist, trotz des ganzen Stresses und der abgeschotteten Arbeitsweise, das Persönliche nicht aus den Augen zu verlieren. So greife ich intern zum Bespiel oftmals lieber auf einen Videoanruf zurück, als auf das Telefon. Denn ohne Mimik ist es oft schwer, die Gefühlslage des anderen einzuschätzen.

Versuchen Sie, dieses Persönliche auch an der Kundenhotline rüberzubringen?

Ja, zum Teil. Vielleicht nicht direkt an der Hotline, aber unsere Mitarbeiter sind dazu angehalten, bei Onlineschulungen zusätzlich eine Webcam zu verwenden.

Wie lange wird die Krise noch anhalten?

Das weiß glaube ich niemand. Ich auch nicht. Was ich aber glaube: Sie wird uns noch lange beschäftigen. Was ich hoffe: Dass sich die Lage ein bisschen entspannt und wir keinen Rückschlag erleben müssen.

Gibt es etwas, was Sie in der Krise gelernt haben?

Was mich überrascht hat: Wie gut das alles mit dem Home-Office klappt – und das selbst bei Abteilungen, von denen wir dachten, die könnten nur in der Firma richtig produktiv arbeiten. Ich denke, wir werden nach der Krise die Möglichkeit, hin und wieder im Home-Office zu arbeiten, allen Mitarbeitern anbieten. Allerdings freiwillig, denn das Home-Office hat auch seine Tücken. Wenn ich zum Beispiel den ganzen Tag daheim in meinem WG-Zimmer in München sitze, vermisse ich den Tapetenwechsel. Dann möchte ich auch mal gerne wieder ins Büro. (lacht).

Arbeitnehmer klagen, sie können im Home-Office schlechter abschalten, sie könnten Beruf und Privates schlechter trennen.

Das stimmt auch. Wir haben unseren Mitarbeitern daher empfohlen, nach der Arbeit beispielweise spazieren zu gehen – damit man diesen Trennstrich hat und nach einem anstrengenden Tag an der Hotline runterkommen kann.

Gibt es irgendetwas Positives an dieser Krise?

Man besinnt sich auf die wichtigen Dinge. Die Gesundheit hat wieder einen ganz anderen Stellenwert und man verbringt wieder mehr Zeit mit der Familie. Und sei es auch nur telefonisch. Ich glaube, ich habe noch nie so viel mit meinen Großeltern telefoniert, wie in den vergangenen Wochen. (lacht).

Die Fragen stellte Martin Armbruster

Zur Person: Geovision in Wagenhofen bei München ist Anbieter einer Betriebssoftware für den industriellen Mittelstand. Bastian Bremen ist nach seinem Studium in den Betrieb seines Vaters Frank Bremen eingestiegen. Bastian Bremen ist zuständig für die operative Geschäftsführung und Kundenbetreuung. Geovision steht für Hightech in der Fläche und gilt als Top-Ausbildungsbetrieb.