Die Motivstrukturen von Crowdfunding-Plattformen

Hedonismus, Altruismus oder Gewinnorientierung?

Das Competence Center Crowdsourcing der Universität St. Gallen führte eine statistische Analyse von Crowdfunding-Plattformen durch und konnte dabei drei Grundtypen von Crowdfunding-Plattformen identifizieren, die sich an den Motiven von Investoren orientieren. Heraus kristallisierten sich die drei Typen Hedonismus, Altruismus und Gewinnorientierung.

Ein Gastbeitrag von Ivo Blohm und Philipp Haas, Universität St. Gallen.

Das Konzept gemeinschaftlicher Finanzierung durch eine große Gruppe von Menschen ist nicht neu. Heute ermöglichen jedoch das Internet und insbesondere das Web 2.0 dem Gedanken einer gemeinschaftlichen Finanzierung eine unweit größere Reichweite und damit ein enormes Potenzial zur Realisierung von innovativen, kreativen und unkonventionellen Projekten.

Heute existieren weit über 800 Crowdfunding-Plattformen, die jeweils unterschiedliche Zielgruppen ansprechen, unterschiedliche Finanzierungsmodelle anbieten und häufig einen speziellen Fokus auf eine bestimmte Branche aufweisen. In der bisherigen Praxis erfolgt die Unterscheidung der verschiedenen Crowdfunding-Plattformen beinahe ausschließlich auf Basis der rechtlichen Beteiligungsformen, die potenziellen Investoren von Projektinitiatoren angeboten werden – reward-based Crowdfunding, Crowddonation, Crowdlending und Crowdinvesting. Diese Klassifizierung nach Beteiligungsformen verschwimmt in der Praxis jedoch zunehmend und vernachlässigt zudem eine Vielzahl prägender Plattformcharakteristika. Das Competence Center Crowdsourcing der Universität St. Gallen führte daher eine statistische Analyse von Crowdfunding-Plattformen durch und konnte dabei drei Grundtypen von Crowdfunding-Plattformen identifizieren, die sich an den Motiven von Investoren orientieren. Diese Betrachtung erlaubt eine genauere Beschreibung des Crowdfunding-Marktes und bietet eine Hilfestellung für Unternehmen und Projektinitiatoren bei der Auswahl geeigneter Crowdfunding-Plattformen, der Ausgestaltung des Projektes und der Ansprache der jeweiligen Crowd zu entwickeln.

Eine Motiv-basierte Klassifizierung von Crowdfunding-Plattformen

Im Rahmen der statistischen Clusteranalyse konnten drei Grundtypen von Crowdfunding-Plattformen identifiziert werden „Hedonismus“, „Altruismus“ und "Gewinnorientierung“.

Hedonismus-Plattformen

Der Cluster „Hedonismus“ beschreibt in erster Linie Plattformen, auf denen Projektinitiatoren sich ohne direkte finanzielle Gegenleistung an innovativen und kreativen Projekten beteiligen können. Bei den Projekten steht häufig die Finanzierung von so genannten „Gimmicks“ im Vordergrund. Dabei handelt es sich in der Regel um originelle Ideen oder technische Spielereien, die für eine traditionelle Vermarktung auf dem Massenmarkt häufig auf eine (noch) zu geringe Nachfrage treffen dürften. Für die Investoren stehen hier daher hedonistische Motive im Vordergrund, da die Unterstützung des Projektes in der Regel auf das eigene Vergnügen abzielt. Als Beispiel kann hier die Plattform Kickstarter aufgeführt werden, auf der Investoren Beteiligungsmöglichkeiten an kreativen Projekten aller Art anbieten können. Das bislang erfolgreichste Projekt solcher Plattformen ist die Smartwatch Pebble, für die beinahe 10 Mio. US-Dollar eingesammelt wurden.

Altruismus-Plattformen

Im Cluster „Altruismus“ erfolgt die Beteiligung am Crowdfunding-Projekt hauptsächlich als Schenkung. Der Investor erhält daher keinerlei Gegenleistung, so dass die Beteiligung an solchen Projekten aus ideellen Beweggründen basiert. Projekte im Cluster „Altruismus“ haben meist einen sozialen oder nachhaltigkeitsorientierten Hintergrund. Zum Beispiel haben Eltern eines körperlich behinderten Kindes über die Schweizer Plattform 100-days für die Ergotherapie-Behandlung ihres Kindes CHF 15‘000 gesammelt. Auch große Organisationen, wie die Caritas betreiben ihr Spendensammeln für verschiedene Projekte auf unterschiedlichen Crowdfunding-Plattformen.

Cluster „Gewinnorientierung“

Der Cluster „Gewinnorientierung“ umfasst Plattformen, die ihren Investoren eine finanzielle Gegenleistung bieten. Bei der finanziellen Beteiligung steht somit ein gewisses Profitstreben im Vordergrund. Dabei kann im Detail zwischen zwei verschiedenen Spielarten unterschieden werden: Gewinnbeteiligung und Darlehen. Zum einen bieten Plattformen, wie z.B. Companisto, Investoren eine finanzielle Beteiligung am Projekt selbst bzw. dessen zukünftigen Gewinnen. Auf diesen Plattformen handelt es sich in der Regel um Start-Ups, die sich auf diese Art und Weise finanzieren möchten. Durch die finanzielle Beteiligung erwerben die Investoren im weitesten Sinne Eigenkapital an den Start-Ups. Zum anderen ermöglichen Plattformen, wie z.B. Prosper oder Auxmoney, die Vergabe von Darlehen, bei denen der Initiator im Gegenzug für eine finanzielle Beteiligung einen bestimmten Zins an den Investor zahlt.

Vergleich der Plattform-Typen

Je nach Art des Plattform-Typs lassen sich spezifische Ausprägungen beobachten, welche die Ansprache unterschiedlicher Motivstrukturen verdeutlicht. Diese werden in Abbildung 1 zusammengefasst. Plattformen des Clusters Hedonismus eignen sich zur Finanzierung kreativer Projekte, bei denen die Neugier von Kapitalgebern auf innovative Projekte befriedigt werden soll. Plattformen im Cluster Altruismus dienen der Finanzierung wohltätiger und sozialer Projekte, bei denen sich Geldgeber selbstlos beteiligen können. Im Cluster Gewinnorientierung sollen durch monetäre Anreize z.B. Eigen- oder Fremdkapital für die Unternehmensgründung gesammelt werden.

Mehr Informationen zu der vorgestellten Klassifizierung finden Sie in der „Crowdfunding Studie 2013/2014“ der Universität St. Gallen(Blohm et al. 2013) und auf der Website der Universität St. Gallen.

Zu den Autoren:

Dr. Ivo Blohm ist Projektleiter am Institut für Wirtschaftsinformatik an der Universität St. Gallen, Schweiz. Er promovierte an der Technischen Universität München (Deutschland), wo er auch Technologie- und Management-orientierte Betriebswirtschaft studierte. Forschungsaufenthalte führten ihn an die Universitäten von Harvard (USA), Queensland (Australien) und Verona (Italien). Seine Forschungsinteressen umfassen Crowdsourcing, Open Innovation, Absorptive Capacity und Business Engineering. Er leitet mehrere Forschungsprojekte im Bereich Crowdsourcing und Open Innovation.

Philipp Haas, M.Sc. ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand am Institut für Wirtschaftsinformatik an der Universität St. Gallen, Schweiz. Er studierte Management mit dem Schwerpunkt Entrepreneurship und Start-Up-Management an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (Deutschland) und graduierte als Master of Science. Sein Forschungsschwerpunkt liegt im Bereich Crowdfunding.

Anmerkung: Die Inhalte des Beitrags liegen in der Verantwortung der Gastautoren und spiegeln nicht notwendigerweise den Standpunkt der IHK für München und Oberbayern wider.