InsurTech

Mehr als Policen

Startups wirbeln mit digitalen Geschäftsideen die Versicherungsbranche auf. Gleichzeitig versuchen die Etablierten, von den Gründern zu profitieren. Das neue Münchner InsurTech Hub will die Innovationen beschleunigen. SABINE HÖLPER

Munich, Germany - December 29, 2016: Munich modern city night traffic aerial view, Germany. Munich Munich is a global financial and business centreand has the strongest economy of any German city.
© alexsl München vernetzt: Das neue InsurTech Hub soll die Attraktivität des Standorts für Gründer steigern

Der Arzt und Unternehmer Roman Rittweger hat etwas Außergewöhnliches gewagt: Der 53-Jährige gründete eine private Krankenversicherung. Das an sich ist schon eine Nachricht wert, schließlich ist es die erste neue private Krankenversicherung seit gut 17 Jahren. Vor allem aber ist ottonova die erste komplett digitale Krankenversicherung. Neukunden registrieren sich online, jeder Vorgang wird über eine App abgewickelt. Versicherungsmakler oder Geschäftsstellen gibt es nicht mehr.

Willkommen in der Welt der InsurTech-Startups. Das sind jene jungen Unternehmen, die Versicherungsleistungen digital anbieten. Wie die FinTechs die klassische Bankenwelt aufrütteln wollen, versuchen InsurTechs, die altehrwürdige Versicherungsbranche umzukrempeln. Einer der Hotspots der jungen Szene ist München, wo auch ottonova seinen Sitz hat.

Jetzt erhält der Standort noch einmal einen gewaltigen Schub: Im Sommer eröffnete das InsurTech Hub Munich. Es ist eines von deutschlandweit zwölf Digital Hubs, die das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie als Nährböden für Innovationen und neue Geschäftsmodelle ausgewählt hat. Das InsurTech Hub soll Startups fördern, ihnen den Zugang zu Risikokapital und Know-how erleichtern sowie die Attraktivität Münchens als Wirtschaftsstandort für Gründer steigern. Aus der ganzen Welt sollen InsurTech-Startups und andere Experten nach München kommen – und diese Ansammlung soll wiederum international ausstrahlen.

„Das Ziel des Hubs ist es, in München ein weltweites Ökosystem für Versicherungsinnovationen aufzubauen“, sagt Tom van den Brulle, Vorsitzender des neuen Vereins zum InsurTech Hub Munich und Global Head of Innovation bei der Munich Re. Dazu gehört, die etablierte Versicherungsbranche modern und digital zu gestalten und so zu stärken, dass sie im internationalen Wettbewerb bestehen kann. Van den Brulle (47) formuliert das ganz deutlich: „Wir wollen kreative Unternehmen zusammenbringen, die technologische Anwendungen für die Versicherungsindustrie entwickeln.“

In seiner Satzungspräambel nimmt sich der Verein nicht weniger vor, als „die Transformation der Versicherungswirtschaft im Zuge der Digitalisierung an vorderster Front“ zu gestalten. Kein Wunder also, dass dem InsurTech Hub Munich e.V. 13 etablierte Versicherer angehören. Robert Heene (54), Vorstandsmitglied der Versicherungskammer Bayern, setzte sich persönlich für den Hub ein. „Es werden verschiedene Vernetzungsformate für Startups, Investoren, Wissenschaft und etablierte Unternehmen entstehen. Startups können wachsen und etablierte Unternehmen agiler werden. Ich bin sicher, es profitieren alle Beteiligten.“

Die Digitalisierung krempelt die Branche um

Manche Versicherer räumen ein, dass sie noch nicht wissen, wie ihre eigenen Geschäftsmodelle von der Digitalisierung betroffen sein werden. Aber sie sind überzeugt, dass die digitalen Plattformbetreiber auf Dauer am Markt bestehen werden und sie selbst reagieren müssen. Gelingen wird ihnen das wohl nur im Schulterschluss mit den Startups. Zwar betreiben viele Versicherer auch eigene Innovationsabteilungen, in denen kreative Vordenker an den Lösungen der Zukunft basteln. Doch das reicht nicht aus. Um weltweit zu reüssieren, bedarf es großer und internationaler Netzwerke. „Gerade bei der Digitalisierung arbeiten alle sehr eng zusammen und profitieren voneinander“, bekräftigt Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU).

Dass sich die Online- und die Offlineversicherer gegenseitig befruchten und beide profitieren, ist anzunehmen. Das zeigt schon ein Blick auf die FinTechs, die mittlerweile mehrheitlich mit den etablierten Banken kooperieren: Sie liefern den Geldinstituten, was diese selbst in dieser Qualität und Geschwindigkeit nicht hinbekommen: moderne, digitale Dienstleistungen, die Produkte und Prozesse verbessern. Auf diese Weise erhalten die Etablierten den Zugang zu innovativen Technologien. Die Startups wiederum bekommen Zugriff auf einen großen Kundenstamm.

Ganz ähnlich sieht es in der InsurTech-Szene aus. „Disruptiv sind die wenigsten Startups“, sagt Christopher Schmitz von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young (EY) und Autor diverser InsurTech-Studien. „Häufig sind sie im B2B-Bereich tätig, sie haben etwa Tools zur Datenanalyse entwickelt.“ Diese sind zum Teil auch für andere Branchen interessant wie zum Beispiel Fahrdatenanalysen für Automobilkonzerne. Unternehmen wie BMW kooperieren deshalb längst mit den Innovatoren. Die Versicherer indes haben ein großes Interesse an Fitness-Trackern und Ähnlichem, sagt EY-Experte Schmitz. Mit den daraus gewonnenen Kundendaten können sie risikoadäquatere Tarife gestalten. Ebenfalls attraktiv für die Branche sind Plattformen, auf denen die Kunden ihre Finanz- und Versicherungsprodukte managen können. „Die Versicherer haben traditionell sehr wenige Kontaktpunkte zu ihren Kunden, meist schreiben sie nur einen Brief im Jahr“, sagt Schmitz. „Da sehen die Unternehmen natürlich Verbesserungsbedarf – und die FinTechs haben die Lösung mit ,Financial Home‘ parat.“

Auch der Startup-Gründer Enrico Bolloni hat eine passende Lösung, die Versicherungskunden das Leben erleichtern soll: Ein Kunde, der eine Police abschließen will, musste sich bislang „durch Kategorien quälen“, wie Bolloni es nennt. „Er will zum Beispiel sein neues E-Bike versichern und fragt sich, ob das jetzt Hausrat ist.“ Mit seinem Startup Snapsure stellt der 45-Jährige einen simpel zu nutzenden Service bereit: Der Kunde schießt ein Foto von dem Gegenstand, den er versichern will, und lädt es hoch. Snapsure ermittelt in Sekundenschnelle den Wert des Produkts und gibt diese Information an das Versicherungsunternehmen weiter, für das der Kunde Interesse gezeigt hat.

Jüngere Zielgruppen ansprechen

„Anfangs dachten wir, dass wir direkt an die Endkunden gehen“, sagt Bolloni. Aber dann wurde ihm klar, dass man „fürs Marketing richtig Geld in die Hand nehmen muss und dass wir das so schnell nicht zusammenbekommen“. Deshalb schwenkte er auf die B2B-Variante um, seine Firma ist jetzt der „technische Dienstleister der Versicherer“. Als erste Kunden konnte Snapsure unter anderem die Basler und die Uelzener Versicherungen gewinnen, Letztere bietet Spezialpolicen für Tiere. Die etablierten Unternehmen erwarten sich von der Zusammenarbeit eine Menge. Denn mit dem komplett neuen Zugangsweg sprechen sie nicht nur jüngere, digital affine Menschen an. „Wir schaffen einen ganz neuen Markt, wir kreieren komplett neue Produkte“, sagt Bolloni. Schon im nächsten Jahr soll es möglich sein, eine Versicherung on demand anzubieten, also etwa eine Zusatzversicherung zu einer bestehenden Police. Denkbar ist außerdem, Gegenstände nur für einen kurzen Zeitraum zu versichern, etwa für die zwei Wochen, in denen man im Urlaub ist. „Oder für die paar Stunden, in denen man sein teures Fahrrad in einer dunklen Vergnügungsmeile abstellt“, so Bolloni.

Erfolgsgeschichten wie die von Snapsure zeigen, wie förderlich überregionale Cluster und Netzwerke sind. Zwar hat der Hamburger Bolloni den Firmensitz nicht wegen des InsurTech Hubs im letzten Jahr nach München verlegt. Das gab es damals schlichtweg noch nicht. Dennoch wurde die Entscheidung pro Bayern maßgeblich von einer Münchner Institution vorangetrieben: von dem Inkubator WERK1 beziehungsweise dem darin angesiedelten W1 Forward InsurTech Accelerator. Neben Snapsure durchliefen neun weitere InsurTech-Startups das mehrmonatige Programm: Sie nutzten die Büros kostenlos, wurden von Experten beraten und hatten einen kurzen Draht zu den Chefs der Versicherungsfirmen. Diese wiederum erhielten Zugang zu interessanten Ideen und potenziellen Kooperationspartnern. Mit dem WERK1 hat Bayerns Versicherungswirtschaft schon einen großen Schritt in Richtung digitale Welt getan.

Jetzt ist klar: Das war nur der Anfang. Mit dem InsurTech Hub soll der Ansatz, ein internationales Ökosystem zu etablieren, ausgebaut und professionalisiert werden. „Erst die übergreifende Zusammenarbeit gibt mehr Sichtbarkeit und ermöglicht den Zugang zu einem größeren Netzwerk aus Startups, Investoren, anderen Tech-Companies, Hochschulen und der Politik“, sagt Florian Mann (36), Geschäftsführer der WERK1.Bayern GmbH, die als operative Betreiberin des Hubs fungiert. Vieles läuft derzeit noch im Hintergrund, etwa die Verhandlungen mit US-amerikanischen Akzeleratoren.

Doch der erste große Coup war bereits sichtbar: „Wir konnten die Digital Insurance Agenda (DIA) nach München holen“, sagt Mann. Mitte November fand die weltweit größte InsurTech-Veranstaltung erstmals in Bayern statt. Was die Startups bisweilen noch vermissen, ist die Bereitschaft der etablierten Versicherer, die jungen Unternehmen in Eigenregie agieren zu lassen. Dem Snapsure-Geschäftsführer Bolloni bot ein Unternehmen, das seine Idee gut fand, eine exklusive Zusammenarbeit an. „Die wollten nicht, dass wir unseren Service auch der Konkurrenz zur Verfügung stellen“, bedauert der Gründer, der wiederum nicht unter das Dach eines Versicherers schlüpfen „und somit einen Teil der Unabhängigkeit verlieren“ wollte.

Manch anderes Startup ist daher grundsätzlich nicht an Akzeleratoren oder Hubs interessiert. ottonova-Gründer Rittweger zum Beispiel nimmt alle Hürden lieber allein. Er sammelte 40 Millionen Euro Kapital ein und erkämpfte sich die Genehmigung der Finanzdienstleistungsaufsicht BaFin für sein Geschäftsmodell. Alle Schwierigkeiten hat er bisher mit Erfolg gemeistert.