IHK Magazin

Verkehr: App-solut kundenfreundlich

Die Plattformökonomie wird bald auch den öffentlichen Personennah- und -fernverkehr erfassen. Im Rennen um die Entwicklung von Mobilitätsplattformen und Apps treten Verkehrsunternehmen und -verbünde gegen internationale Digitalriesen an. EVA ELISABETH ERNST

Smart car , Autonomous self-driving mode vehicle on metro city road iot concept with graphic sensor radar signal system and internet sensor connect.
© ©zapp2photo - stock.adobe.com Ideale Verbindung - digitale Plattformen wollen unterschiedliche Verkehrsformen vernetzen

Für die Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel würde es einen deutlichen Komfortgewinn bedeuten. Dank neuer Apps sollen sie künftig schnell herausfinden können, welcher Verkehrsmittel-Mix für sie am günstigsten ist. Die dahinter- stehenden Mobilitätsplattformen wollen nicht nur die Verbindungen öffentlicher Anbieter verknüpfen, sondern zum Beispiel auch Elektroroller, Carsharing-Fahrzeuge, Mietautos und -fahrräder oder Taxis integrieren. Die Nutzer sollen die gesamte Tour via App zudem unkompliziert buchen und bezahlen können. Die Abrechnung der einzelnen Anbieter untereinander findet im Hintergrund statt.

Es gibt bereits erste Ansätze und Initiativen zur digitalen Vernetzung von Verkehrsangeboten. So enthält zum Beispiel die Mobilitäts-App der Münchner Verkehrs- und Tarifverbund GmbH (MVV) nicht nur sämtliche Fahrplaninformationen über S- und U-Bahnen, Trams und Busse im Liniennetz – »und zwar größtenteils in Echtzeit«, wie MVV-Geschäftsführer Bernd Rosenbusch (46) betont. Auch digitale Einzel-, Tages- und Streifenkarten können die Fahrgäste auf diesem Weg kaufen, ab nächstem Jahr auch die MVV-Abos. Darüber hinaus enthält die App demnächst zudem die Angebote von acht Car- und Bikesharing-Anbietern aus München und dem Umland. Und selbst über Park-and-Ride-Parkplätze können sich die App-Nutzer informieren.

Spürbare Verkehrsentlastung

»Derzeit sind wir noch mit vielen weiteren Mobilitätsanbietern, darunter Auto-, E-Scooter- und Fahrradvermietern, im Gespräch«, sagt Rosenbusch. »Unser Ziel ist es, zusammen mit der MVG und der S-Bahn München eine gemeinsame Plattform für alle öffentlichen Mobilitätsangebote im Großraum München zu schaffen, um den Umstieg vom Privat-Pkw möglichst angenehm zu gestalten und damit eine spürbare Verkehrsentlastung zu erreichen.« Auch die Integration von Taxis kann er sich vorstellen. »Die Lösung muss möglichst alle Mobilitätsangebote berücksichtigen, um die für den Kunden optimale Reisekette zusammenzustellen«, sagt der MVV-Geschäftsführer. »Natürlich muss sie auch nutzerfreundlich sein.« Dazu gehört für ihn, dass sich Kunden nur einmal in eine App einloggen müssen und darüber sämtliche Angebote buchen und auch bezahlen können.

Ingo Wortmann (49), Vorsitzender der Geschäftsführung der Münchner Verkehrs Gesellschaft mbH (MVG), befürwortet ebenfalls einen unternehmensübergreifenden Ansatz, um den öffentlichen Personenverkehr attraktiver zu gestalten und Fahrgästen eine intermodale Reisekette bieten zu können. Die MVG hat auch schon einige Meilensteine bewältigt: »Zusammen mit dem MVV haben wir 2013 das Handyticket eingeführt und unsere digitalen Angebote seitdem kontinuierlich ausgebaut und verbessert«, so Wortmann. Die App »MVG Fahrinfo München« hat bereits rund 1,3 Millionen Nutzer. Der online erzielte Ticket- umsatz liegt inzwischen bei gut 30 Millionen Euro pro Jahr, Tendenz steigend.

Gemeinsame Lösung

»Das Interesse der Fahrgäste an diesen digitalen Innovationen ist groß und entfaltet durchaus eine gewisse Sogwirkung auf andere Mobilitätsanbieter«, so Wortmann. »Auch technisch sind wir bereits auf sehr gutem Weg, um weitere Anbieter zu integrieren.« Wichtige Hilfestellung dabei leistet DEFAS (durchgängiges elektronisches Fahrgastinformations- und Anschlusssicherungssystem) der Bayerischen Eisenbahngesellschaft mbH. Dort pflegen über 60 bayerische Fahrgastverbünde ihre Fahrplan- und Echtzeitdaten ein und erhalten im Gegenzug die Informationen der anderen Beteiligten. DEFAS-Daten fließen auch in die Mobilitäts-Apps von MVV und der S-Bahn München sowie bald auch der MVG ein.

Die drei Mobilitätsanbieter arbeiten derzeit an einer gemeinsamen Plattform. »Jeder Anbieter wird nach wie vor seine eigene App bieten, die jedoch auf einer einheitlichen Plattform aufsetzt«, so MVG-Geschäftsführer Wortmann. Auf diese Art sollen sukzessive weitere Unternehmen aus dem Sharing- und Mikromobilitätsumfeld angebunden werden, die ihren Kunden dann ebenfalls ganzheitliche Mobilitätslösungen zur Verfügung stellen können.

Als »Krönung« dieser Aktivitäten bezeichnet MVG-Geschäftsführer Rosenbusch das Projekt Mobility Inside: eine Mobilitätsplattform für ganz Deutschland. Sie wurde vom Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV), in dem rund 600 Unternehmen des öffentlichen Personenverkehrs und des Schienengüterverkehrs in Deutschland organisiert sind, initiiert. Mobilitätsanbieter können ihre Apps künftig technisch auf der Mobility-Inside-Plattform aufsetzen und ihren Kunden damit auch Verbindungsinformationen und Tickets außerhalb ihrer Region anbieten.

Eine Pilotanwendung wird seit Herbst 2019 in mehreren Regionen Deutschlands, darunter auch im Großraum München, getestet. Sie enthält bereits die Leistungen der Deutschen Bahn AG, die mit den Testregionen verknüpft werden. »Die Branche hat die Initiative positiv aufgenommen und inzwischen haben über 200 ÖPNV-Anbieter ihre Kooperationsbereitschaft signalisiert«, sagt VDV-Hauptgeschäftsführer Oliver Wolff (54).

Zugang zum Markt

Korbinian Leitner, Leiter des IHK-Verkehrsreferats, begrüßt die Entwicklung dieser Vernetzungsangebote. Nicht nur, weil sie den Umstieg vom Auto oder Flugzeug auf grundsätzlich umweltfreundlichere Alternativen erleichtern, sondern auch im Hinblick auf den Standort Deutschland: »In der Plattformökonomie dominiert und prägt der Betreiber dieser Plattform den gesamten Markt«, sagt Leitner. Das ließe sich bei der Handelsplattform Amazon genauso beobachten wie bei der Hotelbuchungsplattform Booking.com. Leitner: »Bereits jetzt bieten finanzstarke Konzerne aus China und den USA erste Plattformen für öffentliche Verkehrsdienstleistungen, die auch in dieser Branche zu gravierenden Veränderungen führen können.« Die IHK tritt für einen fairen Wettbewerb ein, bei dem auch neue Player eine Chance auf Marktzugang erhalten und der öffentliche Nahverkehr insgesamt gestärkt wird. »Wir begrüßen es daher, wenn die hiesigen Mobilitätsanbieter das Heft in der Hand behalten«, sagt Leitner. »Dabei geht es schließlich nicht allein um Provisionen, sondern auch um den direkten Kontakt zu den Kunden und deren Daten.«