Ausblick Crowdfunding

Von Marktforschung bis Bürgerbeteiligung: Quo vadis, Crowd?

Natürlich haben auch wir keine Glaskugel, um zu sehen, was sich 2016 in Sachen Crowdfunding und Crowdsourcing tun wird. Trotzdem gibt es einige bemerkenswerte Entwicklungen, von denen wir sicher in diesem Jahr noch mehr hören werden.

Das Spiel der Großen: Crowdfunding wird zum Marktforschungstool

Ein neues Produkt auf den Markt zu bringen kostet Unternehmen viel Zeit und Geld. Umso schlimmer, wenn die Markteinführung floppt und die Entwicklung zum Ladenhüter wird. Kein Wunder also, wenn auch große Unternehmen Wege suchen, das Flop-Risiko von neuen Produkten zu minimieren. Da kommt es auch nicht überraschend, dass immer mehr etablierte Unternehmen sich für Crowdfunding interessieren. Große Player wie Sony, BMW oder Degussa, experimentierten bereits mit der Crowd und haben zum Teil sogar eigene Plattformen zur Finanzierung neuer Produkte geschaffen.

2016 scheint das Thema Schwarmfinanzierung nun bei den Großen Schwung aufzunehmen. Die US-Plattform Indiegogo kündigte pünktlich zum Jahresstart mit „Enterprise Crowdfunding“ ein neues Programm für Großunternehmenan. Mit dem Ziel, diese neue (Kunden-)gruppe für das reward-based Crowdfunding zu erschließen, unterstützt die Plattform etablierte Unternehmen bei der Auswahl geeigneter Projekte, von der Kampagnengestaltung bis hin zur Analyse. Wobei für die Großunternehmen weniger die Finanzierung im Mittelpunkt stehen dürfte, vor allem die positiven Nebeneffekte des Vorabverkauf-Modells: Markttest, Word-of-Mouth Effekte und die Weiterentwicklung des Produkts gemeinsam mit den potenziellen Kunden. Crowdfunding als Marktforschung reloaded, sozusagen.

Die Finanzierung über den Schwarm ist mittlerweile kein neues Phänomen mehr und bewegt sich immer stärker in die breite Masse. Das zeigt auch die wachsende Verzahnung von Crowdfunding mit klassischen Ecommerce Plattformen wie Amazon. Der Online-Riese hat Ende letzten Jahres mit Amazon Launchpad einen Online-Shop für innovative Produkte geschaffen, die im ersten Schritt u.a. über Plattformen wie Indiegogo oder Kickstarter finanziert wurden.

2016 werden wir noch mehr Crowdfunding-Projekte sehen, die nicht mehr nur von Hobby-Tüftlern, Startup-Gründern und Weltverbesserern stammen, sondern eben auch von etablierten Unternehmen, die neue Produkte durch Crowdfunding testen. Die Frage ist nicht, ob es kommt, sondern welche deutschen Plattformen diese neue Zielgruppe als Erste für sich entdecken und wann Großunternehmen hierzulande Crowdfunding so selbstverständlich nutzen werden wie altbekannte Instrumente der Marktforschung und Kundenbindung.

Das Beste aus zwei Welten: Crowdfunding trifft Gründungsförderung

Eine weitere spannende Entwicklung ist die Entstehung von Co-Finanzierungen öffentlicher Träger und der Crowd. Anders als im Gründer-Mekka USA ist die Gründungsfinanzierung hierzulande seit jeher stark von öffentlichen Geldgebern und Institutionen geprägt. Erste Versuche, Crowdfunding mit Mitteln der Gründungsförderung zu kombinieren, kommen derzeit vor allem aus der Hochschullandschaft.

Vorreiter sind Programme wie „KITCrowd“ des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT). Über deren Plattform werden KIT-nahe Projekte und Ideen durch den Schwarm von privaten Förderern und Unternehmen vorfinanziert. Besonders spannend ist das Modell des „Leveraged Crowdfunding“ für KIT-interne Projekte. Hier werden forschungsnahe Projekte und wissenschaftlich Ausgründungen durch den KIT-eigenen Innovationsfonds gefördert, wenn die Crowd eine positive Empfehlung via Crowdfunding abgibt. Eine erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne wird hier zum Hebel für Fonds-Gelder. Ein ähnliches Co-Funding-Modell für Produkte aus dem B2C-Bereich testet man seit 2014 in Dänemark mit dem „Market Development Fund“.

In München unterstützt dieSocial Entrepreneurship Akademie (SEA)als Netzwerkorganisation der vier Münchner Hochschulen studentische Ausgründungen im Social Entrepreneur Bereich bei ihrem Crowdfunding-Vorhaben.

Programme wie diese sind ein Gewinn für die deutsche Gründerszene: Einerseits helfen Co-Finanzierungsmodelle jungen Unternehmen den Markt schneller zu erschließen, in dem sie sich früh an ihre Kunden wagen und so ihre unternehmerischen Fähigkeiten unter Beweis stellen müssen. Andererseits gibt die Aufstockung der Crowdfunding-Summe, z.B. über einen Fonds, Gründern die Möglichkeit langfristiger zu planen und über die Crowdfunding-Kampagne hinaus agieren zu können. Leider sind solche Co-Finanzierungen in Deutschland noch relativ dünn gesät. Was es in Deutschland braucht, ist mehr Mut für innovative Ideen in der Gründungsförderung. Dann werden wir 2016 hoffentlich mehr solcher Co-Funding-Programme sehen. Es wäre höchste Zeit: Denn bereits im Koalitionsvertrag von 2013 (S.140) spricht die Bundesregierung von der Idee, „bewährte Instrumente der Gründungsunterstützung“ weiterzuentwickeln und mit Crowdfunding zu verknüpfen.

Heimatliebe: Regionales Crowdfunding für mehr Bürgerbeteiligung

Einen weiteren Trend für 2016 sehen wir in der Zunahme regionaler Projekte, die sich über die Crowd finanzieren. Die Initiative der Volks- und Raiffeisenbanken „Viele schaffen mehr“ knackte vergangenes Jahr die 2 Mio. Euro Grenze. So viel sammelten fast 500 regionale, gemeinnützige Projekte über die Plattform der VR-Banken ein. 68 VR-Banken haben bereits eine solche spendenbasierten Plattform implementiert. Ähnliche Ansätze, mittels Crowdfunding die Region zu stärken, lassen sich auch bei den Sparkassen beobachten, die mit einem eigenen Sparkassen-Portalan den Start gehen. Auch bankenunabhängig finden sich Beispiele. So startete 2015 die Plattform Place2Help in München mit dem Anspruch, Crowdfunding-Projekte mit gesellschaftlichem Mehrwert in der bayerischen Landeshauptstadt zu fördern. Angesichts der angespannten finanziellen Lage in kommunalen Kassen wird Crowdfunding für viele Städte und Kommunen auch 2016 zu einer interessanten Option. Immerhin schließt man so nicht nur klaffende Finanzierungslücken, sondern bindet auch die Bevölkerung vor Ort aktiv ein und hilft damit, die regionale Infrastruktur zu stärken und die Wettbewerbsfähigkeit einer Region zu erhalten.