IHK-Versanstaltungsrückblick 01.12.2021

China-Fachgespräch: "Epochales Ereignis"

Bei der IHK-Online-Diskussion über das Verhältnis zu China betont Frank Sieren betont die Bedeutung des Starts der größten Freihandelszone der Welt.

Der IHK ist mit der Besetzung ein echter Coup geglückt: Für das China-Fachgespräch am 1. Dezember hatte man Frank Sieren als Referenten gewonnen. Der Journalist, Korrespondent, Dokumentarfilmer und Autor gilt international als einer der größten China-Kenner.

Stoff für das 90-minütige Gespräch gab es mehr als genug. Aktuell beschäftigen sich die deutschen Medien mit der Frage, ob und wie die kommenden Olympischen Winterspiele in Peking im Februar 2022 zu boykottieren seien. Heftig diskutiert wird zudem, ob Werte oder Profit für das Geschäft mit China entscheidend seien.

Frank Dollendorf, Bereichsleiter International, Industrie, Innovation der IHK, hatte nach eigenen Angaben „einen Waschzettel“ zum Gespräch mitgebracht – darauf standen u.a. die Themen CO2-Grenzausgleich, das Gesetz zur Lieferkettensorgfaltspflicht, Einreisebestimmung zu Corona-Zeiten, der ewige Streitpunkt Taiwan und Chinas Mega-Projekt Neue Seidenstraße.

Und nicht zuletzt gibt es in Deutschland eine neue Bundesregierung. Die künftige Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) und der kommende Finanzminister Christian Lindner (FDP) hatten im Vorfeld der IHK-Veranstaltung eine „härtere Gangart“ gegen China angekündigt.

Dollendorf stieg in das Gespräch ein mit einem bedrückenden Vergleich: Die IHK sei wegen der laufenden vierten Corona-Welle gezwungen, dieses China-Gespräch im Online-Modus zu veranstalten. Nach Ansicht Dollendorfs spiegeln sich auch in den Infektionszahlen die Machtverhältnisse wider. Die Inzidenz lag in Bayern am 1. Dezember bei 583, in China bei 0,004.

Stephanie Spinner-König, Vorsitzende des IHK-Außenwirtschaftsausschusses und Aufsichtsrätin der Spinner GmbH, sagte, sie sei Betroffene der chinesischen „Zero-Covid“-Strategie. Sie unterhalte einen Betrieb in China. Ihr Geschäftsführer habe den seit zwei Jahren nicht mehr von innen gesehen.

Die Unternehmerin erklärte, auch die politische Großwetterlage bereite Sorgen. Die Spannungen zwischen den USA und China beschäftigten jedes international tätiges Unternehmen. „Da müssen wir sehr alert sein“, meinte Spinner-König.

Christian Madsen, Stellvertretender Vorsitzender des IHK-Außenwirtschaftsausschuss, ist bei Siemens Head of Government-to-Government und Government Affairs. Er betonte die Bedeutung, die China für den Münchner Großkonzern habe. Madsen berät seinen Vorstandsvorsitzenden in allen Fragen rund um China. Siemens macht derzeit vor allem in den Kern-Sparten Industrie-Automatisierung und Infrastruktur in China gutes Geschäft.

Christian Haug, Mitglied im IHK-Außenwirtschaftsausschuss und Geschäftsführer der Startup Factory, kritisierte, in Deutschland sei die öffentliche Wahrnehmung in erster Linie von Furcht vor China geprägt. Die Diskussion mit Frank Sieren, sei die seltene Chance, sich ein ganzes Bild von der Realität in China zu machen.

Und Sieren nahm den Ball gerne auf. Seiner Einschätzung nach leidet die deutsche China-Debatte unter geostrategischer Blindheit. China werde als Partner im Klimaschutz und in der Digitalisierung gesehen. Das, worauf es am meisten ankomme, sehe man nicht: Am 1. Januar 2022 startet die größte Freihandelszone der Welt unter Führung Chinas.

Sieren hält das für ein „epochales Ereignis“ und für eine „dramatische Veränderung“ im Kräftespiel der Weltwirtschaft. Seinen Worten zufolge hat China aus dem Schock mit Donald Trump die richtigen Konsequenzen gezogen. Verlierer seien nicht nur die USA, sondern der Westen insgesamt.

„Wenn wir es nicht schaffen, unsere Wettbewerbsfähigkeit deutlich zu erhöhen, werden wir aus chinesischer Sicht nicht mehr gebraucht. Dann sitzt Deutschland nicht mit am Tisch, wenn über die neue Ordnung der Weltwirtschaft entschieden wird“, warnte Sieren.

Gewinner der neuen Freihandelszone könnten auch in China produzierende deutsche Unternehmen sein, für die sich nun auch die Märkte etwa in Australien oder in den ASEAN-Staaten öffnen könnten. Allerdings könnte die Freihandelszone auch dazu führen, dass es für deutsche Unternehmen noch schwieriger werde, Chips, industrielle Vorprodukte und Konsumgüter aus China zu beziehen.

Sieren äußerte Verständnis für viele deutsche Unternehmen, die über die chinesische Politik „extrem frustriert“ seien. Niemand wisse, wann sich China endlich wieder für Geschäftsreisende öffne. Die Probleme mit der Chipversorgung der deutschen Autoindustrie gingen letztlich auf das Konto des Trumpschen Protektionismus.

Medienberichte über chinesische Überschuldungsrisiken bezeichnete Sieren ebenso als übertrieben wie Warnungen vor dem Platzen einer chinesischen Immobilienblase. „Die Fundamentaldaten sind gut. China wird weiter wachsen“, sagte Sieren.

Seinen Worten zufolge, ist es aus deutscher Sicht schwierig, China zu verstehen, weil es dort zwei sich widersprechende Entwicklungslinien gebe: Auf der einen Seite greife Chinas Regierung hart durch, um die Kontrolle über die Entwicklung zu behalten. Andererseits fördere China die Innovation, was wiederum neue Chancen und Freiheiten schaffe.

Als reinen Quatsch kritisierte Sieren, dass in der deutschen China-Debatte die Frage „Werte oder Geschäft?“ diskutiert werde. „Jede Investition deutscher Unternehmen in China trägt selbstverständlich dazu bei, dort auch unsere Werte zu implementieren“, meinte der China-Fachmann. Man müsse hierzulande akzeptieren, dass ein Riesenland wie China einfach Zeit für den Wandel brauche.

Frank Dollendorf stelle Sieren die heikle Frage, welche Tipps er den der künftigen Außenministerin Baerbock geben würde. Sieren wich der Falle geschickt aus und erklärte, China sei schon immer Chefsache gewesen. Er würde folglich gleich mit dem künftigen Kanzler Olaf Scholz (SPD) über China sprechen.

Enttäuscht äußerte sich Sieren gleichwohl über den Koalitionsvertrag. Über China stehe fast nichts drin. „Die haben die Bedeutung des Themas Wirtschaft nicht verstanden. Das ist der Hammer“, urteilte Sieren. Er räumte auch mit der irrigen Vorstellung auf, das Thema Menschenrechte und Verantwortung in der Lieferkette sei für China noch ein Problem.

Christian Haug bestätigte das. „In China werden anständige Löhne bezahlt. Wir sind Teil dieser Gesellschaft und wollen zu ihrer Entwicklung beitragen“, erklärte Haug.

Sieren riet als Fazit der deutschen Politik und Wirtschaft dringend dazu, die Welt auch aus chinesischer Perspektive zu sehen. Deutschland werde nur mit China seine Wettbewerbsfähigkeit verbessern können. Man müsse sich abgewöhnen, das Verhalten anderer Länder nur mit europäischen Wertmaßstäben zu messen. „Das ist neo-koloniales Denken. Diese Zeiten sind endgültig vorbei.“