Unternehmer

‎„Kein Beruf, sondern Berufung“‎

Roland Berger ist Unternehmer mit Leib und Seele. Bereits als Student betrieb er eine Wäscherei. 1967 gründete er die nach ihm benannte, bis heute einzige der weltweit führenden Unternehmensberatungen mit deutschen Wurzeln. JOCHEN DETERING

Roland Berger, München, 25.4.2017, Foto: Thorsten Jochim
Schätzt die Freiheit des Unternehmerdaseins - Roland Berger

Herr Berger, wann wussten Sie, dass Sie Unternehmer werden wollen?

Ehrlich gesagt, schon immer. Mein Vater war Unternehmer, und auch mein Großvater war seit ewigen Zeiten mit seinem – so klein das auch aus heutiger Zeit klingen mag – Gemischtwarenladen selbstständig. In der Schulzeit und während des Studiums habe ich viele Bücher über beeindruckende Unternehmerfiguren gelesen und wusste, dass ich mich – nachdem ich etwas Ordentliches gelernt haben würde – selbstständig machen wollte.

Seit 1967 beraten Sie andere Unternehmer. Sie müssen es also wissen: Was macht einen guten Unternehmer aus?

Ein guter Unternehmer ist jemand, der versteht, was Kunden wollen, und in der Lage ist, dafür innovative Leistungen oder Produkte zu wettbewerbsfähigen Konditionen bereitzustellen. Ein guter Unternehmer kann zudem mit Menschen und mit Finanzen umgehen.

Apropos Menschen: Ist ein guter Unternehmer immer auch ein guter Arbeitgeber?

Das ist zwingend so. Die Einzigen, die in Deutschland Arbeitsplätze schaffen, sind die Unternehmer, ist die Wirtschaft. Der Staat schafft nur abgeleitete Arbeitsplätze, bezahlt von unseren Steuern und Abgaben. Das wird hierzulande leider oft vergessen, denn damit erbringt jeder Unternehmer einen Beitrag zum allgemeinen Wohlstand und zum Fortschritt unserer Gesellschaft.

Und dennoch beklagen viele Unternehmer ihr negatives Image in der Gesellschaft.

Ich glaube, das stimmt so gar nicht. Die übergroße Mehrheit der Arbeitnehmer in Deutschland steht ihrem jeweiligen Arbeitgeber, also ihrem Unternehmer, positiv gegenüber. Das – teils berechtigte – negative Bild von wirtschaftlichen Führungskräften entstand während der Finanzkrise, weil hier gelegentlich in einer Art und Weise gewirtschaftet wurde, die sich mit den normalen Anstandsgeboten in einer Gesellschaft nicht vereinbaren ließ. Und es gab und gibt bis heute Managementfehler, die, gekoppelt mit extrem hohen Einkommen, Vorbehalte gegenüber Unternehmern hervorgerufen haben.

Aber betrifft das nicht eigentlich weniger die Unternehmer als die angestellten Manager?

Ach, das gibt es auch bei Einzel- und Familienunternehmern, ob in der Finanzbranche oder im Einzelhandel: einige wenige Unternehmer, die sich am Rande des gesellschaftlichen Anstands bewegt haben. Aber ich denke, der klassische Kern der deutschen Unternehmen, ob Großunternehmen, Mittelstand, Handwerksbetrieb, Restaurant oder Einzelhandel an der Ecke – sie alle haben in der Öffentlichkeit ein sehr ordentliches Image. Die Gesellschaft weiß sehr wohl, was sie an ihren Unternehmern hat.

Ist Deutschland also ein idealer Standort für Unternehmer?

Es ist mit Sicherheit leichter, in Amerika ein Unternehmen auf die Beine zu stellen. In Deutschland werden im Jahr 2,6 neue Firmen pro tausend Einwohner gegründet, in den USA 9,5. Das bedeutet, Innovationen entstehen in einer Atmosphäre wie der amerikanischen leichter als in der deutschen. Die deutsche Innovationskraft, die immer noch sehr ausgeprägt ist, spielt heute leider nicht mehr in der ersten Liga wie in der Gründerzeit mit Gründerpersönlichkeiten wie Bosch, Diesel, Daimler, Siemens oder Linde. Die Deutschen sind einfach kritischer, perfektionistischer.

Aber wenn sie einmal von etwas überzeugt sind, engagieren sie sich voll und erreichen so auch ihr Ziel. Das macht heute noch das Ansehen von „Made in Germany“ in der ganzen Welt aus, eine Grundlage unseres Wohlstands. Dazu unsere Arbeitsmoral und Verlässlichkeit, Innovationsstärke und Unternehmertum. Und die Qualifizierung, die wir unseren Arbeitnehmern zuteilwerden lassen, auf den Universitäten wie in der dualen Berufsausbildung, deren Ursprünge ja bis in die Gründerjahre zurückreichen.

Hat das klassische Unternehmerbild in Zeiten von Start-ups, virtuellen Unternehmen ohne feste Bürostrukturen und der Shared Economy ausgedient?

Keinesfalls. Unternehmer sind Persönlichkeiten, die die Menschen mit Produkten und Dienstleistungen versorgen, Arbeitsplätze schaffen und zusätzlich durch Innovationen und Investitionen Fortschritt generieren. Dazu geben sie in den meisten Fällen noch einen Teil ihres Gewinns für gesellschaftliche Anliegen aus. Darum sind die Unternehmer von heute und morgen die gleichen wie früher. Nur die Geschwindigkeit, mit der der Wandel erfolgt, und die Radikalität der technischen Neuerungen und des Wettbewerbs haben sich verändert.

Worauf müssen sich junge Unternehmer heute einstellen?

Unternehmer oder auch Spitzenmanager zu sein ist heute sehr viel anstrengender als früher. Man muss schneller und buchstäblich rund um die Uhr verfügbar sein, dazu bereit, zweimal im Monat um die Welt zu fliegen. Hinzu kommt: Die Unternehmerwelt ist heute extrem verrechtlicht und durch Regulierungen eingeengt, auch durch die Art, wie diese Regulierungen gelebt werden: Die Compliance steckt selbst mittelständische Unternehmen in eine Zwangsjacke. Und welcher Normalsterbliche durchdringt noch das hochspezialisierte und komplexe Thema Steuern? All das erhöht die Risiken und verlangt noch mehr Initiative und Überblick, um als Unternehmer erfolgreich zu sein.

Sie haben im vergangenen Jahr Ihren 80. Geburtstag gefeiert: Wenn Sie zurück-
blicken – würden Sie wieder Unternehmer werden wollen?

Ja immer, weil für mich das Wichtigste im Leben Freiheit und persönliche Unabhängigkeit sind. Als Unternehmer habe ich Gestaltungsmöglichkeiten und die Chance, ständig Neues zu erfinden und umzusetzen. Immer wieder muss ich mich neuen Herausforderungen stellen, kann dazulernen und etwas ändern und bewegen. Darum arbeite ich auch heute mit 80 Jahren noch, denn Unternehmer sein ist kein Beruf, sondern eine Berufung.